Freitag, 11. März 2016

Alitas Alltag

Als Alitas Wecker klingelt, ist sie schon lange wach. Die Bauchschmerzen und das Unbehagen haben sie wieder geweckt. Aber sie bleibt liegen und starrt an die Wand bis die Tür aufgeht. "Liebes, aufstehen. Du kommst sonst zu spät zur Schule.", flötet ihre Mutter und macht das Licht an. 'Am liebsten möchte ich gar nicht hin...' denkt Alita nur und steht schwerfällig auf ohne etwas zu sagen.

Es regnet als sie auf dem Weg zur Schule ist. Kurze, schnelle Blicke zur Seite und nach hinten gehören mittlerweile zu ihrem Alltag.
Die Regentropfen prasseln auf ihren schwarzen Regenschirm nieder und als sie an der Schule ankommt und froh darüber ist relativ trocken angekommen zu sein, stolpert sie über ein ausgestrecktes Bein. Sie fällt zu Boden. Als Alita aufsteht ist sie nass und dreckig. Der Regenschirm ist kaputt. Sie dreht sich um und sieht dem Mädchen beschämt ins Gesicht, dass ihr das Bein gestellt hat und über sie lacht. "Du siehst aus wie ein Straßenpenner!", ruft sie und geht Richtung Eingangstür.
Alita kommen die Tränen, aber sie versucht sie runterzuschlucken. Sie geht langsam in die Schule damit sich die Entfernung zu den Anderen vergrößert. In den Schulfluren schleicht sie fast, damit sie keine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie geht an der Wand entlang und schaut zu Boden. Als sie um die Ecke biegt glaubt Alita, dass die Lehrerin schon da ist, jedoch stehen noch alle vor einer verschlossenen Tür. Als sie gerade wieder kehrtmachen und sich verstecken will, packt sie das Mädchen von draußen an der Schulter.
"Hey Alita. Hast du die Hausaufgaben!?", fragt sie mit einem hämischen Grinsen.
Alita antwortet nicht. Sie hat Angst.
"Was ist denn? Sei doch nicht so schüchtern! Das da draußen war doch nur ein harmloser Spaß...", sagt das Mädchen, legt den Arm um sie und drückt sie fest an sich.
Alita schaut an sich runter und das Mädchen tut es ihr gleich.
"Ach, das bisschen Schmutz und Wasser. Ich bitte dich... stell dich mal nicht so an!". Ihr Lächeln vergeht.
"Also, hast du die Hausaufgaben!?", fragt sie erneut.
Alita schüttelt mit dem Kopf. Sie bekommt Bauchschmerzen.
"Alita... du weißt doch, dass Lügen kurze Beine haben. Und sagen wir es mal so: wenn du so weitermachst, wirst du mit deinen Stummelbeinchen bestimmt kein Topmodel. Von deinem Gesicht ganz zu schweigen... ach machen wir uns nichts vor: das wird nie was.", sagt das Mädchen. Nun hat sich die Klasse um sie versammelt. Die Anderen lachen. Alita bleibt stumm.
"Also... ich frage noch einmal freundlich: Hast du die Hausaufgaben, Alita?", sagt das Mädchen und drückt sie immer fester an sich.
Alita ist wie versteinert. Sie hat Angst vor dem, was gleich kommen wird. Sie will nur in Ruhe gelassen werden.
Das Mädchen seufzt: "Ich habe es versucht, Alita... aber wenn du nicht kooperieren willst...", sie schleudert Alita gegen die Wand und drückt sie fest dagegen. Ein anderes Mädchen, was auch draußen war, zieht an ihrem Rucksack und er fällt zu Boden. Sie macht ihn auf und schüttet alles kopfüber auf den Boden.
"Hört auf! Lasst mich doch einfach in Ruhe!", fleht Alita.
"Heul nicht rum, du hässliches Stück!", ruft das Mädchen barsch, das sie an die Wand drückt und verpasst ihr eine Backpfeife. Das andere Mädchen sucht nun mit einem Jungen nach ihrem Schulheft mit den Hausaufgaben.
"Sie hat sie tatsächlich nicht.", schnaubt der Junge.
"Alita, du böses Mädchen!", tadelt sie die Andere mit ihrem Rucksack in der Hand.

