Sonntag, 2. Juli 2017

Post Mortem (Part 4)

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Meine Schwester lehnte an meinem Auto, als ich raus kam. Ich war länger bei Dr. Carter, als ich wollte. Aber ich hatte so viel zu sagen. Was passiert war, wie ich mich fühlte, wovor ich mich fürchtete. Irgendwie hatte sich dieses Gespräch verselbstständigt.
»Du warst ganz schön lange da drin.«, sagte meine Schwester. Sie war etwas heiser.
»Ach ja?«, ich tat so, als wäre es mir nicht aufgefallen.
»Ja.«, sie klang, als sei sie beleidigt. »Was hast du ihr alles erzählt?«
»Warum fragst du?«
»Beantworte meine Frage.«, sie war verärgert.
»Warum bist du denn jetzt so sauer?«
Ihr stiegen Tränen in die Augen. »Ich weiß es nicht. Ich will es einfach vergessen. Ich will, dass es so ist, als sei es nicht passiert. Einfach nicht drüber reden. Keiner soll darüber reden.«
»Sabrina.«, sagte ich und wollte sie umarmen.
Sie schubste mich weg. »Nein, lass das. Pack mich nicht in Watte. Musst du nicht arbeiten?«
»Nein.« Ich sah sie an. Sie wollte Normalität? Sie sollte sie bekommen.
»Möchtest du zu Starbucks?«
»Was?«
»Starbucks. Einen Kaffee und einen Muffin essen?«
Sie schniefte und wischte sich die Tränen weg. »Ja.«

