Dienstag, 25. April 2017

14 Tage mit Dir - Tag 11 (Part 6)

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»Es dauert nicht mehr lange.«, sagt er leise und starrt an die Decke.
»Sag das nicht.«
»Es ist aber so.«
»Ich bin noch nicht bereit.«
»Ich auch nicht.«
»Dann wehr' dich mehr.«
»Das hat sich gereimt.«
Ich seufze.
»Ich kann mich nicht mehr wehren.«
»Versuch es, bitte.«
»Paula.«
»Ich kann nicht glauben, dass das passiert.«
»Du hast es aber gewusst.«
»Ja. Aber,-«, ich breche ab und beiße mir auf die Lippe.
»Was?«
»Ich habe gestern was gelesen.«
»Und was?«
»Chemo ist Gift für den Körper.«
»Ach was.«, er sieht mich an.
»Was ist, wenn die Chemo dich erst richtig krank gemacht hat?«
»Was meinst du?«
»Ich habe gelesen, dass Naturheilverfahren sehr erfolgreich sind. Wenn man damals nicht mit der Chemo angefangen hätte, sondern damit, wären deine Chancen vielleicht höher gewesen und es nie so weit gekommen. Du könntest leben.«
»Paula, hör auf.«
»Nein, ehrlich. Dieser Artikel war wir-«
»Hör auf!«, sagt Jonas laut und ich erschrecke.
»Es ist nicht mehr zu ändern. Leugnen bringt nichts. Es ist zu spät. Und nochmal fürs Protokoll: wenn ich nicht hier wäre, hätten wir uns nie kennengelernt. Und das wäre furchtbar gewesen.«, sagt er und nimmt meine Hand. Doch ich reiße mich los.
»Das ist nicht fair!«
»Ich weiß.«, sagt er ruhig.
»Nein, weißt du nicht! Ich muss ohne dich leben! Ich kann das nicht!«
»Doch kannst du.«
»Nein!«, schreie ich.
»Doch, du musst.«
»Ich muss gar nichts!«
»Paula, bitte.«, sagt er und schließt die Augen.
»Nein! Wieso tust du mir das an!? Wenn ich dich nie kennengelernt hätte, würde es mir nicht so schlecht gehen!«, weine ich und sacke zusammen. Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen.
Jonas schluckt :»Denkst du, ich bin nicht wütend? Vorher kam ich damit klar, dass ich sterben werde. Seitdem ich dich kenne, bin ich am verzweifeln!«
Moni kommt ins Zimmer und schaut uns beide an. »Was ist hier los? Man hört euch bis zur Rezeption!«, meckert sie.
Ich stehe auf und eile auf sie zu. »Moni, gibt es irgendwas, ein Medikament oder so, mit dem wir mehr Zeit bekommen?«
»Jetzt machst du dich lächerlich, Paula.«, höre ich Jonas hinter mir schnauben.
»Halt die Klappe!«, zicke ich ihn an.
Moni schaut mich traurig an und legt den Kopf schief. »Paula, Liebes.«, fängt sie an.
»Nein, fang' nicht so an. Bitte.«, flehe ich. Tränen steigen in meine Augen, wie in letzter Zeit so oft.
»Du weißt, dass wir nichts mehr tun können. Außer ihm alles nur noch so leicht wie möglich zu machen.«
Ich atme einmal tief ein und aus und drehe mich zu Jonas um. »Ich weiß.«
Moni legt mir ihre Hände auf die Schultern. »Ist schon gut. So wie du dich gerade fühlst, ist leider normal.«
»Ist es das?«, frage ich leise.
»Ja.«, sagt sie.
»Die fünf Trauerphasen. Habe ich auch schon durch, meine Eltern auch.«
»Die was?«, frage ich verwundert.
»Ich lasse euch wieder allein. Und kein Geschrei mehr! Ihr seid hier nicht allein.«, sagt Moni liebevoll streng und geht raus.
Jonas redet weiter: »Das Leugnen, der Zorn, das Verhandeln, die Depression und zuletzt die Akzeptanz. Das sind die fünf Phasen der Trauer und des Sterbens. Die macht jeder durch, der jemanden verliert oder man selbst sterben muss.«
»Oh.«, bringe ich nur hervor.
»Noch nie davon gehört?«, fragt er und ich schüttle mit meinem Kopf. »Kam auch mal bei Scrubs.«, sagt er und zuckt mit den Schultern.»Danke für die Info.«, sage ich trocken.
»Ich habe zwar noch nie gesehen, dass die jemand so schnell runtergerattert hat wie du, aber das war das eben.«, sagt Jonas, lächelt leicht und streckt die Hand nach mir aus.
Ich gehe auf ihn zu und ergreife sie. Dann setze ich mich wieder auf die Bettkante.
»Die erste Liebe vergisst man nicht.«
»Ich weiß.«

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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