Freitag, 19. Mai 2017

Ein Schrecken ohne Ende

Bildergebnis für angst tumblrAlles ist schwarz, kein Licht brennt. Eigentlich habe ich angst im Dunkeln, aber er darf nicht sehen, dass ich zuhause bin.
Ich sitze am Fenster, die Gardine ist vorgezogen, aber ich kann ihn durch einen Spalt hinaus erkennen. Er steht einfach nur da. An der Hecke gegenüber. Er sieht zu meiner Wohnung hoch. Ausdruckslos, leer und gleichzeitig erschüttert und wütend.
Ich bin so müde, so unendlich müde während ich hier sitze und ihn anstarre. Ich kann nicht schlafen, also beobachte ich ihn dabei, wie er mich beobachtet. Seit sieben Monaten finde ich keinen Frieden mehr, da er auch in meinen Träumen auf mich wartet. Es ist immer dasselbe, er lauert mir auf, packt mich und sperrt mich irgendwo ein. Ich schreie, keiner hilft mir, keiner hört mich.

Er war schon immer anhänglich. Seit Beginn an. Und umso mehr Zeit verging, umso länger wir zusammen waren, desto mehr wurde er zu meinem Schatten. Es war furchtbar. Ich konnte nirgendwo hingehen, ohne dass er mich begleiten wollte. Ich konnte mich nicht mit meinen Freunden treffen, ohne das er mir im Nacken saß. Bestand ich auf Zeit für mich, schrie er mich an. Ergriff ich die Flucht, rief er mich im 10-Sekunden-Takt an und telefonierte alle meine Freunde ab, fragte sie, wo ich sei.
Ich machte erst nach sechs Jahren Schluss. Ich konnte es nicht eher. Zu sehr klammerte ich mich an die Hoffnung, dass es "irgendwann" besser werden würde. So wie ganz am Anfang dieser Fas. Da, wo die Welt noch in Ordnung war. Aber "irgendwann" wurde mir dann bewusst, dass das nicht passieren wird.
Ich erhoffte mir Ausgelassen- und Freiheit, Frieden. Ich wollte aufatmen. Aber ich bekam nichts davon, im Gegenteil.

Wir saßen im Wohnzimmer. Ich versuchte sachlich mit ihm zu reden, bot ihm an, dass man befreundet bleiben könne. Schließlich habe man so viele Jahre zusammen verbracht. Ich dachte wirklich, wir schaffen das. Freundschaftlich.
Aber er hörte mir nicht zu. Er bekam eine Panikattacke und schmiss sich auf den Fußboden. In Embriohaltung verharrte er dort gute eineinhalb Stunden und war am hecheln und weinen. Ich war in diesem Moment ziemlich perplex und wusste nicht, was ich machen sollte. Wer rechnet denn mit so einer Reaktion?
Nach besagter Zeit, verstummte er dann und stand auf. Er verließ einfach die Wohnung, ohne Worte. Ich habe ihn nicht aufgehalten. Ich war froh, dass er endlich weg war. Aber es dauerte keine zwei Stunden, bis er meine Eltern und meinen Bruder anrief und sie anflehte, ihm zu helfen, mich zurück zu gewinnen. Natürlich haben sie das ausgeschlagen. Mein Vater sagte ihm sogar, dass er froh ist, dass ich ihn endlich in den Wind geschossen habe und das er uns alle in Ruhe lassen soll.
Danach folgte ein nervlicher Zusammenbruch im Social Media: Er postete auf Facebook und Twitter, dass ich ihn verlassen habe und sein Leben keinen Sinn mehr mache. Nachdem sich unter den Kommentarem nur genervte Freunde Luft oder über ihn lustig machten, löschte er alles.
Einen Tag später fuhr er persönlich bei all meinen Freunden vorbei und bat sie um Unterstützung. Er wolle mich zurück haben, würde alles dafür tun. Alle haben sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Meine beste Freundin hat sogar mit Polizei gedroht: "Sag mal, spinnst du eigentlich!? Klingelst hier bei jedem, redest total wirres Zeug und nervst uns alle. Lass uns doch mal in Ruhe! Keiner will mit dir reden oder dir helfen. Sie hat alles richtig gemacht! Und es wurde auch langsam mal Zeit, dass sie sich von dir befreit! Du bist echt nicht mehr ganz dicht! Komm damit klar und verhalte dich wie ein Erwachsener und nicht wie ein kleines Kind, dass seinen Teddy verloren hat. Kommst du nochmal an, rufe ich die Polizei. Verschwinde!" Ich saß zu dem Zeitpunkt in ihrem Wohnzimmer und versteckte mich hinter dem Sofa.
Aber Schluss war dann noch lange nicht. Er klapperte sogar noch meine Nachbarn ab. Sogar die, die ich gar nicht richtig kannte. Ich habe eine Abmahnung von meinem Vermieter bekommen, weil ich verantwortlich für die Belästigung wäre.
Als er merkte, dass er so nicht weiterkam, fing er an mir aufzulauern. Er folgte mir, wenn ich zur Arbeit fuhr. Er folgte mir, als ich einkaufen ging. Er stand vor meinem Haus. Ich versuchte ihn zu ignorieren, erfolglos.
Er begann sich ins Haus zu schleichen. Wenn jemand aus der Haustür ging, ging er rein. Er setzte sich vor meine Wohnung, klopfte und weinte.
Ich dachte, dass er sowie so irgendwann gehen würde und habe nicht geöffnet. Was sollte ich denn machen? Er musste es doch verstehen. Aber er tat es nicht. Er saß stundenlang auf meiner Fußmatte.
Schlussendlich machte ich auf und sagte immer wieder, er solle gehen und dass das alles nichts bringen würde. Aber dann schubste er mich zur Seite und ging in mein Wohnzimmer. Das passierte viermal. Wenn ich mein Handy ergreifen wollte, war er schneller, nahm es sich und steckte es in seine Hosentasche.
»Ich akzeptiere das nicht. Wir sind ein Team, wir müssen über unsere Probleme reden und eine Lösung finden! So macht man das in einer Beziehung!«, schrie er.
»Beziehung? Ich habe dich vor fünf Wochen verlassen. Wir haben keine Beziehung mehr. Lass mich doch endlich in Ruhe. Ich will mit deinem Leben nichts mehr zutun haben!«
»Unser Leben!«
»Es gibt kein uns mehr!«
Er schnaubte, schmiss mein Handy zu Boden und ging. Aber ich wusste er würde wieder kommen. So wie er es immer bisher tat. Allein zu Hause zu bleiben kam nicht mehr in Frage. Für meine beste Freundin zumindest nicht. Sie wollte nicht, dass es endlos so weitergeht. Also kam sie jeden zweiten Tag vorbei und blieb auch meist bis spät in die Nacht.
Und dann kam der Samstag. DER Samstag.
Wir, meine beste Freundin und ich, saßen zusammen an meinem Küchentisch, als mein Handy klingelte. Ich kannte die Nummer nicht und ging auch nicht ran. Es klingelte wieder und wieder. Nach zehn Minuten machte ich mein Handy aus.
Dann klingelte das meiner Freundin. Sie wurde wütend und ging ran: »Was willst du!? (...) Mein Gott, hör auf zu heulen. (...) Sie aber nicht mit dir! (...) Was denn? (...) Du bist das Allerletzte! Sowas zu behaupten. Du hast ja gar kein Schamgefühl mehr, du spinnst doch!«
Ich deutete ihr an, mir das Telefon zu geben und sie schüttelte den Kopf. Ich schaute dringlicher und sie stöhnte genervt, gab mir aber das Handy.
»Was für eine Nummer ist das?«, fragte ich.
»Eine Prepaidkarte. Du gehst ja nicht mehr ran, wenn du meine Nummer siehst.«
»Um Himmels Willen, du bist doch nicht mehr ganz gescheit.«
»Sag das nicht.«
»Was willst du noch? So geht das nicht weiter. Hör endlich auf mir das Lebens schwer zu machen. Bitte.«
»Ich muss dir was sagen.«
»Was?«
»Ich muss dich sehen.«
»Das kannst du vergessen.«
»Bitte.«
»Nein.«
»Ich bin krank.«
»Ich weiß.«
»Nein, richtig krank.«
»Aha.«
Kurze Stille.
»Ich habe Aids.«
Ich schluckte. »Wie bitte?«
»Ja und du kannst es auch haben. Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen!«
»Ah ja und von wem hast du es?«
»Von so einem Mädchen.«
»Ist klar.«, sagte ich und rieb mir die Schläfe.
