Montag, 29. Februar 2016

Unglücklich verliebt

Es war wie im Film, als sie sich kennenlernten: sie stand in der Schlange in Starbucks hinter einem großen Typen, der auf seinen Latte wartete. Als er diesen bekam und gerade gehen wollte, stolperte er und unglücklicherweise verschüttete er die braune Flüssigkeit über ihre weiße Bluse. Sie wollte gerade anfangen ihrer Wut freien Lauf zu lassen, als sie in seine Augen sah. Plötzlich verflog die Wut und sie vergaßen alles um sich herum. Wie romantisch.
Sie begegneten sich immer wieder bei Starbucks und eines Samstag morgens, saßen sie zusammen an einem Tisch und redeten über Gott und die Welt, bis die Sonne unterging. Sie dateten sich, stellten sich gegenseitig den Freunden des anderen vor und dann den Familien. Jetzt sind sie verlobt. Eine schöne Geschichte, mit einem unvermeindlichen Happy End. Ich könnte kotzen.

Ich bin der "beste" Freund von der guten Frau, die jetzt an den Altar schreiten möchte und kann diesen Typen nicht ausstehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst auf sie stehe und ohne eine Chance zu bekommen, bereits mit 16 Jahren in die Friendzone abgeschoben wurde. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser Typ mich zu sehr an Zac Efron erinnert und ich den ebenfalls nicht leiden kann. Marc ist ein richtiger Schönling und perfekt in allem, was er tut. Wenn ich mich im Spiegel ansehe, fühle ich mich wie Steve Erkel, nur ohne die Hosenträger. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum ich nie eine Chance bekommen habe. Aber, es ist tatsächlich anders: meine liebe Freundin denkt tatsächlich, ich sei schwul. Und wer brachte sie auf diese Idee? Marc. Wie? Lasst es mich erklären. Der Zac Efron-Verschnitt war eifersüchtig und fand es gar nicht gut, dass seine Verlobte mit einem Mann befreundet ist. Vor allem nicht, da wir uns schon so lange kennen und wir ein inniges Verhältnis zueinander haben. Kurz um: er sah mich tatsächlich als Konkurrenten (der Gute hat ein kleines Eifersuchtsproblem, geehrt fühle ich mich trotzdem). Janine (die Dame, um die es hier geht) erklärte ihm, dass da nichts liefe (leider) und das wir nur Freunde sind (nochmal: leider). Er, immer noch etwas ungläubig, sagte dann nur: "Wie kann er eine Frau wie dich nicht wollen... entweder ist er blind oder schwul." Da mit meinen Augen aber alles in Ordnung ist, brachte sie Zweiteres zum Grübeln. Ich hatte nie wirklich viele Beziehungen. Eine oder zwei, wenn es hoch kommt und diese hielten auch nicht sehr lang. Ich bin auch kein typischer Kerl: ich gucke nicht gerne Fußball, bin generell unsportlich, Fast Food finde ich ekelig, mein Lieblingsfilm ist "40 erste Dates" und ich fahre einen mintgrünen Fiat 500. 
Eines Abends klingelte es an meiner Tür und sie stand mit einer Flasche Wein davor. Ich bat sie natürlich herein.
"Du, ich habe nachgedacht... über dich." fing sie an.
Mein Herz setzte zum Sprung an und in mir machte sich die unrealistische Hoffnung breit, dass sie den Trottel verlässt und stattdessen mich heiraten möchte.
"Wir sind schon so lange befreundet und ich glaube, du hast mir eine bestimmte Sache nie erzählt. Vielleicht, weil du dich geschämt hast. Aber geahnt habe ich es eigentlich schon immer." machte sie weiter.
Hatte sie es etwas gemerkt? Hat sie endlich gesehen, wie groß meine Gefühle für sie immer waren? "Ich meine, du hattest nie wirklich Beziehungen und ich glaube, ich weiß nun warum." sagte sie leise und sah auf ihren Schoß, während sie auf meinem Sofa saß. 
Ich habe einen Kloß im Hals, sie hat es tatsächlich raus gefunden. Aber wie? Ich habe nie etwas gesagt...
"Natürlich ist das nicht der einzige Punkt. Viele Männer leben als Single. Aber... du bist so zuvorkommend, lieb, ordentlich, dein Lieblingsfilm ist eine Liebes-Komödie. Du magst keinen Sport, gehst immer nach den neuesten Ernährungstrends und du fährst ein Frauenauto."
Hää?
Sie legt ihre Hand auf meine. "Du brauchst dich für nichts zu schämen. Ich stehe hinter dir. Nur möchte ich wissen, wieso hast du dich noch nie vor mir geouted? Ich meine, wir kennen uns doch nun schon fast unser Leben lang."
Schockstarre, ich war nicht in der Lage mich zu bewegen. Nur meine Kinnlade fiel runter. 
"Oh entschuldige, ich wollte dich natürlich nicht damit überfallen! Ich sollte vielleicht besser gehen." sagte sie und ergriff die Flucht, da ihr die Situation doch plötzlich unangenehm war und wohl mit meiner Reaktion nicht gerechnet hat. Den Wein hat sie da gelassen. Den habe ich auch am selben Abend noch leer gemacht. Allein.

