Montag, 2. Januar 2017

Die Folterkammer

Ihre Hand- und Fußgelenke brennen, ihr Hals ist vollkommen ausgetrocknet. Ihre Mundwinkel sind aufgerissen, ihre Schultern verspannt. Es ist vollkommen finster, sie sieht nichts, spürt aber die Enge. Sie kann ihre Beine nicht ausstrecken und muss gekrümmt sitzen.
Das raue Seil, was sich um ihre Beine und Hände schlingt hat bereits ihre Haut blutig gescheuert, als sie versuchte sich loszumachen. Jedoch sitzen ihre Fesseln so fest, dass sie keine Chance hat diese zu lösen. Ihr ist fürchterlich heiß, sie atmet schnell. Fast panisch. In dem kleinen Raum, in dem sie sitzt, wird die Luft immer knapper. Es gibt keinen Ausweg. Sie kann nicht schreien, denn ihr Mund ist geknebelt. Außerdem ist ihr Hals so trocken, dass sie glaubt er würde einreißen wie trockene Rinde.
Sie weiß nicht, wie lange sie schon in dieser Zelle hockt. Es können Stunden sein, Tage oder sogar eine Ewigkeit.
Langsam wird ihr schwindelig und sie dreht sich in der Dunkelheit, ohne sich zu bewegen. Sie hört das Rauschen ihres Blutes in den Ohren und ein leises Piepen, welches immer lauter wird und zu einem Kreischen wird. Es ist geradezu ohrenbetäubend bis sie merkt, dass sie es selbst ist die zu schreien begonnen hat. Aber nicht lange, denn sie muss durch die Trockenheit in ihrem Rachen anfangen zu husten.
Und plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, schiebt sich die Decke der kleinen Kammer (oder Kiste?) zur Seite und sie kann den Kopf heben. Sie verstummt vor Schreck und schaut misstrauisch nach oben. Sie sieht immer noch nichts und versucht daher mit ihren Händen zu ertasten, was über ihr ist. Doch beim Versuch ihre Arme zu heben durchfährt sie ein ziehender Schmerz in den Schultern. Sie beißt die Zähne zusammen und lässt die Arme wieder sinken. Doch dann hört sie ein klicken und schaut wieder hinauf, sie sieht Licht welches sie unmittelbar blendet. Schnell senkt sie ihren Blick wieder und wird plötzlich von einer grauenhaften Kälte erschlagen. Ihr bleibt der Atem weg, denn so schnell kann ihr Körper nicht darauf reagieren. Sie ringt nach Luft, doch ihre Lunge hat sich zusammengezogen. Von oben regnet es fast faustgroße Eiswürfel. Die die sie treffen, hinterlassen rote Prellungen und blaue Flecken auf ihrem zusammengerollten Körper. Sie verliert die Kontrolle über sich und wird ohnmächtig.
Als sie erwacht, ist es wieder dunkel. Sie denkt die Erde bebt, doch ist es ihr eigenes Zittern was sie spürt. Bis zur Brust sitzt sie in den dicken Eiswürfeln, die schon angeschmolzen sind. Sie versucht sich aufzusetzen, denn das Brett über ihrem Kopf wurde noch nicht wieder zurück geschoben. Sie versucht ruhig zu atmen, doch es ist nicht möglich. Das Zittern ist stärker. Aber dann spürt sie etwas, was stärker ist als die Kälte. Durst. Sie nimmt sich einen Eiswürfel und versucht ihn sich durch ihre Mundfessel in den Mund zu schieben. Jedoch sitzt der Knebel zu straff, sodass sie es nicht schafft. Sie versucht es weiter und weiter, bis der Frust sie weinend aufgeben lässt.
Die Zeit scheint nicht zu vergehen und langsam tun ihr von der Kälte die Knochen weh. Es brennt gerade zu. Ihre Glieder sind ganz steif. Trotzdem versucht sie aufzustehen, versagt aber kläglich. Ihrem Körper scheint Bewegung fremd geworden zu sein. Wie lange ist sie schon hier gefangen? Sie versucht es erneut und schafft es, sich hinzuknien. Die neue Haltung tut ihr weh. Die Kälte macht es nicht besser. Ihre steifen Glieder sträuben sich gegen jegliche Bewegung. Schwerfällig schafft sie es in die Hocke. Die kalten und spitzen Eiswürfel erschweren ihr Vorhaben nur. Doch sie schafft es sich hinzustellen. Das Eis geht ihr nun nur noch bis zu den Knien. Sie schaut nach oben, erkennt aber nichts. Sie kann aufrecht stehen, was bedeutet, dass diese "Zelle" höher ist als sie dachte. Trotz der Schmerzen in ihren steifen Schultern und Nacken hebt sie die Arme, greift aber ins nichts. In diesem Moment geht oben die Luke wieder auf und ein Haken ergreift sie an ihren Fesseln an den Handgelenken. Sie wird ruckartig hinauf gezogen und gepackt, als sie aus ihrem Verließ befreit wird. Sie will etwa sagen, rufen. Aber sie bringt nur ein Krächzen heraus. Durch die Helligkeit kann sie nichts erkennen. Dann geht alles ganz schnell: sie wird über die Schulter geworfen und ein Stück getragen, bis sie auf eine Liege geschmissen und festgeschnallt wird. Ihre Augen gewöhnen sich an die Helligkeit und sie erkennt, dass ein sehr dicker Mann in einem schmierigen Unterhemd vor der Liege steht. Er trägt eine alte, vergilbte Clownsmaske und schaut sie schief an. Sie versucht zu schreien, aber es klappt nicht. Er hat eine Spritze in der Hand und rammt sie in ihre Rippen. Sie stöhnt laut auf und merkt, wie ihr Körper ihr nicht mehr gehorcht und wie die wenige Kraft die sie noch hatte ihren Körper verlässt. Ihr Geist schreit und strampelt, doch ihr Körper liegt reglos da. Eine Träne läuft ihr über die Wange, als der Mann sich an ihr zweimal vergeht. Während er stöhnt, tropft Schweiß seiner Stirn in ihr Gesicht. Als er fertig ist bekommt sie noch eine Spritze und alles wird schwarz. Sie ist dankbar dafür.

Sie wird wach, ist orientierungslos. Ihre Hand- und Fußgelenke brennen, ihr Hals ist vollkommen ausgetrocknet. Ihre Mundwinkel sind aufgerissen, ihre Schultern verspannt. Es ist vollkommen finster, sie sieht nichts, spürt aber die Enge. Sie kann ihre Beine nicht ausstrecken und muss gekrümmt sitzen. Was ist passiert?

Es ist eine Endlosschleife.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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