Dienstag, 11. Juli 2017

Post Mortem - Ende

»Sie, Schweinehund!«, rief ich, als ich in Rogers Büro stürmte.
Er war allein, leider.
»Was wollen Sie schon wieder!?«, er stand auf. Er war wütend. Genau so wie ich.
»Tun Sie nicht so! Ich weiß Bescheid!«
»Ach ja? Worüber denn!?«
»Ihre Tochter hat meiner Schwester die K.O.-Tropfen gegeben!«
Er wurde auf einmal blass, er schluckte. Erwischt.
»Setzen Sie sich, bitte.«
»Nein.«
Er schnaubte und stand auf. »Ich bin mir sicher, wir können das auch anders regeln.«, sagte er und holte ein Scheckbuch raus.
»Das meinen Sie nicht ernst!«, sagte ich wütend.
»Ich bitte Sie, sie hat einen dummen Fehler gemacht. In ein paar Tagen denkt da keiner mehr dran.«, winkte Rogers ab und versuchte die Situation zu verharmlosen.
»Was!? Meine Schwester hat mehrere HUNDERT Hassmails und Drohungen deswegen bekommen. Daran denkt bald keiner mehr? Jeder auf ihrer Uni denkt, sie sei eine Hure!«
»Sie übertreiben.«
»Wäre sie nicht Ihre Tochter, würden Sie ermitteln!«
Er sagte nichts. Er tat auch nichts. Durch mein Geschrei kamen seine Kollegen ins Büro. Er schob das Scheckbuch zur Seite und ließ mich abführen.
Ab da an ging es alles ganz schnell: Die Ermittlungen wurden eingestellt. Es wurde so gedreht, dass es so aussah, als hätte meine Schwester selbst die Drogen genommen. Sie äußerte sich nie, weil sie meinte, es bringe eh nichts. Sie hatte recht, hätte es auch nicht.
Es war so leicht, die Sache unter den Tisch fallen zu lassen. Es war so leicht, ihr nicht zu helfen. Es war alles so leicht. Es war ungerecht. Es war nicht fair. Es ist unbeschreiblich.

Meine Eltern waren enttäuscht. Von Sabrina, von ihrer Tochter. Vom Opfer. Sie glaubten ihr kein Wort mehr. Sie reisten direkt ab und wollten darüber auch nicht mehr reden. Sie fühlten sich durch ihre eigene Tochter getäuscht. Ist das zu fassen?
Ich versuchte mit ihnen zu reden, ihnen die Wahrheit zu sagen. Aber das interessierte sie alles nicht. Ich solle nicht so naiv sein, haben sie gesagt. Glaub ihr doch nicht alles, haben sie gesagt. Die Polizei hat die Ermittlung nicht ohne Grund eingestellt, haben sie gesagt. Ja, das stimmt, dachte ich.
Es war furchtbar, eine Tragödie. Ich redete noch oft mit Sabrina darüber. Ich blieb noch ein bisschen in der Stadt, aber irgendwann musste auch ich in meinen Alltag zurück kehren. Anfangs telefonierten wir noch viel, dann skypten wir einmal die Woche und dann verlor sich das Ganze wieder und man schrieb sich ab und an. Wie das manchmal halt so ist.
Sabrina redete nicht mehr über den Vorfall, sie sagte immer dasselbe: »Bringt doch eh nichts.« 
Irgendwann sagte sie auch, dass wieder Normalität einkehre. Ich glaubte ihr. Sie sagte, dass sie keine E-Mails mehr bekam. Ich glaubte ihr. Sie sagte, dass sie gern zur Uni ging. Ich glaube ihr. Sie sagte, sie habe nun Freunde gefunden, die hinter ihr standen. Ich glaubte ihr.
Ich glaubte ihr alles was sie sagte, doch alles war gelogen. Es kehrte keine Normalität ein, im Gegenteil. Sie bekam weiterhin, regelmäßig beleidigende E-Mails und sie ging auch nicht mehr zur Uni. Sie hatte keine Freunde. Keiner stand hinter ihr.

Es war ein Dienstagabend, als der Anruf kam. Ich aß gerade mit meiner Freundin chinesisch und saß vorm Fernseher. Es war Rogers.
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»Ja? Wer ist da?«
»Rogers, hier.«
»Was wollen Sie?«
Stille.
»Ich muss Ihnen leider schlechte Neuigkeiten überbringen.«
»Was?«
»Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir (...) Ihre Schwester tot in ihrem Zimmer im Wohnheim aufgefunden haben. Sie- sie nahm sich das Leben.«
Stille.
Heiß, kalt. Ein Kloß im Hals, keine Luft. Schweißausbrüche auf piksender Gänsehaut. Weiße Punkte vor Augen, Schwindel.
»Mörder.«, brachte ich nur leise heraus. Er legte sofort auf. Danach brach ich zusammen.

Meine Schwester nahm sich das Leben, weil Sie gemobbt und belästigt wurde. Seelisch und körperlich. Man fand ihr Tagebuch, in dem alles genau beschrieben Tag. Jeder Tag voller Leid und Pein. Es war furchtbar.
Meine Eltern machten sich furchtbare Vorwürfe und ich tat es ebenso. Ich war wütend, auf sie. Aber vor allem auf mich. Wieso habe ich nicht einfach gegen Rogers geklagt? Warum habe ich mich immer weniger bei meiner Schwester gemeldet? Wieso habe ich den Alltag einkehren lassen? Wieso habe ich das nicht verhindert?
Dann war ich wütend auf Sabrina. Wieso hast du mir das angetan? Wieso hast du dir das angetan? Wieso hast du aufgegeben? Wieso hast du dich aufgegeben?

Sie ist schon an dem Abend gestorben, an dem das alles angefangen hat. An dem Abend war sie schon nicht mehr da, nicht mehr sie selbst. Alles was danach geschah war post mortem. Sie war ab diesem Abend schon innerlich tot.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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