Sonntag, 11. September 2016

Das Heim der besonderen Mädchen - Part 8


Josy versucht nach Luft zu ringen, aber sie schafft es nicht. Fiona steht starr vor ihr, ihre schwarzen Augen blicken zu dem erstickenden Mädchen. Caligo sieht ihr lächelnd zu, während der Tod immer näher kommt.
Josy fängt an weiße Punkte zu sehen, unfähig ihre Kräfte nun einzusetzen. Sie hat keine Energie mehr, da sie komplett in den Kampf ums Überleben fließt. Aber sie kann nicht gewinnen. Alles um sie herum verschwimmt, bis sie plötzlich einen lauten, ohrenbetäubenden Schrei hört und zu Boden sinkt. Mathilda. Auch Caligo und Fiona halten sich die Ohren zu. Josy sieht sich um, kann Mathilda aber nirgendwo sehen. Sie scheint sich hinter den Bäumen zu verstecken. Der Schall ihres Schreis ist so laut, dass man nicht ausmachen kann woher er kommt. Als sie langsam verstummt, kann Josy nichts anderes hören, als ihren Tinnitus. Sie schaut zu Fiona, deren Augen wieder normal aussehen.

"Fiona!", ruft Josy und kriecht zu ihrer Freundin. Sie ist vollkommen benommen und sieht verwirrt hin und her. 

"Was ist...?", bringt sie nur heraus. Josy steht auf und zieht sie hoch. Sie rennen wieder los und weg von Caligo. Sie kommen nicht schnell voran, aber schaffen es aus dem Sichtfeld der Schulleiterin zu verschwinden. 

"Josy, was ist passiert? Plötzlich war alles schwarz.", sagt Fiona, während sie weiterlaufen.

"Wie deine Augen. Caligo hat dich mit einem Fluch belegt. Du solltest mich umbringen.", antwortet Josy. Fiona bleibt stehen. 

"Was?", fragt sie ungläubig.

"Komm weiter, wir haben keine Zeit.", sagt Josy und zieht an ihrem Arm.
"Ihr könnt nicht fliehen.", sagt plötzlich eine laute Stimme. Caligo.

"Fiona gehört jetzt mir.", spricht sie weiter und taucht hinter einem der Bäume auf. Dann passiert es wieder. Fiona verkrampft, steht steif da und ihre Augen färben sich pechschwarz.


"Fiona!", ruft Josy. Sie schaut sich um, weiß nicht was sie tun soll. Sie weiß nicht, wie sie ihre Freundin von dem Fluch befreien soll. Also entschließt sie sich kurzer Hand wegzulaufen. Die Tränen steigen in ihr auf. "Ich weiß nicht, was ich sonst machen soll. Ich komme wieder!", sagt sie in Gedanken zu ihrer Freundin. "Es tut mir leid.", flüstert Josy und schließt die Augen. Alles um sie herum wird still. Die Bäume, die sich gerade noch im Wind wogen verharren in ihrer Ausgangsposition, Fiona steht da, wie eine Figur aus einem Gruselkabinett. Und Caligo, sie sieht selbstzufrieden zu Fiona. Josy nimmt sich einen Stein und rennt auf sie zu, doch nur einen Meter bevor sie die Schulleiterin erreicht, wird sie zurück gestoßen. Eine unsichtbare Mauer umgibt den Dämon. Josy landet auf dem Rücken und sieht zu Caligo. Ihre Blicke treffen sich. Wie ist das möglich? Wie kann sie ihre Augen bewegen? Wie kann sie Josy ansehen?Josy schluckt und rennt los. Sie rennt davon, weiter in den Wald. Lange kann sie die Zeit nicht mehr anhalten, aber sie versucht den Zustand noch einige Minuten lang zu halten. Sie rennt immer weiter, bis sie Mathilda hinter einem großen Baum hocken sieht. Sie hat ein Buch in der Hand. Josy läuft zu ihr und sieht, dass es das Buch ist, wovon der Geist in der Hütte sprach. Sie hat es tatsächlich gefunden. Josy merkt, dass ihre Kraft nachlässt und lässt sich zu Boden fallen. Dann hört sie wieder das Rauschen der Blätter. Mathilda erschrickt und will gerade schreien, als Josy ihr den Mund zuhält. 

"Wag es ja nicht!", sagt sie außer Atem. Mathilda nickt nur und atmet ruhig. 
"Hast du den Zauber gefunden?", fragt sie weiter und lässt ihre Hand sinken.

