Mittwoch, 4. Mai 2016

Nicht der richtige Zeitpunkt - Part 4

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Er sieht genau so aus wie damals, nur hat er jetzt einen grauen Haaransatz und kleine Fältchen um die Augen. "Hallo Mona.", sagt er und versucht zu lächeln. Ich gehe auf ihn zu und ehe ich es mich versehe, habe ich ihm eine gescheuert. "AUA! Spinnst du!?", fragt er und hält sich die linke Wange, während meine rechte Hand kribbelt und pulsiert. Ich fühle mich wie betäubt, habe ein Rauschen in den Ohren. Das sind die Wut und der Hass, die in mir aufsteigen. Ich bin nicht fähig einen Ton von mir zu geben, ich starre in die Leere. 1.000 Jahre vergehen bis ich wieder zu mir komme und doch scheinen es nur wenige Sekunden gewesen zu sein.
"Was willst du hier?", frage ich ohne zu wissen wie ich die Worte formen kann.
"Meine Tochter besuchen.", sagt er trocken und sieht mir direkt in die Augen.
"Du hast keine Tochter.", ich verziehe den Mund. In meinem Magen rumort es.
"Doch, sie hat Geburtstag. Ich will sie sehen."
"Oh, ehrlich? Was du nicht sagst.", ich wende den Blick ab.
"Wo ist sie? Ich will mit ihr reden."
"Sie aber nicht mit dir."
"Das soll sie selbst entscheiden.", es ist unglaublich wie ruhig er bleibt.
"Das hat sie bereits."
"Ach ja? Und wann?"
"Als sie noch zur Grundschule gegangen ist und die Kinder sie für nicht gut genug für einen Vater gehalten haben. Als sie gemobbt wurde und ich ihr sagen musste, dass es nicht an ihr liegt. Sondern an dir. Das du uns verlassen hast, als sie noch ein Kleinkind war. Du hast dich klammheimlich aus dem Staub gemacht und uns im Stich gelassen. Du warst nie für sie da. Weder als Mensch, noch finanziell. Wir hätten unter einer Brücke leben können und dich hätte es nicht interessiert! Es war nicht leicht, im Gegenteil. Und dich hat es all die Jahre nicht gekümmert. Was verlangst du!? Das sie freudestrahlend auf dich zukommt und aus dem Häuschen ist!?", ich werde laut. Ich versuche meine Wut runterzuschlucken, ich will nicht die Nachbarschaft als Publikum haben.
Hendrik sagt nichts. Er sieht zur Seite und beißt sich auf die Lippe.
"Du hast deine Chance vertan, Hendrik. Wir brauchen dich nicht. Nicht mehr.", ich steige ins Auto und fahre davon. Tränen steigen mir in die Augen.

Ich warte im Auto vor der Schule. Ich mache Atemübungen um nicht in ein Delirium aus Wut und Heulkrampf zu verfallen. Die Autotür geht auf, ich habe Mathilda nicht kommen sehen.
"Alles Gute und Liebe zum Geburtstag, mein Schatz!", sage ich mit einem Lächeln und drücke sie fest an mich, damit sie meine Tränen nicht sieht. Ich wische sie mir hinter ihrem Rücken schnell weg. Als sie sich von mir löst, fragt sie aber direkt: "Hast du geweint?"
"Ach, nein. Ich habe bloß eine Allergie. Da besorge ich dir die schönsten Blumen der Welt und vertrage sie wohl nicht.", winke ich ab und überreiche ihr den Strauß Blumen, den ich ihr besorgt habe.
"Oh, Mama. Dankeschön!", Mathilda freut sich und strahlt.
"Hattest du einen schönen Tag?", frage ich.
"Ja, schon. Ich habe von Maria einen Schlüsselanhänger mit einem Foto von ihr und mir bekommen. Hinten ist das Wort 'Familie' eingraviert. Ist das nicht toll?", erzählt Mathilda mir.
"Oh, wow. Ja, sehr. Ich freue mich, dass ihr so gute Freunde seid."
"Ja, ich mich auch. Sie ist mir, gleich nach dir natürlich, am allerliebsten auf der Welt.", sagt sie während sie in die Blumen schaut und an ihnen riecht. Ich streichele ihr über ihr Haar. 
"Was möchte das Geburtstagskind denn machen? Du hast freie Wahl. Heute ist ein besonderer Tag.", sage ich.
"Na, wenn das so ist: Essen gehen und dann ins Kino?", ihre Augen werden groß.
Ich nicke und starte den Wagen. 
Nachdem wir jeder eine Pizza verspeist und im Kino waren, um uns einen Actionfilm anzusehen, fahren wir in Richtung zu Hause. Meine Gedanken schwirren in meinem Kopf herum. Hoffentlich ist Hendrik gegangen. Als wir in unsere Straße einbiegen, sehe ich ihn nicht mehr auf dem Bordstein stehen. Gott sei Dank! Ich parke wie gewohnt vor dem Haus an der Straße und mache das Auto aus.
"Wer ist der Mann, der vor unserer Haustür sitzt?", fragt Mathilda.
Das kann doch nicht wahr sein. Hat dieser Idiot den ganzen Tag gewartet?
"Warte hier.", sage ich schnell und steige aus dem Auto ehe Mathilda weitere Fragen stellen kann.
"Verschwinde, sonst rufe ich die Polizei.", sage ich drohend, während ich auf ihn zugehe.
"Du kannst mich nicht von meiner Tochter fernhalten!", antwortet Hendrik und steht auf.
"Ich halte dich nicht von ihr fern! Ich habe dir vorhin nur gesagt, dass es jetzt zu spät ist um den Supervater zu spielen. Sie ist erwachsen!", ich werde wieder laut.
Hendrik sieht an mir vorbei und sieht Mathilda im Auto sitzen. Er schiebt sich an mir vorbei und geht auf sie zu. Ich versuche ihn festzuhalten, aber er löst sich aus meinem Griff als sei es nichts.
Mathilda steigt aus dem Auto: "Hey, lassen Sie meine Mutter in Ruhe!" 
"Mathilda, Schatz. Ich bin es, Papa. Erkennst du mich denn nicht?", fragt er in einem Ton, als sei sie 5 Jahre alt.
"Wie sollte sie dich erkennen? Sie konnte gerade laufen, als du abgehauen bist.", sage ich hinter ihm.
Mathilda steht wie eine Statue vor ihm und starrt ihn einfach an. Schock. Hendrik will sie in den Arm nehmen, doch sie weicht zurück.
"Mama.", sagt sie nur und schaut mich flehend an. Ich ziehe Hendrik zurück.
"Siehst du nicht, dass sie mit der Situation überfordert ist? Du kannst nicht so tun, als sei nie was gewesen!", schreie ich. Doch er ignoriert mich und geht noch einen Schritt auf sie zu. Und dann geht alles ganz schnell: Mathilda schubst Hendrik so kräftig sie kann und rennt ins Haus. Ich höre nur noch, wie sie die Tür abschließt. 
Hendrik liegt verdutzt auf dem Boden und sieht mich wütend an. 
"Guck mich nicht so an. Selbst Schuld. Denkst du echt, eine Umarmung macht alles gut? Du bist für sie ein Fremder, Hendrik. Sie kennt dich nicht.", sage ich trocken und setze mich auf die Bordsteinkante. Er setzt sich neben mich und seufzt.
"Ich dachte, ich könnte von vorne anfangen. Damals. Das ging die ersten Jahre auch ganz gut. Doch dann kam das Gewissen. Das letzte Jahr war es am schlimmsten. Und dann dachte ich: besser spät als nie.", faselt er und schaut in den Himmel.
"Zu wenig, zu spät. So einfach ist das nicht.", sage ich und reibe mir die Schläfen. Stille. Die Minuten vergehen und werden zu einer Stunde. Natürlich könnte ich vor der Tür stehen und dagegen klopfen. Ich könnte Mathilda rufen und sagen, sie soll aufmachen. Aber ich weiß, dass das nichts bringt. Sie ist verwirrt, muss einen klaren Gedanken fassen. Erstmal zur Ruhe kommen.
"Du hast zugenommen.", sagt Hendrik plötzlich.
