Samstag, 3. Dezember 2016

Gefangen im Käfig


Eigentlich ist es vorbei. Unbehagen füllt sich in ihrem Magen, wenn sie ihn sieht. Es ist so, als würde sie etwas festhalten, was sie nicht los wird. Ein Schleier, ein Netz, dass sie erwürgt und von den Zehenspitzen bis zum Haaransatz zerdrückt.

Wie zwei Magnete die sich beide mit der Minusseite begegnen, stoßen sie sich ab. Sie sollten sich eigentlich anziehen, doch sie stehen nur noch Rücken an Rücken. Sie sieht ihn nicht mehr, auch wenn sie ihn direkt anblickt. Da ist nur ein Schleier aus dichten Nebel der vor ihr liegt und sie gleichzeitig umgibt. Der Dunst umhüllt sie und wird von Tag zu Tag dichter.


"Eine Frau ohne Liebe ist wie eine Blume ohne Sonne. Sie geht vor die Hunde." - Wo die Liebe hin verschwunden ist, weiß sie nicht. Erst dachte sie, sie ist vielleicht nur im Urlaub. Doch dafür ist sie schon zu lange fort.
Sie schaut aus dem Fenster, halb in ein Bettlaken gehüllt. Der Nebel scheint sie zu verfolgen, denn er legt sich draußen um die Bäume und auf das hohe Gras der verlassenen Wiese. Sie dachte, man könne sie hier nicht finden. Ein Irrtum. Er verfolgt sie. 
Hinter ihr regt sich etwas und sie schaut halb über ihre nackte Schulter. Er blickt sie mit trägen Augen an und legt den Kopf schief. Sie atmet einmal tief durch und legt den Kopf in den Nacken ehe sie das Bettlaken fallen lässt und es langsam über ihre zarte, nackte Haut gleitet. Sie geht zu ihm und dreht ihn auf den Rücken. Sie sitzt neben ihn und schaut ihn an, zeichnet mit ihren Fingern Linien auf seiner Haut. Den Blick tief in seinen Augen verankert. Sie verliert sich darin, der Nebel liegt in diesem Augenblick hinter ihr. Draußen, ausgesperrt. Nichts ist wichtig, hier kann sie keiner finden. Hier ist das "Nichts", ein schwarzer Fleck, ein geheimer Ort. Hier haben ihre Fesseln und Sorgen keinen Zutritt. Hier ist sie frei.
Sie küsst ihn und er zieht sie an sich. Er gibt ihr Wärme, die Kälte in ihr, an die sie sich schon gewöhnt hatte, schwindet langsam. Sie verliert die Kontrolle, versucht aber auch nicht sie zu behalten. Sie will sich nur gut fühlen. Begehrt, geliebt, geborgen. Sie will sich so fühlen, wie sie es vor Jahrhunderten getan hat. Der Eisklotz in ihrem Herzen scheint schon tausend Jahre in ihr zu leben. So kommt es ihr vor.
Doch nicht in diesem Moment, als er sie hält und sie liebkost. Sie lebt wieder, ist dem Erfrieren doch noch knapp entkommen. Seine Lippen scheinen sie mit jeder Berührung zu reanimieren, wenn sie wieder zu erstarren droht. Eng umschlungen vergessen sie alles um sich herum. Die Kälte, den Schmerz, den Nebel, das Gefängnis, den Druck, das Leben. 
Sie spürt wie das Blut angeregt durch ihre Adern fließt und sich ihre Glieder mit Leben füllen. Ihr Atem geht schnell, jeder Bestandteil ihres Körpers kribbelt. Ach ja, so fühlt es sich an zu leben.

Das Tageslicht schwindet, obwohl es heute noch gar nicht richtig da war. Sie sitzt verschwitzt im Bett und starrt die Wand an. So schnell das Gefühl der Sorglosigkeit kam, schwindet es nun auch wieder als die Kälte zurück kommt. Sie fängt an zu zittern, will sich so nicht fühlen. Es schmerzt. Sie will die Wärme zurück, sie ist auf Entzug. Sie schluckt, hält die Luft kurz an, schaut auf die Uhr.
Zwei Stunden später betritt sie wieder ihren Käfig und schließt die Tür. Keiner hat gemerkt, dass sie fort war. Das sie kurz glücklich war. Erneut umhüllt sie der Nebel. Sie fragt sich was sie tun soll, obwohl sie die Antwort längst kennt. Sie fragt sich, was sie hindert. Sie weiß, es geht nicht mehr. Sie hat gekämpft. Sie hat so viele Schlachten geführt. Sie haben es zusammen versucht, doch sind beide im Kampf gefallen. Sie waren in der Unterzahl. Es lohnt sich zu kämpfen, immer. Doch man kann nicht immer gewinnen. Manchmal soll es nicht sein.Sie geht durch die Flure und sieht sich die unzähligen Fotos an, die an den Wänden hängen. Bilder aus längst vergangene Tagen. Vergilbt, zerknittert, eingerissen. Im Geiste ist sie schon Kilometer, Meilen weit entfernt. Doch wird sie immer wieder zurück gezerrt.
Ist es Hoffnung? Oder eher Bequemlichkeit? Es gibt Momente die sind nicht so schlimm. An diese klammert sie sich. Sie bildet sich Hoffnung ein, aber sie ist nur eine Fatamorgana.
Sich selbst anzulügen ist einfacher, als man glaubt. Man denkt immer man hat die Kontrolle über seinen Körper und Geist, aber das ist nur ein Mythos.
Sie erinnert sich kurz an die Leidenschaft und das Kribbeln, was sie noch vor zwei Stunden verspürte und schüttelt sich kurz. Es kündigt sich ihr Gewissen an, aber sie sagt sich, dass sie keine Wahl hatte. Er hat sie aus dem Wasser gezogen, der Andere hätte es nicht getan. Er hat sie erst hinein geschubst, so denkt sie.

Die Wetterlage ändert sich auch die nächsten Wochen und Monate nicht. Sie tanzt mittlerweile einen immer langsamer werdenden Walzer. Alles um sie herum in ihrem Käfig wird grauer und dunkler. Nur in den Momenten, in denen sie sich für wenige Stunden fort schleichen kann, erhellt sich ihr Leben mit dem seichten Licht hunderter Glühwürmchen und gibt ihr Wärme. Sie beginnt sich zu verlieben. In dieses Gefühl, in die Reanimation.
Hin und her gerissen beginnt sie sich in ihrem Käfig die Federn auszurupfen bis sie nackt hinter den Stäben sitzt. Es zerfrisst sie von innen nach außen. Sie hat sich zwischen den Grautönen verloren, weiß nicht mehr was richtig oder falsch ist. Der Nebel lässt sie nichts mehr erkennen.
Als sie eines Abends zu Boden blickt, sieht sie unter dem zu Boden liegenden Federkleid etwas aufblitzen. Schwerfällig steht sie auf und hebt es auf. Es ist ein Schlüssel. Der Schlüssel zu ihrer Käfigtür, der Schlüssel zur Freiheit. Sie zögert. Aufschließen und fliegen oder ihn wegwerfen und weiter "hoffen"? Wärme oder Kälte? Leben oder Tod? Er oder er?



 

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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