Donnerstag, 23. März 2017

14 Tage mit Dir - Tag 1 (Part 1)

Als ich mich für ein Praktikum im sozialen Bereich entschieden habe, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Als ich nach dem "Warum?" gefragt wurde, sagte ich: »Ich möchte was mit Menschen machen.« Wollte ich auch. Ich habe eine soziale Ader und würde mich auch als sehr hilfsbereit beschreiben. Außerdem habe ich gerne Menschen um mich. Sind das nicht die perfekten Voraussetzungen?
Das traditionelle Altenheim kam für mich nicht in Frage. Ich weiß nicht wieso, aber ältere Menschen finde ich schwierig. Sie werden mit der Zeit komisch, das werden wir alle mal. Sie hören schlecht, sind engstirnig, stur und erzählen meist dasselbe. Ich kann damit nicht umgehen. Vielleicht liegt das an meinen im Überschuss produzierten Hormonen, die während meiner derzeitigen Pubertät produziert werden. Aber ich verliere da schnell die Geduld. Ich weiß, sie können nichts dafür und doch kann ich nicht anders. Der Bereich ist einfach nichts für mich.
Also entschied ich mich für ein Praktikum in meinem Kinder- und Jugendhospiz in einem benachbarten Stadtteil. Ich wollte denen helfen, denen kein langes Leben gewährt war und sah es als Vorteil, teilweise im selben Alter zu sein wie die Patienten. Ich dachte, so könne ich mich besser in sie hineinversetzen und ihnen helfen. Da habe ich wohl falsch gedacht.

