Dienstag, 16. August 2016

Die Reise in die Vergangenheit von Margo Green

(Runde 3 - Seppo Blog-Auszeichnung 2016)
Ich habe sie nie gemocht, die alte Schnepfe. Entweder hat sie vor dem Spion ihrer Wohnungstür gehangen oder vor dem Fenster. Sie hat die Leute beobachtet, sich oft in ihre Angelegenheiten eingemischt und sie angepöbelt. Das sie neugierig war, wäre untertrieben gewesen.
Und doch fühlte es sich komisch an zu wissen, dass sie nun nicht mehr neben mir wohnen würde. Als ob irgendwas fehlen würde.
Mrs. Green, die alte Schachtel, hatte keine Familie. Man wusste zumindest von keiner. Somit wurden ihre Sachen nach ihrem Ableben verpfändet. Doch bevor dies geschah, bekam ich die Gelegenheit in ihre Wohnung zu gehen und mir etwas auszusuchen. Ziemlich makaber, aber so war es. Ich ging manchmal für sie einkaufen, da sie schon ziemlich alt und nicht mehr so agil war. Nachbarschaftshilfe, nenne ich das einfach. Ich wollte nett sein. Sie war halt alt. Auch, wenn ich sie nicht leiden konnte bin ich einmal die Woche für sie einkaufen gegangen. Somit vermerkte sie mich in ihrem Testament. War ja sonst keiner da, dem sie etwas hätte vermachen können.
"Die Kleine von nebenan, Romy, darf sich aus meiner Wohnung nehmen was sie will, bevor sich die Aasgeier über mein Hab und Gut hermachen. Lieber soll sich die kleine Göre etwas nehmen, bevor mein Eigentum irgendwelchen Halunken in die Hände fällt. Sie scheint halbwegs in Ordnung zu sein. Die einzige Bedingung: sie darf sich nur einen kleinen Karton voll machen, sonst räumt die mir doch noch die ganze Bude aus", verließ der Nachlassverwalter und räusperte sich verlegen. Ich nickte und war erstaunt, denn das war für ihre Verhältnisse ziemlich nett. Auch, wenn ich nichts von ihren Sachen wollte, ging ich in ihre Wohnung um Abschied zu nehmen. Den Beleidigungen, dem Klopfen an die Wand (,wenn ich Musik hörte) und ihrer krankhaften Neugier Lebewohl zu sagen. Der Nachlassverwalter wartete vor der Tür im Hausflur.

Es war ziemlich staubig und dunkel in ihrem kleinen Apartment. Ich schaltete das Licht ein, denn die schweren Vorhänge ließen nicht mal Licht durch, auch wenn sie aufgezogen waren.
Ich muss zugeben, dass die alte Frau ziemlich cooles Zeug hatte, sie schien all möglichen Kram gesammelt zu haben. Also beschloss ich, mir doch den kleinen Karton zu nehmen (den sie natürlich für mich bereit gestellt hatte, damit ich ja keinen Größeren nahm) und schlenderte durch die Zimmer. Was mir zuerst auffiel, war der aktuelle H&M-Katalog, der auf dem Wohnzimmertisch lag. Da ich keinen mit der Post bekam beschloss ich, diesen als erstes in meinen Karton zu legen. Warum eine 86 Jahre alte Zicke sich diesen nachhause bestellte ist mir bis heute schleierhaft. Neben dem Katalog stand eine große, weinrote Duftkerze die nach Kirschen roch. Sie war fast noch unbenutzt, also steckte ich sie auch in meinen Karton. Im Badezimmer fand ich einen Nasenhaartrimmer, der noch eingeschweißt auf dem Fensterbrett lag und beschloss diesen meinem Vater zu Weihnachten zu schenken. Im Flur fand ich eine kleine Skulptur aus Ton, die eine offene Tür darstellte. Nur eine Tür, mehr nicht. Dieses kleine Ding war so absurd und kurios, dass es kurzerhand auch in meinem Karton landete. Durch meine kleine Wanderung durch die alte Wohnung steckte ich noch einen Zylinder, einen Volleyball-Schläger (ja, sowas gibt es tatsächlich) und eine alte Landkarte von Tasmanien ein.
Mein Karton war fast voll, aber ich spazierte noch weiter durch diese Höhle, bis ich ins Schlafzimmer von Mrs. Green kam. Irgendwie war mir etwas mulmig zumute, aber ich ging trotzdem hinein. Mir fiel direkt der große, alte Schminktisch auf der gegenüber des dunkelbraunen Himmelbettes stand. Ich stellte den Karton auf den Boden und setzte mich auf den kleinen Hocker, der einen violetten Samtbezug hatte. Mrs. Green hatte einen Stil, der mir gefiel. Die Parfumflakons glitzerten, als ich sie in die Hand nahm und dufteten, als sei ich auf einer Blumenwiese. Mein Blick blieb jedoch an einem kleinen Kästchen hängen. Ich nahm es in die Hand und hörte darin etwas klimpern. Ich wollte es öffnen, aber es war verschlossen. Ich blickte mich um, aber es war kein Schlüssel zu sehen. Ich überlegte und stand auf, ging durch das Zimmer und schaute sogar unter das Bett. Aber nichts. Ich schaute in den Schubladen und durchwühlte das ganze Zimmer. Als ich mir mein Werk so ansah, fing ich an mich zu schämen. Ich hatte das Schlafzimmer einer toten Frau durchwühlt. Das macht man nicht. Und trotzdem ließ mich der Inhalt von diesem geheimnisvollen Kästchen nicht in Frieden. Es musste etwas ganz Besonderes sein, sonst wäre es nicht verschlossen gewesen.
Unter der Matratze wurde ich fündig. Zwar war es nicht der Schlüssel zu der kleinen Truhe, aber mindestens genauso wertvoll. Margo Greens Tagebuch. Es war voll geschrieben und der erste Eintrag trug das Datum vom 14.08.1949.
"Romy? Sind sie fertig? Ich möchte Sie ja nicht hetzen, aber ich habe gleich noch einen Termin.", höre ich plötzlich aus dem Wohnungsflur den Nachlassverwalter rufen. Vor Schreck ließ ich fast das Tagebuch fallen. Ich steckte es in meinen Karton, genauso wie das Kästchen. Wer hätte das nicht getan?

Später an diesem Abend las ich das Tagebuch von Mrs. Green wie einen Roman. Ich erfuhr, dass sie gebürtige Australierin war und ihre Mutter früh starb. Sie lebte mit ihrem Vater allein in einem kleinen Haus in Tasmanien. Dieser zog mit ihr dahin, um dort in einer großen Werkstatt zu arbeiten. Ohne seine Frau hielt ihn wohl nichts mehr in Australien. Die Landkarte schenkte er ihr, kurz nachdem sie umgezogen waren. "Das hier ist jetzt unser Zuhause, siehst du? Die Karte zeigt dir nun unser neues Heim, unsere Zukunft. Hier stehen uns alle Türen offen.", zitierte sie ihn im Tagebuch. Die kleine Skulptur, die ich in ihrer Wohnung fand, machte sie selbst für ihren Vater im Kunstunterricht der Schule, weil er sooft sagte: "Dir stehen alle Türen offen". Es war ein Symbol. Für Beide.
Eines Tages lernte Margo Green einen Jungen kennen, der bei seinem Vater in der Werkstatt eine Lehre machte. Thomas Lanchester. An manchen Tagen beschrieb sie ihn als gut aussehend und überaus freundlich, an anderen Tagen als ungehobelt und furchtbar. Im Endeffekt schienen sie sich aber zu mögen, denn schlussendlich fingen sie an miteinander auszugehen. Sie verliebten sich, natürlich. Die Hälfte des Tagebuches beschrieb ihr Glück und wie verliebt sie waren. Es schien alles ganz und gar vollkommen zu sein. Doch eines Tages fingen sie an zu streiten und sich zu entzweien. Thomas hatte irgendwas getan, was Margo in ihrem Tagebuch aber nicht näher ausführte. Sie fragte sich nur immer wieder, wie er ihr das antun konnte. In mir brannte die Neugier, was ist da vorgefallen? 
