Sonntag, 9. Juli 2017

Post Mortem (Part 5)

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Nachdem ich mich aus meiner unendlichen Schockstarre befreit hatte, fuhren meine Schwester und ich wieder in mein Hotel. Wir aßen eine Kleinigkeit und dann riefen unsere Eltern an.
Sabrina verschwand direkt im Bad, sie wollte nicht mit ihnen reden. Also sprach ich mit ihnen. Ich war den Tränen nahe und erklärte ihnen, was passiert war. Sie sagten, dass sie den nächsten Flieger nehmen könnten. Am Flughafen sei nun alles wieder in Ordnung. Ich nickte es ab, aber gleichzeitig fragte ich mich, was das bringen sollte. Sabrina wollte nicht mal mit ihnen telefonieren, dann mit ihnen persönlich reden? Wohl kaum.
Und es stimmte: Unsere Eltern trafen am Folgetag ein und meine Schwester war davon wenig begeistert. Sie umarmten sie, gaben ihr Zuspruch. Aber gleichzeitig waren sie übermäßig fürsorglich. Unsere Mutter behandelte sie, als sei sie ein Kind. Und das gefiel Sabrina gar nicht. Sie ließ sich das einen Tag lang gefallen und ging danach wieder zur Uni und schlief im Wohnheim. Sie flüchtete vor ihrer eigenen Familie. Vor unserer Mutter.
Wir fuhren ohne Sabrina zur Polizei und sprachen mit Rogers, der irgendwie keine Hilfe zu sein schien. Ich fand diesen Typen merkwürdig.
Unsere Eltern beharrten auf intensive Ermittlungen und ließen ihn kaum zu Wort kommen. Dann bat er uns zu gehen und warf uns mehr oder weniger aus seinem Büro.
»Wir wissen, wie wir zu ermitteln haben. Das lasse ich mir von Zivilisten nicht vorschreiben. Wir tun, was wir können und was in unserer Macht steht. Und jetzt bitte ich Sie zu gehen und unsere Zeit, die wir für die Ermittlungen bzgl. ihrer Tochter brauchen, nicht zu verschwenden.«, hatte er gesagt.
Unsere Mutter schürzte die Lippen und stand eingeschnappt auf. Mein Vater und ich folgten ihr.
 »Dieser Blödmann nimmt das alles doch gar nicht ernst!«, fluchte meine Mutter vor seiner Bürotür. Mein Vater und ich sahen uns an. 
»Warum seid ihr so still!?«, fauchte sie.
»Was sollen wir denn sagen?«, fragte mein Vater genervt.
»Das es stimmt? Das ich Recht habe? Ein bisschen Zustimmung wäre nicht schlecht!«
»Mom, er arbeitet dran. Er kann auch nicht zaubern. Das ist alles nicht so einfach.«, versuchte ich sie zu besänftigen.
»Ach! Du hast doch schon aufgegeben. Sabrina hat sich komplett verschlossen. Du hättest mehr auf sie einreden sollen!«
Da platzte mir direkt der Kragen: »Wie bitte? Ich habe mit ihr geredet, ich war die ganze Zeit für sie da! Ich habe sie keine Minute aus den Augen gelassen, habe ihr aber ihren Freiraum gelassen. Und den brauchte sie! Sie wollte von Anfang an nicht so viel darüber reden. Selbst Dr. Carter hat sie nichts erzählt. Du hast sie doch regelrecht mit deiner Über-Mutter-Nummer abgeschreckt. Sie ist nicht mehr fünf Jahre alt! Sie ist erwachsen!«
»Ach, jetzt bin ich schuld?«, lachte meine Mutter sarkastisch.
»Das habe ich nicht gesagt!«
»Aber gemeint!«
»Um Himmels Willen!«, raunte mein Vater. 
»Sie interessiert sich gar nicht dafür, was hier passiert. Und auch nicht für uns. Ihr sind wir und der Fall vollkommen egal. Ich habe langsam das Gefühl, dass sie selbst versucht zu flüchten. Vielleicht hat sie es ja wirklich selbst darauf angelegt.«, plapperte meine Mutter entnervt.
Ich war schockiert. »Was? Das kann nicht dein ernst sein!«
Sie seufzte und setzte sich auf einen Stuhl im Flur: »Was weiß ich denn? Mit mir redet ja keiner.«
Die Situation war kurios. Doch dann sah ich eines der Mädchen aus dem Coffeeshop den Gang auf uns zukommen und starrte sie regelrecht an. Sie erkannte mich sofort und wurde langsamer. Sie schluckte und ging an uns vorbei. Ins Büro von Rogers.
Entsetzt sah ich wie die Tür zuging und ging wie hypnotisiert hinter her. Meine Mutter sagte noch etwas, aber ich hörte nicht darauf.
Als ich in Rogers Büro reinplatzte, sah er mich verundert an.
»Was machen Sie denn noch hier?«, fragte er genervt, aber ich reagierte nicht auf ihn.
»Du. Du warst auch im Coffeeshop, als ich mit meiner Schwester da war. Du gehörtest zu der Gruppe, die meine Schwester von oben bis unten gemustert haben und dann gegangen sind.«, sagte ich. Sie antwortete nicht.
»Wovon reden Sie?«, fragte Rogers und räusperte sich. Er stand auf. Misstrauisch sah ich zwischen ihm und seiner Tochter hin und her.
»Rogers, sie war im Coffeeshop. Ich habe Ihnen davon erzählt.«, sagte ich bestimmt. Ich spürte den Blick meiner Eltern im Rücken, die in der offenen Tür standen.
»Das muss ein Irrtum sein.«, sagte Rogers direkt. Seine Tochter sah verunsichert aus.
»Nein, das denke ich nicht.«, stellte ich klar.
»Was Sie denken, interessiert mich gerade nicht. Und jetzt verlassen Sie mein Büro. Ich möchte mit meiner Tochter sprechen. Oder soll ich Sie raus begleiten lassen?«, fragte er provokant. Mir wurde klar, dass irgendwas mit diesem Typen nicht stimmte. Ich hielt noch einige Augenblicke seinem Blick stand und sagte dann: »Gut, wir gehen. Aber darüber reden wir nochmal, Rogers.«
Ich schob meine Eltern aus seinem Büro und wir verließen das Präsidium.
»Was war das denn?«, wollte mein Vater wissen, doch ich antwortete nicht.
»Rob?«, beharrte meine Mutter.
»Nichts, nur ein Verdacht.«, sagte ich kurz und ging zu meinem Auto. »Fahrt schon mal zum Hotel, ich komme nach.«
»Wo willst du hin?«
»Zur Uni.«, sagte ich nur und fuhr los.

Im Sekretariat der Uni ließ ich mir sagen, wo meine Schwester derzeit sei. Vor dem Seminarraum wartete ich, bis sie raus kam. Als sie durch die Tür schritt, hielt ich sie am Arm fest. 
»Rob?«, fragte sie erschrocken. Sie sah schlecht aus. Sie war blass und hatte Augenringe. Ihre Augen selbst waren geschwollen und rot. Sie weinte viel.
»Wir müssen uns unterhalten.«, sagte ich bestimmt und zog sie hinter mir her.
Ich bog um die Ecke und blieb stehen. »Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du die Tochter von Rogers kennst!?«, fuhr ich sie an.
Sie kniff die Lippen zusammen. »Sabrina!?«
»Was tut das zur Sache?«, fragte sie.
»Was verheimlichst du mir?«, fragte ich energisch. Ich war wütend. Ich tat alles für meine Schwester und sie verheimlichte mir ein entscheidendes Detail.
»Gar nichts!«, sagte sie und Tränen stiegen in ihre Augen.
»Doch das tust du! Du weißt, dass du mich nicht täuschen kannst. Sag es mir, auf der Stelle.«, verlangte ich.
»Sonst was?«, fragte sie süffisant, während Tränen über ihre Wangen liefen.
»Sonst kannst du auf meine Unterstützung verzichten, wenn du nicht ehrlich bist.«, sagte ich kalt und versuchte sie so aus der Reserve zu locken.
Sie schluckte. »Rob...«, fing sie an.
»Komm mir nicht so.«, sagte ich beleidigt.
»Ja, ich kenne sie.«
»Und weiter?«
Sie sah sich um. »Ich will nicht hier darüber reden. Lass uns woanders hingehen.«, sagte sie.
Wir gingen über den Campus und setzten uns unter einen Baum, wo nicht so viele Leute waren.
»Also?«
Sie seufzte: »Sie hasst mich.«
»Wieso?«
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Sabrina schluckte. »Ihr Freund hat mich vor ein paar Wochen in der Cafeteria angesprochen und das hat ihr gar nicht gefallen. Er war wirklich nett. Er hat gefragt, ob ich mich zu ihm und seinen Freunden setzten wollte. Ihm war aufgefallen, dass ich oft alleine aß. Erst war es ganz nett, aber ich merkte sofort, wie oft sie mich anstarrte und musterte.«
»Und dann?«
»Als alle fertig waren und aufstanden, blieb sie noch sitzen und sagte mir, ich solle auch noch sitzen bleiben. Sie sagte, sie wollte mich besser kennenlernen. Aber so war es nicht. Sie drohte mir direkt und sagte, ich solle ihren Freund in Ruhe lassen. Sie habe mich im Auge und ich würde dafür büßen, ihn allein nur angesehen zu haben.«
»Was!? Was für ein Kindergarten! Hat sie zu viele Teeniefilme gesehen?«, fragte ich erschrocken.
»Das habe ich auch gesagt. Dann stand sie auf und ging. Natürlich habe ich ihn und sie direkt gemieden. Bis er wieder auf mich zukam und mich ansprach. Er habe mitbekommen, was sie mir gesagt hatte. Er entschuldigte sich sogar dafür. Er war derjenige, der mich auf die Party einlud.«
»Ist er auch auf dem Video?«
»Nein.«
»Wirklich?«
»Ja. Sie haben sich gestritten, als ich kam. Danach ist er gegangen.«
»Und wie ging es weiter?«
»Ich war unsicher, aber er meinte, ich solle mir keine Gedanken um Sarah machen. So heißt sie. Ich dachte mir, was könne schon passieren? Also sagte ich zu.«
»Ein paar Tage vor der Party entschuldigte Sarah sich bei mir und ich fing an mit ihr und ihren Freundinnen die Mittagspause zu verbringen.«
»Sie hat dir auf der Party das Getränk gegeben, oder?«
Sabrina schürzte die Lippen und schluckte.
»Wieso hast du nichts gesagt?«
»Was hätte das gebracht? Denkst du ihr Vater ermittelt weiter, wenn er das raus findet?«
Ich sagte nichts.
»Er hat es schon raus gefunden.«, sagte sie kalt, als sie meinen Blick sah.
»Ich glaube schon. Als wir sein Büro verließen, kam sie gerade. Ich erkannte sie aus dem Coffeeshop und wusste direkt, das was nicht stimmte.«
Sie seufzte. »Dann wars das.«
»Wieso hast du nicht eher was gesagt?«
»Weil sie mir gedroht hat.«
»Was!?«
»Sie war eine der Ersten, die mir geschrieben haben.«
»Was hat sie geschrieben?«
»Tja, sowas kommt halt davon, wenn man sich mit den Falschen anlegt.«
»Das ist ein eindeutiger Beweis!«, rief ich.
»Ach ja?«
»Ja! Und du hast Zeugen, ihre Freunde und ihr Freund!«
»Die mir alle nicht helfen werden, weil sie Angst vorm Sheriff haben.«
»Sabrina, gib doch nicht auf.«
»Sei realistisch.«
Ich seufzte. Dann kam mir das Bild von Rogers und seiner Tochter im Büro wieder in den Sinn. Wut stieg in mir auf.
»Er will sie decken.«, sagte ich mehr zu mir selbst, als zu Sabrina.
»Natürlich will er das.«, sagte sie leise.
Ich stand auf und ging los. Zum Auto. Sabrina rief mir noch hinterher, aber das war mir egal. Er sollte büßen.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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