»Wieso glaubst du mir nicht!?«
»Du bist 24/7 damit beschäftigt mich zu stalken und mir aufzulauern. Du bist so auf mich fixiert, dass dir niemals der Gedanke käme, dich mit jemand anderen zu treffen oder gar mit ihm zu schlafen. Du bist ein verzweifelter, kranker Mensch. Lass dir endlich helfen! Und lass mich bitte endlich in Ruhe!«
»Leg nicht auf!«
»Doch!«
»Ich werde mich umbringen! Und du wirst Schuld sein!«
Dann legte ich auf und sah meine Freundin an. Sie schäumte vor Wut. Alles in mir fühlte sich taub an. Natürlich log er. Das war offensichtlich. Aber dennoch war da ein kleiner Teil von mir, der dachte, dieses Schwein habe mich mit einer tödlichen Krankheit angesteckt.
Meine Freundin ging ganz automatisch zum Fenster und wieder klingelte ihr Handy. Tobend stürzte sie sich auf das kleine Ding und schrie ins Telefon: »VERSCHWINDE! ICH WERDE JETZT DIE POLIZEI RUFEN!«
Dann ging sie zum Fenster und sagte irgendwas, was ich nicht verstand. Nach ein paar Minuten kam sie wieder.
»Sitzt er schon wieder draußen?«, fragte ich und seufzte.
»Ja.«
»Was hat er noch gesagt?«
»Nichts.«
»Bitte.«
»Er hat eine Packung Paracetamol dabei und die will er komplett nehmen. Er futtert die Dinger gerade wie Smarties.«
»Was!?«
»Hey, komm runter. Traust du ihm das zu? Ich glaube, er erzählt wieder irgendwas in der Hoffnung, dass er so hier rein kommt.«
Ich seufzte. »Du hast Recht. Wann hört das auf?«
»Entweder wenn er wirklich eine Packung Paracetamol nimmt oder man ihn wegsperrt. Der ist doch irre.«
Ich ging nicht auf ihre Bemerkung ein. »Ich wusste, dass es schlimm für ihn wird. Aber das? Wer hätte damit gerechnet?«
»Keiner.«, sagte sie und ging wieder zum Fenster im Wohnzimmer. »Ey, er ist weg!«
»Ehrlich!? Ich rannte ins Wohnzimmer, zum Fenster und er war tatsächlich nicht mehr zu sehen. Ich fühlte mich kurz befreit und viel wohler. Aber dann klopfte es an der Wohnungstür. In diesem Moment explodierte meine Freundin erneut (sie hat viel Temperament), rannte in den Flur, riss die Tür auf, brüllte, dass er verschwinden solle und knallte die Wohnungstür so sehr zu, dass die Wände zitterten.
»Wir rufen jetzt die Polizei! Bleib da stehen und geh bloß nicht zur Tür. Er steht da und macht einen auf Zitteraal.
»Er zittert?« In mir machte sich ein ungutes Gefühl breit. »Was ist, wenn er wirklich Tabletten genommen hat?«
»Was!?«
Ich rannte zu Tür und riss sie auf. Er lag auf dem Boden, war weiß wie Kreide und sein Mund schäumte.
»Ruf einen Krankenwagen!«, schrie ich.
»Ach, der tut nur so!«
»Nein, tut er nicht!«
Ich schnappte mir das Telefon und rief den Notruf. Ein paar Minuten später kamen Sanitäter und Polizei. Die Nachbarn standen im Hausflur, ich saß in der Küche und wurde von einem Polizisten befragt. Ein Zweiter befragte meine beste Freundin. Und mein Ex wurde von den Sanitätern im Flur behandelt.
Der Polizist legte mir nah eine Anzeige zu erstatten. Und ich, so naiv ich war, lehnte ab. Ich versicherte ihm, dass er nicht gefährlich sei. Er sei psychisch nur labil, brauche professionelle Hilfe. Der Polizist sagte mir trotzdem, ich solle sofort anrufen, wenn er mir nochmal auflauern sollte. Man würde alles vorbereiten. Ich nickte und sie gingen alle.
Danach brach ich zusammen. Ich weinte und weinte. Nicht, weil ich mir Sorgen machte. Es war alles zu viel. Seit diesem Tag finde ich keinen Schlaf mehr.