Als ich durch die Drehtür gehe und auf die Rezeption zu, fällt mir direkt auf, dass mir kein krankenhausüblicher Geruch in die Nase steigt. Es sieht hier auch gar nicht so aus, wie in einem typischen Krankenhaus. Na gut, es ist ja auch keins. Aber so habe ich es mir vorgestellt. Meine Bewerbung habe ich per Post geschickt und danach habe ich kurz mit der Oberschwester telefoniert, daher war ich bisher noch nicht hier. Eigentlich nimmt das Hospiz „Kleiner Himmel“ auch keine Praktikanten an, weil man für die Arbeit hier ein dickes Fell haben muss. Verständlich. Da meine Mutter aber mit der Oberschwester zur Schule gegangen ist, wurde eine Ausnahme gemacht. Vitamin B halt. Am Telefon fragte mich Oberschwester Moni ganze dreimal, ob ich mir das wirklich zutrauen würde. Und dreimal sagte ich mit fester Stimme: »Ja!«
Die Wände sind mit dunklem Holz vertäfelt und an ihnen hängen Gemälde von Wäldern, dem Meer und dem Himmel. Hinter dem Empfang gehen zwei Treppen nach oben, die jeweils nach rechts oder links ins erste Stockwerk führen. In der Mitte ist ein großes Fenster durch das die Sonne scheint. Vor dem Empfang liegt ein riesiger, dunkelroter Teppich in dem ich fast zu versinken drohe. So fühlt es sich zumindest an, weil er so unwahrscheinlich weich ist.
Hinter dem Empfangstresen sitzt eine kleine, blonde Frau mit einem Pferdeschwanz und weißer Kleidung. Als ich ihr näher komme, schaut sie von ihrem PC auf und lächelt mich an.
»Hallo, ich bin Paula und mache ab heute das Praktikum bei Ihnen.«, stelle ich mich vor und gebe ihr die Hand, welche sie direkt ergreift und fest schüttelt. Für so eine zierliche Person, hat sie einen ziemlich festen Händedruck. »Guten Morgen, ich bin Schwester Anni. Ich zeige dir eben alles, ist nicht viel, und dann bringe ich dich zu Moni.«, sagt die kleine Blondine und beginnt direkt mit ihrer Führung.
»Also, wie man erkennen kann, ist dies der Empfangsbereich. Hier werden die An- und Abmeldungen bearbeitet, Akten verwaltet, Termine koordiniert und die Patienten und Angehörigen begrüßt oder verabschiedet. Wenn du den Gang hier links entlang gehst, kommst du in die Küche und den Speisesaal. Von da aus kann man auch in den Garten gehen. Manche Patienten gehen mit ihren Familien gerne mal raus. Dort ist auch eine Schaukel, eine Rutsche und ein Sandkasten. Manche unserer kleinen Patienten können diese benutzen. Ansonsten sind da auch Bänke und ein schöner Blumengarten. Auf der anderen Seite, also im rechten Flur, ist das Schwesternzimmer, das Büro des Oberarztes und der „Vorratsschrank“. Dort sind alle Dinge, wir für unsere Patienten brauchen. Unter anderem auch Spritzen, Schmerzmittel, Bandagen und so weiter und so fort. Und am Ende des Ganges ist ein Untersuchungszimmer. Oben sind die Zimmer. Wir haben auch einen Aufzug, der ist da vorne direkt neben der linken Treppe, Richtung Speisesaal. Das wars auch schon. Alles erstmal so weit klar, damit du dich zurecht findest?«, fragt Anni. Ich nicke. Dann gehen wir ins Schwesternzimmer, wo mich Anni mit einer korpulenten Frau mit Brille und Kurzhaarfrisur allein lässt. Sie hat eine knollige Nase und ihre Mundwinkel zeigen automatisch nach unten. Sie sitzt hinter einem weißen Schreibtisch, der direkt an der Wand steht. Als ich ins Zimmer trete, schaut sie direkt hoch und mir in die Augen. Ich bin etwas eingeschüchtert, sie erinnert mich ein bisschen an einen Troll. Doch dann beginnt sie zu lächeln und steht auf. »Du musst Paula sein! Hallo, ich bin Moni. Die Oberschwester. Zieh deine Jacke aus und setz dich. Hat Anni dir alles gezeigt?«, fragt sie mit einer warmen und herzlichen Stimme, die so gar nicht zu ihrem Äußeren passt. Ich nicke und lege meine Sachen ab auf einem frei liegenden Stuhl ab. »Ja, hat sie. Es ist ja alles sehr übersichtlich und auch sehr gemütlich eingerichtet, muss ich sagen.«, sage ich und schüttele ihr die Hand. »Hast du wahrscheinlich nicht gedacht oder?«, grinst Moni.
»Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich habe mir irgendwie ein Krankenhaus vorgestellt. Obwohl ich sagen muss, dass ich im Internet auch andere Hospize gesehen habe, die einem Krankenhaus doch sehr nahe kamen. Leider habe ich keine Bilder zur Ihrer Einrichtung gefunden.«
»Ja, das stimmt leider. Aber wir vertreten dieses Schema nicht. Wir möchten, dass unsere Gäste ihre letzten Tage wohlfühlen. Wir möchten nicht, dass sie an den sterilen Ort erinnern, in dem sie fast die meiste Zeit ihres Lebens verbringen mussten. Und es stimmt auch, dass wir nicht im Internet sind. Viele meinen ja, dass es heutzutage Sinn macht. Aber wir sind da eher altmodisch. Und es funktioniert ja auch alles so. Hast du denn irgendwelche Fragen?«
»Ja, wie werden die nächsten zwei Wochen denn laufen?«