Eine Gelegenheit ihr zu erklären, dass ich z. B. Fußball nicht mag, weil ich den Hype um diese Sportart einfach affig finde, selbst keinen Sport mache, weil ich zu faul bin, Fast Food nicht esse, weil es mir zu fettig ist und ich davon Durchfall bekomme, Ernährungstrends mit mache, damit ich nicht dick werde (weil ich ja zu faul für Bewegung bin), auf "40 erste Dates" stehe, weil ich Adam Sandler mag und den Film lustig finde und einen mintgrünen Fiat 500 fahre, weil ich diesen zu meinem 25. Geburtstag von meiner Mutter bekommen habe und sie den ganz toll fand! UND meine Beziehungen gingen deswegen so schnell in die Brüche, weil die Eine eine neurotische Kleptomanin war und die andere mich mit ihrem Chef betrogen hat. Da kann ich auch gleich single bleiben. Die Krönung dieser Misere ist allerdings, dass sie mich nun zu ihrer "Ehrenjungfrau" und Trauzeugen ernannt hat. Schriftlich, mit einer rosa Karte mit weißen Tauben darauf. Sie meint, mich so ins kalte Wasser zu schmeißen sei die beste Gelegenheit zu meiner sexuellen Orientierung zu stehen.
Nun stehe ich vor ihrer Tür. Erst war es mein Plan ihr den Allerwertesten aufzureißen, ihr zu sagen was für eine Unverschämtheit es ist, anhand von Indizien sich so ein voreingenommenes und vor allem diskriminierendes Urteil (im Sinne der sexuellen Orientierung im Bezug auf mich. Gegen Homosexuelle habe ich nichts.) über jemanden zu bilden, den sie eigentlich schon jahrelang kennt. Sie sollte es besser wissen. Jedoch habe ich es mir anders überlegt: ich stehe mit Rosen vor ihrer Tür und warte, dass sie mir öffnet. Sie freut sich über meinen Besuch, denkt, ich will ihr dafür danken, dass sie mir beim "Outing geholfen hat". Von wegen.
"Janine, ich bin aus einem bestimmten Grund gekommen. Du hattest Recht, ich hätte es dir schon eher sagen sollen. Aber ich habe mich wirklich nie getraut. Warum? Ich habe gedacht, nein gewusst, dass diese Sache zwischen uns stehen würde..."
"Aber du kennst mich do-..." will sie sagen, aber ich hebe die Hand.
"Bitte lass mich ausreden. Janine, ich bin nicht schwul. Ich bin verliebt in dich. Und das, seitdem wir schon 16 Jahre alt sind." Sie fängt an zu lachen, nimmt mich nicht ernst, denkt es sei eine Ausrede und ich hebe wieder die Hand. Ich erkläre ihr, warum ich keinen Fußball mag und so weiter: "...und zu guter letzt: meine Beziehungen gingen in die Brüche, weil diese beiden Frauen nicht ehrlich waren und nicht zu mir passten. Außerdem hatte ich immer nur dich im Kopf. Aber ich wusste, ich hätte nie eine Chance gehabt."
Sie schweigt, sieht mich beschämt an. Traurig, sie bemitleidet mich. 
"Hör zu, ich will kein Mitleid von dir. Ich will, dass du die Wahrheit kennst und ich möchte dir auch sagen, dass ich auf keinen Fall deine Ehrenjungfrau werde. Und, weil wir beste Freunde sind und ich nicht den selben Fehler nochmal mache und dir nicht sage, wie ich denke, möchte ich dir hiermit sagen, dass ich deinen Verlobten nicht leiden kann. Ich finde ihn überheblich, eingebildet und ... er sieht aus wie Zac Efron. Vielleicht habe ich diese Meinung über ihn, weil ich dich eigentlich haben will und er dich bekommt, aber vielleicht habe ich auch Recht mit meiner Meinung über ihn. Wer weiß. Ich komme gern zu deiner Hochzeit, aber ich werde nicht dein Trauzeuge und schon gar nicht deine Ehrenjungfrau. Ich werde, wenn du mich noch dabei haben möchtest, gerne in der letzten Reihe in der Kirche sitzen und euch alles Gute wünschen, in der Hoffnung, dass du glücklich wirst. Aber mehr kann ich dir nicht geben." 
Ich stehe auf und gehe und lasse sie nun auf ihrer Couch sitzen. Es fühlt sich gut an, die Wahrheit gesagt zu haben. Aber mein Herz ist auch ein klein bisschen gebrochen, weil ich weiß, dass ich sie nun verloren habe. Die Dinge werden nie wieder so sein wie früher, aber ich glaube, es musste so laufen. Alles andere hätte (für mich und für sie) nicht funktioniert. Es gibt halt nicht immer ein Happy End. In diesem Fall gibt es keins für mich. Aber für sie schon. Ganz in weiß, mit Brautjungfern und weißen Tauben.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Kommentare:

  1. Sehr schöne Geschichte :) Vielleicht solltest du beide "Tür"-Situationen noch so umschreiben, dass klar wird, dass sie/er die Wohnung betritt? Dass sie auf dem Sofa sitzen wird ja erst zum Ende der Gespräche klar... Die Dialoge finde ich klasse :)

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    1. Liebe Ani,
      vielen Dank für deinen Kommentar und den lieben Hinweis :-) ich werde sehen, was ich tun kann.
      Lieben Gruß, Dia

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