Der Kontakt brach wohl immer mehr zusammen, bis sie sich eine Zeit lang gar nicht mehr sahen. Doch dann begannen sie sich heimlich zu treffen. Jeden Montag und Donnerstag trafen sie sich in der Werkstatt von Margos Vater. Der letzte Eintrag, vom 26.09.1952, des Tagebuches zerbrach mir das Herz:
"Heute sahen wir uns zum letzten Mal, denn am Sonntag soll es soweit sein. Ich kann nicht fassen, dass uns das passiert ist. Wieso? Wieso will Gott uns trennen, wenn wir doch zusammen gehören? Ich werde nie wieder glücklich sein können, denn mein Glück wurde mir entrissen. Ich weiß nicht, wie ich meinen Kummer beschreiben soll. Mein Herz ist gebrochen. Doch Thomas und ich werden immer wissen, das wir zusammen gehören. Wir schlossen unsere Liebe in mein Schmuckkästchen, das er einst für mich schnitzte. Er schenkte mir sein Herz, ich ihm das meine. Den Schlüssel nahm er mit und ich die Schatulle. Damit wir eines Tages, wenn wir wieder zueinander finden, unsere Liebe wieder entfachen und die Schatulle öffnen können. Sie wird für immer in unseren Herzen lodern und nichts und niemand wird das je ändern können."
Kein Wunder, dass die alte Frau immer so verbittert war. Sie verlor das kostbarste in ihrem Leben. Ihre große Liebe. Danach folgten keine Einträge mehr. Ich ging zu meinem Schreibtisch, auf dem das Kästchen stand. Sie schlossen ihre Liebe ein. Aber was war es, was sich noch darin befand? Aufbrechen wollte ich es nicht, da ich es nicht kaputt machen wollte. 
Ich setzte mich an meinem Laptop und begann nach Thomas Lanchester zu googlen. Wer war er? Was geschah nach dem 26.09.1952? Ich suchte nach einem Foto von ihm, alten Zeitungsartikeln, fand aber nichts. Bis ich eine Anzeige in einem Immobilienportal fand: "Haus zu verkaufen, Thomas Lanchester. Alte, gemütliche Stadtvilla in Livingston wegen Umzug zu verkaufen. Bitte melden Sie sich unter: 00442356987521" 
Konnte es ein Zufall sein? Livingston war gute 30 Minuten von meiner Wohnung entfernt, es war quasi der Nachbarort. War er wirklich so nah? Ich schluckte und überlegte die Nummer anzurufen. War ich so neugierig? Es dauerte zwei Tage bis ich mich durch rang die angegebene Nummer anzurufen. Jedoch nahm niemand ab.

Mein Interesse an dieser Geschichte ebbte nicht ab, also beschloss ich einen Samstag nach Livingston zu fahren. Durch das Telefonbuch fand ich die Adresse von Thomas und setzte mich abrupt ins Auto. Ich fand das Haus relativ schnell und als ich davor hielt und aus dem Fenster meines Autos sah, sah ich einen alten Mann auf einer kleinen Bank auf der Veranda sitzen. Das musste er sein. Das Tagebuch und das Kästchen hatte ich mitgenommen. Den Karton mit den anderen Dingen von Margo hatte ich auch im Auto, da ich sie noch meiner Mutter zeigen wollte. Also legte ich das Tagebuch und das Kästchen einfach für die Fahrt dazu.
Ich fasste mir ein Herz und stieg aus meinem Auto, ging zu ihm und fragte: "Mr. Lanchester?"
"Ja?", antwortete er mit einer kratzigen, tiefen Stimme.
"Hallo, mein Name ist Romy. Ähm, ich habe versucht Sie anzurufen und wollte meinen Besuch eigentlich ankündigen. Aber ich habe sie leider nicht erreicht."
"Wollen Sie sich das Haus ansehen?", fragte er und blickte mich durch seine dicken Brillengläser an.
"Nicht direkt.", sagte ich langsam.
"Was wollen Sie dann von mir?", fragte er und sah mich verwundert an.
"Das ist vielleicht eine etwas ungewöhnliche Frage, aber ... haben Sie mal in Tasmanien gelebt?", fragte ich und kaum hatte ich es ausgesprochen merkte ich, wie blöd sich diese Frage anhörte.
"Woher wissen Sie das!? Was sind Sie? Ein Detektiv? Schnüffeln Sie hier rum?!", rief er verärgert und stand von der Bank auf.
