Mittwoch, 19. April 2017

14 Tage mit Dir - Tag 9 (Part 5)


»Ich habe von dir geträumt.«, sagt er leise.
»Von mir?«
»Ja. Wir saßen an einem See und die Sonne hat geschienen. Wir haben Eis gegessen.«
»Hört sich nach einem Date an.«
»Ja. Ich glaube, das war es auch.«
»Mmh.«
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»Es hat sich richtig echt angefühlt. Ich habe sogar die warme Sonne auf meiner Haut gespürt und das Eis geschmeckt.«
»Und was war es für eine Sorte?«
»Erdbeere.«
»Wirklich? Ich hätte dich eher für den Schokoladentypen gehalten.«
Jonas lächelt schwach.
»Es war so real.«, eine Träne schleicht plötzlich über seine Wange. Ich schaue ihn an und lege meine Hand auf seine Wange. Mit dem Daumen streiche ich die Träne weg.
Irgendwie habe ich meine Berührungsangst verloren. Die letzten Tage hat es mich noch nervös gemacht, nur auf seiner Bettkante zu sitzen und jetzt? Ich würde ihn am liebsten die ganze Zeit berühren.
Seit gestern ist wieder alles anders.

Jonas hat den ganzen Tag geschlafen. Moni sagte, dass wäre normal. Wegen dem Morphin. Er kann auf die Schmerzmittel nicht mehr verzichten, denn die Durchbruchschmerzen kommen nun häufiger und viel intensiver. Außerdem versucht sein Körper vergebens durch den Schlaf noch ein bisschen Energie zu sammeln, um zu kämpfen. Auch, wenn er weiß, dass es vergebens ist. 
Seine Eltern saßen den ganzen Tag an seiner Seite. Dr. Schulte war auch da. Er redete mit ihnen, lange. Ich hörte seine tiefe, beruhigende Stimme, das Weinen von Jonas Mutter und zwischendurch die wackelige Stimme von seinem Vater. Wenn ich eine Minute Zeit hatte, stellte ich mich kurz vor die Tür und versuchte etwas zu lauschen. Ich weiß, das gehört sich nicht. Aber ich wollte nur wissen, ob alles so weit in Ordnung ist. Also habe ich im Grunde genommen nur nach dem Rechten gesehen. Neunmal. 
»Du weißt, dass man andere Leute nicht belauscht, oder?«, sagte Moni hinter mir, als ich ein letztes Mal vor der Tür stand. Ich erschreckte mich so sehr, dass ich aufsprang. Mit aufgerissenen Augen drehte ich mich zu ihr um, wusste aber nichts zu sagen. In diesem Moment kamen Jonas' Eltern und Dr. Schulte aus dem Zimmer. Natürlich.
Verwundert sahen sie Moni und dann mich an. Ein paar Sekunden vergingen bis Dr. Schulte sich an mir und Moni vorbei quetschte während ich Jonas' Eltern verlegen anstarrte.
Sein Vater seufzte und legte mir die die Hand auf die Schulter. »Du bist ein gutes Mädchen. Es ist schön, das Jonas jemanden wie dich jetzt hat.«, sagte er mit bebender Stimme. Tränen stiegen in seine Augen. Ich war wie gelähmt, konnte nichts sagen. Seine Mutter sah mich mit leeren Augen an. Die Zeit stand still, doch dann bewegte sich Jonas' Vater und ging an mir vorbei. Seine Mutter sah mich weiter an, doch dann machte sie einen Schritt auf mich zu und drückte mich fest an sich. Ohne Worte, einfach so. Dann sah sie mich an und lächelte: »Danke.«
»Aber, aber ich mache do-«, stotterte ich, doch Jonas' Mutter schüttelte mit dem Kopf und unterbrach mich: »Doch. Du-«, fing sie an, doch die Tränen übermannten sie. »Danke, dass du ihm noch zeigst, was Liebe ist bevor- «, doch dann brach sie wieder ab und lief an uns vorbei und die Treppe hinunter. Jonas' Vater presste die Lippen zusammen und ging langsam hinterher. Kraftlos.
Nun legte Moni mir die Hand auf die Schulter und sah mich traurig an. Erst als mir die Tränen über die Wangen liefen merkte ich, dass ich weinte. Ich drehte mich von Moni weg und ging in Jonas' Zimmer. Er schlief. Er lag auf dem Rücken, den Kopf nach links, zum Fenster, geneigt. Die Geräte piepsten und man hörte sein Schnaufen durch die Sauerstoffmaske. Ich ging direkt auf ihn zu, zögerte nicht, und legte mich einfach neben ihn. Ich nahm in den Arm und drückte mein Gesicht in seine Schulter. 

»Vielleicht war es das ja.«
»Was meinst du damit?«, fragt er skeptisch und sieht mich an.
»Nun, ich habe nachgedacht.«
»Ach so?«
»Ja, über diese Sache mit dem Leben nach dem Tod, dem Universum und so. Ich habe versucht, mir die Scheuklappen abzunehmen.«, sage ich und setze mich gerade hin.
»Und?«, fragt Jonas und sieht mich interessiert an.
»Ich glaube, an die Sache mit dem Paralleluniversum. Das hört sich für mich am Logistischen an.«
Jonas zieht seine rechte, nicht vorhandene Augenbraue hoch. »Dein Ernst? Du gehst immer noch nach Logik?«
»Lass mich, so bin ich eben. Willst du es nun hören oder nicht?«
»Doch, doch. Fahr fort.«, sagt er und wedelt mit seiner Hand.
»Ich glaube, dass wir Koexistieren. Und das mit anderen Versionen von uns selbst in anderen Welten. Das würde auch übernatürliche Geschehnisse erklären. Wenn zum Beispiel ein Buch von allein aus dem Regal fällt oder sich Türen von alleine öffnen. Das sind wir vielleicht selbst, wie wir in einem Paralleluniversum gerade das Buch fallen gelassen oder die Tür geöffnet haben. Somit halte ich auch das Prinzip der Wiedergeburt für logisch. Aber nicht so, wie die Buddhisten oder Hindus es sich vorstellen. Ich denke, wenn wir hier sterben, werden wir in einem anderen Paralleluniversum wiedergeboren, ohne es zu wissen. So macht das Prinzip der Unendlichkeit auch viel mehr Sinn.«, erkläre ich etwas gedankenverloren bis mir auffällt, dass Jonas mich mit offenem Mund anstarrt.
»Wow.«, sagt er nur.
»Was?«
»Du hast echt eine Menge nachgedacht.«, sagt er erstaunt.
»Ein bisschen.«
»Wie bist du denn von deiner Grundeinstellung plötzlich darauf gekommen?«
»"Interstellar" mit Matthew McConaughey lief gestern im Fernsehen.«
»Du nimmst deine Theorie aus einem Blockbuster?«
»Nein, er hat mich zum Nachdenken angeregt.«, sage ich etwas beleidigt.
»Ah ja.«, lacht Jonas schwach und fängt dann direkt an zu husten. Ich springe auf und helfe ihm dabei sich aufzusetzen.
»Aber du hast über den Tellerrand geschaut. Das beeindruckt mich.«, keucht er.
»Sshht.«, sage ich und klopfe leicht auf seinen Rücken. Als er wieder normal atmet, gebe ich ihm sein Glas Wasser.
»Nein, es geht. Danke«, sagt er leise, während er sich wieder hinlegt.
»Trink.«
»Nein, es geht schon.«
»Trink.«, fordere ich ihn auf. Er verdreht die Augen und trinkt einen Schluck.
»Ich glaube nicht, dass ich am Flüssigkeitsmangel sterben werde.«, witzelt er. Aber ich kann darüber nicht lachen. Ich sehe ihn streng an und mustere sein Gesicht. Er wartet darauf, dass ich doch lächeln muss. Aber ich kann es nicht.
»Du verstehst heute echt keinen Spaß.«, sagt er beleidigt.
»Ich würde eher sagen, dass du heute einfach nicht witzig bist.«
»Danke.«
»Gerne.«
»Deine Theorie finde ich interessant.«
»Wirklich?«, frage ich überrascht.
»Ja, schon.«
»Vielen Dank.«, sage ich stolz und lächle.
Jonas sieht zum Fenster. 
»Alles in Ordnung?«, frage ich.
»Nein.«
»Was hast du? Schmerzen? Soll ich dir was holen?«, frage ich und stehe auf.
»Nein, nein. Es ist nur...«, dann versiegt seine Stimme und Tränen laufen über seine hageren Wangen.
»Jonas?«, frage ich leise, dann sieht er mich an: »Wieso stecke ich in diesem Universum fest? Wieso habe ich dieses Los gezogen?«
»Darauf weiß ich keine Antwort.«, sage ich stumpf. Ich fühle mich wie betäubt.
»Ich wünschte, ich würde in diesem einen Paralleluniversum leben in dem wir am See Eis essen. In der Sonne. Ohne Schläuche, ohne Krebs.«, weint er.
»Das wünschte ich auch.«, flüstere ich und nehme Jonas' Hand.
»Ich habe ein scheiß Angst, Paula.«
»Ich auch.«, antworte ich und dann lege ich mich wieder zu ihm.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

HIER geht es zu Part 6 :)

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