Montag, 4. Juli 2016

Das Heim für besondere Mädchen - Part 6



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Warten. Etwas Grausames, wenn man weiß, dass der Tod selbst auf einen wartet. Josy und Fiona sitzen sich gegenüber und schauen auf den Boden. Keine weiß etwas zu sagen. Ein kalter Wind kommt auf und Josy bekommt Gänsehaut. Sie schüttelt sich und Fiona sieht auf und erschrickt. Hinter ihr, am Waldrand, steht eine Gestalt.
"Josy.", flüstert sie, ohne den Blick von der Gestalt zu wenden. Josy dreht sich um und sieht zu der weißen, transparenten Figur hinter den Bäumen. Es ist ein Geist. Josy schluckt und nimmt Fiona an die Hand. Sie stehen langsam auf und bewegen sich auf die Hütte zu.
"Wartet.", haucht die Gestalt und ein Echo ihrer Worte sind zu hören. Es ist oder war eine Frau. Doch die Mädchen hören nicht auf sie und rennen direkt in die kleine Hütte. Sie laufen ins kleine Badezimmer und verschließen die Tür. Sie atmen schwer, der Schock sitzt tief.
"Am helligten Tag?", haucht Fiona außer Atem.
"Habt keine Angst. Ich bin keine Gefahr.", hören sie die Geisterfrau hinter der Tür sagen.
Josy reißt die Augen auf und und sieht zu Fiona. "Wie ist sie hier rein gekommen?", flürtert sie panisch.
"Sie ist ein Geist, sie kann überall hin.", flüstert Fiona zurück und legt den Kopf schief.
"Wir müssen hier verschwinden!", krächzt Josy, sie hat furchtbare Angst.
"Ich glaube nicht, dass sie uns etwas tut. Sonst hätte sie es schon längst getan. Außerdem können wir nirgendwo hin.", versucht Fiona sie zu beruhigen.
"Bitte kommt heraus, es ist zu eng für uns drei in diesem kleinen Badezimmer.", ruft die Geisterfrau.
Fiona schluckt einmal und will die Tür öffnen. "Nicht!", ruft Josy noch, aber Fiona ist schneller. Die Tür geht auf.
Hinter ihr steht eine Frau in einem weißen Kleid. Sie hat kein richiges Gesicht, man sieht nur zwei schwarze Augen auf dem weißen Schimmer. Ihre Haare sind nach hinten zu einem Knoten gebunden.
"Habt keine Angst.", sagt der Geist erneut.
Fiona stellt sich aufrecht hin. "Die habe ich nicht. Hier muss man nur vorsichtig sein.", sagt sie.
"In der Tat."
Josy versteckt sich hinter Fiona. Geister sind ihr nicht geheuer, sie fürchtet sich so sehr vor ihnen wie Fiona sich vor der Dunkelheit.
"Wer bist du?", fragt Fiona.
"Mein Name war Gwendoline Forster. Ich war die Direktorin dieser Institution.", sagt der Geist und die Mädchen erschrecken.
"Wann?", fragt Josy erschrocken.
"Es muss jetzt 148 Jahre her sein."
"Was genau ist 148 Jahre her?", fragt Fiona.
"Meine Amtszeit. Und der Mord an mir."
Josy schaut Fiona an, doch diese starrt starr zu Gwendoline.
"Ich möchte euch helfen.", sagt der Geist.
"Wie?"
"Ich weiß was Caligo ist.", flüstert Gwendoline.
"Sie ist deine Mörderin.", sagt Fiona trocken.
Der Geist nickt: "Das auch. Aber sie ist auch ein Dämon. Herbei gerufen durch meine Torheit."
"Was!?", krächst Josy.
"Was ist dir widerfahren?", fragt Fiona und ignoriert sie.
"Es war das Jahr 1851. Ich war glücklich, ich hatte alles. Mein Mann und ich haben diese Villa mit unseren eigenen Händen errichtet. Er war Kaufmann und ich eine einfache Hausfrau. Ich erwartete ein Kind, ein Mädchen. Als unsere kleine Sophie auf die Welt kam, schien die Welt perfekt zu sein. Wir führten ein ruhiges und normales Leben. Bis unsere Tochter eines Tages mit zerrissenen Kleidern und Schürfwunden aus der Schule kam und bitterlich weinte. Sie hatte es nie sonderlich leicht. Sie hatte kaum Freunde und spielte oft allein. Ihr fehlte ein Büschel Haare und ein Schuh. Ich fragte sie, was passiert sei und sie erzählte mir, dass die anderen Kinder gemerkt hatten, dass sie anders sei. Sie habe alles versucht, um es geheim zu halten. Doch hatte sie nun nicht aufgepasst. Die Lehrerin habe die Kinder einfach gelassen, als sie meiner Tochter die Haare raus rissen und prügelten.", erzählt Gwendoline leise.
"Was bedeutet, sie war anders?", flüstert Josy.
"Sie war eine Hexe. So wie ich eine war. Doch war es zu unserer Zeit noch gefährlicher, als es für euch heute ist.", antwortet Gwendoline und erzählt weiter: "Ich war außer mir. Ich versorgte mein Kind. Badete sie, zog ihr ein Nachthemd an und brachte sie ins Bett. Ich sang ihr ein Schlaflied und wartete dann auf meinen Mann. Ich wollte mit ihm eine Lösung finden. Doch er kam nicht. Er kam nicht nachhause. Als ich in der Dunkelheit am Fenster stand und auf ihn wartete, sah ich Fackeln. Viele davon. Ich wusste, wer da auf dem Weg zu mir nachhause war. Es waren die Bewohner aus der Stadt und ich erkannte, dass sie ein großes Kreuz trugen. Daran gebunden, der leblose Körper meines Mannes. Trauer, Wut, Enttäuschung. Ich schrie so laut ich konnte um den Schmerz von mir zu lösen, doch es wurde nur noch schlimmer. Ich weiß noch, dass sämtliche Vasen im Haus zu Boden fielen und ein Meer aus Scherben unter meinen Füßen knirschten. Ich rannte aus meinem Haus und sah dem Mob entgegen, der Gebete rief und Gott darum bat, die Dämonen zu vertreiben. Töricht. Doch wussten diese Menschen nicht, mit wem sie sich anlegten. Ich war eine der Mächtigsten meines Zirkels gewesen. Ich verließ ihn damals nur, um mit der Liebe meines Lebens ein normales Leben führen zu können. Doch Menschen sind gefährlich und ängstlich. Sie fürchten sich vor dem Unbekannten. Sie blieben zwanzig Meter von mir entfernt stehen und ließen das Kreuz mit meinem toten Mann zu Boden fallen. Ich spürte den Hass, meine Wut und ließ ihnen freien Lauf. Ich beherrschte den Blutzauber. Konnte den roten Lebenssaft in ihren Venen kontrollieren. Und so tötete ich einen nach dem anderen. Ich war so mit meiner Rache beschäftigt, dass ich nicht merkte, dass ein zweiter Mob mein Haus in Brand steckte. Viel zu spät hörte ich die Schreie von Sophie. Erst als ich einen nach dem Anderen getötet hatte, hörte ich ihre Rufe. Sie verbrannte bei lebendigen Leibe. Mein Leben hatte keinen Sinn mehr und ich schwor mir, nie wieder einem Menschen zu vertrauen. Sie sind ohnehin alle gleich. Ich wollte, dass keine Hexe je so ein Schicksal widerfahren sollte wie mir. Also gründete ich diese Schule. Ich baute sie um, suchte Mädchen mit besonderen Fähigkeiten und nahm sie bei mir auf. Wir führten alle ein abgeschottetes Leben, aber dafür ein sicheres. Viele Jahre vergingen, genau siebzehn. Mein Hass versiegte nicht, im Gegenteil. Viele Andere versuchten unsere Schule zu zerstören und sie bekamen