"Nein, Sie missverstehen das.", sagte ich und wollte ihm alles erklären, doch er fuhr mich an: "Ich verstehe das sehr wohl! Sie wollen rumschnüffeln!"
"Nein! Margo Green war meine Nachbarin.", sagte ich nur und trat einen Schritt zurück. Plötzlich verstummte er und blieb wie eine Statue stehen.
"Margo? War?", sagte er nur und ließ sich wieder auf der Bank nieder. Tränen stiegen in seine Augen. Ich setze mich zu ihm auf die Bank und sprach ihm mein Beileid aus. Ich erzählte ihm von ihrem Ableben und ihrem Testament. Ich erzählte von dem Tagebuch und dem geheimnisvollen Kästchen. Gedankenverloren starrte er in die Leere.
"Thomas, was ist damals passiert?", fragte ich leise, als die Stille mich zu verschlingen drohte. Die Situation war mir unangenehm, aber gleichzeitig war es ungemein spannend.
"Ich liebte Margo über alles. Bis heute.", sagte er nur und schaute mich plötzlich an.
"Was ist dann an jenem Abend geschehen?", fragte ich ihn und hielt seine Hand.
"Sie hat alles niedergeschrieben?", fragte er und sah auf das Tagebuch. Ich nickte nur.
"Wir waren so glücklich. Alles war perfekt. Doch meine Eltern nahmen uns nicht richtig ernst. Sie hielten alles erst für eine kleine Liaison, nichts besonderes. Als sie ihren Lebensmittelladen und all ihr Geld verloren, hatten sie eine Entscheidung zu treffen. Bernhard Fay war ein reicher Unternehmer bei uns Zuhause, der seine Geschäfte von Daheim aus tätigte. Er hatte eine Tochter, Lisa. Ich hatte nie viel mit ihr zu tun, doch meine Eltern und sein Vater arrangierten eine Verlobung. Ich erfuhr erst davon, als alles in trockenen Tüchern war. Ich hatte vorher nie ein Wort mit diesem Mädchen gewechselt. Doch es war die einzige Möglichkeit meine Eltern vor dem Bankrott zu bewahren. Ich hatte keine Wahl. Als ich Margo davon erzählte, war sie fassungslos. Verständlich. Sie gab mir die Schuld an dieser Sache und zwischen uns war nichts mehr wie früher. Ich schrieb ihr einen Brief, weil ich all das nicht wollte. Und wir fingen wieder an uns zu treffen. Heimlich. Es durfte keiner wissen, dass wir noch zusammen waren. Als Beweis meiner Liebe machte ich ihr ein Geschenk. Als die Hochzeit mit Lisa immer näher rückte, wurde mir mit jedem Tag immer mulmiger zu Mute. Was danach geschehen sollte, wussten wir nicht. An unserem letzten Abend vor der Hochzeit beschlossen wir, unsere Liebe einzuschließen. Es sollte ein Symbol für uns Beide sein. Ein Symbol dafür, dass wir uns immer lieben werden, ganz egal was passiert. Sie legte etwas in die Schatulle was sie an mich erinnerte und ich legte etwas rein, was mich an sie erinnerte. Wir wollten das Kästchen gemeinsam öffnen, wenn alles wieder gut war. Aber das ist nie passiert. Nach der Hochzeit erfuhr ich, dass Margo nach Schottland gezogen ist. Ihr Vater erzählte mir, dass sie es nicht ertrug mich an der Seite einer anderen Frau zu sehen. Viele Jahre vergingen und doch dachte ich jeden Tag an Margo.", erzählte mir der alte Mann.
"Was war mit Lisa?", fragte ich nur.
"Lisa wusste Bescheid. Sie sagte nie etwas, so wie es eine gute Ehefrau tat. Aber sie wusste es immer. Ich war ihr ein guter Mann und sorgte für sie. Meine Pflichten nahm ich sehr ernst. Leider starb sie früh an Krebs. Eine Familie haben wir nie gegründet. Es sollte wohl nicht sein. Nach ihrem Tod beschloss ich nach Margo zu suchen, jedoch fand ich sie nie. Sie stand in keinem Telefonbuch und ich hatte keinen Anhaltspunkt. Ich wusste nur, dass sie hier in Schottland lebte und schon immer mal nach Edinburgh wollte. Also zog ich hierher. Ich lebte hier viele Jahre allein und hoffte immer, sie würde mich finden. Aber auch das geschah nicht. Sie sagen, Sie waren ihre Nachbarin? Wo lebte sie? Wie war sie?"
