Freitag, 10. Juni 2016

Vergissmeinnicht

Die Tage der schwarzen Löcher mehren sich und Ben weiß langsam nicht mehr weiter. Es ist schon schlimm genug, wenn ein Elternteil an Demenz erkrankt. Aber wenn Mutter und Vater sich mit dieser Krankheit plagen, ist es viermal so schwer für Familie und Freunde.

Angefangen hat es mit seinem Vater. Er konnte sich nicht mehr merken, was er am Vortag gegessen hat. Da es damit aber jeder Zweite mittlerweile schon schwer hat, hat man dem keine Beachtung geschenkt. Dann vergaß er aber immer wieder, was man ihm erzählte. Er fragte immer wieder nach den selben Sachen, obwohl man es ihm bereits fünf Mal erklärt hatte. Er vergaß, was er selbst sagte. Streitereien brachen los. "Das habe ich nie gesagt! Was sind das für wilde Unterstellungen!?", brüllte er. Sich untersuchen zu lassen, kam für Bens Vater nie in Frage. Als er sich jedoch eines Tages in der Stadt verlief und der Anruf von der Polizei kam war klar, dass etwas definitiv nicht stimmte. Er war aufgebracht, wusste nicht wo oder wer er war und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Diagnose: Alzheimer-Demenz.
Bens Mutter bestand darauf, dass ihr Mann bei ihr zuhause bliebe. Sie war für ihn da, beruhigte ihn, wenn er sich verwirrt umsah und nicht mehr wusste wo er war. Sie wich ihm nicht von der Seite. Bis sie anfing, Dinge falsch zu verstehen, zu vergessen, nicht richtig wieder zu geben. Sie war stetig verwirrt und hatte Stimmungsschwankungen, schob es jedoch auf den täglichen Umgang mit Bens Vater. "Das färbt ab.", lachte sie und winkte ab. Bis wieder die Polizei anrief und Ben ins Krankenhaus eilen musste. Seine Mutter lag in einem Krankenbett und weinte. Die Pfleger erklärten ihm, dass sie seinen Vater suchte der, wie in letzter Zeit so oft, abgehauen und allein durch die Gegend gelaufen ist. Sie fand ihn in einem Park über eine Wiese schlendern als sie selbst nicht mehr wusste, was sie eigentlich wollte. Sie sah sich um und kam sich verloren vor. Sie bekam einen Wutanfall, fing an zu schreien und brach zusammen. Diagnose: Vaskuläre Demenz.

Für Ben, der mittlerweile mit seiner Frau wieder bei seinen Eltern wohnt, hat sich das Leben stark verändert. Seine Eltern, die von Natur aus schon stur und launisch sind, machen ihm den Alltag mit der Pflege nicht leicht. Sein Vater schreit ihn an und denkt er ist ein Einbrecher, weil er seinen Sohn nicht wieder erkennt. Bens Mutter fängt Streit an, weil sie die Diagnose nicht akzeptiert. "Ich bin nicht senil! Alles Scharlatane! Ich lasse mir hier nichts unterstellen, nur weil ihr mich aus meinem Haus vertreiben wollt um es sich selbst unter die Nägel zu reißen!" ruft sie immer, wenn Ben versucht ihr zu erklären, was mit ihr los ist. Seine Nerven liegen blank und er weint sich manchmal in den Schlaf. Seine Frau versucht ihn zu unterstützen, ist aber nur noch selten zuhause. Sie kann mit der Situation nur schlecht umgehen. Entweder stürzt sie sich in ihre Arbeit oder besucht ihre Schwester in der Nachbarstadt. Sie erträgt die Lage nicht mehr.
Ben hat darüber schon oft mit seiner Therapeutin gesprochen. Sein Arbeitgeber hat ihm geraten zu Dr. Mayer zu gehen, da seine Arbeitsleistung mit der Zeit immer mehr nachgelassen hat. Zweimal die Woche redet er darüber, wie schwer alles geworden ist. Zweimal die Woche versucht Dr. Mayer ihm zu helfen. Zweimal die Woche vergebens.