Eine Woche später fuhr ich mit dem Rad zur Arbeit und erschrak, weil ich mir einbildete, er würde hinter einem Baum stehen. Ich fiel so unglücklich, dass ich mir zwei Rippen und meinen Arm brach. Außerdem hatte ich ein Schleudertrauma. Durch den Schock und den Schreck merkte ich das nicht sofort. Ich wollte einfach schnell weg. Ich hatte angst, er stehe wirklich hinter mir und radelte schnell zur Arbeit. Dort angekommen merkte ich jedoch, dass was nicht stimmte und fiel einfach um. Ein Krankenwagen brachte mich ins Krankenhaus und in der Notaufnahme sah ich ihn im Wartebereich sitzen, als die Tür aufschwank. Ich hatte panische Angst. Ich hatte das Gefühl, dass er überall war.
Gerade als ich die Schwester bitten wollte, ihn wegzuschicken oder die Polizei zu rufen, kam eine andere und hatte ihn im Schlepptau. Er behauptete mein Verlobter zu sein. Sie ließen uns alleine und ich schluckte nur.
»Wie geht es dir?«, fragte er besorgt.
»Was willst du hier?«
»Ich habe den Krankenwagen gesehen.«
»Du standest hinter dem Baum, oder?«
Er schwieg.
»Standest du da!?«
»Ja.«
»Und du hast mir nicht geholfen.«
»Hättest du dir von mir helfen lassen?«
»Nein.«
Er kniff die Lippen zusammen.
»Und du bist mir zur Arbeit gefolgt?«, fragte ich.
»Ja.«
Ich atmete tief ein und aus. Ich wollte keine Szene machen. Ich dachte, ich kann das bewerkstelligen. Ich bin kein Fall für "Mitten im Leben". Das ist alles nur ein Alptraum.
Der Arzt kam, verpasste mir einen Gips für meinen Arm und eine Halskrause. Die Rippen würden so wieder zusammenwachsen, sie seien nur angeknackst. Danach bestand mein Ex darauf mich nach Hause zu bringen. Ich wollte das nicht. Ich sagte immer wieder nein.
Als die Schwestern komisch guckten sagte er: »Ach Schatz, nun hab dich nicht so. Es ist nicht schlimm, wenn ich später wieder zur Arbeit zurück fahre. Mach dir keine Sorgen.«
Als er das so sagte, nahm er mich in den Arm und krallte seine Hände in meinen Rücken. Ich war starr vor Angst, ich konnte nichts sagen.
Er fuhr mich nachhause und half mir auf mein Sofa. Ich konnte mich nicht wehren. Wie denn auch mit meinen Verletzungen? Mein Handy war in meiner Tasche und die trug er. Ich sagte, ich wolle schlafen. Er sagte, er würde gehen und ließ mich in Ruhe. Das kam mir komisch vor, aber ich dachte mir nichts dabei. Ich war von den Schmerzmitteln zu benebelt.
Ich wartete bis er in den Flur ging und ich die Wohnungstür zufallen hörte. Dann schloss ich die Augen und schlief sofort ein.
Als ich die Augen wieder öffnete, saß er plötzlich auf meinem Sofa. Vor ihm lag mein zerschmettertes Handy. Ich schrie vor Schreck.
Was denkt man in so einem Moment? Wie ist er in die Wohnung gekommen? Was macht er da? Hilfe! Aber das alles rattert man in Gedanken so schnell runter, dass es einem so vor kommt, als würde man gar nicht denken.
»Du hast mich betrogen.«, sagte er in stiller Wut.
»Wie bist du hier rein gekommen?«
»Du bist so ein mieses Stück.«
»Was hast du mit meinem Handy gemacht!?«
»Wer ist er!?«, schrie er plötzlich. In dem Moment wurde mir bewusst, dass er meine Chatverläufe gelesen hat. Ich schrieb mit einem alten Schulfreund aus der Realschule. Wir redeten darüber, was aus uns geworden war und was die letzten Jahre so passierte. Mein Ex war eifersüchtig. Das konnte er gut.
»HILFE!«, schrie ich.
Er flippte aus, tobte in meiner Wohnung. Ich schrie um Hilfe, kreischte regelrecht.
Dann hörte ich Sirenen und die Polizei kam. Sie traten die Tür auf und nahmen ihn fest. Ich wusste nicht mehr was geschah, es ging so schnell. Ich war erleichtert und gleichzeitig unglaublich verängstigt.
Ich erstattete Anzeige und erhob Anklage, obwohl ich gar nichts tat. Meine Eltern und meine beste Freundin sorgten dafür.
Mir wurde gesagt, dass er in eine psychiatrische Anstalt gebracht worden sei. Man würde ermitteln, aber es sehe schlecht aus. Sein Anwalt plädiere auf Unzurechnungsfähigkeit und seine Chancen standen unheimlich gut.
Das Verfahren zog sich. Aber es wurde schnell klar, dass ich verlor. Der Richter entschied, dass er tatsächlich unzurechnungsfähig war und er wurde eingewiesen.
Diese Enttäuschung, diese Ungerechtigkeit. Er bekam keine Strafe. Aber Hilfe. Vielleicht ein kleiner Trost. Aber es hörte trotzdem nicht auf. Ich bekam Briefe. So viele Briefe. Ich warf sie alle in den Müll. Es nahm kein Ende, auch wenn er mir nicht mehr auflauerte.

Und nun sitze ich hier im Dunkel meiner Wohnung und starre aus dem Fenster. Er ist keine Fata Morgana. Er ist wirklich hier. Schon wieder.
Ich bin durch einen Alptraum hochgeschreckt, wie sooft. Jedesmal, wenn das passiert, schaue ich automatisch aus dem Fenster. Es ist die Gewohnheit. Ich dachte, ich träume noch, als ich ihn dort stehen sah.
Aber ich bin wirklich wach. Ich bin unfähig etwas zu tun. Ich habe das Gefühl, dass es sowie so nichts bringt. Kein Polizist, kein Gericht kann ihn aufhalten. Also lasse ich ihn hier hoch starren. Und ich starre zurück und frage mich gleichzeitig, wie er aus der Psychiatrie gekommen ist. Ist er ausgebrochen?
Ich lege mich wieder ins Bett und schaue die Decke an bis es hell wird. Gerädert stehe ich auf und sehe, dass er nicht mehr da ist. Vielleicht habe ich auch nur geträumt. Ich hoffe es.
Ich habe mich damit abgefunden verrückt und vom Verfolgungswahn geplagt zu werden. Ich habe aufgehört dagegen zu kämpfen. Vielleicht hört das alles von allein auch wieder auf.
Mein Arbeitstag vergeht so stupide wie sonst auch, aber durch die Jahresabrechnung muss ich ziemlich lange arbeiten. Ich bin erst gegen neun zu Hause.
Ich hoffe heute schlafen zu können. Der Tag war hart und ich bin ohnehin schon übermüdet. Vielleicht schaffe ich es heute.
Als ich meine Wohnung aufschließe und hinein gehen will, werde ich plötzlich geschubst und falle hin. Die Tür fällt zu.
Ich schaue auf und da steht er vor mir. Ich kann es nicht fassen, bin starr vor Schock.
»Wie kann ich dir so egal sein?«, fragt er leise. Ich kann nur seinen Schatten sehen. Das Licht ist aus und ich sehe nur seine Kontur. Ein großer, breiter Mann steht vor mir. Aber ich weiß, dass er es ist. Ich habe angst und weiß nicht was ich machen soll. Ich schaue mich um, kann aber im dunkeln nichts erkennen. Ich springe auf und mache das Licht an.
Und da steht er mit angeschwollenen, roten Augen. Sein Blick ist starr und leer. Er trägt ein beiges T-Shirt und eine verwaschene Jeans. Seine Haare sind lang geworden und sind ziemlich struppig.
»Was machst du hier?«, frage ich. Ich atme schwer, meine Augen sind aufgerissen.
»Was glaubst du denn?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wie konntest du das alles nur so weit kommen lassen?«
»Ich? Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen?«
»Mit mir an unserer Beziehung arbeiten! Du hast alles kaputt gemacht!«, schreit er plötzlich und rennt in die Küche. Er schnappt sich ein ein Messer aus einer Schublade und sieht mich an.
»Was tust du da?«, frage ich panisch.
»Wir sind perfekt zusammen, du und ich. Lass es nicht so enden.«
»Leg das Messer weg.«, sage ich und hebe die Hände.
»Ich war immer für dich da. So einen wie mich wirst du nie wieder finden.«, murmelt er vor sich hin. »Das ist das Ziel! Himmel Herr Gott, lass mich doch endlich in Frieden!«
»ICH LIEBE DICH!«, brüllt er.