"Nun, sie lebte allein in... Edinburgh. Sie hatte auch keine Familie. In ihrem Tagebuch deutete sie schon an, dass sie sowas wohl nie mehr vorhatte. Und sie war sehr, sagen wir temperamentvoll.", beschrieb ich sie ihm. Ich konnte ihm nicht sagen, dass sie ein Ekelpaket war. Er kannte eine andere Margo Green. Thomas lächelte. 
"Meine Margo. Sie war also so nah und doch so fern. Darf ich das Tagebuch sehen?", fragte er. In mir stiegen die Tränen hoch. Es war alles so furchtbar traurig und gleichzeitig endlos romantisch. Ich kam mir vor wie in einem Nicholas Sparks Roman.
"Selbstverständlich. Ich lasse es ihnen gerne hier. Thomas, was mich aber interessiert ist: was ist in der Schatulle? Ich weiß, dass es mich nichts angeht. Aber wissen sie, Ihre Geschichte hat mich so gebannt. Ich würde es zu gerne wissen."
Er stand plötzlich auf und ging ins Haus. Ich sah ihm nur verdutzt hinter her und starrte zur Tür. Er kam relativ schnell wieder und hatte einen kleinen Schlüssel in der Hand. Den Schlüssel.
"Ich zeige es Ihnen.", sagte er und öffnete mit dem Schlüssel das kleine Kästchen. Der Deckel quietschte beim öffnen und ich sah eine silberne Kette mit einem herzförmigen Anhänger, ein Medaillon. Und ich sah ein altes, vergilbtes schwarz-weiß-Foto von einer jungen Margo Green. Sie saß auf einer Wiese und grinste breit in die Kamera. Ich erkannte sie sofort, obwohl ich die alte Frau nie lächeln sah. Ich nahm das Medaillon in die Hand und öffnete es. Dort waren ein Foto vom jungen Thomas und ein Foto von einem Ehepaar, das mir unbekannt war. Fragend sah ich Thomas an.
"Das sind Margos Eltern gewesen. Der schmucke Typ auf der anderen Seite bin ich.", lachte er.
Ich lächelte ihn an, obwohl ich todtraurig war. Das Geheimnis war gelüftet, aber ich fühlte mich nicht so gut, wie ich erwartet hätte. 
"Thomas, ich kann Ihnen gar nicht sagen wie leid mir das alles tut. Und ich kann Ihnen nicht mehr als genug Danken, dass Sie mit mir Ihre Geschichte geteilt haben.", sagte ich unter Tränen.
"Ach, Kindchen. Ich danke Ihnen! Sie haben mir meine Margo gebracht. Nicht in Person, aber Sie brachten mir alles was ich von ihr kannte und was noch viel schöner ist: Sie brachten mir die Erinnerung zurück. Vielen Dank dafür."
Wir saßen noch lange auf der Veranda und unterhielten uns. Als ich ging, ließ ich Thomas alles da. 

Ab diesem Tag besuchte ich ihn jeden Samstag. Bis er starb. Er zog in eine kleinere, seniorengerechtere Wohnung. Auf seiner Beerdigung waren nur ich und sein Kegelclub. Er hatte niemanden sonst, fast wie Margo. Ich konnte alles so regeln, dass er neben Margo seine letzte Ruhe fand. Den Platz neben ihrem Grab reservierte ich direkt zwei Wochen, nachdem ich Thomas das erste Mal traf. So waren sie wenigstens nach ihrem Dasein auf der Erde noch zusammen. Das hatten sie sich verdient. Er vermachte mir die Schatulle und natürlich das Medaillon. Beides sehe ich heute noch mit leichter Wehmut an. Die alte Margo Green war nie freundlich, aber nun weiß ich wieso. Man schaut den Leuten nur vor den Kopf und nicht ins Herz.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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