Montag, 1. Mai 2017

14 Tage mit Dir - Tag 14 (Part 7)

HIER geht es zu Part 6 :)

Er schläft. Er tut nichts anderes mehr. Er ist gar nicht mehr wach. Es ist so, als sei er schon fort, nur seine Hülle ist noch hier und hält uns hin. Vielleicht ist das ein Ablenkungsmanöver und er ist schon längst über alle Berge. Eine Attrappe, die uns nur noch an der Nase herum führt.
Er ist gar nicht mehr hier, sondern schon woanders. Am Bahnhof vielleicht oder am Flughafen. Er wartet nur noch auf die Abfahrt, das Ticket fest umklammert.
Eigentlich sitzen wir nur hier und warten bis es los geht, damit wir mit unseren Taschentüchern winken können. Keiner redet. Diese Ruhe fühlt sich wie diese beklemmende Stille im Wartezimmer an, wenn man jeden Moment damit rechnet, von einer Arzthelferin aufgerufen zu werden. Einerseits macht es mich wahnsinnig, nur das Ticken der Uhr zu hören und anderseits empfinde ich es als äußerst angenehm nur das und das Rauschen in meinen Ohren zu hören, während das Blut in meinem Kopf seine Bahnen zieht.
Er ist nicht allein. Gar nicht mehr. Seine Eltern sind rund um die Uhr bei ihm. Es stehen sogar zwei spärliche Feldbetten an der Wand. Sie haben darauf bestanden, auch wenn sie die Dinger nicht benutzen. An Schlaf ist sowie so nicht zu denken. Sie haben mir erlaubt zu bleiben, bei ihm zu sein. Ich sei ihm zu sehr ans Herz gewachsen, als das man mich von ihm nun fernhalten könne. Ich hätte es auch nicht ertragen.
Abgesehen von seinen Eltern und mir, ist heute noch eine andere Person mit im Raum. Ein Mädchen. Gertenschlank, braune, lange Haare und etwas größer als ich es bin. Ihre Augen sind leer und starren Jonas immerzu nur an. Ich habe sie bisher kein einziges Mal sprechen gehört. Aber wir reden ja auch nicht. Aber sie, sie ist einfach nur da und sieht ihn an. Zuerst war ich schockiert, weil ich dachte, sie könne eine heimliche Freundin sein. Eine heimliche Liebe von der mir bisher niemand was erzählt hat. Ich stand wie eine Statue im Türrahmen, als ich sie vorhin gesehen habe. Doch Jonas' Mutter stellte sie mir direkt, als seine große Schwester vor, die zum ersten Mal heute hier sei. Sie kommt mit der Situation nicht zurecht und war deswegen noch nie hier, flüsterte mir seine Mutter zu. Jonas hat sie auch nie erwähnt und ich frage mich wieso. Vielleicht war er sauer und fühlte sich im Stich gelassen? Für mich die einzige, logische Erklärung.
Die Minuten vergehen nur langsam. Aber wie soll es auch sonst sein, wenn man nur da sitzt und wartet?
Moni kommt gelegentlich ins Zimmer und schaut nach dem Rechten. Sie checkt die Geräte, schaut uns einen nach dem anderen an und legt mir jedes Mal die Hand auf die Schulter, wenn sie wieder rausgeht.
»Soll ich euch was zu Essen oder Trinken bringen?«, fragt sie wieder, wie jedes Mal wenn sie im Raum ist. Bisher bekam sie von niemanden eine Antwort oder gar eine Reaktion, weil alle zu sehr ins Warten vertieft sind, aber diesmal steht Jonas' Schwester auf und geht raus. Ich sehe ihr lange hinterher und dann merke ich, dass Moni mich anstarrt.
»Was?«, frage ich genervt.
Moni deutet mit dem Kopf zur Tür und zieht die Augenbrauen hoch. Widerwillig stehe ich auf und gehe hinaus. Ich will Jonas nicht alleine lassen, wehmütig sehe ich über meine Schulter.
»Er wird gleich noch da sein. Geh.«, flüstert Moni. Was will sie von mir?
Ich gehe hinaus in den Flur und sie folgt mir. Hinter sich schließt sie die Tür.
Ich drehe mich um und sie sagt: »Rede mal mit ihr. Ich glaube, das könnte sie jetzt gebrauchen.«
»Und worüber? Ich kenne sie doch gar nicht.«, sage ich. Ich bin patzig und ich weiß nicht mal wieso.
»Paula.«
»Tut mir leid. Ich, ich-«, aber ich weiß nicht was ich sagen soll. Moni schüttelt nur den Kopf und nimmt mich in den Arm.
»Ist schon in Ordnung. Ich weiß, wie du dich fühlen musst. Es tut mir leid. Alles. Keiner hätte gedacht, dass ein simples Schülerpraktikum so verlaufen könnte. Ich wünschte, du hättest es so leicht oder gar normal gehabt, wie deine Mitschüler. Normalerweise gewöhnt man sich daran, den Familien dabei zu zusehen, wie sie Abschied nehmen. So hart es klingen mag. Aber bei euch, bei dir, fällt es mir unglaublich schwer so gefasst zu bleiben, wie es von mir verlangt wird.«
»Ich bereue es nicht eine Sekunde die letzten zwei Wochen hier verbracht zu haben. Das war bisher die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.«