Moni erklärt mir, dass ich sie die ersten Tage auf Schritt und Tritt begleiten solle. Ich soll mir ansehen, wie sie die Patienten pflegt und versorgt, wie ihr Alltag abläuft und was außer der Patientenpflege noch alles dazu gehört. Akten sortieren, Datenpflege, Visitenvorbereitung und –nachbereitung, Raumpflege und vor allem für alle Bewohner dieses Hauses auch seelisch da zu sein. Zwar hat das Hospiz einen hauseigenen Seelsorger, jedoch ist es eine wichtige Aufgabe einer Schwester in so einer Institution auch für die Menschen dort da zu sein. Zwischenmenschlich. Mir fällt auf, wie sie die Patienten immer wieder ihre „Gäste“ nennt. Das hört sich schöner an, meint sie. Und außerdem seien wir doch alle bloß zu Gast auf der Erde. Recht hat sie.
»Paula, ich muss dich das noch einmal fragen. Und zwar nicht, weil ich dir die Arbeit hier nicht zutraue. Nein, nein. Aber du musst wissen, dass die Arbeit hier nicht einfach ist. Psychisch. Hier liegen Jugendliche, Kinder und Kleinkinder im Sterben und warten im Grunde genommen nur auf den Sensenmann. Das ist ein großes Leid und so ungerecht. Es schmerzt. Aber wir, das Pflegepersonal, müssen darüber stehen. Wir sind dafür da, ihnen diese letzten Tage so angenehm und schmerzfrei wie möglich zu machen. Das ist unser Job. Und trotzdem geht es einem immer wieder nahe. Unser Hauspsychologe hat nicht nur ein offenes Ohr für unsere Patienten, sondern auch für uns. Manchmal zerfrisst es einen und da ist es schön, sich jemanden anvertrauen zu können. Ist dir also wirklich bewusst, worauf du dich einlässt?«, fragt sie ernst und ich schlucke. Ich war mir meiner Sache eigentlich sicher. Bis jetzt. Ich werde nervös und frage mich, was auf mich zukommen wird. Mir waren die Fakten klar, aber der Rest? Doch ich reiße mich zusammen. »Ja. Ich werde damit fertig. Ich möchte mein Bestes geben.«, sage ich entschlossen. Moni nickt.
»Nun, junge Dame. Das bewundere ich sehr! Dann lass uns den Papierkram hier fertig machen und dann an die Arbeit gehen.«
Eine vierseitige Datenschutzerklärung, eine zweiseitige Verschwiegenheitserklärung und einen dreiseitigen Haftungssauschluss später helfe ich Moni dabei die Patientenakten für die Visite vorzubereiten. Danach geht sie mit mir nach oben und möchte mich den Kindern und den Familien vorstellen. Wir gehen zurück in den Empfangsbereich, vorbei an Anni und die rechte Treppe nach oben. Hier sieht es anders aus. Keine dunklen Vertäfelungen, diese sind hier weiß gestrichen und auch der Boden ist heller. Dielen aus hellem Birkenholz erstrecken sich über den langen Flur. Ich fühle mich, als sei ich plötzlich in einer ganz anderen Welt. An den Wänden hängen selbst gemalte Bilder von Kindern und hier und da mal ein Poster. Direkt gegenüber den Treppen sieht man einen großen Bilderrahmen in dem mindestens fünfzig Bilder von Kindern und Jugendlichen hängen. Manche haben eine Glatze und manche sind an Schläuchen angeschlossen. Die einen haben einen Teddy in der Hand oder ein anderes Spielzeug. Wieder andere sind mit ihren Familien abgebildet. Auf einem Foto ist ein Junge mit einer Gitarre zu sehen, seine Arme sind so abgemagert, dass sie eigentlich nur mit Haut überzogene Knochen sind. Doch alle diese Kinder haben etwas gemeinsam: sie lächeln. Erst jetzt fällt mir auf, dass über dem Rahmen etwas steht: „Wir sind über die Regenbogenbrücke gegangen.“ Mir steckt ein Kloß im Hals.
»Alles in Ordnung?«, fragt Moni mich und legt mir die Hand auf die Schulter. Ich schlucke den Kloß mit Mühe runter und nicke. »Ja.«, sage ich nur. Doch meine Stimme klingt nicht mehr so entschlossen. Wir gehen den Gang entlang und gehen bis nach ganz hinten. Moni erklärt mir, dass jedes Kind und jeder Jugendliche ein Einzelzimmer hat.  Im Hospiz „Kleiner Himmel“ gibt es vierundzwanzig Zimmer. Eine überschaubare Zahl und doch sind alle Mitarbeiter stets voll ausgelastet. »Kinder bedarf es eine besondere und intensive Pflege. Sie verstehen meist nicht, was eigentlich passiert. Das macht es manchmal einfacher und manchmal auch nicht.«
Bildergebnis für hospital tumblrWir fangen bei Lara an, eine sechsjährige die an Leukämie leidet. Als wir in das Zimmer kommen, fallen mir direkt die pinken Vorhänge am Fenster auf. Sie leuchten richtig, da die Sonne durchs Fenster scheint. An den Wänden hängen viele Bilder und in fast jeder Ecke stehen Kuscheltiere in den unterschiedlichsten Größen. Lara hört gerade ihrer Mutter zu, die ihr gerade die Geschichte von Dornröschen vorliest. Das kleine Mädchen liegt in ihrem Bett und kuschelt mit einer Puppe. Ihre Arme ist dürr, ihr Kopf kahl. Sie ist an zwei Geräten angeschlossen, bekommt eine Infusion. Sie schaut uns mit ihren großen, braunen Augen an und versteckt sich halb unter ihrer Decke. Ihre Bettwäsche ist genauso pink wie die Vorhänge. 
