Donnerstag, 27. Oktober 2016

Zeig mir, was es bedeutet zu leben

"Ich sage Ihnen, Yaro, mein Leben ist ein schlechtes Klischee.", lallt Angelina, während sie an ihrem Martini nimmt.
"Ach, das glaube ich nicht.", antwortet der Barkeeper und poliert ein Glas.
"Doch, wie aus einem schlechten Film. Scheidung, Kündigung, Obdachlos. Es hat damit angefangen, dass ich meinen Mann, entschuldigung Ex-Mann, überraschen und von der Arbeit abholen wollte. Ich wollte ihm was gutes tun und mit ihm Essen gehen. Er hatte ja immer sooo unheimlich viel zu tun und musste jeden Abend Überstunden machen, sagte er. Von wegen. Bei seiner Sekretärin hat er Überstunden gemacht. Auf dem Schreibtisch hat er sie gebumst, in der einzigen Stellung die der Bastard kennt: Missionar. Und wäre das nicht genug, bekam ich einen Tag später meine Kündigung von meinem Chef, weil meine Stelle einfach gestrichen wurde. Man müsse Personalkosten einsparen. Ohne Mann und ohne Job. Nachhause konnte ich nicht, ich ertrug es nicht. Also bin ich einfach, ohne nachzudenken, zum Flughafen gefahren und habe den nächstmöglichen Flug gebucht."
"So sind Sie hier gelandet?", fragt der Barkeeper ungläubig.
"Jap, Tunesien war der nächste Flug. Also habe ich den genommen. Klamotten habe ich mir am Flughafen gekauft, ein Hotel hier gesucht. Und tadaaa, hier bin ich.", lallt Angelina und ext ihr Glas.
"Nur Missionar?", fragt Yaro.
"Nur Missionar.", antwortet Angelina, dann wird alles schwarz.

Erstaunlicherweise wacht Angelina ohne Kopfschmerzen, aber auch ohne Klamotten auf. Sie liegt in ihrem Hotelzimmer im Bett. Sie reibt sich die Augen und versucht sich zu erinnern. Nur einzelne Fetzen kommen in ihr Gedächtnis zurück. Da ist Yaro, der Martini und auf einmal erinnert sie sich an ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Kribbeln, was von innen nach außen zu strömen scheint. Dann dreht sich der Knauf der Badezimmertür und Yaro kommt nackt ins Zimmer.
Ehe sie es sich versieht, sitzt er auf ihr und hält sie an den Handgelenken fest. Er lacht, sie ist erschrocken. Was ist hier los? Ehe sie fragen kann, küsst er sie leidenschaftlich. Automatisch erwidert sie den Kuss. Dann wandert Yaro mit seinen Lippen an Angelinas Hals entlang, an ihren Schultern vorbei, am Schlüsselbein weiter runter bis zum Bauchnabel. Er schaut zu ihr hoch und sie kann nur schwer das Beben in ihrem Inneren unterdrücken. Sie kann, will sich nicht wehren. Yaro lächelt und küsst ihren Bauch mit seinen Lippen, bis er weiter unten an ihren angekommen ist. Angelina jauchzt leise und wird langsam immer lauter. Da ist wieder das Gefühl aus ihrer Erinnerung, dieses Kribbeln das sich zu einer gewaltigen Explosion in ihr entwickelt. Sie wird immer lauter, kann es nicht mehr halten bis sie hoch geht wie eine Bombe. Völlig außer Atem sieht sie zu Yaro, der nun die Innenseite ihrer Schenkel liebkost. Sie setzt sich auf und zieht ihn an den Schultern hoch. Sie küssen sich erneut, bevor Angelina ihn auf dem Rücken schmeißt. Sie setzt sich auf ihn und das Rodeo beginnt. Beide verlieren sie sich in der Ekstase und nach mehreren Stunden purer Leidenschaft, liegen sie erschöpft nebeneinander. Unfähig etwas zu sagen, versucht sie ihren Atem wieder zu finden. Nach ein paar Minuten hat sie sich geordnet und fragt: "Was ist da passiert? Jetzt gerade und ... heute Nacht?"
"Du wolltest dein Repertoire erweitern.", antwortet er.
"Mein Repertoire?"
"Jetzt kennst du mehr als die Missionarsstellung.", sagt Yaro und zwinkert ihr zu, während er sich aufsetzt.
Nachdenklich sieht sie ihn an, diesen perfekten Tunesier mit seinem perfekten Körper und seinem perfekten Gesicht.
"Wenn du mir eine halbe Stunde gibst, kann ich dir noch mehr zeigen.", flüstert er, während sein Gesicht ihrem immer näher kommt. Angelina schluckt und er küsst sie. Liebevoll, sachte. Sie schließt die Augen und ihr Magen zieht sich zusammen. Seine Hand wandert wieder zwischen ihre Beine und wieder verliert sie sich zwischen Himmel und Erde. Die halbe Stunde scheint mit einem Wimpernschlag zu vergehen und ehe sie es sich versieht und sie weiß wie sie dahin gekommen sind, stehen sie plötzlich an der Wand neben dem Bett und Yaro zeigt ihr im Stehen wie sie sich verlieren kann. Die Nacht wird zum Tag und nach weiteren zwei Stunden und zweiundzwanzig Minuten liegt Yaro müde neben ihr und schläft ein. Angelina legt sich die dünne Bettdecke locker um die Schultern und geht auf den Balkon. Es ist noch früher Vormittag, aber die Sonne strahlt schon über das ganze Meer. 
So viel schlechtes ist passiert, so viel hat sie durchmachen müssen. Doch wäre das nicht passiert, wäre sie nie hier gelandet. Sie schaut zu Yaro, der auf dem Bauch liegt und tief und fest schläft. 
"Danke.", denkt sie nur. Ein Danke an ihren Ex-Mann, an ihren ehemaligen Arbeitgeber und ein Danke an sich selbst, da sie den Mut hatte. Den Mut zu gehen.
"Alles in Ordnung?", hört sie Yaro plötzlich sagen. Angelina nickt und sagt: "Danke."
"Wofür?"
"Dank dir, habe ich mich das erste Mal, seit langem, wieder lebendig gefühlt. Ich hatte schon vergessen wie das ist. Also Danke.", sie lächelt und sieht zum Meer. Sie sieht nicht mehr zurück und zurück gehen wird sie auch nicht mehr.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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