Donnerstag, 26. Januar 2017

Tausche Size Zero gegen Size "Ihr habt sie doch nicht mehr alle"

Sofie sitzt auf ihrem Sofa und schaut Greys Anatomy. Christina Yang sitzt auf dem Gang und isst eine Tüte Chips, als Meredith Grey zur ihr kommt und sich neben ihr nieder lässt. "Burk lässt mich den ganzen Tag schon durch die Gegend laufen und Patientenakten prüfen. Ich habe nicht mal Zeit aufs Klo zu gehen. Das ist die einzige Mahlzeit, die ich bisher in meiner 72-Stunden-Schicht zu mir nehmen kann. Ich will operieren.", meckert sie. Meredith greift mit ihrer knochigen Hand in die Tüte und stöhnt nur. Christina schaut sie an und man sieht, wie ihr Schlüsselbein einen tiefen Schatten auf ihre dünne Haut wirft.  
Sofie holt nebenbei ihr Handy raus und loggt sich bei Instagram ein. Sie schaut sich die Bilder auf ihrer Startseite an, verteilt hier und da mal ein Gefällt mir und legt die Füße hoch. Zu ihren Lieblingsseiten zählen vogueelite und das Profil von Lily-Rose Depp. Von einem Bild macht sie sogar einen Screenshot und stellt es sich als Handyhintergrund ein: 


Sommer, Sonne, Griechenland und die perfekte Frau mit dem perfekten Outfit. Sofie seufzt. Sie hat seit drei Monaten nicht mehr regelmäßig Sport gemacht, höchstens ein- oder zweimal die Woche (wenn überhaupt). Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich das Bild so ansieht. Aber es ist Winter, kalt draußen und schnell dunkel. Die tägliche Motivation ist mit der Sommerzeit verschwunden. Sie zieht ihren Pullover ein bisschen hoch und sieht, dass sich ein Weihnachtspolster da gebildet hat, wo vorher straffe Haut war. Zwar nur ein kleines, aber es ist da. Zu aller Ironie kommt nun ein Magengrummeln hinzu, als sie in die kleine Speckfalte kneift. Sofie schaut auf die Uhr, viertel nach sechs. Nach sechs Uhr, wollte sie eigentlich nichts mehr essen. Aber das Magenknurren gewinnt. Sie verzieht den Mund und beschließt sich im Supermarkt einen Salat an der Salatbar zu holen, die es jetzt in der Gemüseabteilung gibt. Dick eingepackt steigt sie auf ihr Rad und fährt zum Supermarkt. Dort angekommen, muss sie sich entscheiden: Garten-, Nudel-, Kartoffel- oder Tomatensalat. Nach einem weiteren, intensiveren Magengrummeln entscheidet sich Sofie für den Nudelsalat mit Mayo und geht weiter. Unterwegs sammelt sie noch eine Flasche Orangensaft und eine Packung Kaugummi ein, als sie einen alten Bekannten trifft. Harvey ist ein englischer Austauschstudent den sie über acht Ecken kennengelernt hat und gelegentlich mal im Supermarkt oder auf der Straße trifft. Das letzte Mal hat sie ihn im Sommer gesehen.
"Hey Harvey, lange nicht gesehen. Wie gehts?", fragt Sofie, als der Blickkontakt hergestellt ist.
"Oh Sofie, hi. Gut und selbst?", antwortet er als er sie etwas mustert.
"Auch gut, alles okay? Warum guckst du so?", fragt Sofie und zieht eine Augenbraue hoch.
Harvey lacht und platzt heraus: "Sag mal, bist du schwanger oder einfach nur fett geworden?"
Schock. "Soll das ein Witz sein!?"
"Na ja, als ich dich das letzte Mal gesehen habe hast du deutlich besser ausgesehen.", sagt er schmunzelnd. Sofie hat noch nie jemanden stehen lassen. Aber es gibt für alles ein erstes Mal. Sie hat auch kurz darüber nachgedacht, ihren Orangensaft aufzumachen und ihn in seine fiese Visage zu schütten. Aber dafür war sie in diesem Moment nicht in der Lage. Nachdem sie zur Kasse stürmte, sich aufs Fahrrad schwang und nachhause gerast ist, hat sie die Tür hinter sich zuknallt, sackte zu Boden und hat sich seither keinen Zentimeter bewegt. Scharm, Wut, Enttäuschung durchströmen sie und verursachen ein Gefühlschaos. Im sitzen zieht sie sich Jacke und Schuhe aus und kriecht im wahrsten Sinne des Wortes vor ihren Spiegel. Erst zieht sie die Haut an ihren Wangen auseinander, dann zieht sie ihren Pullover aus und begutachtet ihre Oberarme, danach den Bauch und ihre Hüften. Zu guter Letzt ihr Sitzfleisch. Ganz akribisch mustert sie sich von oben bis unten. Eine halbe Stunde lang. Danach stellt sie sich auf die Waage: 63 kg, sie ist 1,71 m groß. Das hat die letzte Messung beim Arzt ergeben. Sie wiegt nicht zu viel, das weiß sie. Aber gleichzeitig fragt sie sich. "Warum sehe ich so fett aus?!" Da wo der Bauch flach war, zeichnet sich nun eine Rundung ab. Der flache, gar zu unsichtbare Übergang zur Hose ist dahin. Ihre Oberarme schlackern etwas, wenn sie ihre Arme hebt. Das wars, mehr Unterschied kann sie nicht erkennen. Aber es reicht schon. Für sie. Hypnotisiert von ihrem Spiegelbild erschreckt sie gerade zu, als auf einmal das Telefon klingelt. Sie geht ins Wohnzimmer und hebt ab: "Guten Tag, wir befragen derzeit private Haushalte zum Thema "Gesund Essen und Leben". Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen zu Gewicht, Essverhalten und Bewegung stellen?"
Genervt sagt Sofie: "NEIN!" und schmeißt das Telefon auf die Couch. Es ist überall. Im Internet, in Zeitschriften, im Fernsehen und mittlerweile sogar schon am Telefon. In diesem Moment spürt sie, wie über ihr die Glühbirne angeht. Psychologen bezeichnen so einen Moment gerne als den DurchbruchWann hat sich diese Epidemie verbreitet? Sie fragt sich, wann beschlossen wurde, dass sich normal gebaute Frauen nicht mehr wohlfühlen dürfen? Seit wann ist man mit einem mittleren BMI fettleibig? Und seit wann muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Hunger hat?

