Freitag, 5. Mai 2017

14 Tage mit Dir ... hier und die Zukunft mit Dir woanders


Es ist lachhaft. Ein schlechter Scherz vom Universum. Meine Eltern glauben, dass ich mich auf eine unerklärliche Weise angesteckt haben muss (was für ein unbeschreiblicher Unsinn). Sie versuchen es zu verstehen, also suchen sie nach einer Erklärung. So abwegig sie sein mag. Ich glaube es ist Schicksal. Ich glaube, es war so vorher bestimmt. Alles.
Es ist jetzt gute zwei Jahre her. Ich liege im Nebenzimmer. Eine dünne Rigipswand trennt mein Bett von dem, in dem er gestorben ist. Es war das einzige Zimmer, dass frei war.
Es fing genau sechs Monate nach seinem Tod an. Auf den Tag genau. Das lässt mich nur noch mehr glauben, dass es so sein sollte. Ich war ständig müde, hatte keinen Appetit mehr, war blass und abgeschlagen. Dann kamen die Erkältungen, Grippe, Bronchitis, Lungenentzündungen. Ich war ständig krank, wurde gar nicht mehr richtig gesund. Es dauerte ein paar Monate bis die Ärzte drauf kamen. Hanna hat sich darüber furchtbar aufgeregt (wir haben noch Kontakt und chatten ab und zu oder telefonieren). Schließlich dachte man erst, ich sei einfach anfällig und habe ein geschwächtes Immunsystem. Aber was wars? AL (= Akute Leukämie. Da gehts besonders schnell).
Meine Trauer hätte mich krank gemacht, sagte meine Mutter damals besorgt. Das habe ich ihr erst geglaubt, aber jetzt nicht mehr. Ich glaube, es sollte so sein. Schicksal halt.
Meine Leukämie ist ziemlich aggressiv. Wie ein tollwütiges Biest. Auch, wenn ich noch nicht lange davon weiß, zerfrisst sie mich wie eine gefräßige Raupe und bald ist von mir nichts mehr übrig. Selbst jetzt ist schon nicht mehr viel von mir da. Ich bin das löchrige Blatt am kranken Baum, der sich mein Leben nennt.
Ich schlafe ziemlich viel. Und ich liebe es. Keine Schmerzen, ich muss meine Eltern nicht dabei beobachten, wie sie mir beim abnippeln zusehen, ich muss mir Monis Witze nicht anhören und in meinen Träumen sehe ich ihn wieder. Jonas. Die Träume beginnen immer gleich: er wartet im Sonnenschein am Seeufer auf mich. Und er hat Haare, sogar Augenbrauen! Wunderschöne, weiche, braune Haare. Und dann sitzen wir am Wasser, essen Eis und reden. Manchmal kuscheln wir auch oder küssen uns, was wir in Wirklichkeit nie geschafft haben. Traurig oder? Da traf ich meine große Liebe und habe sie nicht einmal geküsst. Wie gerne hätte ich seine Lippen gespürt. Aber das ist jetzt okay, ich sehe ihn in meinen Träumen und bald, wenn all das zu Ende ist. Wenn ich daran denke, muss ich lächeln. Das Bauchkribbeln ist so wunderschön. Ich liebe es. Ich liebe ihn.
Daran hat sich die letzten zwei Jahre nie etwas geändert. Und das wird es auch nicht mehr. Ich liebe ihn hier und ich liebe ihn jetzt. Und ich werde ihn auch in Zukunft irgendwo anders lieben. Ich werde ihn wiedersehen, das weiß ich. Nicht in diesem Universum, aber in jedem anderen. Ich werde mich nicht daran erinnern ihn gekannt zu haben, ihn geküsst oder geliebt zu haben. Aber all das ist unwichtig, denn wir werden all das nochmal erleben. Nur in einer anderen Variante. In einer, in der wir beide gesund sind. In der wir leben, gemeinsam.
Wenn ich wach bin, ist immer jemand da. Meine Eltern, meine Großeltern oder ein paar Freunde. Und alle haben sie eins gemeinsam: das gebrochene Herz. Es macht mich wahnsinnig. Aber ich bin zu müde, um mich darüber aufzuregen. Immer, wenn ich meine Augen aufmache, sehe ich ein anderes Gesicht. Ich wäre gerne mal allein und hätte Zeit zum Nachdenken, wenn ich mal klar bin. Aber alle denken, es ist besser, wenn jemand da ist. Ich soll diesen letzten Weg nicht allein gehen. Dabei wäre es so viel einfacher für mich. Aber um mich geht es hier jetzt nicht mehr, sondern um sie. Jonas sagte damals, sie müssen mit seinem Tod klar kommen. Nicht er. Da hatte er Recht.