meinen Zorn zu spüren. Sie hatten nie Erfolg. Verteidigung war unser erstes Gebot. Aber es wurden immer mehr Menschen, die uns vertreiben oder gar töten wollten. Ich beschloss, dass es so nicht weiter gehen konnte, also suchte ich in verschiedenen Büchern nach einer Lösung. Ich fand eine. Es war nicht die Richtige, aber ich sah keinen anderen Ausweg. Durch Rachsucht getrieben beschwor ich einen Dämon herauf. Einen mächtigen Dämon, der uns beschützen sollte. Erst war es auch so. Meine Schülerinnen fürchteten ihn zwar, doch er erfüllte seinen Zweck. Er suchte diejenigen heim, die uns aufsuchten um uns zu schaden. Einen nach dem Anderen. Doch verweigerte er mir immer öfter Gehorsam. Irgendwann hatte ich keine Kontrolle mehr über ihn und er griff mich an. Ich rettete mich in die Bibliothek und suchte nach einem Bann, um ihn zu vertreiben. Ich fand in der Eile keinen, jedoch fand ich noch eine Beschreibung dessen, was ich geschaffen hatte. Ein machtsüchtiger Dämon namens Homicida. Der Mörder. Ein teuflischer Dämon, welcher alles tötete was ihm im Weg stand. Das hatte ich vorher nicht gewusst. So schnell, wie ich seinen Namen raus fand, so schnell fand ich meinen Tod. Der Dämon nahm meine Gestalt an und lebte fortan an meiner Stelle als Direktorin in der Schule. Keiner der Mädchen hat es je gemerkt. Diejenigen, die zu mächtig wurden, wurden in diese Hütte gesperrt und von ihm getötet. Niemand kannte bisher die Wahrheit."
Josy und Fiona starren die Geisterfrau an. Sie können sich nicht aus ihrer Starre befreien, zu groß ist diese Geschichte. Zu groß ist ihre Bedeutung.
"Du bist also die richtige Mrs. Caligo!?", haucht Josy.
"So könnte man es nennen. Der Dämon wählte seinen Namen selbst. Aber die Gestalt in der er wandelt ist die meine."
"Was können wir tun?", fragt Fiona leise.
"Ihr müsst es töten."
"Aber wie?"
"In der Bibliothek, im Regal 48 findet ihr das Buch, welches ich kurz vor meinem Tod fand. Dort sind verschiedene Dämonen gelistet und Zaubersprüche um diese zu bannen geschrieben. Auf Seite 166 ist Homicida zu finden. Ich war damals zu langsam, um den Dämon selbst zu vernichten. Tötet ihn und nehmt den Fluch von dieser Schule. Befreit sie von meinen Fehlern."
"Wir sind hier gefangen.", weint Josy und blickt sich um. "Wir kommen hier nicht weg. Es wird uns finden und auch töten."
"Nein, nicht wenn ich den Bann aufhebe. Ich kann euch helfen. Doch wir müssen uns sputen.", haucht Gwendoline hastig und verlässt die Hütte. Fiona sieht Josy an und drückt ihr die Schultern.
"Versuch dich zu beruhigen. Wir müssen hier weg und versuchen diesen Dämon zu besiegen. Wenn wir das nicht tun, dann werden wir sterben. Ich weiß es klingt so, als sei es nicht machbar. Doch das ist unsere einzige Chance!", sagt Fiona. Josy schluckt und nickt einmal. Sie weiß, dass sie Recht hat. Sie rennen hinaus und sehen, dass Gwendoline die Arme gehoben hat und einen Zauberspruch murmelt. Ihre Stimme wird lauter und der Hall dessen schallt durch die Bäume und den Wind. Ein weißes Licht leuchtet vor Gwendoline auf wird immer größer. "Lauft! Ich kann den Bann nicht lange blockieren!", ruft sie und die Mädchen zögern keine Minute. Sie rennen und rennen und rennen. Drehen sich nicht um, hören nur noch die Worte von Gwendoline im Wind: "Ihr seid die einzige Hoffnung für diese Schule. Tötet Caligo."

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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