Sofie ist genervt und wütend. Vor allem auf sich selbst, als sie daran denkt, wie lange sie gerade vorm Spiegel stand und an sich gezweifelt hat. Bist du weiblich, hast du Kurven, bist du fett. Postest du keine Gym-Selfies, heißt das, du treibst keinen Sport. Isst du Schokolade, achtest du nicht auf deine Ernährung. Es geht nur noch um das Eine: die Figur.
Wie sehr wurden die Pariser Models kritisiert, weil sie nur schlappe dreißig Kilo auf die Waage brachten. Und was haben die Menschen gejubelt, als es hieß, Models die weniger als XX Kilo entsprechend ihrer Körpergröße wiegen, dürfen an Modeschauen nicht mehr teilnehmen. Es flogen Konfetti und Hüte in die Luft. "Der Magerwahn hat ein Ende!", riefen sie alle. Von wegen, es hat nie aufgehört. 
Erregt nimmt sie ihr Handy in die Hand und will ihre beste Freundin von der Situation unterrichten, als sie ihr neues Hintergrundbild von dem Mädchen in Griechenland entdeckt. Mit mal sieht dieses Foto gar nicht mehr so schön aus. Sofie fällt auf, wie knochig ihre Schultern sind, wie schmal die Taille ist und wie sehr sie sich in ihrem Oberteil zu verlieren scheint. Ein bisschen angewidert löscht sie es und fragt sich, wieso sie so blind diesem Trend gefolgt ist, ohne es überhaupt zu merken. Gesund leben, gut und schön. Aber wo bleibt dann das Leben, wenn man nur für Superfoods, Fitnesschallenges und Low-Carb-Diäten zu atmen scheint? Kopfschüttelnd schnappt sie sich ihr Telefon und ruft beim Pizzaservice an. "Nicht mit mir."
Sofie ist keine Ärztin, sie ist auch keine Schauspielerin oder ein Instagram-Star. Sofie ist eine Otto Normalverbraucherin. Und vor allem: Sofie ist nicht dick. So wie es viele Frauen nicht sind, aber irrtümlicherweise davon überzeugt sind, weil sie von bearbeiteten Instagramfotos, gephotoshopten Magazincovern und unrealistischen Bildern von Models umgeben sind, dessen Alltag aus Fitnessstudio und Jetsetleben besteht.
Als ihre Pizza kommt, setzt sie sich damit aufs Sofa und schaltet den Fernseher wieder ein. Aber sie schaut nicht Greys Anatomy weiter, sondern fängt bei Staffel eins von Mike & Molly an.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Kommentare:

  1. Es gibt Menschen, die haben organische Ursachen für ihr Gewicht.

    Liebst,
    Mina von Minamia.de
    no snapchat, no caviar

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    1. Hallo Mina, vielen Dank für deinen Kommentar :-)
      Du hast durchaus Recht: es gibt Menschen, die krankheitsbedingt an Fettleibigkeit oder Untergewicht leiden.
      Jedoch spreche ich diese Rubrik in meinem Text nicht an. Es gibt in dieser Sparte so viele unterschiedliche Aspekte, Sichtweisen und Rubriken, sodass es ziemlich schwer ist, alle in einer Kurzgeschichte unterzubringen, wenn es nur um eine bestimmte geht. Ich wollte ein bestimmtes Thema ansprechen und keinen ausblenden oder vergessen :-)

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  2. Sehr cool geschrieben. Alles leider wahr. Erschreckend ist, dass die Schauspieler im TV dicker aussehen als in echt.

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    1. Vielen, lieben Dank :-)
      Und ja, leider hast du Recht. Vielleicht wird sich das ja eines Tages ändern.

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  3. Eine sehr, sehr gute Geschichte, die sicherlich leider viel zu oft wahr ist. Danke für diesen Beitrag - das Lesen hat Spaß gemacht und das Nachdenken sowieso.

    Anmerkung: Mina hat sicherlich recht, wenn sie von organischen Ursachen bezüglich eines bestimmen Körpergewichts spricht (sei es nun Über- oder Untergewicht) - aber ich glaube, in deiner Erzählung hast du sehr gut herausgearbeitet, dass es darum hier in diesem Zusammenhang nicht geht. Und ich denke, du hast diese Menschen auch nicht ausgeblendet oder so - sondern einfach einen anderen Aspekt aus diesem riesigen Themenfeld herausgegriffen, was ich vollkommen legitim finde.

    Liebe Grüße
    Jenni

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    1. Sehr schön und reflektiert kommentiert, Jenni. Dem schließe ich mich so an :-)
      Liebe Grüße

      Caro

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    2. Vielen lieben Dank, Jenni :-) Ich freue mich sehr darüber, dass dich diese Geschichte so angesprochen hat.
      Und auch vielen Dank, für deine Anmerkung: du hast vollkommen Recht, genau so habe ich es gemeint. Es gibt bzgl. dieses Themas viele Aspekte, Sichtweisen und Rubriken. Das Spektrum ist riesig und diese Geschichte handelt von einer von vielen.

