Donnerstag, 5. Januar 2017

Ein Blick und alles ist anders

Mark sitzt des Öfteren im Café Royal und trinkt einen Espresso, während er seiner täglichen Arbeit nachgeht. Er ist ein unbekannter Krimiautor und hält sich mit seinen Taschenbüchern über Wasser. Doch nun sitzt er an etwas Großem, so glaubt er. Ein Roman, der nicht auf den Grabbeltischen landet. Ein Roman, der im Bestsellerregal jeder Bücherei des Landes steht. Ein Roman, der von der Times in den Himmel gelobt werden soll. Ein Roman, der einschlagen soll, wie eine Bombe.
Er hebt seinen Blick, als er einen Schluck trinkt und sieht aus dem Fenster. Draußen ist es kalt. Es liegt Schnee und der Winterdienst ist damit beschäftigt die Straßen vom Glatteis zu befreien. Der Wind lässt die Schneeflocken tanzen und sie dort landen, wo die Männer in ihren knalligen Overalls sich gerade einen Weg gebahnt haben.
Es ist noch früh. Man könnte meinen gerade mal 5:00 Uhr so dunkel ist es. Aber die Tage beginnen im Winter ja bekanntlich immer etwas später. Es ist 8:14 Uhr als es leicht zu dämmern beginnt und das dunkle und tiefe Blau sich zurückzieht. Mark sitzt hier jeden morgen auf seinem Stammplatz am Fenster, am langen Tisch mit den Barhockern und beobachtet den Tag dabei, wie er langsam beginnt.
Er reibt sich die Hände, nachdem er die Tasse abgestellt hat. Ihn durchfährt ein leichter Kälteschauer, der noch von der leichten Morgenmüdigkeit herrührt.
Die Tür geht auf und ein kalter Zug huscht durch das Café. Selbst Schnee wird hinein geweht und Mark erzittert. "Man kann die Tür auch schließen!", ruft er Richtung Tür, als diese offen stehen bleibt. Er schnaubt provokant laut, um seinem Unmut nochmal Ausdruck zu verleihen. Er ist Stammkunde und der Meinung in einer Position zu sein, in der sich sowas erlauben kann. Außerdem passiert das so häufig. Die Leute sind so unaufmerksam. Soll er sich wegen ihnen erkälten?
"Na, hören Sie mal!", hört er eine quitschige Frauenstimme laut sagen. Er blickt auf und sieht eine Frau, dessen goldige, kurze Locken unter ihrer dicken Mütze hervor schauen. Sie trägt einen dicken, plüschigen Mantel, trägt zwei große Taschen und zieht obendrein noch einen Koffer hinter sich her. Ihre Augen sind dunkelbraun, fast schwarz und ihre Lippen dunkelrot. Mark ist hin und weg.
"Wie unfreundlich sind hier die Menschen bitte!? Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht schnell genug, so dick bepackt, durch die Tür passe!", blafft sie ihn an, während Mark sie regelrecht anstarrt. "Hat's Ihrem schalen Mundwerk nun die Sprache verschlagen?", fragt sie genervt. "In der Tat.", bringt Mark nur hervor. Er scheint unter Schock zu stehen, sowas ist ihm noch nie passiert. Er fragt sich kurz, ob er gerade einen Schlaganfall bekommt.
"Große Klappe, nichts dahinter. War klar.", sagt sie abfällig und drängt sich an ihm vorbei, um sich zwei Plätze weiter niederzulassen. Mark schaut ihr hinterher.
"Hören Sie auf mich so anzustarren.", sagt sie trocken, als sie sich die Jacke auszieht. Sie trägt ein weinrotes Holzfällerhemd, welches in die Hose gesteckt ist. Dazu einen dunkelbraunen Gürtel mit einer großen, silbernen Schnalle.
"Wieso setzen Sie sich fast neben mich?", fragt Mark.
"Wie bitte?"
"Hier ist noch fast jeder Platz frei und Sie setzen sich zu mir."
"Sagen Sie mir, merken Sie wie unhöflich Sie eigentlich sind?", fragt sie ungläubig und fängt nun selbst an zu starren.
"Nein. Nur ich schließe daraus, dass sie Gesellschaft möchten. Und da sie selbst nicht bester Laune sind denke ich, dass sie weiterhin meckern möchten. Darauf kann ich morgens gern verzichten.", sagt Mark trocken und nippt an seinem Espresso um seine Unsicherheit zu kaschieren. Er fragt sich, warum er so patzig ist. Dabei findet er diese Frau mehr als attraktiv und interessant. Sie ist bezaubernd, obwohl sie eine Zicke zu sein scheint.
