Montag, 31. Oktober 2016

Per Anhalter

Diese Herbstnacht ist dunkel und der Nebel legt sich kalt und leise über die Straße. Wir fahren gerade von der Dorfparty im Nachbarort nachhause und hinten sitzen drei unserer betrunkenen Freunde, die bereits eingeschlafen sind. Mein Freund und ich sind von Müdigkeit gezeichnet und ich schlafe auch fast ein, als ich aus dem Fenster auf die vorbei ziehenden Felder schaue. Meine Augen fallen immer wieder zu und für einen Augenblick meine ich eine Gestalt auf einem Feld im Nebel zu sehen, aber als ich die Augen richtig öffne, ist sie verschwunden.
Wir fahren langsamer und ich schaue meinen Freund an und frage: "Warum fährst du plötzlich so langsam?"
"Da vorne ist ein Bahnübergang mit einer Bodenwelle. Da muss ich langsam drüber, sonst geht mir der Unterboden meiner Karre kaputt."

Ich nicke und schaue wieder aus dem Fenster. Der Nebel wird dichter und als wir in Schrittgeschwindigkeit über den Bahnübergang tuckeln, sehe ich wieder diese Gestalt im Nebel. Ich erschrecke und mein Freund ebenfalls.

"Was ist!?", fährt er mich an.
"Da!", rufe ich und zeige auf das dürre Ding, was langsam auf uns zu kommt. Wir erstarren, das Klischee ist perfekt.
Er will Gas geben, aber plötzlich knallt es unter der Motorhaube und Dampf steigt hoch.
"Was ist los?", lallt einer von hinten.
Ich schaue wieder aus dem Fenster und die Gestalt kommt langsam auf uns zu.
"Da ist jemand und das Auto ist gerade kaputt gegangen, wir stehen hier auf dem Bahnübergang und kommen hier nicht weg!", erkläre ich und werde langsam panisch.
"Bleib ruhig, Schatz. Vielleicht wollte er mitfahren? Vielleicht ist es jemand von der Party?", versucht mein Freund mich zu beruhigen. Ich schlucke.
"Ich steige mal aus und frage nach."
"Bist du irre?", fahre ich ihn an.
"Jetzt werd' mal nicht paranoid. Ich komme doch gleich wieder, außerdem siehst du mich doch.", winkt mein Freund ab und steigt aus. Er geht auf die Gestalt zu, ich sehe nur wie er mit den Armen gestikuliert und leise in den Nebel geht.
"Wo geht er hin?", fragt nun meine Freundin von hinten. Ich sage nichts, mein Blick klebt an meinem Freund.
Ich merke, wie sie sich hinten bewegt und nun auch aus dem Fenster schaut. Die Stille ist unerträglich, ich habe kein gutes Gefühl. Auch die anderen Beiden sind nun wieder wach und schauen auch aus dem Fenster. Keiner sagt auch nur einen Ton.
Nun steht er genau vor dem Schattenmann und versucht mit ihm zu reden. Dann geht alles unglaublich schnell, ich sehe nur wie mein Freund sich plötzlich krümmt und zu Boden fällt.
"Aiden!", schreie ich und steige aus dem Auto aus.
"Bleib hier!", rufen meine Freunde, aber ich renne schon los. Plötzlich stehe ich vor diesem... Ding und sehe, was es ist. Oder was es nicht ist. Es hat kein Gesicht, der Kopf ist weiß und groß. Es trägt einen schwarzen Anzug und hat keine richtigen Hände, sondern etwas, was aussieht wie Speerspitzen. Eine davon ist rot und blutverschmiert. Ich sehe an diesem Monster vorbei und sehe meinen Freund reglos am Boden liegen. Das Ding starrt mich mit seinem augenlosen Kopf an und ich renne an ihm vorbei zu meinen Freund. Ich drehe ihn zu mir und er starrt starr in den Himmel. Sein Gesicht ist weiß, sein Bauch zerfetzt und dunkelrot. Ich schreie hysterisch und fange zu weinen an. Ich höre ein Piepen in meinen Ohren und leise Rufe von meinen Freunden. Ich drehe mich um und das Ding geht langsam auf mich zu und legt den Kopf schief. Ich sehe an ihm vorbei und zu meinen Freunden. Hinter ihnen sehe ich einen gelben Lichtkegel. Ein Zug. Und das Auto steht direkt auf den Schienen.
"Weg da! Lauft! Da kommt ein Zug!", schreie ich, aber sie scheinen mich nicht zu hören. Sie fuchteln mit den Armen, schreien, scheinen den Zug nicht zu bemerken. Er kommt immer näher und näher. Ich will zu ihnen, kann Aiden aber nicht hier liegen lassen. Ich sehe nur wie der Zug das Auto mitnimmt und meine Freunde weg sind. Meine Freundin wird in zwei Hälften gefetzt und ihr Körper zur Seite geschleudert. Die Jungs sehe ich einfach nicht mehr. Ich sacke über Aiden zusammen und spüre plötzlich, dass etwas ganz nah hinter mir steht. Ich erstarre. Das Ding. Dann merke ich nur einen stechenden, drückenden Schmerz im Rücken, der mich bis zu meiner Brust durchdringt und sehe an mir herunter und sehe, dass seine Speerhand aus meinem Brustkorb ragt. Mein Mund füllt sich mit Blut und ich verschlucke mich daran. Ich bekomme keine Luft, kann nicht atmen. Mein Hals schnürt sich zu, ich will husten aber es klappt nicht. Ich bekomme Panik, habe aber nicht genug Kraft dafür. Ich sacke langsam zusammen und sehe zu Aiden, der mir direkt in die Augen starrt. Das ist das Letzte was ich sehe.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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