Montag, 17. Juli 2017

Lieblos (Part 1)

Anabelle saß in ihren Zimmer, auf ihrem Bett und sah zu Boden. Ihr Blick war starr, ihre Augen geschwollen. Die Tränen waren getrocknet. Aber sie spürte noch, wo sie sich auf ihren Wangen ihren Weg gebahnt haben.
Sie hielt die Schmuckschatulle ihrer Schwester in der Hand, welche vor wenigen Stunden weggebracht wurde.

Sie saßen im Lesezimmer, als sie kamen. Anabelle las ein Buch und Sofie stickte, während sie am Fenster saß und dem Regen zuhörte. Der Tag war grau und dunkel.
Bildergebnis für rain tumblrPlötzlich kamen zwei Diener ihres Vaters und zerrten Sofie vom Fenster und aus dem Zimmer. Anabelle sprang auf und schrie ihnen nach. »Was tut ihr da? Lasst sie sofort los!«, rief sie und zerrte einem der Diener am Arm. Dieser schlug sie jedoch sofort zur Seite und Anabelle fiel zu Boden, stand aber direkt wieder auf. Sie lief ihnen bis in den Innenhof hinterher. Dort sah sie eine Kutsche im Matsch stehen und ein paar Koffer.
»Was ist hier los?«, fragte Anabelle außer Atem.
Sofie wurde in die Kutsche gesperrt und die Koffer aufgeladen. Danach ließ der Kutscher die Zügel schnalzen und die Kutsche fuhr davon. Die Diener und Männer ignorierten Anabelle und gingen einfach an ihr vorbei.
Der Regen wurde stärker und Anabelle versuchte in diesem Moment der Kutsche hinterher zu laufen, doch einer der Diener packte sie am Arm und hielt sie fest im Griff. Sie versuchte sich loszuzerren, bis ihr der Arm weh tat, doch konnte sie sich nicht aus dem Griff des Mannes befreien.
Sie sank zu Boden und fing bitterlich an zu weinen. Danach zog der Diener sie wieder hoch und ging mit ihr zurück ins trockene. Er blieb in der Eingangshalle nicht stehen, sondern ging weiter und weiter. Bis Anabelle realisierte, wo sie hin gingen: Ins Arbeitszimmer ihres Vaters.
Dort angekommen, wurde sie einfach durch die Tür geschubst. Sie stolperte und fiel zu Boden. Sie sah hoch und ihren Vater an seinem mächtigen, rustikalen Ebenholztisch sitzen. Dieser Schreibtisch wurde extra für ihn gefertigt. Filigrane Muster und Schnörkel verzierten die Beine und die Ränder. Anabelle schluckte und stand langsam auf. Ihr Vater war ein großer, breiter Mann mit einem Vollbart und kleinen Augen, die unter seinen buschigen Augenbrauen hervorlugten. Von der Dienerschaft wurde er manchmal nur "der Bär" genannt. Er sah sie verärgert an und musterte Anabelle von oben bis unten. Dann sah er wieder auf seine Papiere.
»Wohin wurde Sofie gebracht?«, fragte Anabelle und versuchte ihre Tränen zu unterdrücken.
»Habe ich dir erlaubt zu sprechen?«, fragte der Bär mit tiefer Stimme, ohne aufzuschauen und Anabelle schluckte.
»Ich habe diese Hure von hier fort bringen lassen. Ich gewähre ihr nicht länger Obdach.«, brummte er.

Er hasste Sofie. Abgrundtief. Sie war nicht seine Tochter, sondern die eines anderen. Anabelles und Sofies Mutter, Ivette, war bereits einmal verheiratet gewesen. Sie war einst die Frau eines Kaufmannes aus der Stadt, der jedoch früh durch Krankheit verstarb, als Sofie noch ein Mädchen war. Mit dem Tod ihres Mannes erbte Ivette nicht nur seinen Laden, sondern auch seine Schulden, die sie nicht bezahlen konnte. So heiratete sie den vermögenden Baumeister der Stadt,  um daraus Nutzen zu ziehen. Liebe spielte hier keine Rolle. Die Schulden waren beglichen und Sofie hatte einen Vater. So dachte Ivette. Aber so kam es nicht. Sofie war für den Bären eher lästig, als ein Segen. Und dies ließ er sie stets spüren. Als Anabelle auf die Welt kam, wurde sie stets bevorzugt. Trotz dessen hatte es auch sie nicht leicht. Ihr Vater war ein strenger und wankelmütiger Mann, der stets von Wut und Jähzorn geleitet wurde. Gehässige Strafen und Pein, Schläge und Hausarrest waren seine Erziehungsmethoden, die für Anabelle als Kind schon schwer zu ertragen waren. Für Sofie waren sie jedoch mindestens zehnmal schlimmer.
Ivette versuchte stets ihre Kinder zu schützen und behütet aufwachsen zu lassen, doch machte es ihr der Bär damit nicht leicht. Es war unmöglich. Umso älter die Kinder wurden, umso schlimmer wurde ihr Vater. Ivette begann ihre Kinder vom Bären fern zu halten. Schaffte das aber nur selten. Blaue Flecken und seelischer Schmerz standen auf der Tagesordnung. Davor konnten sie nicht fliehen.
Umso mehr Widerworte Ivette gab, umso brutaler wurde der Bär. Er fing an, seine Hand auch gegen sie zu erheben. Gott allein weiß, was er noch alles mit ihr machte, wenn die Türen geschlossen waren. Ihre Verletzungen sprachen Bände.
Angst gehörte zum Alltag dazu. Ivette verlor sich in diesem Gefühl, wurde davon überrannt und sah den Bären selbst dann, wenn er nicht auf dem Anwesen war. Verfolgungswahn und Panik fanden ihren Platz in Ivettes Kopf. Immer häufiger, immer intensiver. Sie fing an wirres Zeug zu reden. Meist unverständliches, leises flüstern. Sie holte die Mädchen nachts aus ihren Betten und brachte sie in die Keller und versteckte sich dort mit ihnen, weil sie den Schatten des alten Bären neben ihren Schrank sah. Sie wippte manchmal panisch in ihrem Schaukelstuhl hin und her und redete mit sich selbst. Es war ein fürchterliches Bild, was sich den Kindern mit der Zeit bot.
Eines Tages kam der Tag, an dem der Bär genug von Ivettes Geisteskrankheit hatte. Er steckte sie in ein Irrenhaus für Frauen. Die Mädchen weinten bitterlich, aber der Bär brachte sie mit ein paar Ohrfeigen schnell zum Schweigen. Das war vor zwei Jahren.
Seither war ihr Leben trist und dunkel. Sie nahmen ihren Privatunterricht war, erledigten ihre Hausarbeiten und hielten sich versteckt, wenn der Bär auf dem Anwesen war. Sie schlichen sich in die Stadt, wenn er auf Reisen war. Sonst durften sie sich nur im Gebäude und auf dem Innenhof aufhalten. Waren sie nicht gehorsam, wurden sie bestraft. Ihre Mahlzeiten nahmen sie abends stets mit ihm im Esszimmer ein. Es wurde kein Ton gesprochen. Nur er war derjenige der sprach, wenn er sich über die Kleider von Sofie und Anabelle beschwerte, über ihre Haltung oder ihr Aussehen. Es war erniedrigend. Seine herablassenden Worte trieben ihnen stets Tränen in die Augen, die sie versuchten wegzublinzeln. Schafften sie es nicht, wurden sie angebrüllt und in ihre Zimmer geschickt. Später folgte Prügel.

»Sie ist keine Hure.«, sagte Anabelle leise. 
»Wie war das?«, fragte der Bär fordernd und sah zu Anabelle. Sie hielt seinem Blick stand.
»Ich habe das Zimmer deiner Halbschwester durchsuchen lassen, da sie einer meiner Männer dabei beobachtet hat, wie sie nachts das Anwesen verließ. Er folgte ihr und beobachtete sie dabei, wie sie in einer Taverne einen Mann traf. Wahrscheinlich ein Freier.«, sagte er abfällig und warf Anabelle die Schatulle von Sofie zu, welche mit türkisen und grünen Steinchen besetzt war, und zu Boden fiel. Anabelle hob sie direkt auf und sah, dass kleine Briefe in ihr waren.
»Alles Briefe von Männern, die ihr den Hof machen wollen. Deine Halbschwester ist eine Hure. Was soll man auch anderes erwarten bei einer verrückten Mutter und dem Vater?«, sagte der Bär entschieden. »Ich habe sie fort geschickt und sie wird nicht wieder kommen. Ich war so gnädig und habe sie nicht direkt auf die Straße gesetzt. Dafür solltest du mir dankbar sein. Ich werde dafür sorgen, dass aus dir wenigstens etwas gescheites wird. Daher ist dir der Kontakt zu ihr untersagt! Haben wir uns verstanden!?«, fragte der Bär barsch. In ihm brodelte schon wieder die Wut. Anabelle spürte es deutlich. Sie schluckte und konnte sich nicht bewegen. In ihrem Hals war ein Kloß, der sie abwärts lähmte.
»Antworte mir gefälligst, Kind!«, schrie er fast.
Anabelle nickte zitternd.
»Ich habe dich nicht gehört.«, sagte er, während sein Gesicht rot wurde und er seine Fäuste ballte.
»Ja.«, fiebste Anabelle.
»Ja, was?«
»Ich habe verstanden.«
»Was hast du verstanden?«
»Das ich meine Schwester nie wieder sehen darf.«
»Was noch?«
Anabelle sagte kein Wort. Tränen liefem ihr über die Wangen. Ihr wurde heiß, alles war verschwommen.
»Was noch!?«, schrie er fordernd.
»Das meine Schwester eine Hure ist.«.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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