Dienstag, 21. Juni 2016

Das Heim für besondere Mädchen - Part 4


Es ist so still, dass Fiona nur das Rauschen ihres Blutes in den Ohren hört. Sie hat sich vor die Badewanne gesetzt und versucht etwas anderes als sich zu hören. Aber da ist nichts, außer der Atem von ihr und Josy. Diese hat sich auf eines der Betten niedergelassen und versucht auch etwas anderes wahrzunehmen, als ihren Puls. Sie sagen nichts und warten in der Dunkelheit auf das Unbekannte. Durch diese angespannte Stille fühlt sich eine Minute wie die Ewigkeit an. Es ist grausam.
"Du hast es doch auch draußen gesehen oder nicht?", flüstert Fiona.
"Ja.", antwortet Josy.
Plötzlich bebt die ganze Hütte. Die Mädchen verstummen vor Schreck. Der Boden scheint wahrlich zu vibrieren und rückt alles an Mobiliar in die Mitte der Hütte. Fiona hält sich an der Wanne fest und kneift die Augen zusammen. Josy krallt sich an der Bettdecke fest und sieht, wie der Schrank umfällt. Sie zieht die Beine zu sich und rollt sich vom Bett, ehe der Schrank darauf zusammen bricht. Als sie vom Boden aus zum nun freien Fenster schaut, sieht sie ein weißes Licht und eine Hand die sich an der dreckigen Scheibe abzustützen scheint. Fiona, die aus dem Badezimmer kriecht sieht ebenfalls zum Fenster und die schwarze Hand. Sie schreit auf und Josy versucht die Zeit anzuhalten, jedoch gelingt es ihr nicht. Sie ist wie blockiert. "Fiona, schieb irgendwas vor das Fenster!", ruft Josy, doch auch Fiona kann ihre Kräfte nicht einsetzen. Die Hand sinkt am Fenster hinunter und verschwindet. Auch das Beben legt sich plötzlich. Die Mädchen sehen sich abwechselnd an und dann wieder zum Fenster. Bis auf einmal die Hand wieder dagegen schlägt. Immer und immer wieder. Die Scheibe bekommt langsam Risse und die Hand ist blutig. Mit jedem Schlag vermehrt sich die rote, dickflüssige Masse auf der rissigen Fensterscheibe. Fiona und Josy bleiben wie angewurzelt auf dem Boden sitzen bis das erste Stück des Fensters zu Boden fällt und die langen Finger durch das Loch greifen. Fiona bekommt Panik und plötzlich fliegen sämtliche Bretter und Teile des kaputten Schranks in die Luft. Sie hat die Augen geschlossen und atmet schwer. Das Holz des Schranks fliegt in windeseile auf das Fenster zu und hält es dann verdeckt. Von der Hand ist nichts mehr zu sehen, aber ein lautes klopfen und kratzen ist zu hören. Plötzlich hört Josy ein leichtes Klirren und ein schnelles Trommeln aus der Richtung, wo sich das Fenster befindet. Dann herrscht Stille.
"Was war das!?", fragt Josy panisch.
"Ich. Ich habe die Nägel und ein paar Gabeln aus dem Schrank an die Wand... geschossen. Damit es hält.", flüstert Fiona.
Josy schluckt und steht auf. "Du musst nicht flüstern. Die wissen eh, dass wir hier sind. Aber ich dachte du kannst nichts sehen? Wie hast du das gemacht? Und wieso funktioniert deine Telekinese?", fragt Josy.
"Ich... ich weiß nicht. Ich habe mich einfach darauf konzentriert. Ich hoffe, es hat geklappt.", antwortet Fiona leise.
Josy tastet sich durch das Zimmer und findet in einem kleinen Nachttisch eine Kerze und Streichhölzer. Sie macht sie an. Der Raum ist völlig verwüstet. Sämtliche Möbel stehen im mittleren Teil der kleinen Hütte. Lediglich ein paar Äste verriegeln noch die Tür. Das Fenster ist regelrecht verbarrikadiert. Sämtliche Nägel und Gabeln halten die wirr aufeinander geklatschten Bretter an der Wand. So wie das aussieht, wird so schnell nichts durch das Fenster kommen.
