Montag, 3. April 2017

14 Tage mit Dir - Tag 5 (Part 3)

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»Du musst mir das nochmal erklären.«, sage ich.
»Was?«
»Du hast vor ein paar Tagen gesagt, dass da noch mehr ist. Mehr als das Körperliche. Also nach dem Tod.«
Jonas schaut mich mit seinen müden Augen an, die von tiefen Augenringen geziert sind. Er hat seine Sauerstoffmaske in der linken Hand und den rechten Arm unter seiner Decke. Er liegt auf dem Rücken und sieht schwach aus. Die letzten zwei Tage hat er viel seiner Kraft verloren. Von dem aufgeweckten Typen mit der großen Klappe sehe ich gerade nicht viel.

Als ich an meinem dritten Tag ins Hospiz kam, durfte ich nicht zu ihm. Das Erste was Moni mir morgens sagte war: »Ich habe eine neue Aufgabe für dich. Vielleicht etwas stupide, aber es muss leider gemacht werden. In diesem Aktenschrank neben der Tür sind die Akten aller Gäste, die nicht mehr bei uns sind. Leider ist der Schrank nun ziemlich voll und die alten Akten müssen in den Keller gebracht werden. Bitte sortiere alle Akten bis 2010 aus und bringe sie in den Keller. Dort stehen leere Schränke, wo sie einsortiert werden können. Wenn du das erledigt hast, kannst du hier im Schrank die Mappen weiter oben einsortieren, sodass unten Platz für neue Fälle ist. Klar soweit?« Ich nickte.
»Wie geht es Jonas denn heute?« Moni zögerte. »Dazu kann ich dir leider nichts sagen. Die Station ist heute für dich tabu. Anweisung vom Oberarzt. Okay?« Ich zögerte, nickte aber doch. Irgendwas stimmte nicht. Das war klar wie Kloßbrühe. Ich fragte aber nicht weiter nach. Ich hätte sowie so keine Antwort bekommen. In meinen Gedanken malte ich mir die unterschiedlichsten Gründe für mein Stationsverbot aus. Hatten seine Eltern sich nochmal beschwert? Ich meine, meine Reaktion auf seinen Anfall und meine schiere Anwesenheit sind ihnen schon übel aufgestoßen. Und dann wollte ihr Sohn sie abends aus dem Zimmer werfen, nur weil ich da war. Vielleicht können sie mich deswegen nicht leiden und wollten mich von ihm fernhalten, damit sie ihre gesamte Zeit mit ihm verbringen könnten. Ich glaube, mich würde das genauso nerven wie Jonas.Oder ging es ihm schlechter? Dr. Schulte sagte, er wollte mein geistiges Wohl schützen. War das seine Methode? Oder ist er über Nacht… und man hat es mir nicht sagen wollen? Ich schluckte und mein Gesicht fühlte sich taub an. In meinem Hals kribbelte es und mein Magen war flau. Bitte nicht.
Ich erledigte meine Aufgabe, war aber ziemlich unruhig und aufgewühlt. Ich war unkonzentriert und verlor mich in meinen Gedanken. Ich war den ganzen Tag mit den Akten beschäftigt und wurde doch nicht fertig. Wahrscheinlich, weil ich so langsam arbeitete, dass ich nur wie eine Schnecke vorankam.
Und auch als ich nach Feierabend zuhause beim Abendessen mit meinen Eltern saß, war ich gedanklich doch immer noch im Hospiz und stand vor der verschlossenen Tür von Jonas' Zimmer. Ich hörte Schreie, wirre Stimmen und ich stand da und konnte diese vermalledeite Tür nicht öffnen. 
Am nächsten Tag machte ich weiter, fühlte mich aber noch genauso wie den Tag zuvor.In einer ruhigen Minute im Schwesternzimmer, als ich allein war und mich wie betäubt meiner Aufgabe widmete, kam Moni und schloss hinter mir die Tür.Sie seufzte: »Wenn du mir versprichst mit niemanden darüber zu sprechen, sage ich dir was los ist.« Ich blickte sofort auf und nickte heftig.Jonas hatte nach meinem dramatischen Abgang vor zwei Tagen noch weitere Krampfanfälle und heftige Durchbruchschmerzen. Man musste ihn auf Morphin setzen. Es ging ihm plötzlich schlechter und seine Vitalwerte sanken stetig. Sowas sei leider normal und passiere häufig, sagte Moni. Seine Eltern seien Tag und Nacht bei ihm gewesen, auch wenn er kaum wach war. Seine Werte seien zwar nun stabil, aber immer noch nicht gut. Aber wenn es ihm besser gehen würde, wäre er nicht hier.Ich kann nicht beschreiben, wie es mir in diesem Moment ging. Es ist wie eine Flutwelle, die einen erfasst und runterzieht. Meine Ohren waren taub und ich hatte einen Tinnitus. Ich spürte meine Arme und Beine nicht mehr. Mein Herz raste, mein Atem war flach. Mein Mund war trocken und mein Hals brannte. Ich gebe zu, ich mag Jonas. Jedoch war mir nicht bewusst, wie sehr. Bis zu diesem Moment. In diesem Moment bat ich um ein Gespräch mit Dr. Trautmann, dem Hausseelsorger. Ich durfte direkt zu ihm. Es ging mir danach nicht unbedingt besser, aber ich dachte ich lasse lieber alles bei ihm raus, als vor Moni. Ich wollte nicht Gefahr laufen, Jonas gar nicht mehr sehen zu dürfen. Also handelte ich nicht nur zu meinem eigenen Wohl, sondern bin taktisch auch noch klug vorgegangen. Was soll ich sagen? Strategie liegt mir. Ich gewinne auch ziemlich oft bei „Risiko“ oder „Die Siedler von Catan“.