"Was fällt dir eigentlich ein!? Jetzt bekommen wir nur wegen dir einen Eintrag ins Klassenbuch! Das hast du mit Absicht gemacht!", ruft diejenige, die sie an die Wand drückt.
"Festhalten!", befiehlt sie dem anderen Mädchen und dem Jungen. Diese springen regelrecht auf und halten Alita fest. Sie kann sich nicht wehren. Sie fängt an zu weinen.
"Ach, jetzt heul nicht rum. Du bist selbst schuld!", sagt das Mädchen, das vor ihr steht und verpasst ihr noch eine Backpfeife.
Andere Schüler gehen an ihnen vorbei, schauen Alita voller Mitleid an. Andere lachen und zeigen auf sie. Panisch schaut Alita den Gang hinunter und versucht sich aus dem Klammergriff zu befreien. "Hilfe!", ruft sie den Gang hinunter.
"Halt's Maul!", schreit ihr der Junge so laut ins Ohr, sodass Alita einen Tinitus bekommt.
"Dir wird keiner helfen! Das bist du niemanden wert!", lacht das Mädchen auf der anderen Seite.
So schlimm war es bisher noch nie. Bisher haben sie Alita immer geschubst, ihr die Sachen weggenommen, sie angerempelt oder ihr nur leichte Backpfeifen verpasst. Das was gleich kommen soll ist neu und sie hat Angst davor.
Der erste Schlag kommt unverhofft und plötzlich, obwohl Alita schon mit etwas in dieser Art gerechnet hat. Das Mädchen vor ihr schlägt ihr mit der Faust fest in den Bauch und Alita bleibt die Luft weg. Bevor sie sie wiedererlangt hat, bekommt sie den nächsten Schlag an derselben Stelle zu spüren. Ihr wird schwindelig, sie zappelt und bekommt Panik. Sie befürchtet zu ersticken. 
"WAS IST HIER LOS!?", brüllte eine Frau hinter der Meute, die sich das Spektakel anschaut. 

Alita wird fallen gelassen und sinkt zu Boden. Sie hustet, hält sich mit beiden Armen den Bauch und fällt auf die Seite. Keiner sagt etwas. Nur das Mädchen, was sie geschlagen hat stammelt vor sich hin: "Sie hat angefangen... sie hat uns provoziert und beleidigt... ist auf uns losgegangen!"
Die Frau brüllt, sie sollen alle sofort in die Klasse gehen und wirft jemanden einen Schlüssel zu. "SOFORT! UND DU HOLST SOFORT DEN DIREKTOR!", ruft sie jemanden zu und eilt zu Alita. Es ist ihre Klassenlehrerin. "WIRD'S BALD!" Alita hört Schritte und bekommt langsam ihre Luft wieder, hat aber unwahrscheinliche Magenschmerzen. Dagegen sind die von heute Morgen gar nichts. 
"Alita, was ist passiert..?", fragt sie und legt Alitas Kopf auf ihren Schoß.
Sie schüttelt den Kopf.
"Sie werden dir nichts mehr tun. Das verspreche ich dir.", sagt sie.

"Das können Sie nicht versprechen. Sie sind überall...", hustet Alita leise und sieht zum Klassenraum. Sie sieht das blonde Mädchen in der Tür stehen. Sie zeigt ihr die Faust und droht Alita mit ihrem Blick. "Ich sagte in die Klasse!", ruft die Lehrerin. Sie setzt Alita gegen die Wand. "Geht das?" fragt sie. Alita schluckt und nickt.
Die Lehrerin dreht sich auf dem Absatz um und stapft in die Klasse. Das Mädchen flüchtet in den Raum.
"Lea! Herkommen, AUF. DER. STELLE!", ruft sie.

Kein Ton.
"Ich sagte, du sollst nach vorne kommen. Sofort.", sagt die Lehrerin. Hörbar gereizt.
Alita blickt den Flur hinunter und sieht einen großen, dicken Mann mit Halbglatze den Flur hinunter kommen. Hinter ihr ist eines der Mädchen, was ebenfalls draußen stand und sie ausgelacht hat, als sie hingefallen ist.
"Um Himmels Willen, was ist hier passiert?", fragt er erschrocken, als er Alita sieht.
"Geht es dir gut?", fragt er und beugt sich zu ihr hinunter. Alita fängt wieder an zu weinen und schüttelt mit dem Kopf. Das Mädchen hinter dem Direktor schnaubt. Er dreht sich sofort um, wirft ihr einen vielsagenden Blick zu und sie schnellt in die Klasse.
"Ich komme gleich wieder, schaffst du das?", fragt er wieder zu Alita gewandt. Sie nickt.
Er geht in die Klasse und fragt direkt was los sei. Die Lehrerin fordert Lea auf alles zu erklären. Aber sie sagt nichts.
"Nun, Lea. Dann werde ich es erklären. Denn nicht nur, dass ich euch im Flur eben bei dieser... Abscheulichkeit erwischt habe. Ich habe euch heute morgen vor der Schule ebenfalls gesehen." 
Lea stöhnt.
"Ruhe!", fordert der Direktor.
Die Lehrerin erklärt dem Direktor alles: Wie sie die Mädchen am Morgen dabei beobachtet hat, wie sie Alita ein Bein stellten, wie sie sie gerade dabei erwischte, dass sie sie zusammen schlugen, von den Schulsachen auf dem Boden und von der drohenden Geste von eben... alles was sie sah. Der Direktor sagt kein Wort, aber sein Schnauben ist bis in den Flur zu hören. Er fordert Lea, das Mädchen und den Jungen, die Alita festgehalten haben, und das Mädchen, welches heute morgen neben Lea stand, auf ihm in sein Büro zu folgen. 
Die Klassenlehrerin folgt ihnen aus dem Klassenraum und geht zu Alita um sie ins Krankenzimmer zu bringen. Die Schulkrankenschwester hilft ihr, Alita auf die Bank zu legen. 
"Ich werde einen Arzt anrufen.", sagt sie behutsam. "Ich komme gleich wieder." Aus dem Gleich wird ein Später und Alita starrt an die Decke, unfähig an irgendetwas zu denken. 

Als ihre Klassenlehrerin wieder reinkommt nimmt sie sich direkt einen Stuhl, um sich neben Alita zu setzen. "Also." beginnt sie. "Ich habe einen Krankenwagen gerufen. Dieser wird gleich da sein. Man muss ausschließen, dass du innere Verletzungen hast, weil man dir vehement in den Bauch geschlagen hat... und das auch noch mit voller Wucht. Die Anderen werden gerade einzeln vom Direktor befragt. Und damit sie sich nicht vorher absprechen können, wurden sie in einzelne Räume gesetzt. Ihre Eltern sowie deine Mutter sind auch bereits informiert und unterwegs. Und... wir mussten die Polizei rufen." 

Alita schluckt. Ihr kommen die Tränen. "Ich wollte nicht...", bringt sie nur heraus.
Ihre Klassenlehrerin streichelt ihr über das Haar. "Es ist nicht deine Schuld." 
Alita schüttelt den Kopf. "Ich konnte ihnen meine Hausaufgaben nicht geben...", weint sie.
"Ich weiß. Leas Freundin hat unter Tränen alles erzählt."
Alita stockt und blickt sie an.
"Tja, die sind wohl doch nicht so hart, wie sie sich geben...", sagt Alitas Lehrerin. "Es ist jetzt vorbei." 
Alita schluckt nochmal und schüttelt den Kopf. "Es ist nie vorbei. Vielleicht für eine kurze Zeit... aber sobald keiner hinschaut, bin ich wieder dran."

Alita ist übrigens 17 Jahre alt und in der 10. Klasse eines Gymnasiums.

(Alita = aliter --> latein für "anders". Bist du nämlich anders, hast du meist direkt verloren. Zumindest in der Schule. Egal, wie alt du bist.)


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen