Donnerstag, 7. April 2016

Nicht der richtige Zeitpunkt - Part 2


Zwei Jahre sind nun vergangen, seitdem Hendrik wutentbrannt die Wohnung gestürmt und mich am Tisch sitzen gelassen hat. Es hat ganze vier Stunden gedauert bis er mit roten und dicken Augen wieder zur Tür hinein kamen. Nach einem intensiven und sehr langem Gespräch hatten wir uns entschieden, es zu entfernen. Wir wollten es zumindest versuchen, auch wenn ich schon in der 11. SSW war. Den Termin zur Beseitigung des Problems bekam ich überraschenderweise zwei Tage nach meinem Anruf. Hendrik wartete im Wartezimmer, als ich auf dem Stuhl saß und meine Beine in die Halterungen rechts und links von mir legte. Es wurde zur Kontrolle nochmal ein Ultraschall gemacht und zum ersten Mal nahm ich richtig war, was da in mir wuchs. Ich bin nicht gänzlich gegen Abtreibungen. Ich halte es auch nicht für "Mord". Wenn es triftige Gründe gibt, sollte jeder selbst entscheiden dürfen, ob er ein Kind zur Welt bringt oder nicht. Doch dieses kleine Würmchen, was sich dort in mir streckte und reckte war meins. Mein Würmchen, mein Kind. Ich konnte es nicht entfernen. Plötzlich hat sich in mir alles gesträubt und ich musste anfangen zu weinen. Die Schwester sah mich an und gab mir ein Taschentuch. Natürlich wurde der Eingriff abgebrochen. Als ich ins Wartezimmer kam schaute Hendrik mich verdutzt an.
"Was ist los?" fragte er.
"Ich kann es nicht tun, Hendrik." sagte ich entschlossen.
Er stöhnte auf und verließ, ohne Rücksicht auf mich zu nehmen, den Warteraum und das Gebäude. An dem Tag trennte er sich von mir. Ich habe viel geweint.
Die Fehde begann: erst zog er aus und nahm einen Großteil der Möbel mit, weil er diese angeblich damals bezahlt hatte. Ich hatte die Rechnungen natürlich nicht mehr, also konnte ich nicht nachvollziehen ob die Beträge von seinem oder meinem Konto abgebucht wurden.
Dann bestand er plötzlich auf einen Vaterschaftstest. Wahrscheinlich war dies sein letztes "Rettungsseil", um sich aus der Affäre ziehen zu wollen. Aber der Test war natürlich positiv und sein Seil riss. In der Schwangerschaft unterstützte er mich nicht, bis er das Testergebnis nach der Geburt vorliegen hatte.
Ich war einfach nur enttäuscht. Ich hätte nie damit gerechnet, dass er sich so verhalten würde. Ich hatte das Gefühl, diesen Menschen nicht zu kennen.
Aus der Trauer wurde Wut, als er mich finanziell nicht unterstützen wollte. Er weigerte sich vehement. "Ich habe das Kind ja nicht gewollt! Kümmer du dich doch!" rief er ins Telefon. Als ich ihm aber mit einem Anwalt drohte, verstummte er plötzlich.