Da Jonas seit heute wieder bei Bewusstsein ist und auch nach mir gefragt hat, darf ich wieder zu ihm. Als Moni mir das heute Morgen sagte, war ich erstaunlicherweise ziemlich schnell fertig mit dem Aktenschrank. Seither sitze ich auf seiner Bettkante und schaue mir sein blasses Gesicht an.
»Ja, ich weiß.«
»Also?«
Jonas sieht an die Decke, er scheint zu überlegen. »Hast du schon mal diese Videos im Internet gesehen? Zum Beispiel: „10 unerklärliche Entdeckungen von Archäologen“.«

»Klar.«

»Glaubst du, da ist was Wahres dran?«

»Bestimmt, ich finde diese Videos unglaublich interessant.«

»Also glaubst du nur daran, weil du dich dafür interessierst?«

»Nein, ich denke nicht.«

»Weswegen dann? Die meisten Dinge können sie sich doch gar nicht erklären.«

»Ja, aber genau das ist doch das Spannende. Und es klingt doch auch irgendwie logisch, auch wenn es keine Erklärung gibt.«

»Genau so ist es mit dem Glauben an das Leben nach dem Tod.«, sagt Jonas und legt den Kopf wieder in meine Richtung.
Ich schaue ihn an. Ich versuche ein Gegenargument zu finden, kann es aber nicht widerlegen.
»Im Prinzip hast du Recht.«
»Aber?«
»Jeder Mensch glaubt an etwas anderes. Kann man sich das dann also nach dem Tod aussuchen was passiert? Füllt man ein Formular aus, so nach dem Motto „Bitte ankreuzen: 72 Jungfrauen, ein Penthouse im Himmel oder eine Wiedergeburt als Honigbiene.“ Glaubst du nicht, dass nach dem Tod, wenn da wirklich was ist, nicht jedem dasselbe widerfährt?«, sage ich und bin ein bisschen stolz auf mich, seine These doch widerlegen zu können. Na ja oder zumindest anzweifeln zu können.
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Jetzt überlegt Jonas: »Ich glaube, dass der Mensch Angst vor dem Unbekannten hat. Angst vorm Tod. Keiner kann berichten, was wirklich geschieht. Also glauben die Menschen. So ist es einfacher für sie damit umzugehen. Es ist schöner daran zu denken, dass 72 Jungfrauen auf einen warten, man auf Wolken sitzt oder als kleine Biene durch die Sonne fliegt, als zu erwarten, dass einfach alles vorbei ist und man von Maden gefressen wird, ohne es zu merken. Daher überlegt sich jeder Mensch das, was einem am Besten gefällt. Je nach Geschmack. Deswegen gibt es so viele Theorien. So sind wir eben. Aber deswegen glaube ich nicht. Ich habe keine Angst vor dem Unbekannten. Früher hatte ich Angst vorm Tod, als mir bewusst wurde, dass ich eines Tages am Krebs sterben werde. Aber wenn er immer präsent ist, lernt man mit ihm klarzukommen. Ich kann es ja nicht ändern. Ich erachte es für logisch, dass da noch mehr ist. So logisch, wie du diese Dokus findest, die im Netz zu finden sind. Es ist unerklärlich, aber es klingt doch irgendwie logisch.«
»Aber woran hältst du dich da fest?«
»Und du?«
»Diese Dinge wie Pyramiden, Stonehenge oder Dörfer die in Ausgrabungen gefunden werden, sind vom Menschen erbaut. Man fragt sich nur wie sie das geschafft haben oder wie diese Dinge dahin gekommen sind, wo sie jetzt stehen. Es wird in Frage gestellt, ob unser bisheriges Wissen darüber überhaupt stimmt oder es sich um Falscheinschätzungen handelt. Der Rest besteht aus Fakten, Dingen die man anfassen kann. Sie sind real.«
»Du betrachtest die Welt mit Scheuklappen.«
»Was? Warum?«
»Die Dinge sind nur real, weil du sie anfassen kannst? Wer sagt denn, dass Menschen dies erbaut haben? Auch das wird in Frage gestellt.«
»Das glaubst du doch selber nicht.«
»Denkst du wirklich, dass wir in einem unendlichen Universum, die einzige, lebende Spezies sind?«, fragt er und schaut mich ungläubig an.
»Keine Ahnung, ich glaube nur nicht an Marsmännchen.«
»Ich auch nicht. Aber wir reden hier von der Unendlichkeit und nicht von unserem Sonnensystem. Glaubst du an das menschliche Bewusstsein?«, sagt er.
»Natürlich.«
»Das kann man aber auch nicht anfassen.«
Ich stöhne. Egal wie ich argumentiere, er widerlegt alles was ich sage. Das nervt mich tierisch. Ich kann ihn nur genervt ansehen und ziehe eine Schnute.
»Das Leben besteht aus so viel mehr, Paula. Das ist alles nicht so einfach abzutun.«, sagt er und schließt die Augen.
»Bist du müde?«, frage ich und stehe auf, um ihn zu zudecken.
»Ja, ziemlich.«, antwortet Jonas und setzt sich die Maske auf. Er schläft direkt ein und ich frage mich, ob er von den 72 Jungfrauen träumt.

© Dia Nigrew/Claudia Werg
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