Montag, 16. Mai 2016

Das Heim für besondere Mädchen - Part 1

Josy
Ein dunkler Raum. Er blickt sich panisch um. Ein knurren hinter ihm. Er rennt los, ist aber zu langsam. Er dreht sich um, schreit. Das war's.
Panisch wacht Josy auf, ist schweißnass. Sie blickt aus dem alten, zerkratzten Fenster. Es ist Vollmond. Sie schließt die Augen und der Wecker hört auf zu ticken. Sie geht ans Fenster und sieht die Bäume des Nadelwaldes steif da stehen. Trostlos. Sie dreht sich um und geht zu ihrer Zimmertür. Sie ist verschlossen. Doch hört sie die Stille der stehengebliebenen Zeit. Sie spürt die Steife der Statuen, die nun starr in ihren Betten liegen. Sie genießt diese tote und dunkle Ruhe bis sie wieder die Augen schließt. Der Wecker tickt wieder, die Statuen erwecken wieder zum Leben, atmen und die Bäume wiegen sich wieder im sachten Wind.

Fiona schlägt die Augen auf, noch bevor es an ihrer Tür klopft. Bamm, bamm, bamm. Jeden Morgen dasselbe. Das die marode Holztür noch nicht aus den Angeln gebrochen ist, verblüfft sie immer wieder aufs Neue. Sie steht auf und nimmt sich ihren Waschbeutel, als das Schloss in der Tür klickt. Die nächtliche Ausgangssperre ist vorüber. 
Im Waschraum ist es voll. Die Mädchen stehen in einer Schlange, um an die Waschbecken und Duschen zu gelangen. Als Fiona an der Reihe ist, steht sie neben Mathilda Mathews. Ein dickes, ängstliches Mädchen mit dicken Tränensäcken und einer Warze auf der Stirn. Sie will nicht hier sein. Aber wer will das schon? Es ist ein müder Ort. Eine alte, brüchige Villa, mitten im Wald in der sie leben. Dieses Haus scheint so alt wie das Leben selbst zu sein und manchmal kommt es einem so vor, als würde es atmen. Manchmal ist es Angst einflößend. Wer weiß was hier an diesem Ort noch lebt, von dem sie nichts wissen. Warum sonst die nächtliche Ausgangssperre? 
Fiona

Mathilda hat immer Schnappatmung, wie auch wieder an diesem Morgen. "Ganz ruhig, Mathilda. Niemand tut dir etwas.", seufzt Fiona während sie sich das Gesicht wäscht. Panisch dreht sie sich zu ihr um: "Woher willst du das wissen!? Hier ist es nicht sicher! Für keinen von uns!" 
"Wo dann, wenn nicht hier? Beruhige dich, sonst...", beginnt Fiona, aber dann ist es schon zu spät. Mathilda wird puterrot und bläht sich auf wie ein Heißluftballon. "Achtung!", ruft jemand und alle werfen sich zu Boden. Und dann passiert es: Mathilda schreit. Sie schreit in einer ohrenbetäubenden Oktave. Und das ganze 4,26 Minuten lang. Zwei Mädchen werden ohnmächtig. Der Rest fleht darum, dass sie aufhört. Als sie fertig ist, guckt sie sich um und rennt raus. Man hört nur noch ihre Zimmertür knallen, die auf dem Gang liegt.

"Meine Fresse, immer dasselbe mit der.", murrt ein Mädchen. Ein paar Andere beschweren sich auch, stehen auf und machen da weiter wo sie vor diesem Zwischenfall aufgehört hatten. Die beiden ohnmächtigen Mädchen werden liegen gelassen. Die wachen schließlich wieder auf. Hier kämpft jeder für sich.
Die Routine ist jeden Morgen gleich: Aufstehen, waschen, Mathildas Ausbruch überstehen, frühstücken, Unterricht, Nachmittags seinen Beitrag leisten und seine Aufgaben erledigen.