Ich habe noch nie einen krebskranken Menschen gesehen, geschweige denn ein Kind. Sie sieht aus, wie ein ganz normales Kind. Nur fallen einem die Details mehr auf, wenn man weiß wie krank sie ist. Ich erwähnte ja schon, dass sie dürr ist. Aber jetzt sehe ich auch die dunklen Adern unter ihrer fast durchsichtigen Haut schimmern. Hier und da ist auch ein lila Fleck zu sehen. Dieses Mädchen wird sterben. Auf einmal fühlt sich in mir alles taub an.
 »Hallo Lara! Dürfen wir kurz stören? Ich möchte dir jemanden vorstellen.«, sagt Moni munter und nickt Laras Mutter zu. Sie lächelt mich schwach an. Ihre Augen sind müde. Lara nickt vorsichtig.
»Das ist Paula. Sie hilft uns hier die nächsten zwei Wochen ein bisschen. Ist das in Ordnung für dich?«, fragt Moni und schiebt mich ein Stück nach vorne. Ich erwache aus meiner Starre und lächle das kleine Mädchen direkt an.
»Hallo Lara! Ich bin Paula. Was macht ihr denn gerade schönes?«, frage ich und räuspere mich direkt, weil meine Stimme zittert.
»Mama liest mir gerade Dornröschen vor.«, sagt sie mit ihrer quitschigen Kinderstimme und zieht die Decke zurück.
»Und gefällt dir die Geschichte?«, frage ich.
»Ja. Mama sagt, dass ich auch bald einschlafe. Aber wenn ich wieder wach werde, bin ich gesund. Darauf freue ich mich schon! Deswegen ist das auch mein Lieblingsmärchen.«, sagt das Mädchen und grinst mich an. Da ist der Kloß wieder. Laras Mutter kneift die Augen zusammen, sie muss wohl mit den Tränen kämpfen. Schweigen. Ich versuche mich zusammen zu reißen und sage: »Das glaube ich dir! Das klingt auch logisch.« Ich bemühe mich zu lächeln und Moni nimmt mich bei der Hand, verabschiedet sich und wir verlassen das Zimmer. Als sie die Tür hinter sich schließt, atme ich einmal durch. Wieder fragt sie: »Alles in Ordnung?«
»Einen kleinen Moment. Wir können sofort weiter machen.«, sage ich und atme nochmal ein und aus. Mir kommen die Tränen.
»Paula, das ist in Ordnung. Für jemanden der noch so jung ist und nie damit konfrontiert wurde, hast du dich super geschlagen. Ich bin wirklich schwer beeindruckt.«, sagt Moni und lächelt mich an. Ich nicke.
»Komm, wir gehen zu Jonas. Der wird dich aufmuntern.«
»Jonas?«
»Ja, auch einer unserer Gäste. Er ist so alt wie du und so ein fröhlicher Mensch. Du wirst beeindruckt sein. Er bringt ausnahmslos jeden zum Lachen.«, sagt Moni und geht mit ihr vier Zimmer weiter. Ich höre Gelächter aus dem Raum als Moni klopft. Wir gehen rein und ich zähle sieben Leute im Zimmer, inklusive Jonas. Er hat auch eine Glatze und ist an einem Sauerstoffgerät angeschlossen. Er trägt eine Skater Beanie in Dunkelrot, die mir irgendwie ins Auge sticht. Er ist nicht so dünn, wie Lara. Aber gesund sieht er leider auch nicht aus. Natürlich nicht.
»Hier ist ja natürlich wieder Full House.«, lacht Moni und begrüßt alle. Ich bleibe verhalten an der Wand stehen.
»Immer. Und wen hast du zu unserer Party noch mitgebracht?«, fragt der Junge mit der Mütze.
»Das ist Paula. Sie macht ein zweiwöchiges Schülerpraktikum bei uns. Ich wollte sie jedem einmal vorstellen.«, erklärt Moni und ich winke einmal in die Runde.
Jonas grinst, streckt mir seine Hand entgegen und stellt sich vor: »Hi! Ich bin Jonas und ich habe Lungenkrebs, der mich umbringen wird.« Ich reiße meine Augen auf und bleibe wie angewurzelt stehen. Alle Schweigen. Ähm.
»Jetzt hat es ihr die Sprache verschlagen.«, lacht Jonas. »Krebs ist nicht ansteckend. Du musst keinen Sicherheitsabstand einhalten.«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch: »Ist mir bewusst. Ich bin nur etwas…«
»Geschockt?«
»Überrascht.«, sage ich und gehe zu ihm und schüttele ihm die Hand. Sie ist warm und nicht so zerbrechlich, wie ich dachte. Ich schaue ihm direkt in die Augen, sie sind grün und braun gesprenkelt. Er hat eine zierliche Nase und volle Lippen. Er hat ein schönes Gesicht, ich frage mich wie er mit Augenbrauen aussieht. Den Gedanken vertreibe ich allerdings wieder direkt, irgendwie ist das unpassend.
»Du kannst meine Hand loslassen. Wenn du Körperkontakt suchst, kannst du später wieder kommen.«, sagt Jonas und zwinkert mir zu. Ich werde rot. Wie lange habe ich denn seine Hand geschüttelt? Das Gelächter ist groß und Jonas streicht sich über die Glatze: »Selbst ohne Haare, habe ich es immer noch voll drauf. Du kannst ab 16:00 Uhr rum kommen, Baby.«
Ich werde schnippisch: »Oh, da habe ich Feierabend. Wie überaus schade!« Ich versuche so sarkastisch wie möglich zu klingen. Eine Stimme in mir sagt: »Hey, lass ihn. Der Junge hat Krebs.« Aber das ist mir egal, was bildet er sich ein!?
Er grinst mich schelmisch an und Moni verkneift sich ein Grinsen. Wir verlassen das Zimmer und sie stellt mich den restlichen Patienten und deren Familien vor. Egal in welches Zimmer wir gehen, keines der Kinder ist allein. Das ist einerseits schön, andererseits irgendwie ziemlich traurig. Wenn man das überhaupt so nennen kann. Wenn man hier arbeitet, muss man sich mit dem Tod abfinden. Und das ist ziemlich schwer, wenn man sich instinktiv ans Leben klammert.