Moni seufzt und lässt mich los. »Jonas' Schwester, Hanna, studiert in einer anderen Stadt. Ihr Traum war es immer Ärztin zu werden und ihre Eltern haben alles dafür getan, dass sie ihren Traum erfüllen kann. Sie bekam nicht die Möglichkeit hier zu studieren, aber gehen wollte sie auch nicht, weil sie Jonas nicht im Stich lassen wollte. Aber das wollte er wiederum nicht. Er sagte damals wohl, dass das Leben zu kurz und zu kostbar sei, um die Zeit nicht jede Minute auszukosten. Das war damals sehr erwachsen für sein Alter. Aber sie wollte partout nicht gehen. Er sprach mit seinen Eltern und auf seinen Wunsch beschlossen sie, ihr nach einer guten Phase, zu sagen, dass es Jonas besser gehen würde, dass er eine Chance habe und sie sich keine Sorgen machen müsse. Sie könne gehen. Und so ging sie studieren.«
»Sie haben sie angelogen?«
»Ja. Aber Jonas tat es für sie. Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Sie haben telefoniert, gechattet und ab und zu über das Internet telefoniert, mit Video. Ich weiß nicht wie das heißt.«
»Skype.«
»Ja, genau. Jonas hat alles dafür getan, um den Schein aufrecht zu erhalten. Aber jetzt wo es nun langsam so weit ist, haben seine Eltern sie natürlich angerufen.«
»Sie wusste nicht, dass er hier ist?«
»Nein.«
Geschockt sehe ich Moni an.
»Deswegen spricht sie auch mit niemanden. Schock, Wut, Trauer. All das macht sich gerade in Hanna breit. Mit ihren Eltern wird sie erstmal nicht sprechen. Aber vielleicht mit dir. Sie muss mit jemanden reden und du musst das auch.«, sagt Moni und versucht zu lächeln. Klappt nicht so ganz.
Ich seufze, aber diesmal vor Erschütterung. Ich drehe mich um und meine Beine machen den Rest. Ich kann nicht denken, ich weiß nicht woran. Ich gehe die Treppe hinunter in die Eingangshalle und schaue mich um. Dann gehe ich in Richtung Speisesaal und durch die Fenster sehe ich Hanna auf einer Bank sitzen. Ich weiß nicht, wie lange ich hier stehe und sie einfach nur ansehe. Aber sie erwidert meinen Blick und ich erschrecke mich. Ich schlucke einmal und gehe zu ihr hinaus. Sie sieht mich unverwandt an, sagt aber kein Wort als ich mich neben sie setze.
»Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich bin wütend, enttäuscht, traurig und das Schlimmste: etwas erleichtert.«, sagt Hanna plötzlich. Ihre Stimme ist höher, als ich erwartet habe. Sie ist etwas heiser, aber das kommt wohl daher, dass sie den ganzen Tag noch nichts gesagt hat.
Ich schaue sie an: »Erleichtert?«
»Schrecklich oder?«, sagt Hanna und eine Träne läuft über ihre Wange.
»Dein Bruder stirbt.«
»Ich weiß.«, sagt sie und sieht mich an. »Er stirbt schon sein Leben lang.«
Sie sieht zur Seite und in die Leere. »Ich wollte immer für ihn da sein. Deswegen wollte ich Ärztin werden. Ich wollte ihm helfen, ich wollte ihn heilen. Ich hatte Hoffnung. Aber es ging nicht beides. Ich konnte nicht bei ihm und gleichzeitig in der Uni sein. (...) Er hat mich angelogen. Meine Eltern haben mich angelogen. Ich kann ihn verstehen, aber sie haben mir nichts gesagt. Gar nichts. Und ich bin doch seine Schwester. Und das zählte nicht. Erst vor ein paar Tagen, als der Anruf kam. "Hanna, Jonas stirbt", haben sie nur gesagt. All die Mühe umsonst. Das ich nicht bei ihm war, umsonst. Ich kann seinen Krebs nicht mehr heilen.«, sagt Hanna und fängt bitterlich an zu weinen.
»Seinen vielleicht nicht. Wenn du mindestens einen anderen Menschen eines Tages das Leben retten kannst, war es all das schon wert.«, sage ich und wieder läuft eine Träne auch über meine Wange. Sie sieht mich an und nimmt meine Hand.
»Ziemliche Scheiße das alles.«, sagt sie.
»Ja.«
Der Himmel ist grau, es regnet gleich bestimmt. Der Wind weht und die Bäume rascheln. Es ist friedlich, die Vögel zwitschern. Ich schließe die Augen und halte die Luft an.  Plötzlich knallt die Tür zum Speisesaal auf und Anni steht im Rahmen. Sie starrt uns völlig außer Atem an.
»Jonas!«, krächzt sie und Hanna und ich springen sofort auf. Ich renne so schnell ich kann und bewege mich doch nur in Zeitlupe. Als ich nach Stunden (so fühlt es sich an) in Jonas' Zimmer ankomme, stehen alle und weinen. Nein, bitte nicht. Bitte nicht. Wo sind Wunder, wenn man sie braucht!?
Moni steht neben seinem Bett und checkt die Geräte. Jonas' Eltern stehen auf der anderen Seite. Seine Mutter hält seine Hand und sein Vater streichelt seinen Kopf. Sein Atem wird immer flacher und setzt manchmal aus und plötzlich ist es vorbei. 
So einfach.
Ich falle in ein tiefes Loch, alles ist schwarz. Ich höre ein Piepen und bin mir nicht sicher, ob ich einen Tinnitus habe oder ob es die Nulllinie auf dem Monitor neben seinem Bett ist. Und dann ist das nicht mehr Jonas der dort liegt. Er sieht nicht aus wie er. Nicht mehr.
Mein Mund steht offen, ich kann nicht atmen. Ich kann nur da stehen. Moni sagt irgendwas von einem Zeitpunkt des Todes und sagt das Wort Beileid. Dann geht sie an allen vorbei und steht direkt vor mir. Dann finde ich wieder zur Besinnung und fange an auf sie einzuschlagen.

»Du hast gesagt, er ist gleich noch da! Du hast mich rausgeschickt! Du hast gesagt, er ist gleich noch da!«, schreie ich und haue auf ihre Schultern. Sie sagt nichts, hält mich nur fest. Ich höre auf mich zu winden und weine. Ich weine laut, bitterlich. Ich kann mich nicht beherrschen. Es ist vorbei. Alles. Mein Praktikum, das Warten, Jonas' Leben. Aber auch sein Leid. Alles vorbei. Aus und vorbei.

Ich fühle mich taub, leer und gleichzeitig schwer, wie ein Fels. Nur ohne Brandung. Die Flut hat alles dahin gerafft und mir alles genommen. Ein Tsunami, dessen Katastrophenwarnung voraus ging und mich trotzdem überraschend niederstreckte.
Ich bin nicht mehr ich selbst und mich umschleiert nur noch Traurigkeit und Leere. Ohne ihn sind die Gefühle von heute nur noch die leere Hülle der Gefühle von damals.
Oder bin ich nur noch die leere Hülle? Ich glaube schon.
Das Praktikum ist jetzt sechs Wochen her und ich war seither nicht in der Schule. Ich kann nicht. Ich kann nicht so tun, als ginge es mir gut. Nicht mehr.
Alles ist so anders. Erst war alles so bunt, hatte so viel Kontrast und dann hat jemand die Sättigung auf Null Prozent gedreht und die Welt ist nur noch grau.
Ich habe so viel geweint, aber seit ein paar Tagen geht das nicht mehr. Ich glaube, ich habe meine Tränen für mindestens ein Leben aufgebraucht. Mein Herz schmerzt auch nicht mehr. Es ist komplett gebrochen. Zerbröselt in so viele kleine und feine Einzelteile, dass es nur noch Staub ist. Und dieser Staub ist beim letzten Windstoß davon geweht worden. Ich fühle nichts mehr. Da ist nur noch Leere und nichts kann diese mehr füllen. Ich bin innerlich tot.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen