Mittwoch, 9. November 2016

Herzverdreht

Da sitze ich in meinem Kleid, in meinem fantastischen, perfekten Kleid und es hat einen Fleck. Direkt auf der Brust, links. Er pulsiert über meinem rasenden Herzschlag. Dieser Tag sollte perfekt werden, ich war mir mit allem so sicher. Und jetzt? Ich bin so verwirrt, wie eine Siebtklässlerin in der ersten Algebrastunde.

Es klopft.
"Daisy?", fragte jemand hinter der Tür. 
"Ja?", rief ich während meine Brautjungfern an meinem Kleid alles zurecht zupften. Ich sah über meine Schulter und erblickte Marc.
"Wow, du siehst...", er stockte.
"Fabelhaft aus? Danke! Ich liebe dieses Kleid.", schwärmte ich und sah wieder in den Spiegel vor dem ich stand.
Er räusperte sich. "Hast du eine Minute?"
"Natürlich, was gibts?"
"Können wir kurz allein reden?", fragte er. Er war unsicher, das hörte ich in seiner Stimme.
"Oh, das hört sich nicht gut an. Mädels, lasst ihr uns kurz allein?", fragte ich und drehte mich zu Marc. Er kratzte sich am Hinterkopf. 
Als die Tür ins Schloss fiel, fragte ich ihn was los sei.
"Ich kann nicht dein Trauzeuge sein.", platzte es aus ihm heraus.
Ich lachte und winkte ab. "Natürlich kannst du! Bist du nervös? Das musst du nicht sein. Ich sollte es sein."
"Nein, darum geht es nicht.", sagte er leise.
"Oh, was ist los?", ich begann mir Sorgen zu machen. Andererseits bekam ich ein bisschen Panik. Er musste es machen, ich hatte niemand anderen (die typischen Sorgen einer Braut).
Er setzte sich auf die kleine Couch neben dem Fenster und ich nahm neben ihm Platz.
Er nahm meine Hände in seine und sah mich eindringlich an. Er sagte aber nichts.
"Spucks aus oder ich scheuer dir eine. Du machst mich gerade furchtbar nervös!", platzte es aus mir heraus. In mir machte sich Unruhe breit, er atmete tief durch.
"Das ist nicht so einfach.", sagte er nur und ich ahnte es schon.
"Nein.", sagte ich nur. Das kann nicht dein ernst sein. Nicht jetzt. Wieso jetzt!?
"Was?", fragte er verwundert.
"Ich sagte, nein. Ich weiß was los ist, ich kenne diesen Blick. So hast du mich vor ein paar Jahren schon einmal angesehen, als du das letzte Mal mit mir allein reden wolltest! An meinem Geburtstag im Garten, erinnerst du dich? Nein! Das machst du nicht schon wieder! Du hast deine Chance damals vertan!", rief ich. Mir steigen Tränen in die Augen. Das ist nicht fair.
"Daisy, es tut mir leid. Ich kann aber nicht so tun, als sei nichts. Ich musste es dir sagen. Ich wünschte es wäre anders, ich wünschte die Gefühle seien weg. Ich habe es auch versucht, aber ich konnte immer nur an dich denken. Es hat sich nie etwas geändert.", sagte er leise und wollte meine Wange streicheln. Ich drehte mich weg und stand auf. Eine Träne lief mir die Wange hinunter.
"Es hat sich nichts geändert!? DU hattest deine Chance! Ich habe dich geliebt, ich habe es dir gesagt und du hast mich damals eiskalt abgewiesen! Keine zwei Wochen später hast du mir Dave vorgestellt, damit du mich vom Hals hast! Du hast es mir damals sogar so gesagt! Und nun sitzt du vor mir und willst mir allen ernstes sagen, dass du nicht mein Trauzeuge sein kannst, weil du Gefühle für mich hast!? Was erwartest du jetzt von mir? Soll ich die Hochzeit absagen und mit dir durchbrennen? Du willst mich nur, weil du mich nicht haben kannst!", schrie ich ihn an.
"Das ist nicht wahr!", protestierte er.
"Ach, nein? Was ist jetzt so anders?", fragte ich und zog meine Nase hoch.
"Ich, du, alles. Ich war damals zu jung, jetzt sehe ich die Dinge anders.", sagte Marc und stand auf. Er ging im Kreis.
"Du bist so unfair!", sagte ich und ging zum Fenster. Ich sah auf den Parkplatz und sah unzählige Autos. Alle waren da. Familie, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen.
"Wenn du die Gefühle von mir nicht erwiderst, wo ist dann das Problem? Frag Katherine ob sie deine Trauzeugin wird. Sie war da doch eh immer scharf drauf.", sagte Marc entnervt und rieb sich die Augen.
"Wenn...", erwiderte ich nur leise, kaum hörbar. Aber Marc hob den Kopf: "Was hast du gesagt?"
Ohne ihn anzusehen ging ich aus dem Zimmer und begann im Flur zu rennen. Plötzlich tauchte ein Mann mit einem Sekttablett im Flur auf. Er wollte gerade noch ausweichen, doch ich rempelte ihn um. Ich spürte die Nässe auf meiner Brust, rannte aber weiter. Ich rannte aus der Kirche, über die Straße und in den gegenüberliegenden Park. Ich rannte davon. Ich wunderte mich über meine Kondition, bis mir dann doch die Puste ausging.
Ich setzte mich auf eine Bank und ließ die Tränen kullern.

Wenn. Ja, wenn es nicht so wäre wie er sagt, dann hätte ich jetzt nicht so ein Problem mit mir selbst. Von meinem Gefühlschaos wird mir schlecht und ich muss mich übergeben. Also habe ich jetzt nicht nur einen Fleck auf meinem Kleid und ein verwirrtes Herz, nein ich habe jetzt sogar auch noch Mundgeruch.
Ich bleibe einfach auf dieser Bank sitzen und warte auf ein Wunder, mir kann sowie so gerade niemand helfen. Ich höre meinen Namen und blicke erschreckt auf. Sie suchen mich. Ich stehe auf und verschwinde hinter den Bäumen, die sich hinter der Bank befinden. Hinter einer dicken Trauerweide lasse ich mich zu Boden fallen und verstecke mein Gesicht in meinen Händen. Das sollte der glücklichste Tag in meinem Leben werden. Aber für mich und meinen Bräutigam wird es heute kein Happy End geben. Warum ist es mir nicht egal?

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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