Den restlichen Tag verbringen wir damit, das Mittagessen vorzubereiten (auch hier helfen die Schwestern, da sie zum Teil am Besten wissen, was die Kinder mögen), zu spülen, Medikamente einzuteilen und zu verabreichen (wobei ich natürlich nur zusehe), manche Kinder zu baden,  Infusionen zu kontrollieren, Pflegepläne zu erstellen und das Abendessen vorzubereiten, welches ich sogar verteilen darf.
Als ich in Jonas' Zimmer ankomme, höre ich ihn stöhnen. Ich klopfe und trete vorsichtig ein und sehe, dass er sich windet. Er ist allein und hat Schmerzen. Ich eile zu ihm, stelle das Tablett unbeholfen und hastig auf seinem Nachttisch ab und weiß nicht was ich tun soll.
»Was soll ich machen? Was soll ich machen?«, frage ich unsicher und versuche ihn festzuhalten.
»Nichts. Durchbruchschmerzen, gleich vorbei.«, zischt er und beißt die Zähne zusammen. Er hat Schweiß auf der Stirn.
»Ich hole Moni!«, sage ich und will gerade losrennen, als er mich am Arm festhält und nur ein »Nein!« rausbringt. Also warte ich und halte seine Hand, während er sich vor Schmerzen weiter windet. Es scheint unglaublich lange zu dauern, doch irgendwann erschlafft sein Körper und die Krämpfe lassen nach. Er ist ganz außer Atem und erschöpft.
»Danke.«, murmelt er und atmet schwer.
»Soll ich jemanden holen?«, frage ich besorgt. Jetzt hat er nichts mehr von dem großmäuligen Macho von vorhin. Jetzt ist er zerbrechlich und verletzlich. Ich fühle mich schlecht, weil ich ihn vorhin so blöd angemacht habe.
»Nein, die geben mir nur wieder Schmerzmittel und betäuben mich. Ich will das nicht.«
»Wo sind die ganzen Leute von vorhin?«
»Ich habe sie nachhause geschickt. Ich wollte, dass sie auch mal was anderes sehen außer mich beim Sterben zu beobachten. Ich bin noch nicht soweit. Morgen bin ich auch noch da.« Ich nicke. Ich sehe zum Tablett und nehme das Glas Saft und gebe es ihm. Er setzt sich mühselig auf und ich stütze ihn.
»Danke.«, murmelt er.
»Ruh dich aus. Ich sage Moni einfach, dass sie dein Tablett einfach später holen soll.«, sage ich und stelle das Glas wieder ab. Er nickt und dreht sich auf die Seite.
Als ich das Zimmer verlasse, werde ich schwermütig. Meine Gedanken kreisen um das, was gerade passiert ist. 
Als ich mit dem Verteilen fertig bin, fragt mich Moni, ob alles gut gelaufen ist. Ich nicke, schüttele aber direkt wieder den Kopf.
»Was ist passiert?«, fragt sie mit großen Augen.
»Jonas hatte Durchbruchschmerzen.«, sage ich.
»Warum hast du niemanden gerufen?«, fragt sie und wird laut. Sie ist sauer.
»Ich wollte! Aber er hat mich festgehalten und sagte, ich solle bei ihm bleiben und niemanden holen. Er wolle keine Schmerzmittel. Es tut mir leid.«, murmele ich.
Moni seufzt und setzt sich wieder. »Dieser Junge. Quält sich lieber, als… ist schon gut. Es ist nicht deine Schuld. Du hast im Sinne des Patienten gehandelt. Es ist okay.«
»Was sind Durchbruchschmerzen?«, frage ich.
»In erster Linie sind sie unerträglich. Sie treten unerwartet und plötzlich auf, halten aber dafür dreißig bis vierzig Minuten an. Krebspatienten leiden sehr häufig daran.«, erklärt sie mir. Ich nicke nur.
»Wie geht es ihm denn jetzt?«
»Er schläft. Es hat nach einer Weile nachgelassen und ich habe ihm Saft gegeben. Danach ist er eingeschlafen. Vielleicht sollte man sein Tablett erst wieder später holen, damit er etwas essen kann.«
Jetzt nickt Moni. Sie hilft mir noch bei meinem Praktikumsbericht und dann darf ich gehen.
»Du hast deine Sache heute sehr gut gemacht. Ich hätte nicht erwartet, dass du so gut mit allem umgehst. Ich bin wirklich beeindruckt.«
Ich lächle schwach. Der Tag war so anstrengend. Nicht nur körperlich, ich fühle mich innerlich ausgelaugt.
»Darf ich nochmal nach Jonas sehen, bevor ich gehe?«, frage ich.
»Natürlich.«