»Warum machst du mir das Leben dann so zur Hölle? Wieso terrorisierst du mich so? Ich ertrage das nicht mehr! Verschwinde! Verschwinde und komm nie wieder! Bitte geh! Geh endlich!«, schreie ich.
»Ich soll gehen? Gut, ich gehe für immer! Und du wirst Schuld daran sein!«, sagt er wirr und fasst das Messer mit beiden Händen und fängt an die Messerspitze in seinen Bauch zu drücken.
Dann geht alles ganz schnell: Ich springe auf ihn zu, trete ihn, so fest ich kann in die Hüfte und er fällt zu Boden. Ich hechte hinter ihm vorbei und schnappe mir das Messer.
»RAUS HIER!«, brülle ich und fuchtle mit dem Messer wie wild.
Er sieht mich an, leer und stumm. Seine Arme hängen schlaff herunter und seine Augen füllen sich mit Tränen.
»Was ist nur aus dir geworden?«, fragt er leise.
»Aus mir!? Das was du aus mir gemacht hast!«, schreie ich.
Er schüttelt den Kopf und geht Richtung Tür. Plötzlich ist er ein anderer. Er ist wie ausgewechselt. Im gehen sagt er über seine Schulter: »Man kann die Leute zu ihrem Glück nicht zwingen. Ich habe alles versucht. Ich kann nicht mehr kämpfen. Es ist vorbei.«
»ES IST SCHON SEIT SCHEIß SIEBEN MONATEN VORBEI!«, brülle ich ihm nach.
Ich höre die Tür ins Schloss fallen, bleibe aber trotzdem mit dem Messer in meinen Händen in der Küche stehen. Er könnte mich auch täuschen und sich hinter der Wand verstecken. So wie letztes Mal. Langsam schleiche ich in den Flur, aber er ist leer. Ich prüfe auch alle anderen Räume, aber keiner, außer mir, ist da. Ich lasse das Messer sinken und rufe meine beste Freundin an.
Sie kommt sofort und mit ihr die Polizei.

Zwei Tage später erfuhr ich, dass man ihn aus der Psychiatrie entlassen hat. Wegen guter Führung. Pff. Er habe gesagt, seine Briefe hätten meine Meinung zu allem geändert. Er fälschte Post, die angeblich von mir stammte, und zeigte diese seiner Psychiaterin. So einfach war das.
Mich hat man nie kontaktiert, nie gefragt, ob das alles stimmte. Alles eine Lüge und ihm wurde geglaubt.
Die Polizei fand ihn und nahm ihn fest. Ein erneutes Gerichtsverfahren fand statt. Es stand Aussage gegen Aussage. Ich schilderte die ganze Situation: Wie er mich in meine Wohnung schubste und sich mit dem Messer umbringen wollte, wie ich es ihm abnahm und aus meiner Wohnung warf.
Er erzählte, dass er nur mit mir reden und das Missverständnis klären wollte. Ich hätte ihn dann mit dem Messer bedroht und wollte ihn angreifen.
Ohne Zeugen, keine wirkliche Gerechtigkeit. Im Zweifel wird halt immer zu Gunsten des Angeklagten entschieden. Ich erhoffte mir eine hohe Strafe, aber die bekam er nicht.
Aber durch die ganzen Vorfälle der letzten Monate und die gefälschten Briefe wurde entschieden, dass er sich mir wenigstens nicht mehr nähern darf. Außerdem hat er drei Jahre auf Bewährung bekommen. Kann man das einen Trost nennen?
Meine beste Freundin sagte, sie hoffe, dass er nochmal kommt und gegen die Auflagen verstößt. Dann würde er ins Gefängnis kommen. Ich hoffe einfach, dass ich ihn nie wieder sehen muss.
Es sind einige Monate vergangen. Ich bin umgezogen und habe meinen Job gewechselt. Ich wollte mit all dem abschließen. Zu viel war passiert. Ich hoffte auf einen Neuanfang.
Aber meine Alpträume plagen mich nach wie vor. Es sind nach wie vor dieselben. Einmal die Woche spreche ich mit einer Therapeutin darüber. Sie ist ganz nett. Vielleicht kann sie mir helfen, dass alles irgendwann zu vergessen.

Mein Vater sagte mal, lieber ein Schrecken mit Ende, als ein Schrecken ohne Ende. Mmh. Ich hatte irgendwie beides.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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