Die Villa ist ein Heim für Mädchen die... besonders sind. Mit Absicht versteckt, damit sie keiner findet. Menschen können nicht mit ihnen umgehen. Das konnten sie noch nie. Sie haben Angst vor dem was sie nicht verstehen. Früher mit Mistgabeln verfolgt und auf Scheiterhaufen verbrannt. An Steinen festgebunden und in einen See geworfen oder in eine Schlucht. Hexen waren noch nie beliebt. Und das nur, weil sie anders waren. Besonders.
Im Heim lernen die Mädchen mit ihrer Besonderheit umzugehen und sie zu kontrollieren. Doch auch wenn bereits Jahrhunderte vergangen sind, ist es für sie immer noch gefährlich. Deswegen wird ihre Identität geheim gehalten und sie halten sich versteckt.

Als Fiona im großen Gemeinschaftssaal ankommt fällt ihr Blick direkt auf Mathilda. Sie hat sich wieder beruhigt, atmet aber immer noch schnell. Sie sitzt allein an einem runden Tisch und starrt auf ihren Teller. Sie ist immer allein, aber sie will auch niemanden um sich haben. Alle sind schließlich auf ihre eigene Art und Weise gefährlich. Für sie. Mathilda ist noch relativ neu im Heim und hat sich noch nicht an die Situation gewöhnt. Irgendwie tut sie Fiona leid, denn sie lebt in ständiger Angst. Ein anderes Gefühl scheint sie nicht zu kennen. Wer weiß, was sie erlebt hat.
Sie wendet den Blick ab und geht zum Buffet, welches jeden Morgen am linken Rand des Saals aufgebaut ist. Die morschen Dielen unter ihren Füßen knarren mit jedem Schritt und der Geruch von Fäule liegt in der Luft.
Sie nimmt sich einen Apfel und dreht ihn in ihrer Hand. "Wird das heute noch was!?", fährt sie ein Mädchen neben ihr an. Josy.
Mrs. Annabell Caligo
Fiona zieht eine Augenbraue hoch und legt den Apfel wieder zurück. "Dir auch einen wunderschönen, guten Morgen. Du bist jeden Tag ein wahrer Sonnenschein.", gibt sie trocken zurück und dreht sich um. Josy stöhnt, murmelt etwas, drängelt und rempelt sich an ihr vorbei und geht zum Müsli. In Fiona steigt die Wut hoch. Sie hasst dieses Mädchen. Fiona hebt ihre Hand und schnippt einmal. Plötzlich beginnt die Müslischale an zu schweben und ergießt sich über Josys Kopf. Fiona lächelt zufrieden. Die Aufmerksamkeit aller im Saal liegt auf den Beiden und das Gemurmel im Saal wird immer lauter. Wutentbrannt sieht Josy Fiona an und schließt die Augen. Das Gemurmel verstummt. Sie nimmt die Kanne mit der Milch, geht zu Fiona und stellt sich ihr gegenüber. Wie ein Skulptur steht das blonde Mädchen da und bewegt sich nicht. Die Zeit steht, nur nicht für Josy. Sie gibt Fiona die Kanne in die Hand und biegt ihren Arm über ihren Kopf. Dann schließt sie wieder die Augen und hört das Plätschern der Flüssigkeit und Fionas Schrei, als sich die Milch über ihr ergießt. Josy lacht zufrieden. Fiona sieht sie an und hebt die Arme. Sämtliches Essen und Geschirr erhebt sich vom Buffet. 
"DAS REICHT!", ruft eine tiefe Frauenstimme. Fiona und Josy drehen sich zur Tür um und sehen die Leiterin des Heims dort mit verschränkten Armen stehen. Alles was eben noch in der Luft war fällt zu Boden. Mrs. Annabell Caligo ist eine Frau mit rabenschwarzen Haar und blasser Haut. Ihre Augen sind so schwarz wie ihr Haar und ihre Lippen so rot wie Blut. Sie trägt stets ein enges, bodenlanges, schwarzes Kleid, meist mit einem Umhang.
"Mitkommen, sofort!", befielt sie. Und nachdem die beiden Mädchen noch einmal giftige Blicke ausgetauscht haben, folgen sie Mrs. Caligo stumm aus dem Saal. Verfolgt werden sie von mitleidigen und angsterfüllten Blicken der Anderen. Fiona sieht zu Mathilda, die bereits wieder rot im Gesicht wird und sich langsam aufbläht.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

HIER gehts zu Part 2 :-)

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