Mittwoch, 23. März 2016

Nicht der richtige Zeitpunkt - Part 1

Ich gebe zu, ich habe nichts gemerkt. Klar, ich hatte plötzliche Stimmungsschwankungen und Fressattacken. Jedoch dachte ich, dass mein Heißhunger eher was mit der neuen Low Carb Diät zu tun hatte (Kaltentzug: keine Kohlenhydrate, kein Zucker. Nur Grünzeug. Soll ja gesund sein), die ich angefangen hatte und meine schlechte Laune von dem "Typisch Mann"-Verhalten meines Freundes herrührte.
Dass dieser kleine Kreis mit dem anhängenden Oval der Grund meiner physischen und psychischen Veränderung war, hätte ich nie in Erwägung gezogen. Ich habe ja immer aufgepasst.

Ich kralle meine Finger verkrampft in das Schwarz Weiß Foto, während meine Frauenärztin versucht mich aus meiner Schockstarre zu holen. Sie hat sogar vor meiner Nase mit den Fingern geschnipst.
Ich bin fünfundzwanzig, manche würden das das perfekte Alter nennen. Wenigstens bin ich mit der Schule fertig, habe eine Ausbildung gemacht und habe einen festen Job. Besser als mit sechzehn und ohne Perspektive. Trotzdem: HILFE!
"Larissa! Kommen Sie zu sich.", höre ich meine Ärztin sagen. Sie scheint meilenweit weg zu sein, obwohl sie direkt vor mir steht. Geistesabwesend schaue ich sie an, dann kommen die Tränen. "Oh je," seufzt sie und holt ein Taschentuch zum Vorschein und setzt sich neben mich. "Na, na. Wer wird denn weinen! Das ist doch etwas schönes!", lächelt sie mich an. Aus meinem Geschluchze wird nun ein Heulen. Spinnt die!?
Es dauert ganze zwanzig Minuten bis ich mich wieder im Griff habe. Dann fängt sie an mir zu erklären wie weit ich bin (elfte Woche), was ich nun alles beachten sollte und irgendwas über einen Mutterpass. Danach fragt sie, ob sie jemanden anrufen kann der mich abholt. Ich schüttel nur mit dem Kopf und gehe einfach zur Tür hinaus. Alles in mir ist taub. Ich weiß nicht mal, wie ich meine Beine bewege. Aber ich gehe. Ich gehe aus der Praxis, ich gehe zu meinem Fahrrad und schiebe es nachhause. Eine Stunde später bin ich da. Hendrik ist noch nicht zuhause, er ist wohl noch in der Uni. Das Auto steht nicht vor der Garage. Gott sei Dank. Wie soll ich ihm das nur erklären? Ich kann das nicht... ich kann das alles nicht. Ich schaffe das nicht. Ich bin am Arsch. Wir sind am Arsch. Er ist Student, wie sollen wir das denn bewältigen?
Ich setze mich vor die Haustür und will mir gerade eine Zigarette anstecken, bis ich auf der Suche nach dem Feuerzeug das Ultraschallbild entdecke. "Scheiße...", murmele ich und nehme mir die Kippe wieder aus dem Mund. Ich lehne meinen Kopf in meine Hände und atme tief durch. Ich weiß nicht, wie lange ich hier so sitze bis Hendrik auf ein Mal vor mir steht. "Larissa? Ist alles in Ordnung?", fragt er zögerlich und kniet sich zu mir runter. Ich erschrecke. Wo ist der denn so schnell hergekommen!? Ich nicke, dann schüttel ich mit dem Kopf. Ich kann ihn nicht ansehen.
"Was ist denn los?", leichte Panik liegt in seiner Stimme. "Nicht hier." flüstere ich. Wir gehen rein. 
Er setzt den Kessel auf und stellt zwei Teetassen auf den Küchentisch. Nachdem er unsere Tassen mit heißen Wasser und zwei Teebeuteln gefüllt hat, setzt er sich zu mir  an den kleinen Tisch aus Eichenholz. Was er nicht gemerkt hat: Ich habe das Ultraschallbild bereits in meinen Händen und halte es unter dem Tisch versteckt. Er sieht mich besorgt an und wartet bis ich anfange zu sprechen. Ich schlucke.
"Ich war heute bei meinem Arzt, wegen der Stimmungsschwankungen und so," beginne ich.
Er nickt. "Was hat Bruce gesagt? Hast du einen Bandwurm oder so?", lacht Hendrik. Unser Allgemeinarzt ist sein Onkel. 
Ich schüttel mit dem Kopf und seine Miene wird augenblicklich ernster. "Oh Gott, etwas ernstes?" fragt er erschrocken.
"Nein, ... naja. Ja, doch schon. Aber nichts schlimmes. Obwohl... das kommt auf die Sichtweise an.", ich seufze.
"Mein Gott, Larissa. Was ist los?", er ist mit mal unglaublich angespannt.
"Er hat mich zu Dr. Richt geschickt.", ich bin zögerlich.
"Deiner Frauenärztin?", er ist etwas ungläubig. Checkt er es gerade wirklich nicht?
Ich lege ihm das Foto vor die Nase auf den Tisch. Und er starrt erst das kleine Bild an und dann mich. Und dann geht es hin und her: Ich. Bild. Ich. Bild. Ich. Bild. Ich. Bild. Ich. Bild. Er schluckt.
"Das ist nicht dein Ernst...", murmelt er und wird ganz blass.
Ich werde wütend: "Klar! Das war eigentlich als Überraschung zu deinem Geburtstag geplant!"
"Wie ist das denn passiert?", fragt er stumpf. Ich glaube, er steht unter Schock.
"Also, es gibt die Bienchen und die Blümchen. Die Bienchen bestäuben die Blümchen..." 
"Nicht lustig."
"Ach, wirklich?"
"Was machen wir jetzt?"
"Haben wir überhaupt eine Wahl?"
"Larissa, ich bin noch mitten im Studium. Das geht nicht. Können wir es nicht einfach...", er beendet den Satz nicht.
"Falls du meinst, es abzutreiben: ich bin in der 11. Woche. Das wird nichts. Allein einen Termin zu bekommen dauert wahrscheinlich eine kleine Weile. Und es ist nur bis zur 12. Woche möglich. Außerdem weiß ich nicht, ob ich das könnte.", mir kommen die Tränen. Ist das wirklich eine Alternative für ihn? Ist das das Einzige, was ihn interessiert?
Er wird wütend, steht auf und ruft: "So eine verdammte SCHEIßE!" Ich höre die Wohnungstür  zu knallen.
Jetzt sitze ich allein am Tisch. Er ist aus unserer Wohnung gestürmt und ich weine hier allein. Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. Aber was hätte ich erwarten sollen? Einen Freudentanz?
Das Bild hat er mitgenommen. Wahrscheinlich hat er nicht gemerkt, dass er es noch in der Hand hält. Ich seufze. So habe ich mir das nie vorgestellt. Hendrik sollte mit dem Studium fertig werden, einen tollen Job finden, wir hätten geheiratet, ein Haus gebaut und dann hätten erst die Kinder kommen sollen. So ist das nicht richtig, so war das nicht geplant.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

HIER geht es zu Part 2 :-)

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