Sonntag, 15. April 2018

Der Mann auf dem Foto - Part 6

Amelie verharrte noch lange mit ihrem Blick auf dem Foto ihres Großvaters. Als sie die Erzählung ihrer Großmutter nochmal Revue passieren ließ, fragte sie sich, ob ihre Großmutter ihn zu schnell aufgegeben hatte. Diese Geschichte hörte sich so nach Liebe an, wieso hat sie nicht mehr gekämpft? Oder war es ihr damals einfach nicht möglich?
Amelie konnte sich nicht vorstellen, dass Théo Gerda einfach so im Stich ließ, nicht wenn er sie wirklich geliebt hatte. Und davon war Amelie überzeugt. Was war passiert?

Amelie spazierte über den Dachboden, gedankenverloren, und fragte sich, was sie tun könnte. Théo ausfindig zu machen, wenn er in Frankreich lebte, wäre ziemlich schwer. Was oder wie sollte sie ihn schon finden.
Amelie ging von Ecke zu Ecke, hin und her, bis sie über eine lose Holzdiele im Boden stolperte und hinfiel.
»So eine verdammte...!«, fluchte sie. Sie sah zu Diele und versuchte sie mit der Hand runterzudrücken. »Was guckt dieses Mistding auch so raus!?«, fragte sie sich selbst. Wütend, weil sie die Diele nicht runterdrücken konnte, zog sie sie hoch und sah, dass dort etwas drunter lag. Skeptisch holte sie es heraus: Ein komplett zugestaubtes Bündel... Briefe! Sie pustete den Staub einmal runter und zog die Schleife auf. Sie waren alle an Gerda adressiert und waren alle von Théo. Amelies Wut verschwand sofort und sie schaute, ob unter der Diele noch etwas lag. Und ja, da lag ein rotes Buch. Auch total verstaubt, aber als Amelie es einmal abwischte, sah sie, dass es ein Tagebuch war. Ein Tagebuch von ihrer Urgroßmutter.
Sie schlug es in der Mitte auf und las ein paar Zeilen: »Er hat ihr schon wieder geschrieben. Dieser französische Bastard gibt einfach nicht auf. Wie er heraus gefunden hat, dass Gerda wieder hier wohnt werde ich wohl nie heraus finden. Letztens hat sie fast einen Brief gefunden, als sie die Post holte. Hätte ich ihr diese nicht aus der Hand genommen und sie in den Garten geschickt, hätte sie ihn gesehen. Ich werde nicht zulassen, dass er dieses Kind kennenlernt. Das bringt nichts gutes mit sich! Dieses Kind braucht keinen Vater, schon gar nicht so einen. Nicht so lange ich lebe.«
Amelie schluckte. Ihre Urgroßmutter hatte alle Briefe von Théo versteckt und Gerda hat sie wohl nie gefunden. Furchtbar, schockierend und skurril zu gleich. Die Wahrheit war die ganze Zeit zum Greifen nah gewesen und Gerda hat es nie gewusst. Amelie steckte das Tagebuch und die Briefe unter ihren Pullover und ging runter.
Gerda saß im Garten und starrte ins Nichts. Unsicher ging Amelie zu ihrer Großmutter und fragte sie, ob alles in Ordnung sei.
»Es war nur ein bisschen viel heute. Können wir morgen mit allem weiter machen?«
»Natürlich.«
»Danke.«, sagte Gerda und legte ihrer Enkelin die Hand auf ihre Schulter. Sie stand von der Gartenbank auf und ging ins Haus. Amelie umfasste ihren Bauch. Zum einen, weil ihr übel von diesem traurigen Anblick wurde und zum anderen, weil sie die Briefe fest umklammerte.

Am Abend las Amelie das Tagebuch ihrer Urgroßmutter. Es war voller Hass Théo gegenüber, den sie nicht verstehen konnte. Sie versteckte die Briefe aus purer Gehässigkeit. Hätte sie ihre Tochter beschützen wollen verletzt zu werden, wäre der Grund für diese Tat halbwegs nachvollziehbar gewesen, aber davon stand nichts in diesem Tagebuch.
Gerdas Mutter schrieb davon, dass sie ihrer Tochter eine Lektion erteilen wolle und Théo verstehen solle, dass ein Franzose und vor allem Soldat in dieser Familie nicht willkommen sei. Sie schrieb davon, dass das Kind (Amelies Mutter) vor ihm beschützt werden müsse und sie bei ihr nicht dieselben Fehler machen würde, wie bei Gerda. 
Harter Tobak den Amelie erstmal verdauen musste. Sie legte das Tagebuch zur späten Stunde zur Seite und versuchte zu schlafen. Ohne Erfolg. All diese neuen Erkenntnisse und Informationen und die Lebensgeschichte von Gerda schwirrten in Amelies Kopf herum. Nachdem sie eine Stunde lang versuchte einzuschlafen, knippste sie das Licht wieder an und machte einen der Brief auf. Es war einer der oberen.

»Meine liebste Gerda,

ich kann mir nicht vorstellen und auch nicht glauben, dass Du mir nicht antworten möchtest. Vielmehr befürchte ich, dass Deine Mutter die Briefe vor Dir versteckt. Sollte dies der Fall sei Dir gewiss, dass ich nicht aufgeben werde. Ich werde weder Dich aufgeben, noch unser Kind!

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Euch denke. Ich frage mich immer wieder, ob wir eine Tochter oder einen Sohn bekommen werden. Mein Gefühl sagt mir, es wird ein kleines Mädchen. Ein kleines, süßes Mädchen, was genau so schön ist, wie ihre Mutter. Ist dem so? 
Bei dem Gedanken wird mir wieder ganz kalt ums Herz, weil ich nicht bei Euch sein kann.
Ähnliches FotoIch habe nochmal mit meinem Kommandanten gesprochen, bei dem ich meine Versetzung beantragt habe. Er sagte, der Antrag sei noch nicht durch. Ich befürchte, er wird ihn ablehnen, denn sonst hätte ich schon längst eine Zusage bekommen.
Er kann nicht verstehen, dass ich bei meiner Familie sein möchte. Er meint, weil wir nicht verheiratet sind, wäre unsere Beziehung nur eine "kleine Affäre" gewesen und unser Kind das Resultat. Aber ich verspreche Dir, es ist nie so gewesen! Ich liebe Dich, meine liebste Gerda. Und ich liebe unser Kind.  Ich werde noch einmal mit ihm sprechen. Ich hoffe, ich kann bald bei euch sein!

In Liebe, Théo«

Amelie kullerten Tränen über die Wangen. Die Tragik hinter dieser Geschichte traf sie mitten ins Herz. Sie fing an ihre Urgroßmutter zu hassen, obwohl sie diese nie kennengelernt hatte. Zum Glück.
Amelie ließ noch ein paar andere Briefe. Sie waren vom Prinzip her sehr ähnlich, nur steigerte sich von Brief zu Brief die Verzweiflung Théos. Es brach Amelie fast das Herz.
Sie liebte ihre Großmutter und sie liebte ihre Mutter. Sie wollte, dass Gerda glücklich ist und ihre Mutter einen Vater hatte. Gerda hatte nie einen Mann an ihrer Seite. Amelie wusste jetzt wieso.
Nachdem Amelie noch lange nachdachte, schlief sie endlich ein. Als sie aufwachte war ihr klar, sie musste etwas unternehmen.
Sie rief Gerda an und sagte ihr, dass sie am späten Nachmittag kommen würde. Gerda war hörbar erleichtert. Wahrscheinlich, weil ihr die aufkommenden Gefühle und Erinnerungen immer noch zusetzten.

Amelie begann ihre Suche beim Stadtarchiv. Sie blätterte in Zeitungsartikeln, in alten Meldebescheinigungen und Akten. Eigentlich haben die Bürger keinen Zugang zu all den Unterlagen, aber da ihre beste Freundin als Aushilfe im Archiv arbeitete, konnte sie sie Amelie ganz einfach einschleusen.
Amelie fand eine alte Meldebescheinigung von Théo, die unter seinem richtigen Namen abgelegt war. Gott sei Dank, hatte Amelie das noch im Hinterkopf. Sie fand heraus, in welche Kaserne er in Frankreich versetzt wurde und schrieb eine E-Mail an diese. 
Sie saß lange vor dem Computer ihrer Freundin, aber wusste nicht wie sie anfangen sollte.
»Schreib doch einfach die Wahrheit.«, sagte Amelies Freundin.
»Wie aberwitzig ist das denn? Das glaubt mir doch keiner.«
»Ehrlich währt sich.«, sagte sie nur und klopfte Amelie einmal auf die Schulter.
Amelie schnaubte, aber schrieb die Geschichte ihrer Großmutter in die E-Mail und bat um Hilfe. Sie zögerte noch einen Moment, drückte aber dan auf Absenden. Mehr konnte sie erstmal nicht tun.

Danach fuhr sie zu Gerda. Sichtlich nervös, denn Gerda merkte sofort, dass etwas nicht stimmte als ihre Enkelin durch die Tür kam.
»Was hast Du angestellt?«, fragte sie.
»Nichts warum?«
»Du bist nervös.«
Amelie lachte unsicher: »Warum sollte ich?«
»Du hast wieder diesen roten Fleck am Hals. Den bekommst Du nur, wenn Du aufgeregt bist. Das nennt man Stressfleck.«
Amelie schluckte und verfluchte ihre Haut in diesem Moment.
»Ich... ich hab ein Geheimnis einer Freundin ausgeplaudert und weiß jetzt nicht was auf mich zukommt. Das stresst mich ein bisschen.«
Gerda schaute verwundert: »Na, sowas macht man aber nicht. Geheimnisse sind zum behalten da und nicht zum weitergeben. Da musst Du für gerade stehen.«
»Ich weiß.«
»Das wird schon, Liebes.«, sagte Gerda und legte Amelie eine Hand auf die Schulter. Amelie bekam ein schlechtes Gewissen. Sie hatte Gerda bis Dato noch nie angelogen.
»Sag mal, hast Du die Diele oben auf dem Dachboden rausgerissen?«
Amelie stockte. »Ich bin darüber gestolpert und gefallen. Da hab ich sie rausgenommen, weil ich sie nicht mehre eindrücken konnte.«
»Hast Du Dir weh getan?«
»Nein, alles gut.«
»Gott sei Dank! Ich wusste gar nicht, dass die locker war. Ich war selten auf dem Dachboden. Wahrscheinlich weil meine Mutter oft dort war und ich diesen Raum deswegen mit nicht so viel guten verbinde.«, sagte Gerda beiläufig.
Amelie schluckte und folgte ihrer Großmutter mit ins Haus. Sie fühlte sich unwohl und war aufgeregt. Sie hoffte, schnell eine Antwort aus Frankreich zu bekommen. Sonst würde sie nicht mehr ruhig schlafen können.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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