"Schatz, wir schaffen das nicht. Was ist wenn wir für deine Eltern eine passende Betreuung suchen würden?", flüstert Bens Frau als sie im Bett liegen. Er dachte, sie würde schlafen. Ben wischt sich die Tränen weg und schüttelt den Kopf.
"Warum nicht?", fragt sie tonlos.
"Sie sind meine Eltern. Sie haben mich groß gezogen, sich um mich gekümmert. Jetzt bin ich dran mich um sie zu kümmern. So ist der Lauf der Dinge nun mal.", antwortet Ben verbissen.
Seine Frau setzt sich auf. "Ben, die beiden haben bestimmt noch gute 20 Jahre vor sich. Du bist gerade mal 30 Jahre alt. Ich möchte eine Familie gründen, mal in den Urlaub fahren. Ich möchte leben. Das kann ich so nicht.", platzt es aus ihr heraus.
Natürlich hat Ben auch schon darüber nachgedacht. Das seine Frau diese Wünsche hegt, ist keine Überraschung. Trotzdem sträubt sich in ihm so viel gegen diese Entscheidung. Er will seine Eltern nicht abschieben. Aber tut er das denn? Er schafft es selbst kaum noch aufrecht zu gehen, da die Last so groß ist. Er ist überfordert. Ist es zu viel oder ist er einfach bloß schwach?
Ein Knall, ein Rums, ein Schrei. Beide springen aus dem Bett und rennen die Treppe hoch ins Schlafzimmer von Bens Eltern. Seine Mutter liegt mit einem blutigen Kopf auf dem Boden und sein Vater kauert mit der Nachttischlampe an der Wand.
"Wer sind Sie!? Verschwinden Sie und nehmen Sie diese Frau direkt mit!", schreit der alte Mann ängstlich und fuchtelt mit der Lampe vor sich rum.
"Was ist passiert?", fragt Bens Frau während sie sich zu ihrer Schwiegermutter auf den Boden kniet.
"Diese fremde Frau, lag einfach in meinem Bett. Sie ist eingebrochen! Wer sind Sie? Die Polizei?", Bens Vater lässt sich zu Boden sinken. Er hat angst.
Ben kommen die Tränen und bleibt einfach nur stehen. Seine Frau ruft ihm zu, er solle einen Krankenwagen rufen. Aber er kann sich nicht bewegen. Was ist bloß mit seinen Eltern passiert? Als er wieder zu sich kommt, hört Ben seine Frau im Flur telefonieren. Wahrscheinlich ruft sie gerade den Krankenwagen. Ben kniet sich zu seiner Mutter auf dem Boden und hört seinen Vater nur leise vor sich hin winseln. Ben versucht sie zu wecken, redet mit ihr. Aber sie wacht nicht auf.
Der Krankenwagen ist schnell da und nimmt Bens Eltern beide mit ins Krankenhaus. Natürlich fahren er und seine Frau hinterher. Wie sooft schon. Im Auto reden sie kein Wort.
Im Krankenhaus angekommen, trifft Bens Frau eine Entscheidung und veranlasst, dass Bens Vater am Folgetag in ein Pflegeheim untergebracht wird. Seine Mutter folgt darauf eine Woche später. Durch den Unfall kann sie nicht mehr selbstständig essen, sich waschen, geschweige denn laufen. Der Schlag auf den Kopf hat deutliche Spuren hinterlassen.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Kommentare:

  1. Hallo Claudia,

    eine wirklich schöne und zugleich erschreckende Geschichte mit einer meiner meiner Meinung nach sehr wichtige Message: man kann
    nicht immer alles alleine schaffen und braucht sich dafür nicht zu schämen.

    Liebe Grüße
    Kathi

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    1. Liebe Kathi,
      ich freue mich, dass dir meine Geschichte gefällt und das sie richtig rüber kommt. :-)

      Liebste Grüße,
      Dia

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