Freitag, 15. April 2016

Nicht der richtige Zeitpunkt - Part 3


Umso älter Mathilda wurde, desto schwerer wurde es auch. Im Kindergarten weinte sie, wenn die anderen Kinder von ihren Vätern abgeholt wurden. Sie fragte wo denn ihrer sei. Ich sagte ihr, dass er zu weit weg wohnen würde um sie vom Kindergarten abholen zu können. Eine halbe Lüge, da es ja tatsächlich hätte so sein können. Wer weiß wo er sich überall rumgetrieben hat. Trotzdem tat es mir immer wieder weh, ihr das sagen zu müssen. Ich wollte mein Kind nicht anschwindeln. Aber wäre die Wahrheit besser gewesen? "Dein Papa wollte dich nie. Er will dich auch jetzt nicht. Tut mir leid." Um Himmels Willen, dass hätte mein Kind zerstört. Ich musste lügen. Es ging nicht anders.
In der Grundschule weinte sie zwar nicht mehr, fragte aber oft nach Hendrik. Die anderen Kinder taten dies ja auch. "Wieso ist dein Papa nicht bei euch?", "Warum sind du und deine Mama allein?" ... Aus den Fragen wurden  dann mit der Zeit jedoch Hänseleien, daraus richtiges Mobbing. "Du bist es nicht wert.", "So eine wie dich hätte ich auch verlassen." oder "Bei so einer wie dir, kann ich das verstehen!". Kinder verstehen solche Dinge noch nicht. Und sie sind grausam, denken über ihre Worte nicht nach. Es war nicht leicht. Mathilda ließ alles stumm über sich ergehen. Wie hätte sie sich denn auch verteidigen sollen? Sie verschloss sich immer mehr. Als sie 10 wurde und auf eine Realschule gehen sollte beschloss ich, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich wollte nicht, dass sie weiterhin für den Fehler ihres Vaters verantwortlich gemacht wird. Sie sollte wenigstens wissen wie es wirklich war und nicht den blöden Sprüchen irgendwelcher Kinder glauben schenken.
"Mathilda, mein Schatz. Komm wir setzen uns an den Küchentisch.", sagte ich ihr, als sie eines Nachmittages von der Schule kam. Sie dachte sie bekomme Ärger und machte ganz große Augen.
"Ich bin unschuldig!", sagte sie während sie ihren Rucksack in die Ecke stellte.
"Ist denn was passiert?", fragte ich verdutzt.
"Sag du es mir.", antwortete Mathilda und sah mich verschmitzt an.
"Nichts. Es ist alles in Ordnung.", ich sah sie auch verdutzt an. Irgendwas musste wieder in der Schule gewesen sein...
"Dann habe ich nichts gesagt. Red weiter.", sagte sie schnell und schwang sich auf den Küchenstuhl.
Ich räusperte mich und wusste nicht wie ich anfangen sollte.
"Mathilda, du hast mich ja oft nach deinem Vater gefragt," begann ich und ihre Augen fingen an zu leuchten. Wahrscheinlich malte sie sich irgendwelche Geschichten von einem Held aus, der nicht bei seiner Kleinen sein konnte, weil er die Welt retten musste.
"Du weißt ja wie alt ich bin. Das heißt, dass ich sehr jung war als ich dich bekommen habe. Dein Vater war genau so alt wie ich. Als wir erfahren haben, dass du unterwegs bist wussten wir erst nicht was wir machen sollten. Er war Student, ich habe nicht viel verdient. Wir hatten Angst. Er hatte Angst...", ich zögerte. Ich wollte diesem Kind nicht die Illusion nehmen. Aber ich wollte endlich ehrlich zu ihr sein.
"Also ist er vor seiner Angst davon gelaufen und hat uns allein gelassen. Ich habe ihn gesucht, aber niemand wusste wo er war. Ich weiß es bis heute nicht. Es tut mir so leid, mein Schatz...", bringe ich nur noch heraus. Mathilda starrte auf die Tischplatte und kämpfte mit den Tränen.
"Also hatten sie Recht... er wollte mich nicht.", flüsterte sie nur, rannte in ihr Zimmer und knallte die Tür zu.
Gibt es eine richtige Art und Weise einem Kind in so einem Fall die Wahrheit zu sagen? Gibt es einen richtigen Zeitpunkt? Ich hätte dafür eine Anleitung gebraucht. Mathilda sprach 3 Wochen nicht mit mir. Sie ließ mich nicht mehr an sich heran. Ich hatte Angst sie schlussendlich doch zerstört und verloren zu haben. Ich habe mich verrückt gemacht. Aber meine beste Freundin sagte mir, dass sie einfach Zeit bräuchte. Also gab ihr so viel wie sie wollte. Eines Abends setzte sie sich wieder zu mir auf die Couch und lehnte sich an mich an. Wir sagten beide nichts. Ich nahm sie in den Arm und zeigte ihr so, dass sie nicht allein war. Am Ende sagte ich: "Mathilda, er kannte dich da noch nicht. Er weiß gar nicht was für ein großartiges Mädchen er verpasst hat. Es wird ihm leid tun, wenn es nicht schon der Fall ist. Du bist wundervoll." Und dann ging es bergauf: ihr ging es jeden Tag besser. Den Kindern in der Schule hat sie gehörig in den Hintern getreten (wortwörtlich) und sich nichts mehr von ihnen sagen lassen. 

Heute wird Mathilda 18 Jahre alt und aus ihr ist eine gestandene, selbstbewusste und schöne Frau geworden. Ich könnte nicht stolzer sein. Sie ist noch in der Schule (sie macht gerade Abitur) und ich möchte sie gleich überraschen und abholen. Ich schnappe mir die Blumen, die ich extra gekauft habe und gehe aus der Tür. An meinem Auto steht ein Mann. Ich beachte ihn nicht weiter und schließe die Tür von meinem Auto auf.

"Mona?", höre ich ihn sagen. Ich drehe mich um: es ist Hendrik.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

HIER geht es zu PART 4 :-)

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