Ich bekam ein Mädchen und nannte sie Mathilda. Als ich Hendrik nach der Geburt anrief um ihn über die Ankunft seiner Tochter zu informieren, konnte ich hören wie er einen Kloß im Hals verschluckte. Am Abend kam er zu mir und sah erst mich und dann das kleine Mädchen in meinen Armen an. Er stellte sich ans Bett, setzen wollte er sich nicht. 
Alle zwei Wochen durfte er uns zuhause besuchen und Zeit mit seiner Tochter verbringen. Aber seine häufigen Blicke zur Uhr verrieten, dass er nur seine "Zeit absitzte".
Als Mathilda ein halbes Jahr alt war, durfte Hendrik sie jedes zweite Wochenende abholen und mit ihr das Wochenende verbringen. Er hatte eine neue Freundin, die 5 Jahre älter als er war. Eine wirklich nette, aber doch sehr besserwisserische Frau. Sie war Grundschullehrerin im Referendariat. Ich glaube, dass sie oft nicht merkte, wie sie mir gegenüber sprach. Als wüsste ich nicht was gut für mein Kind sei. Aber sie meinte es bestimmt nicht so. Pädagogen halt.
Hendrik nahm Mathilda immer mit zu ihr. Ich dachte er würde dort wohnen bis ich herausfand, dass sich Hendriks Freundin mehr um unsere Tochter kümmerte als er. Er schob unser Kind ab. Ich hatte kein Problem damit, dass diese Frau auch Zeit mit ihr verbringt. Sie gehörte zu Hendriks Leben, das war okay. Aber, dass er seine Pflichten einfach an eine Andere abschob... das war ein Problem was nicht aufhörte. Natürlich wies ich ihn in die Schranken. Hendrik holte Mathilda eine Zeit lang immer seltener ab, schob dies aber auf die Arbeit und wie stressig das alles sei. Ich sagte ihm daraufhin, dass ich auch arbeiten gehe und mich zusätzlich sieben Tage die Woche um unser Kind kümmere. Dann lief es wieder besser.

Ich dachte wirklich, dass alles nun einen guten Lauf nehmen würde. Doch dann fand ich eben einen Zettel an der Haustür kleben, als ich mit Mathilda nachhause kam.

"Liebe Mona,
es tut mir Leid. Aber ich kann das nicht. Ich kann mich an die Sache nicht gewöhnen und irgendwie fehlt mir der Bezug zu ihr.

Ich bin noch so jung und nicht bereit dafür. Vielleicht eines Tages. Aber so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Ich muss auch an mich denken. Leb wohl, Hendrik"


Und nun sitze ich wieder an dem Küchentisch, wie vor zwei Jahren und starre auf die Tischplatte. Langsam befreie ich mich auch aus meiner Schockstarre und balle die Fäuste. Ich greife zum Telefon und rufe meine Mutter an, mit der Bitte an sich um Mathilda zu kümmern. Ganze 40 Minuten muss ich warten bis sie vor der Tür steht. Ich greife zu meinen Autoschlüsseln und fahre zu Hendriks Wohnung. Ich klingel, klopfe und rufe. Keiner öffnet mir. Ich schaue durch das Küchenfenster (er wohnt im Erdgeschoss) und sehe einen leeren Raum. Ich laufe ein Fenster weiter und sehe durch das Wohnzimmerfenster, auch dieses ist komplett leer. Er ist ausgezogen, hat mich sitzen lassen. Ich klingel bei der Nachbarin, eine alte Frau mit zwei Katzen. Sie öffnet mir.
"Ja, bitte?" fragt sie mit einer verrauchten Stimme.
"Guten Tag, mein Name ist Mona. Ich bin die Mutter von Hendriks Tochter und möchte mit ihm reden. Können Sie mir sagen, wo er steckt?" fragte ich ein bisschen zu gereitzt.
"Ach deswegen..." faselt sie vor sich hin.
"Wie bitte?" fragte ich etwas lauter und reiße sie aus ihren Gedanken.
"Ähm, nun ja. Er ist vorgestern Nacht mit Sack und Pack in einen Laster gestiegen. Ich habe aus dem Fenster gesehen, weil mich der Lärm geweckt hat." erzählt sie mir.
Das kann nicht wahr sein. Ich bedanke mich mit einem Nicken und verlasse das Haus. Ich zücke mein Handy und rufe ihn an. Besetzt. Ich versuche es erneut. Wieder besetzt. Beim dritten Mal nimmt er nicht ab und die Mailbox geht dran.
"Hendrik, du verlogenes Schwein! Du egoistischer Penner! Wie kannst du deine Tochter so im Stich lassen!? In deinem feigen Brief hast du sie nicht mal mit ihrem Namen erwähnt! Ich, ich, ich, ich, ich... es geht hier nicht nur um DICH! Es geht um dein Kind, welches du in die Welt gesetzt hast! Du hast die Verantwortung genau so zu tragen wie ich. Ich habe mir das alles auch nicht so gewünscht, aber lebe damit! Warum!? WEIL ICH MUSS, GENAU SO WIE DU! Verhalt' dich gefälligst wie ein Erwachsener und lauf nicht vor deinen Pflichten weg, wie ein kleiner Junge der sich versteckt! Du hast sie noch nicht mal die ganze Zeit, sondern nur alle zwei Wochen für zwei verdammte Tage! Das sind im Monat vier verkackte Scheißtage, du Penner! Und noch nicht mal du kümmerst dich in dieser kurzen Zeit um deine Tochter, sondern deine Konkubine!" brülle ich ins Telefon, bis die Mailbox piept und meine Zeit abgelaufen ist. Die anderen Leute auf dem Bürgersteig schauen mich an und auch die Katzenlady  von eben starrt aus ihrem Fenster in meine Richtung.
Ich steige in mein Auto und fahre wutentbrannt zu Hendriks Freundin. Ich klopfe wie wild an ihre Haustür. "Hendrik?" höre ich eine piepsige Stimme glucksen und schnelle Schritte auf die Tür zukommen. Sie öffnet mir die Tür und sieht aus, als habe sie eine deftige Grippe: ihre Augen sind dick, die Nase ist rot und ihre Haut ist blass.
"Wo ist er!?" frage ich, ehe sie etwas sagen kann.
Sie fängt an zu heulen. Nein, sie weint nicht. Sie heult tatsächlich. Wie ein Wolf, dem man auf den Schwanz getreten ist.
"Wo er ist, will ich wissen." sage ich ruhig und beiße die Zähne aufeinander. Ich versuche nicht komplett auszuflippen.
"Keine Ahnung! Er hat mich verlassen! Er hat mir einen Zettel geschrieben, in den Briefkasten geworfen und das wars..." flennt sie und schnieft.
Dieser elender W...
Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe zum Auto. Ich atme tief durch und mir wird klar: das wars.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Kommentare:

  1. Fürs Kind ist es besser, zu so einem Erzeuger keinen Kontakt zu haben. Andere Menschen kann man nicht ändern. Ab zum Jugendamt und Unterhaltsvorschuss beantragen. Das holen die sich zurück, dann muss er sich wenigstens finanziell kümmern, egal wo er steckt.

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    1. Vielen lieben Dank für den Kommentar :-) Was ich aber sagen möchte ist, dass ich hier fiktive Kurzgeschichten schreibe und nichts von dem real oder wirklich passiert ist.
      Aber es freut mich, dass die Geschichte doch so rüber kommt. Es ist ja auch ein echtes Thema und passiert vielen Frauen ja leider dann doch...
      Liebe Grüße, Dia

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  2. Oh shit, das kommt mir verdammt bekannt vor, fesselnd geschrieben.

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    1. Vielen Lieben Dank für deinen Kommentar :-)
      Ich hoffe sehr, dass du die schwere Zeit überwunden hast!
      Lieben Gruß, Dia

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  3. Ich bin einigermaßen geschockt...außer dem großen, fetten W-Wort fällt mir für den Typen echt nichts ein... Puh! Ich wünsch Dir ganz viel Kraft! LG Julia

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    1. Vielen lieben Dank für den Kommentar :-) Was ich an dieser Stelle erwähnen möchte ist, dass ich auf diesem Blog fiktive Kurzgeschichten schreibe und nichts von dem real oder wirklich passiert ist.
      Aber es freut mich, dass die Geschichte echt und fesselnd rüber kommt.
      Liebe Grüße, Dia

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  4. Hello,
    eine spannende Geschichte hast Du da geschrieben. Wirklich unterhaltsam :)

    Nur, teile ich die Meinung der Mona so rein gar nicht. In der heutigen Zeit gibt es in der Regel keinen Grund mehr so mir nichts dir nichts "ups, schwanger" zu werden/sein. Die Verantwortung liegt dabei bei uns Frauen selbst. Wenn dies dennoch passiert und der Partner entscheidet sich dagegen, die Partnerin aber dafür, dann ist es das gute Recht des Anderen zu sagen, dass er das nicht möchte und die Verantwortung ablehnt.

    Liebe Grüße und ich freue mich auf weitere Geschichten :)

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