"Wir müssen die Tür auch wieder verbarrikadieren.", sagt Josy und geht darauf zu.
In diesem Moment kloppt und kratzt es an dieser und das Holz fängt an zu splittern. Josy schreckt zurück und auch Fiona bleibt starr sitzen. Josy versucht sich auf ihre Atmung zu konzentrieren und schließt die Augen, das Klopfen wird lauter und das Brechen der Tür ebenfalls. Dann herrscht Stille. Josy merkt, die Zeit steht. Sie muss sich sehr anstrengen, um den Stillstand bei zu behalten. Es ist als ob etwas gegen sie ankämpfen wolle. Aber noch kann sie es halten. Sie geht zur Tür und entfernt die Äste, öffnet sie und sieht ein grauenhaftes Monstrum davor stehen, jedoch wie eine Statur: gelähmt. Es ist eine zwei Meter große menschenähnliche Gestalt, ähnlich gebaut wie eine dürre Frau mit langen dünnen Armen und langen, knochigen Fingern. Die Krallen ausgefahren und das Maul weit aufgerissen. Josy sieht genauer hin und erkennt hunderte, dünne spitze Zähne. Die Augen sind Gelb und weit aufgerissen. Das Monster hat keine runden Pupillen, sondern Augen wie eine Eidechse. Dort wo eine Nase sein sollte, klafft eine dicke Narbe. Sie trägt ein langes, schwarzes Gewand. Es kommt Josy irgendwie bekannt vor, kann es aber nicht zuordnen. Während sie überlegt merkt sie, wie es ihr immer schwerer fällt, diesen Zustand zu halten. Sie sieht sich hektisch um und sieht einen Felsbrocken, so groß wie eine Wassermelone neben der Hütte liegen. Sie nimmt ihn sich und hebt ihn an den Rand des kleinen Vordaches über der Tür. Sie schafft es gerade so ihn auf den Rand zu schieben. Sie rennt wieder in die Hütte, schlägt die Tür zu und klemmt so viele Äste wie möglich vor die Tür bis die Zeit wieder anfängt zu laufen. Verschwitzt und außer Atem lässt Josy sich auf den Boden fallen.
"Was ist passiert?", fragt Fiona plötzlich. Sie hat gemerkt, dass Josy sich plötzlich woanders im Raum befindet als zuvor. 
"Ich habe es gesehen. Es ist ein Monster. Widerlich. Ich konnte nicht mehr tun, als einen Stein auf das Vordach zu legen und zu hoffen, dass er runterfällt. Es war für mich unwahrscheinlich schwer, die Zeit anzuhalten.", antwortet Josy außer Atem.
Fiona überlegt: "Vielleicht kann ich nachhelfen und den Stein fallen lassen, wenn er es nicht von allein tut."
Josy nickt und weicht vom Eingang zurück, an dem das Monster schlägt und kratzt. Fiona konzentriert sich und starrt auf die Tür, die gleich zu zerbrechen droht. Dann plötzlich ein lautes Kreischen, was langsam verstummt. Dann noch ein lauter Aufschrei und einen Rums. Es muss gestürzt sein. Dann herrscht Stille. 
"Ich habe es wohl zweimal erwischt.", sagt Fiona und grinst. Sie schauen zur Tür und warten. Sie warten bis die Sonne aufgeht, aber nichts geschieht. Als sich der Himmel rosa färbt, öffnen die Mädchen die stark beschädifte Tür und sehen eine Blutspur die bis in den Wald verläuft. Es muss geflohen sein. Sie schauen sich an und denken beide dasselbe: Glück gehabt. Die erste Nacht ist überstanden. Es folgen noch zwei.

WEITER ZU PART 5 :-)

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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