Freitag, 14. April 2017

14 Tage mit Dir - Tag 7 (Part 4)

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Es ist Sonntag. Eigentlich habe ich heute frei, aber trotzdem bin ich wieder hier und sitze an Jonas' Bettkante. Ich helfe ihm beim Trinken, schüttle sein Kissen auf und räume sein Tablett ab. Moni hat schon mit mir geschimpft. »Das Jugendschutzgesetz verbietet, dass Jugendliche und junge Erwachsene unter achtzehn Jahren am Sonntag arbeiten. Du bist hier heute Besucherin, also verhalte dich auch so.«, hat sie gesagt. Aber ich kann nicht anders. Ich habe den Drang alles zu tun, damit es Jonas gut geht. 
»Du scheinst mich echt zu mögen, wenn du sonntags jetzt auch kommst.«, flüstert er unter seiner Sauerstoffmaske.
Damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe nicht mal damit gerechnet, dass er was sagt. Er hat heute keinen guten Tag. Ich reiße die Augen auf und weiß nicht wohin ich schauen soll, also starre ich in sein Gesicht. Ich merke, dass ich rot werde und die Luft anhalte. Ich weiß nicht, warum ich das gerade tue. Aber ich mache es automatisch, ohne es unter Kontrolle zu haben. Ich glaube, sowas bezeichnet man als Schockreaktion.
»Oh, wow. Da habe ich dich also eiskalt erwischt.«, lacht er und lächelt leicht.
Ich stehe auf und ziehe meine Hosenbeine wieder runter. »Nun, ich nehme das Praktikum sehr ernst.«, sage ich einfach. Das war nicht nur taktlos, gemein und herzlos, sondern auch kompletter Unfug. Natürlich mag ich Jonas. Ich mag ihn sogar sehr. Vielleicht mehr, als mir lieb ist. Aber so ist es nun mal. Aufgefallen ist mir das am Freitag. Als ich nachhause ging, nachdem wir über die 72 Jungfrauen gesprochen haben. 
Ich ging zur Bushaltestelle und mir wurde bewusst, dass ich am nächsten Tag nicht ins Hospiz musste. Eigentlich hätte ich denken sollen: »Yippie, Wochenende!« Aber so war es nicht. Ich war traurig, deprimiert und hatte Angst, Jonas am Montag nicht wiederzusehen. So ist das mit dem Tod, man weiß irgendwie nicht wann er kommt. Auch wenn er absehbar ist. 

