Dienstag, 6. September 2016

Du Opfer

"Liebes Tagebuch,

heute war ich nicht unsichtbar. Ich weiß nicht, wieso es manchmal klappt und manchmal nicht. Ich glaube ich muss das nochmal irgendwie üben...

Sie haben mich ins Jungsklo eingesperrt. Vier haben mich festgehalten und reingeschubst, dann haben sie die Tür zugehalten. Die Jungs die in der Toilette waren haben mich alle komisch angeguckt und dann gelacht. Ein paar haben angefangen zu sagen, dass ich wohl selbst ein Junge wäre, wenn ich schon auf ihre Toilette gehen würde. Ein hässlicher Junge. Die ganze Pause haben sie die Tür von draußen zugehalten, ich kam nicht raus. Die Jungs in der Toilette haben dann angefangen mich immer von der Tür wegzuschubsen, wenn ich daran ziehen wollte. Ich bin zweimal hingefallen. Ich glaube ich bekomme einen blauen Fleck am Knie. Ich wollte nicht weinen. Ehrlich nicht. Aber ich habe es nicht geschafft. Die Jungs haben mich dann irgendwann nicht mehr aufstehen lassen, also habe ich mich in die Ecke gesetzt und gewartet. Sie haben mich mit den Klorollen beworfen. Als es geklingelt hat, konnte ich dann endlich raus.
In der zweiten Pause sind mir dann die Vier von der ersten Pause hinterher gelaufen und haben mich beschimpft. Sie sagten, ich solle wieder in die Toilettenrohre kriechen. Da wo ich hingehöre. Ich habe versucht nicht zu reagieren, aber dann haben sie mich mit Tannenzapfen beworfen. Und wenn ich gerufen habe, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, haben sie mich geschubst und mir gesagt, ich solle meinen Mund halten. 
Im Schulbus hatte ich aber meine Ruhe. Sie haben mich nicht direkt geärgert, aber mich die ganze Zeit angestarrt und gelacht. Diesmal wurde ich aber nicht geschubst und meinen Rucksack haben sie mir dieses mal auch nicht weggenommen. Aber als ich zuhause ankam habe ich gesehen, dass sie mir ein Kaugummi in den Zopf geschmiert haben. Mama musste ihn mir abschneiden, weil man ihn nicht mehr rausbekommen hat. Jetzt habe ich ganz kurze Haare.
Morgen will sie mit meinem Klassenlehrerin sprechen. Ich habe sie angefleht es nicht zu tun. Ich hoffe sie nimmt mein Angebot an. Ich habe gesagt, dass ich nach der Schule einen Monat den ganzen Haushalt mache, wenn sie nicht mit Frau Dill spricht. Sie hat gesagt, dass das Quatsch ist. Vielleicht ist ein Monat auch zu wenig. Ich werde morgen auf zwei Monate erhöhen. Vielleicht geht sie ja darauf ein. Ich hoffe so sehr, dass sie morgen nicht mit Frau Dill spricht. Dann wird es wieder schlimmer. Da habe ich richtig Angst vor.
Liebes Tagebuch, drück mir die Daumen.

Gute Nacht, deine Lydia"

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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