Dienstag, 15. November 2016

Ein Aufsatz über den Sinn des Lebens

Viktor arbeitet hart, um sich sein Leben zu finanzieren. Er ist Aushilfslehrer an einer Realschule und arbeitet abends noch an der Volkshochschule und gibt einen Philosophiekurs.
Seine Studenten aus dem Abendkurs sollten ihm einen Aufsatz über den Sinn des Lebens schreiben. Das lässt er jeden Kurs einmal machen. Er liebt es, sich diese Aufsätze durchzulesen. Die unterschiedlichen Meinungen, die Ausführungen und Sichtweisen seiner Studenten versüßen ihm abends stets das Gegenlesen. 
Normalerweise schmunzelt er über die unterschiedlichen Ausarbeitungen, doch an einer bleibt er ernsthaft hängen. Sie hat nichts mit den anderen gemein. Sie ist so ehrlich und so wahr, dass er seine Kaffeetasse abstellt und grübelnd in die Ecke schaut.

"Der Sinn des Lebens wird als der Grund gesehen, warum der Mensch überhaupt existiert. Warum er überhaupt da ist. Warum leben wir? Darauf gibt es keine Antwort. Wer sollte uns diese auch geben?
Fakt ist jedoch: das Leben ist ein Geschenk. Da bedarf es keiner weiteren Fragerei. Es ist eine Tatsache. Wir sollten jede Sekunde als wertvoll erachten und sie nutzen. Wir sollten einfach... leben. Aber wie lebt man? Leben wir überhaupt? Wie viel Prozent der Weltbevölkerung können an ihren Lebensabend sagen "Wir haben richtig gelebt"? Kaum jemand, denn die Meisten verlieren sich im Alltag und vor allem in der Arbeit. Viele leben nur noch um zu arbeiten. Leider eine traurige Tatsache. Das wie und das überhaupt gehen verloren, stehen gar nicht mehr zu Debatte. Sie geraten in Vergessenheit.

Früher habe ich meinem großen Bruder geglaubt. Er meinte, dass wir es mal besser haben müssen als unsere Eltern. Sie sind einfache Leute. Mein Vater ist Vertreter und meine Mutter arbeitet gelegentlich im Supermarkt und packt Ware aus. Wir hatten es immer gut, aber große Sprünge konnten wir nie machen. Das war okay, wir kannten es halt nicht anders.
Mein Bruder war immer der Ansicht, dass wir beide mehr aus uns machen müssen als sie. Er hat eine Ausbildung gemacht, nebenbei studiert und nun ist er Abteilungsleiter in seiner Firma. Nächstes Jahr soll er zur stellvertretenden Geschäftsführung befördert werden. Karriere ist wichtig, meint er. Umso mehr du diese förderst, desto mehr Geld verdienst du und umso mehr Geld du hast, desto ein besseres Leben kannst du führen. Früher habe ich ihm geglaubt, es genau so gesehen. Früher.
Jetzt sehe ich in sein ausgemergeltes Gesicht und erkenne die Spuren, die der Stress hinterlassen hat. Er hat ein Drittel seines Körpergewichts verloren und hat mit Mitte dreißig das Antlitz eines Mannes Ende fünfzig.
Ich habe es auch versucht, wirklich. Ich habe mein Abitur gemacht, eine Ausbildung erfolgreich mit zwei abgeschlossen und wurde von meinem Ausbildungsunternehmen übernommen. Ich habe, wie er, nebenbei angefangen zu studieren. Ich dachte, ich müsse es genau so machen, habe hart geschuftet. Und dann? Life happens. Ich habe nur noch gearbeitet und gelernt. Bin zur Arbeit gefahren und von dort aus zur Uni. Auf dem Weg habe ich mich selbst verloren. Mein Bruder sagte zwar immer, dass man ein besseres Leben führt, wenn man beruflich erfolgreich ist. Aber wo war mein Leben? Wo war das, was mir versprochen wurde? Es war nicht mal ansatzweise in Sicht. Meine Noten waren nicht mehr so gut, wie ich es gewohnt war. Eher im Gegenteil. Egal wie viel ich mich bemühte, es wurde immer schlimmer. Meine Arbeitsleistung ließ durch den Druck in der Uni ebenfalls nach und ich fing mich an zu fragen, wofür ich das alles eigentlich tat. Für mich? War ich Masochistin? Ich quälte mich selbst. Erfüllung sieht anders aus.
Ich habe lange mit mir gerungen. Das Studium einfach abbrechen? Ich habe noch nie irgendwas abgebrochen. Was würden meine Eltern sagen? Was würde mein Bruder sagen!? Sie waren so unheimlich stolz, dass nun auch die Kleine richtig was aus sich machen würde. Aber das war nicht ich. Ich bin nie so wie mein Bruder gewesen. Ich fühlte mich furchtbar, dachte ich wäre nicht gut genug und fragte mich, was ich falsch machte, weil es nicht so lief wie bei ihm. Aber dann, nach näherem und langem Nachdenken, fiel mir auf, dass ich gar nicht so wie er sein musste. Ich lebe nicht um zu arbeiten. Wer sagt, dass das alles so wichtig ist um glücklich zu sein?
Ich habe die Uni geschmissen und ich habe bisher nie eine bessere Entscheidung getroffen. Ich bin seither ausgelassener und zufriedener. Ich habe angefangen einen Spanischkurs zu machen und bin zu diesem Philosophiekurs gegangen. Ich habe wieder angefangen Bücher zu lesen und bin einfach glücklich.
Arbeit ist nicht alles. Im Gegenteil: der Job sollte einen Bruchteil dessen ausmachen, was wir leben nennen. Es gibt so viel mehr als das. Jeder definiert "richtig leben" anders und das ist in Ordnung. Sei es Bunjeejumping, Fallschirm springen, surfen, feiern gehen, Achterbahnfahren, Reisen, Urlaub machen, sich auf eine Bühne stellen, berühmt werden, heiraten, einen Sprachkurs machen, ein Buch lesen oder einfach auf einer grünen Wiese liegen und sich den Himmel anschauen. Aber wir sollten von einer 40-Stundenwoche (Tendenz steigend) nicht alles abhängig machen. Ich mache das nicht mehr.

Der Sinn des Lebens ist für mich, das Leben zu leben. So zu leben, wie man "leben" definiert sodass man einfach glücklich ist. 
Man mag mich altmodisch nennen, hoffnungslos romantisch oder gar naiv. Ich brauche nur eine Sache, um glücklich zu sein. Ihn. Ich habe die Liebe meines Lebens gefunden und wir wissen beide, dass wir miteinander alt werden wollen und es auch werden. Das erfüllt mich. Das macht mich glücklich. Er gibt mir einen Sinn. Ist das so albern? Verwerflich? Deswegen sollte ich mich nicht schlecht fühlen müssen.
Ich weiß, dass mein Aufsatz vielleicht eher beschreibt wo der Sinn des Lebens nicht liegt. Aber eine Verallgemeinerung dafür für jedes Individuum auf der Welt zu finden ist schier unmöglich. Vielleicht gibt es ja tatsächlich Menschen die ihre Erfüllung komplett in ihrer Arbeit finden. Voll und ganz. Das würde mich für sie freuen. Allerdings erscheint mir das als eher unwahrscheinlich. Menschen sind schließlich aus Fleisch und Blut und keine Maschinen."

Nachdenklich schaut Viktor Löcher in die Luft. Am Thema komplett vorbei oder voll getroffen? Er sieht zu seinem Schreibtisch und die restlichen Aufsätze aus dem Philosophiekurs, sowie noch ein paar Tests aus der Schule, die noch zu korrigieren sind. Außerdem muss er noch Aufgaben für den Schulunterricht vorbereiten. Arbeit, arbeit. Mensch oder Maschine? Das fragt er sich auch gerade.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Kommentare:

  1. Du hast sowasvon Recht, das ist auch der Schluss zu dem ich für mich selbst gekommen bin. Es ist schön am Ende deine persönliche Meinung darüber zu hören was für dich wichtig ist. Allerdings halte ich es unter Betrachtung dessen dass du am Ende so persönlich wirst für etwas verwirrend, dass du am Anfang die Einleitung mit dem Professor beschreibst.
    Lg Scarlet

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  2. Hallo Scarlet :-)
    Danke für deinen Kommentar und deine Kritik. Du hast vollkommen recht. Ich habe das Ende nochmal geändert bzw. ergänzt.

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    1. Gefällt mir echt gut! Macht die Geschichte irgendwie runder. Wobei der Inhalt mich vorher ja schon begeistert hat! :)

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