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    3. Vielen lieben Dank, Carolin :-)

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  4. Ein schöner Artikel, der auf die Probleme von Social Media hinweist. Du hast gut beschrieben, wie solche Gedanken zustande kommen.
    Allerdings denke ich, dass das alles nicht ganz so einfach ist. Du hast Recht, dass Social Media viele (unerreichbare) Wünsche und Vorstellungen schafft. Aber meist sind es doch dann solche Kommentare wie von Harvey im echten Leben, die alles schlimmer machen (okay, solche Kommentare resultieren wahrscheinlich auch wieder aus Social Media, kompliziert :D).
    Ich finde z.B. auch, dass Skinny-Shaming zunimmt. Nur weil man (zurecht) gegen Magemodels ist, heißt das nicht, dass man jetzt unter alle Bilder mit dünnen Frauen "Boa wie dürr, iss mal was, ekelhaft oder Skelett" schreiben darf. Das geht in die falsche Richtung. Zumal es ja im Grunde eigentlich gar nicht um den Körper an sich geht, sondern um das "System" dahinter, den Druck etc. Das Model von dem Screenshot oben hat auch schon einen Post veröffentlicht, wo sie sich generell gegen Body Shaming ausspricht.
    Ich persönlich finde übrigens auch solche Extreme wie Mike & Molly nicht unbedingt vorteilhaft (und bei Greys fand ich die Figur bisher nie wichtig). Die Gesellschaft wird gerade immer dicker, aber dennoch sagt man manchen wirklich ungesund (!) übergewichtigen Mode-Bloggern "Oooh toll, die traut sich das, sie steht zu ihrem Körper, das ist super". Ja, es ist super, dass sie zu sich steht, so sollte es sein! Aber ich finde diese Doppelmoral einfach nicht gut. Und ich glaube leider, dass sich das so schnell nicht ändern wird :/
    Bis dahin sollte man vielleicht weiter predigen, dass jeder machen soll, womit er sich gut fühlt, dass jeder Körper schön ist und dass Social Media vor allem viel schöne, heiße Luft ist.
    So, genug :D
    Liebe Grüße, Jana

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    1. Vielen lieben Dank für deine Kritik, Jana :-) Deine Meinung finde ich wirklich spannend und habe sie sehr gern gelesen! - Ich wollte in meiner Kurzgeschichte auf einen Aspekt verweisen, der Teil von vielen ist. Dieses Thema ist endlos, es gibt viele Sparten, viele Sichtweisen. Ich wollte von einer davon erzählen.

      Bzgl. Skinny-Shaming gebe ich dir voll und ganz Recht! Das ganze würde ich mal als Teufelskreis bezeichnen, denn man dreht sich da einfach im Kreis. Das eine würde auch ohne das andere nicht existieren. Das Foto sollte nur ein Mittel zum Zweck sein, kein persönlicher Angriff gegen die Dame darauf :-) Es gibt von so vielen Bildern Duplikate, die im Netz kursieren, sodass man die "wahre" Quelle mittlerweile schon gar nicht mehr finden kann oder sie gar übersieht. Ich wüsste jetzt nicht, ob ich es als Fettnäpfchen oder Schicksal bezeichnen soll, dass genau diese junge Frau (dessen Bild ich mir ausgesucht habe) sich genau für das Gegenteil ausspricht. Vielleicht hat es ja ein bisschen von beiden ;-)

      Mike & Molly wählte ich absichtlich, da der Kontrast einfach so stark ist. Natürlich möchte ich Übergewicht nun nicht verschönigen, auch das kann zu gesundheitlichen Problemen führen! Keine Frage. Aber du hast sie erkannt: die Doppelmoral.
      Mir ging es um kurvige, nicht unbedingt übergewichtige Frauen, die meinen sie seien zu dick, nur weil die Gesellschaft das sagt. Denn auch diese kann sich irren.
      Ich denke auch nicht, dass sich das alles so schnell ändern wird. Wir können uns nur einsetzen und predigen, wie du schon sagtest. Viele verwechseln tatsächlich auch, dass Social Media viel mehr Schein als Sein ist. (...) Aber ob sich das je ändern wird?

      Hab ein schönes Wochenende und lieben Gruß :-)

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