Wir waren innerhalb von ein paar Minuten in der Innenstadt und standen in der Schlange der minimalistisch kleinen Kaffeebar.
Wir bestellten, ließen uns unsere Namen auf die Becher schreiben und setzten uns an einen kleinen Tisch, der gerade frei wurde.
Wir versuchten uns in Smalltalk, waren aber nicht gut darin. Sabrina ließ ihren Blick durch den Raum wandern und ließ ihn auf einer Gruppe ruhen. Sie schluckte einmal schwer und als ich ihrem Blick folgte, sagte sie, sie würde zur Toilette gehen.
Als sie gerade um die Ecke bog, kam eine Brünette zu mir rüber und setzte sich auf Sabrinas Platz.
»Ich muss dir was über das Mädchen sagen, mit dem du hier bist.«
»Ach ja?«, fragte ich verwundert.
»Ja. Sie ist total verrückt und auch ziemlich verwirrt, scheint krankhaft zu sein. Nicht gerade das perfekte Datingmaterial. Sie wollte auf einer Party vor ein paar Tagen eine Orgie feiern.«
»Ach, echt? Dass das so nach außen dringt, hätte ich nicht gedacht. Aber mach dir keine Sorgen, es geht ihr gut. Das liegt bei uns in der Familie, das ist ganz normal.«, sagte ich und war genervt. Vielleicht war Sarkasmus hilfreicher als Wut. Sie starrte mich an und blieb wie eine Statue sitzen.
Ich schürzte die Lippen und fügte hinzu: »Ach und noch eine Sache. Wusstest du, dass ihr jemand auf der besagten Party Drogen ins Glas getan hat?« Ich hatte das Bedürfnis es jedem zu sagen. Jedem zu sagen, dass meine Schwester keine Schuld hatte. Dass sie das Opfer war.
Die Brünette schluckte einen sichtlichen Kloß in ihrem Hals runter.
»Ich höre?«, ich wurde ungeduldig und nun auch unsagbar wütend. Sarkasmus half doch nicht. Mir zumindest nicht.
»Ich, ich kann dazu nichts sagen.«, sagte sie schnell und stand auf. Ich wollte ihren Arm festhalten, aber sie war zu schnell.
Ich rief ihr nach: »Ich werde noch raus finden, wer von euch das war!«
Sie sahen ständig rüber und tuschelten. Als meine Schwester von der Toilette kam, wurde sie von der Gruppe von oben bis unten gemustert, die danach direkt aufstand und durch die Tür verschwand. Ich merkte mir jedes einzelne Gesicht. 
»Mir ist nicht gut. Können wir wieder gehen?«, fragte meine Schwester, als sie sich setzte. Ich sah sie besorgt an, stimmte ihr aber zu. Wir gingen.
Sie war viel schneller draußen als ich und als ich gerade nach der Tür greifen wollte, packte mich jemand an der Schulter.
»Ey, Alter. Die hat wohl nen Freund.«, sagte er. Ich war verwundert. Meine Schwester hatte keinen Freund.
»Weiß ich. Den hat sie der Familie bereits vorgestellt.«, sagte ich dem blonden Typen. Ich gab dem Sarkasmus noch eine Chance.
Er verstand mich nicht und sagte: »Dann habt ihr euch wohl gefunden. Sie soll ne ziemliche Schlampe sein. Soll auf einer Party letztens mit drei Typen gevögelt haben.«
Jetzt packte ich ihn an der Schulter. »Du redest gerade über meine kleine Schwester, du Arschloch.«
Mein Griff wurde fester. Ich verlor meine Geduld. Seine Augen wurden groß und ich merkte, wie ruhig es wurde. Alle sahen uns an. »Ey, Alter. Ich wusste nicht-«, stammelte er.
»Du wusstest nicht, dass du bloß Gerüchte über meine Schwester breit trampelst, die nicht wahr sind!?«, es war unglaublich, was dieses Video auslöste. Welche Lawine an Gerüchten wie ein Lauffeuer umher gingen und meine Schwester in ein Licht rückten, in das sie definitiv nicht gehörte.
»Gerüchte? Du kennst die Kleine wohl auch nicht richtig.«
»Ach nein? Hör mal zu, du Idiot. Du wusstest wahrscheinlich nicht, dass meine Schwester an dem Abend der Party unter Drogen stand, weil einer von euch Arschlöchern K.O.-Tropfen in ihr Glas gemixt hat!?«
»Das hat sie erzählt?«, lachte der Typ. Ich fragte mich, ob er wirklich so leichtgläubig oder einfach nur ein riesen Idiot war.
»Erzählt? Ich war dabei! Ich habe sie ins Krankenhaus gefahren! Sie war nüchtern! Die Polizei ermittelt schon und wenn ich raus finde, wer es war, bringe ich dieses Arschloch um! Sie wurde fast vergewaltigt, wegen solchen Idioten wie dir!«, schrie ich. Ich merkte richtig, wie die Hitze in mir aufstieg. Es war mucksmäuschenstill. Ich hörte nur mein Herz rasen und den Atem des Typen vor mir.
Plötzlich ging die Tür auf und Sabrina zog an meinem Arm. Sie sah nur mich an, sie hatte Angst. Ich sah zu ihr rüber, sie hatte Tränen in den Augen.
»Rob, bitte. Lass uns gehen.«, sagte sie leise. Ich atmete tief ein und ließ ihn los. Danach zog ich meine Jacke zurecht und folgte meiner Schwester hinaus.
Als wir zum Auto gingen, war sie wieder ruhig. 
»Egal, wo ich hingehe, alle kennen mich. Über Nacht berühmt, wie Paris Hilton mit ihrem Porno damals.«, murmelte Sabrina.
»Sag das nicht.«, brachte ich nur heraus. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
»Was denn? Es ist doch die Wahrheit.«
»Eben nicht! Das sind alles Gerüchte von gehässigen und dummen Studenten.«
»Ja. Aber weißt du was? Sie sind nicht die Einzigen, die das Video kennen. Die ganze Welt kann es sehen!«, schrie sie fast und knallte die Autotür zu, nachdem sie eingestieg.
»Ja, richtig. Aber es ist für Außenstehende mehr als offensichtlich, dass es nicht so ist, wie diese Idioten hier sagen.«, antwortete ich, als ich einstieg.
Bildergebnis für cruel tumblr»Ach ja!?«, schrie Sabrina und schmiss mir ihr Handy hin. »Schau mal in meine eMails und meine Nachrichten bei Facebook und Twitter!«
Verwundert sah ich sie an, nahm das Handy aber in die Hand und sah nach. Es war unglaublich. Bei Twitter gab es 386 Tweets auf denen sie verlinkt und auf eine unmenschliche Art und Weise beschimpft wurde. Bei Facebook waren es 414 Nachrichten. Dann sah ich in ihren E-Mails nach: 286.
Ich dachte, ich seh' nicht richtig. Wirklich. Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich das geschockt hat. Ein Übermaß an Nachrichten voller Hass und Niedertracht und das aus den unterschiedlichsten Regionen im Land. Es war grauenvoll. Und sie waren alle von unterschiedlichen Usern.

Mir stockte der Atem.
»Es ist egal, wie viele die Wahrheit kennen. Es wird keinen interessieren.«, sagte meine Schwester stumpf. Ich war unfähig zu antworten.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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