Ich schaue ihn langsam an. "Leck mich.", gebe ich zurück.
Plötzlich kommt Maria mit dem Fahrrad in die Straße gefahren. Es wundert mich nicht, dass Mathilda sie angerufen hat. Ich nicke ihr nur zu und zeige über meine Schulter zur Haustür. Sie steigt ab, stellt ihr Rad vor der Tür ab und klopft. Die Tür geht schnell auf und Maria verschwindet.
"Wer ist das?", fragt Hendrik schnell.
"Maria. Mathildas beste Freundin.", sage ich und gähne.
Er schaut zu Boden: "So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte sie freut sich mich zu sehen."
"Wenn sie heute fünf geworden wäre, vielleicht.", ich schließe die Augen. Dieser Tag ist so unglaublich schief gegangen. Mathilda wird heute achtzehn. Das ist DER Geburtstag und dieser wurde ihr heute versaut. Ich werde schon wieder wütend.
"Wie schnell die Zeit vergeht.", murmelt er.
"Ja, das stimmt. Wenn man Kinder großzieht, erkennt man das immer besonders gut.", sage ich stumpf.
"Verkneif es dir.", bittet mich Hendrik kalt.
"Wieso sollte ich? Hast du es etwa nicht verdient?", frage ich aufbrausend.
Er schweigt. Vielleicht ist er gestraft genug und das schon ohne meine Sprüche.
Maria kommt aus der Tür und geht auf uns zu.
"Sie möchte, dass er fährt.", sagt sie nur.
Hendrik dreht sich um: "Das soll sie mir selbst sagen. Ich lasse mir nichts von einer kleinen Göre sagen."
Ich seufze: "Das du keine Ahnung von Kindern hast, merkt man. Die Göre ist nur die Botin. Die andere Göre, die im Haus hockt, möchte das du gehst. Versuch dich mal in Mathildas Lage hineinzuversetzen: ein wildfremder Mann geht auf sie zu und will sie umarmen. Er behauptet ihr Vater zu sein, von dem sie weiß, dass dieser sie als kleines Kind im Stich gelassen hat. Weswegen sie es als Kind auch nicht leicht hatte. Ihr hat immer ein Elternteil gefehlt... Hendrik, bitte. Es ist nicht so einfach." Er denkt kurz nach, dann steht er auf und geht.
"Wo kann man dich erreichen?", rufe ich ihm nach. Er sagt nichts. Ich laufe ihm nach.
"Du gibst dich ganz schön schnell geschlagen. Als Vater braucht man Durchhaltevermögen. Gib ihr Zeit. Die braucht sie jetzt. Danach ist sie bestimmt neugierig. Wer ist das nicht in dem Alter?", sage ich.
"Ich habe es verkackt.", sagt er nur. Er hat Tränen in den Augen. Aber ich habe kein Mitleid.
"Ja, das hast du. Ob sie dir das verzeiht liegt an ihr.", sage ich.
Er schreibt mir seine Telefonnummer auf und geht. Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe zum Haus. Maria wartet an ihrem Fahrrad.
"Sie hat seine Augen.", sagt sie leise.
"Ich weiß. Danke, dass du gekommen bist.", antworte ich und versuche zu lächeln.
"Dafür nicht. Ich fahre jetzt nach Hause. Falls was ist...", sagt sie nur und ich nicke.
'So auf in die Höhle des Löwen.', denke ich und gehe rein.

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem Mathilda ihren "Traumgeburtstag" hatte. An dem Abend haben wir lange geredet und es dauerte ganze vier Wochen ehe sie sich mit Hendrik das erste Mal traf. Auch sie redeten ziemlich lange. Über alles was passiert war, was noch kommen sollte. Und dann tat Mathilda etwas, zu dem ich nie in der Lage wäre: sie verzieh ihm.
Das kann ich bis heute nicht. Ich toleriere ihn, mehr kann ich nicht. Für Mathilda ist das in Ordnung, sie kann das verstehen. Hendrik gehört nun zu ihrem Leben und das kann ich ebenso verstehen. Egal wie alt ein Kind ist, es braucht halt seine Eltern.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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