"Ja. Aber es gibt ein Problem.", beginnt Mathilda und Josy sieht sie fragend an.
"Wir sind Junghexen, haben noch nicht so viel Kraft. Wir brauchen Fiona um den Zauber zu sprechen. Umso mehr wir sind, desto besser. Du bist geschwächt und ich nicht so stark. Zu Zweit schaffen wir das nicht. Wir brauchen sie. Aber sie steht jetzt unter Caligos Fluch. Das macht es... etwas schwierig."
Josy verzieht den Mund und sieht zur Seite. Plötzlich bewegen sich Blätter, Äste und Steine von selbst. Vorsichtig sieht sie an dem Baum vorbei und kann Fionas Silhouette erkennen.
"Erstmal müssen wir hier weg. Wir müssen uns verstecken und uns was überlegen.", sagt sie und steht schnell auf. Mathilda nickt und die beiden Mädchen rennen los. Josy tun schon die Beine weh, aber das Adrenalin gibt ihr Kraft um weiter zu laufen. Hinter ihnen bewegt sich alles, Fiona ist dich hinter ihnen. Mit jedem Atemzug werden sie langsamer und unter einem kleinen Vorsprung finden sie Schutz, um einmal durchzuatmen.
"Okay, ich habe eine Idee.", sagt Josy und Mathilda hört gespannt zu.
"Als du vorhin geschrien hast, kam Fiona kurz wieder zur Besinnung. Kannst du gleich nochmal so laut kreischen wie du kannst?", fragt sie und Mathilda nickt und schluckt einmal.
"Okay. Du bleibst hier und zählst bis 100. Ich renne in der Zeit los, um sie von hier weg zu locken. Sie wissen noch nicht, dass du bei mir bist. Wenn du bei der Hundert angekommen bist, schreist du. Und das, so laut du kannst. Wenn Fiona wieder zu sich kommt, werde ich die Zeit anhalten und sie hier rüber schaffen. Wenn ich die Zeit wieder zum Laufen bringe, dann müssen wir direkt den Bann sprechen. Verstanden?", Josy schaut das dickliche Mädchen erwartungsvoll an. Mathilda nickt wieder und sagt: "Okay, verstanden!" Mit diesen Worten rennt Josy los und Mathilda fängt an zu zählen. Fiona entdeckt Josy relativ schnell und sprintet ihr hinterher. Steine und Äste fliegen an Josy vorbei, doch sie schafft es auszuweichen bis ihr ein Stein in die Wade schlägt und sie zu Boden fällt. In diesem Moment ertönt Mathildas Schrei und Fiona sinkt zu Boden. Josy versucht einen klaren Kopf zu behalten, damit sie gleich die Zeit stoppen kann, aber kurz verliert sie die Kontrolle über sich. Als Mathilda verstummt, ist Josy kurz orientierungslos. Doch sie findet die Beherrschung schnell wieder und stoppt die Zeit. Sie humpelt zu Fiona, welche auf dem Boden liegt und verwirrt zur Seite starrt. Ihre Augen sind klar. Josy versucht sie schnell hochzuheben und geht so schnell sie kann mit der Statue auf ihrem Rücken zum Vorsprung zurück. Sie schafft es gerade so, bis ihre Kräfte versagen und die Zeit wieder weiter läuft. Fiona schaut verwirrt zu Mathilda und zu Josy.
"Fiona, komm zu dir. Wir müssen den Bann sprechen, um Caligo zu besiegen. Verstehst du mich? Schaffst du das?", fragt Mathilda und legt ihr die Hand auf die Schulter. Fiona nickt langsam. 
"Sie ist gleich bei uns. Ich spüre es.", flüstert Fiona und sieht ängstlich zu Josy. Die Mädchen stehen auf und schauen ins Zauberbuch. Sie beginnen die Zeilen laut vorzulesen. Sie hören Caligos Gelächter, welches immer lauter wird. Sie lesen weiter, bis sie plötzlich hinter dem Trio steht. 

"Glaubt ihr wirklich, dass das was bringt?", lacht sie düster. Die Mädchen stocken.

"Lest weiter!", ruft Mathilda und die Mädchen lesen weiter. Caligo verstummt plötzlich und schreit. Sie beginnt sich wieder in das grausame Monster zu verwandeln. Die Mädchen lassen sich jedoch nicht beirren und sprechen den Bann weiter. Als Caligo gerade auf sie zugehen will, beginnt sie an zu zittern und zu beben. Ihr Kopf bewegt sich ruckartig in alle möglichen Richtungen. Das Trio liest lauter und plötzlich zieht eine schwarze Wolke auf, die Caligo zu umhüllen beginnt. Der Rauch wird dichter und sie hören aus der Wolke nur ein undefinierbares Gekreische. Als die letzte Zeile gelesen ist, zieht sich der Rauch in Windeseile zusammen und verschwindet. Zurück bleibt nur das schwarze Kleid, was die Frau immer trug. Erschöpft atmen die Mädchen durch und sehen sich an. Doch plötzlich sackt Fiona zusammen.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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