Beim Abendessen habe ich nicht viel gesprochen und nur mit meiner Gabel im Kartoffelbrei rumgepult. Ich habe auch versucht eine Kartoffelbreiburg zu bauen, aber rausgekommen ist nur ein kleiner Hügel mit Löchern.
»Hast du keinen Hunger, Liebes?«, fragte meine Mutter.
»Nicht so richtig.«
»Was beschäftigt dich so sehr?«
Ich sah auf: »Glaubt ihr, dass es nach dem Tod noch weiter geht?«
»Weiter?«, fragte mein Vater und sah mich schief an. Aus dem Winkel sah ich, dass eins seiner Schnurrbarthaare länger war als der Rest.
»Ja, sowas wie ein Leben nach dem Tod.«
»Paula, wir sind keine Christen. Das weißt du doch.«, sagte er und aß weiter.
»Ja, schon. Aber ich rede nicht von Himmel und Hölle. Ich frage mich, ob generell irgendwas auf uns wartet, wenn wir hier fertig sind und sterben. Jonas und ich haben uns heute darüber unterhalten und er glaubt daran.«, erklärte ich.
»Wenn wir hier fertig sind?«,  wiederholte meine Mutter unsicher und sah zu meinem Vater. Sie taten so, als hätte ich in diesem Moment den Teufel angepriesen. Man muss dazu sagen, dass meine Eltern sehr überzeugte Atheisten sind. Sie glauben an die Naturwissenschaft und an dessen Fakten. Jegliches Übernatürliche macht für sie einfach keinen Sinn. Deswegen durfte ich damals auch nie den Film „Casper“ gucken. Man wollte gar nicht erst mit „dem Quatsch anfangen“. Das macht sie nicht zu schlechten Eltern, ihrer Meinung nach war es einfach richtig. Und wer jetzt sagt, sie haben mir nicht meine Fantasie gelassen, irrt sich ebenfalls. Ich habe als Kind gegen Drachen gekämpft, bin auf Einhörnern geritten und habe mit Feen getuschelt. Wenn ich mit meinem alten Kindergartenkumpel „Mittelalter“ gespielt habe, haben wir einfach in einer Burg gelebt, in der es keine Schlossgespenster gab. So einfach ist das. Meine Eltern waren da etwas eigen, aber jede Mutter und jeder Vater haben halt so manchen Splin.
Jedenfalls merkte ich in diesem Moment, dass ich hier mit diesem Thema nicht weiter kam. Ich seufzte und schaute wieder auf meinen Teller.
»Schatz, wir müssen mal mit dir reden.«, sagte meine Mutter und schon sah ich wieder auf. Mir schwante echt nichts Gutes.
»Du hast dich letzten Tage sehr verändert. Du bist so nachdenklich, deprimiert, redest beim Essen immer weniger. Wir machen uns langsam ernsthaft Sorgen. Wir erkennen dich kaum noch wieder.«, sagte meine Mutter und nahm meine Hand.
»Wir vermuten, dass das an deinem Praktikum liegt. Vielleicht solltest du es abbrechen, wenn es dir dadurch so schlecht geht.«, sagte mein Vater und nahm meine andere Hand. Äh, hallo?
Ungläubig sah ich die Beiden an und befreite mich aus ihren Griffen. 
»Wie bitte?«, fragte ich.
»Liebes, du musst dich nicht verstellen. Wir sehen das doch. Rede mit uns.«, sagte meine Mutter wieder in diesem überliebevollen Tonfall.
»Mir geht es gut.«, sagte ich und wurde bockig. Darauf hatte ich ja mal gar keine Lust.
»Paula.«, seufzte mein Vater nur.
Dann verdrehte ich die Augen und begann mich zu erklären (hatte ich denn eine Wahl?): »Natürlich verändert mich das Praktikum. Abgesehen davon, dass das alles komplettes Neuland für mich ist, bin ich jeden Tag von sterbenden Menschen umgeben. Von sterbenden Kindern, um genau zu sein. Natürlich denke ich darüber nach und natürlich stelle ich dann gewisse Dinge in Frage. Ich weiß, das passt nicht in euer Schema und ich will euch eigentlich nicht damit nerven. Euch zu fragen, war auch nicht gerade klug, da Ihr zu sachlich seid und nicht über den Tellerrand schauen möchtet. Vielleicht ist die Erde auch eine Scheibe, keine Ahnung. Ich mache das Praktikum gerne, ich habe das Gefühl was zu bewirken. Ich möchte da nicht weg. Ich gehe dort zum Hauspsychologen, rede mit ihm, damit es mir gut geht. Das wollte der Hospizleiter, das wollte Moni und Ihr ebenso. Und das hilft mir. Ihr braucht Euch also keinerlei Sorgen zu machen, nur weil ich einfach ein bisschen philosophiere.«
Meine Eltern sahen sich an und eine unangenehme Stille erfüllte den Raum.
»Ich habe Moni gestern beim Einkaufen getroffen.«, begann meine Mutter. »Sie hat mir von Jonas und dir erzählt.«
Ich runzelte die Stirn. »Aha, was denn?«
»Du verbringst auffällig viel Zeit mit ihm.«
»Ich bin für ihn da. Das ist eines der wichtigsten Dinge im Hospiz. Das sagte Moni selbst.«, erklärte ich mich und merkte, dass ich rot wurde.
»Liebes, du wirst dir selbst unglaublich weh tun.« 
Ich sah zu meinem Vater, aber er presste nur die Lippen zusammen und sah uns im Wechsel an.
Tränen stiegen mir in die Augen. »Ich werde das Praktikum weiter machen.«
Wieder nahm meine Mutter meine Hand, diesmal ließ ich sie. »Wir wollen dir nichts wegnehmen oder verbieten. Wir machen uns nur Sorgen.«
Ich sagte nichts, ertrug diesen Moment aber nicht weiter und stürmte in mein Zimmer. Ich verkroch mich neben meinem Bett in die kleine Nische zwischen Wand und Nachttisch, in der ich mich früher beim Versteckspiel immer selbst versteckte.
Doch, sie wollten mir etwas wegnehmen, weil sie dachten es sei richtig. 
Jonas. Aber sie haben mir schon Casper genommen. Mehr wollte ich nicht zulassen.
Nach einer halben Stunde kam mein Vater zu mir und nahm mich in den Arm.
»Ich weiß, dass er sterben wird. Mir ist das bewusst. Und ja, es nimmt mich mit, weil ich Jonas so sehr mag. Und ich weiß nicht mal wieso. Er ist arrogant und macht sich über mich lustig und gleichzeitig fühle ich mich ihm so verbunden. Es ist gemein, unfair und schrecklich. Aber ich kann ihn jetzt nicht im Stich lassen.«, jammerte und weinte ich.
»Ist schon gut, wir wollen nur nicht, dass du verletzt wirst oder dich das alles zu sehr verändert.«, flüsterte mein Vater.
»Das hat es schon.«
»Ja, ich weiß.«, seufzte er und sagte weiter: »Deine erste Liebe und sie ist zum scheitern verurteilt. Es tut mir so leid, Liebes.«
Und in meinem Kinderzimmer, umgeben von alten Kuscheltieren und in den Armen meines Vaters wurde mir bewusst, dass ich zum ersten Mal verliebt war.

Das ist kein Mitleidsmögen, falls das jetzt einer denken sollte. Es ist nicht, weil er Krebs hat oder weil er bald sterben wird. Es ist seine Art, sein Humor, seine Sicht der Dinge. Es ist, wie ich ihn mir mit Haaren vorstelle und er eigentlich ein echt süßer Typ ist. Er erinnert mich ein bisschen an Chris Pratt, nur viel dünner und blasser. Es ist, weil er einfach er ist. Das ist aufrichtiges Gernhaben.
Aber jetzt geht er mir gerade ziemlich auf den Zeiger.
»Von wegen Praktikum. Du hast heute frei und ich habe gehört, wie Moni mit dir gemeckert hat, weil du dich wie eine Krankenschwester aufführst.«, argumentiert er. Mir gefällt sein Ton nicht.
Mir wird warm und ich merke wie meine Wangen aufglühen. 
Bildergebnis für tear tumblr»Ist schon okay. Ich mag dich auch sehr. Schade, dass wir uns nicht eher kennengelernt haben. Schade, dass wir nicht in einem Paralleluniversum leben, in dem ich keinen Krebs habe und ich dich fragen kann, ob du mit mir ausgehen willst. Schade, dass das hier nicht von langer Dauer ist.«, sagte er.
»Ja, echt schade.«, sage ich und wieder schießen mir die Tränen in die Augen.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin


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