"Der Grund meiner Laune ist Ihr Kommentar von eben!"
"Sie waren vorher schon angefressen, sonst würden Sie darauf nicht so anspringen.", die Worte sprudeln gerade zu aus ihm heraus. Sie schnauft einmal und dreht sich weg. Er hatte wohl recht.
Sie bestellt einen Kamillentee, wahrscheinlich zur Beruhigung, und kramt einen Timer aus ihrer Tasche. Mark beobachtet sie aus seinem Blickwinkel, während er so tut, als ob er weiter an seinem Laptop arbeitet. Sie will etwas eintragen, aber ihr Stift scheint nicht zu schreiben. Sie versucht es ein paar Mal ehe sie anfängt damit rumzukratzen, auf den Tisch zu hauen und leise zu fluchen. Unauffällig und ohne sie anzusehen schiebt Mark ihr seinen Füller zu. Sie verstummt und schaut auf seine Finger, die ihr das Schreibgerät zu schieben. Dann sieht sie ihn an und nimmt ihn und murmelt ein leises "Danke". Mark nickt und muss grinsen. Sie muss ebenfalls lächeln, sie hat Grübchen an ihren zarten, rosa Wangen. Sie verharren kurz mit ihren Blicken aneinander, ehe sie sich räuspert und sich wieder ihrem Timer widmet. Sie lächelt immer noch und schüttelt fast unmerklich mit ihrem Kopf. Mark schmunzelt und dreht sich wieder zu seinem Laptop. Nach ein paar Minuten schiebt sie ihm den Füller wieder zurück und fragt: "Warum sitzt eigentlich jemand mit einem Laptop so früh in einem Café und trinkt Espresso?""Und warum läuft eine Frau mit zwei Reisetaschen und einem Koffer so früh durch New York?", fragt er zurück und grinst sie schelmisch an.
"Weil sie die Brautjungfer ihrer kleinen Schwester ist und daher früh anreisen musste.", sagt sie und seufzt einmal leise. 
"Ich bin Autor und arbeite gerade an einem Roman.", sagt Mark und seufzt ebenfalls, aber kaum hörbar. Nur für sich, denn er weiß, dass er keinen Bestseller schreiben wird.
"Oh, kennt man was von Ihnen?" Wunder Punkt. Mark beißt die Zähne zusammen: "Ich arbeite daran."
"Träume in so einer Stadt, wie dieser, zu verwirklichen erachte ich als ziemlich schwer.", sagt sie und schaut aus dem Fenster.
"Wieso?"
"So viele haben Träume, viele haben sogar dieselben. Und in Großstädten ist wenig Platz dafür. Kein Platz für Wohnungen, Menschen, Jobs oder für Träume. Wie soll das gehen? Es ist wie bei einer Stellenausschreibung. Auf eine Stelle bewerben sich 100 Leute. Einer bekommt die Stelle. Wie soll man sich da durchsetzen? Das ist durchaus schwer.""Na, Sie sind ja pessimistisch.""Realistisch."
"Sie verwechseln Pessimismus mit Realismus. Wo bleibt die Hoffnung? Die treibt uns doch an."
"Die habe ich zwischen Cleveland und Pittsburgh aus dem Zugfenster geworfen.", sagt sie und nimmt einen Schluck Tee. Ein kurzes, betretendes Schweigen folgt.
"Sie wissen, dass es verboten ist Sachen aus fahrenden Zügen, Bussen oder Autos zu werfen?", sagt er. Sie verschluckt sich an ihrem Tee und fängt an zu lachen.
"So witzig war das jetzt auch nicht.", bemerkt Mark und muss unweigerlich grinsen.
"Nein, ganz im Gegenteil. Aber ich mag schlechte Witze. Es ist schwieriger einen schlechten Witz zu erzählen, als einen guten. Bei schlechten Witzen, die einem zum Lachen bringen sollen, muss der Erzähler mehr nachdenken.", erklärt sie. Mark nickt unweigerlich.
"Ich bin übrigens Lucy.", sagt sie und gibt Mark die Hand.
"Mark."Wieder lächeln sie, verharren in ihren Blicken und schütteln sich minutenlang die Hände. Als ihnen das auffällt, lachen sie erneut. Aus dem frühen Morgen wird ein sonniger Vormittag, aus dem sonnigen Vormittag ein klarer Tag. Das Café füllt sich, die Gäste kommen und gehen. Doch was um sie herum geschieht merken Mark und Lucy nicht. Sie sehen sich nur an, reden und lachen. Für sie steht die Zeit.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen