Mittwoch, 31. Januar 2018

Der schmale Grat

Alle reden von Egoismus. Von Selbstsucht, dem eigenem Zweckinteresse. Sie reden von Eigennutz und Egozentrik.
Und ich? Ich stehe hier und frage mich: Wo fängt das alles an?


Ich stehe hier im Büro, mit den ganzen Akten in der Hand. Ich stehe am Kopierer, um noch mehr davon zu produzieren. Das Gerät surrt und im Takt der druckenden Kopien ziehe ich meine Nase hoch.
Mir Ist kalt, aber die warme Lüftung des Kopierers wärmt meine Beine. 
Mein Hals schmerzt, aber während ich konzentriert an der Wand stehe und dem Licht im Scanner zusehe, wie es von rechts nach links und von links nach rechts zieht, denken meine Kollegen ich denke angestrengt über die nächst zu erledigende Aufgabe nach. Dabei bemühe ich mich nur darum, nicht umzukippen.
Ich bin "lieber" hier, in diesem Bunker, der von weißen Neonlampen erhellt wird, anstatt mit Grippostad zu Hause. 
Warum?


Ich sitze auf dem Sofa und weine. Das Telefon in der linken Hand, ein benutztes Taschentuch in der Rechten. 
Meine beste Freundin hat mir eben gesagt, dass sie mit ihrem Freund nach Schottland auswandern wird.
Ich kenne sie schon mein Leben lang, wir waren noch nie getrennt. Und jetzt sollen tausende von Kilometern inklusive Meer zwischen uns liegen? Meine Welt bricht gerade zusammen. Ich fühle mich verlassen, allein.
Das Telefon klingelt und ich sehe im Display, dass mein Vater anruft. Ich stöhne. Ich will jetzt nicht mit ihm reden. Er ist pragmatisch, wird mich und meinen Ausbruch meiner Gefühle sowie so nicht verstehen. Doch wenn ich jetzt noch ans Telefon gehe, wird er mir das wieder wochenlang vorhalten.
Schließlich war er auch immer für mich da, hat mich großgezogen. Nun bin ich dran, es ihm gleich zu tun.
Ich gehe ran und er merkt direkt, dass ich geweint habe. Ich erkläre ihm meine Trauer. Er sagt nur kurz, ich solle mich nicht so anstellen. Sowas passiert. Dann erklärt er mir, er habe ein Problem mit seinem Computer. Ich solle kommen und ihm helfen. Das Telefonat mit meiner Freundin ist 8 Minuten her. Ich atme tief ein und schmucke meine Tränen runter.
Warum?


Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in meinem Leben herzhaft und aus voller Imbrunst gelacht habe. Ich kann mich einfach nicht dran erinnern.
Meine Tochter ist jetzt sieben Jahre alt. Ein zuckersüßes Mädchen. Ein Mädchen, dass gerne tanzt und Ballerina werden möchte. Ein Mädchen, dass ihrem Papa abends vorm Schlafen gehen zeigen möchte, was sie neues im Ballettunterricht gelernt hat. Nur ist ihr Vater nie da, wenn sie ins Bett geht. Jeden Abend geht dieses Mädchen enttäuscht schlafen und wacht mit voller Hoffnung wieder auf: "Heute wird er mich tanzen sehen." Mein Lachen verschwand an dem Tag, an dem mein Kind anfing langsam ein Bewusstsein zu entwickeln und zu begreifen, was Enttäuschung ist.
Jeden Tag aufs Neue bewies ihr Vater, wie egal sie ihm ist. Wie egal ihm seine Familie ist. Jeden Tag wurde meine Tochter verletzt und mit jedem Tag verlor ich wieder ein Stück meines Lachens, meines Glücks.
Liebe spüre ich genau so wenig wie ich, oder meine Tochter, sie bekomme. Ich habe mein Lachen vor sieben Jahren verloren und meine Tochter verliert ihres langsam auch.
Und trotzdem bleibe ich und sehe mir dieses Trauerspiel jeden Tag aufs Neue an. Und hoffe. Wie mein Kind.
Warum?


Wo fängt Egoismus an? Bei dem Wunsch im Bett zu liegen, wenn man krank ist? Einfach Zeit zum trauern zu wollen, wenn man verlassen wurde? Sein Wohl im Jetzt für die Zukunft über das eines anderen zu stellen?

Wir posten Snaps und Fotos von unseren Medikamenten aus der Apotheke, wenn wir krank sind. Nur damit der Chef und die Kollegen auch sehen: "Oh, der ist ja wirklich krank!"
Wir schieben unsere Gefühle beiseite, damit andere zufrieden sind und nicht urteilen können.
Wir gaukeln uns vor, alles sei in Ordnung, leiden aber still und heimlich, um anderen eine heile Welt vorzuspielen, die eh zerbrechen wird.


Und wofür? In der Hoffnung, unser Gewissen ist reiner und leichter. Und ist es das? Nein, nicht im geringsten.


Wir machen uns selbst verrückt. Und das umsonst.
An sich zu denken ist keine Egozentrik. Nicht im geringsten. Wer hat uns das nur eingeredet?


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© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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