Es tut mir weh, sie so zu sehen. So verletzt und so traurig. Ich weiß, dass sie mich lieben. Sie wollen mich nicht verlieren. Ich will ihnen das auch nicht antun und trotzdem tue ich es. Ich habe angst, dass sie damit nicht zurecht kommen. Ich habe angst, dass Trauer einen wirklich krank machen kann. Ich habe angst, dass sie mich vielleicht doch krank machte. Und ich will nicht, dass jemand anderes dasselbe Schicksal wie ich erleiden muss. Ich will, dass sie leben. Ich will, dass sie glücklich sind. Ich will, dass sie darüber hinweg kommen.
Ich lasse hier alle zurück, weil ich gehen muss. Ich habe keine Wahl. Ich frage mich manchmal, ob ich mich anders entscheiden würde, wenn ich eine Wahl gehabt hätte. Ich meine, würde ich freiwillig in einer Welt ohne ihn leben wollen? Ich will es jetzt schon nicht, da würde ich es sonst auch nicht wollen. Davon bin ich überzeugt. Man sagt ja: "Das Leben geht weiter." Aber nicht für mich. Ich bin die Ausnahme. Aber bestätigen diese nicht die Regel? Dieses Sprichwort habe ich noch nie verstanden...
Ich merke, wie mich meine Kräfte immer mehr verlassen. Ich spüre es jede Minute und jede Sekunde, wenn der Zeiger der Uhr leise tickt.
»Liebes?«, höre ich eine raue Frauenstimme sagen. Im Hintergrund höre leises Wimmern. Jemand weint.
»Mmh?«, bringe ich nur hervor. Ich kann meine Augen nicht öffnen. Es geht irgendwie nicht.
»Es ist okay.«, sagt die Stimme. Ich spüre, wie mir jemand über den Kopf streichelt.
»Wirklich?«, frage ich stumm.
»Du kannst gehen.«, sagt sie wieder.
»Ich will euch nicht verletzen.«, sage ich wieder stumm.
»Es ist wirklich okay. Quäl dich nicht weiter.«
»Okay, danke.«, denke ich und atme einmal tief ein. Und dann passiert etwas, was man als außerkörpliche Erfahrung beschreibt. Ich sehe mich selbst, wie ich im Bett liege. Moni sitzt an meiner Bettkante und hält meine Hand. Ich bin an Schläuchen angeschlossen, die irgendwelche Werte anzeigen. Die Linie ist ziemlich flach.
Meine Eltern stehen auf der anderen Seite des Bettes und halten meine andere Hand. Dann sind da noch meine Großeltern und meine zwei besten Freundinnen. Alle haben sie dicke Augen vom Weinen. In einer hinteren Ecke stehen noch ein Mann und zwei Frauen. Hanna und ihre Eltern. Irgendwie bin ich gerührt und gleichzeitig weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Es betrübt mich. Aber das ist jetzt eh egal. Alle sind da. Ein letztes Mal.
Das ich keine Angst habe macht mir Angst. Ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Ist das normal? Sollte das nicht eigentlich ein Instinkt sein?
Ich schließe die Augen und schlafe wieder ein. Selbst bei einer außerkörperlichen Erfahrung bringt mich nichts um meinen geliebten Schlaf.
Wieder wartet Jonas auf mich. Aber diesmal ist etwas anders. Ich habe Koffer neben mir stehen. Verwundert sehe ich sie mir an und dann zu Jonas. Er kommt auf mich zu und küsst mir auf die Stirn (er ist übrigens etwas größer als ich).
Dann wird es mir klar: »Ist es soweit?«
Jonas nickt und nimmt einen Koffer in die eine und meine Hand in seine andere Hand. Ich nehme den anderen Koffer. Ich schlucke einmal und wir gehen einfach los.
»Dann wollen wir mal. Auf in ein neues Leben!«, sage ich entschlossen und gehe mit Jonas ins Unbekannte.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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