Als ich vorsichtig die Tür öffne, höre ich einen Fernseher. Jonas ist wach und am Essen. Er sieht sich irgendeine Sitcom im Fernsehen an.
»Dir geht es ja wieder besser.«, bemerke ich und tipple von einem Fuß auf den anderen.
Jonas schluckt gerade ein Stück Brot runter und winkt ab. »Ach, das vorhin war doch nichts.«
»Danach sah es aber nicht aus.«
»Machst du dir etwa Sorgen?«, fragt er grinsend und zwinkert mir zu. Ich reiße die Augen auf und merke direkt wieder, wie rot ich werde. Leider weiß ich gerade kein Gegenargument. Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht, ich dachte er stirbt vor meinen Augen.
»Warum bist du so?«, platzt es aus mir heraus.
»Wie?«
»Ja, so halt!«, sage ich deute mit meinen Händen auf ihn. Er legt sein Brot aus den Händen und reibt sich die Hände.
»Hör mal, ich habe Krebs. Ich werde sterben. Ich werde bald sterben. Was soll ich deiner Meinung nach denn machen? Soll ich bis zum Ende Trübsal blasen? Soll ich es meinen Freunden und meiner Familie dadurch noch schwerer machen? Ich habe mich damit abgefunden, dass es so ist. Das man mich nicht heilen kann.«
»Wie funktioniert das?«
»Was?«
»Sich damit abfinden.«
Jonas zuckt mit den Schultern. Er legt den Kopf zurück und starrt an die Decke. »Das passiert irgendwann einfach. Ich habe fast mein ganzes Leben im Krankenhaus verbracht. Hatte mein ganzes Leben lang Schmerzen, war an Schläuche angeschlossen. Ich kenne es nicht anders. Und auch, wenn ich nicht weiß wie es sich anfühlt, ohne Sauerstoffflasche zu leben. Irgendwie fehlt es mir. Ich möchte ohne Probleme atmen können, laufen, rennen, über Wiesen springen. Inliner fahren, schwimmen gehen. Ich habe die Schnauze voll vom Krebs. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Leben.«
Ich schlucke. Klingt plausibel. Ich kann ihn verstehen, kann es aber nicht nachvollziehen. Ich weiß, das widerspricht sich. Ich meine, ich würde auch nicht so leben wollen. Aber ich weiß nicht, ob ich dem Tod so selbstbewusst entgegen treten könnte.
»Bist du wieder sprachlos?«, fragt er und sieht zu mir rüber.
»Ja, schon. Bis morgen.«, sage ich gedankenverloren und verlasse das Zimmer. Diesen Tag muss ich erstmal sacken lassen.

HIER geht es zu Part 2 :-)

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

1 Kommentar:

  1. Sehr gutter Artikle velen danke Für deine tolle Artikle

    www.wiezuwerden.com

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