Mittwoch, 3. Februar 2016

"M" wie Mord


Als Mr. Vitketed das kleine Stadthaus betritt, riecht er bereits den Schrecken der noch in der Luft liegt. Überall sind Menschen, die Proben oder Fingerabdrücke nehmen und Tatortfotos machen. Gemurmel und Schritte erfüllen die Stille, die der Tod versucht zu verbreiten. Vitketed bleibt neben der Treppe stehen, sieht nach rechts ins Wohnzimmer, in dem ein Mann in einem weißen Anzug gerade Fingerabdrücke von einer umgekippten Vase nimmt. Er lässt seinen Blick schweifen und fragt sich, warum schon wieder ein Mensch sterben musste. Er liebt seinen Job, möchte diejenigen fassen, die diese Verbrechen begehen, aber das Leid was mit dieser Verantwortung Hand in Hand geht, lastet jedes Mal schwerer auf seinen Schultern. Er atmet einmal tief ein und aus, schiebt seine runde Brille das Nasenbein zurück und fährt sich durch seine dünnen, kurzen Haare.
Er geht den kurzen Flur entlang in die Küche und sieht ihn auf dem Boden liegen: einen Mann, mit Halbglatze und im Morgenmantel. Er liegt bauchlinks auf dem Boden in einem See seines eigenen Blutes. Sein linker Arm ausgestreckt, seine Kaffeetasse einen halben Meter von ihm entfernt auf dem Boden. Der Kaffee mischt sich mit seinem Blut, auf dem Boden. "Guten Morgen, Sir. Das ist Alfred Refpo, 54 Jahre alt. Seine Nachbarin, Marie Watkins, hörte heute früh um ca. 6:00 Uhr einen Schuss und rief die Polizei. Die Kollegen fanden den armen Schlucker hier in der Küche liegen. Der Schuss kam von hinten und ging einmal durch. Die Kugel steckt noch im Küchenschrank. Der arme Schlucker, sah sein Ende nicht kommen." sagt Vitketed's Assistent Mr. Watson. "Familie?" fragt Vitketed. "Nein, er lebt allein. Er ist aber geschieden. Seine Exfrau soll im letzten Jahr ausgezogen sein." 
"Bringen Sie sie mir bitte zum Verhör, vielleicht weiß sie etwas."
"Schon erledigt, sie wird um 9:00 Uhr in Ihrem Büro sein."
"Sehr gut. Und prüfen Sie sie und ihren Ex-Mann, vielleicht sind sie schon einmal auffällig geworden. Haben Sie die Nachbarin schon befragt?"
"Ja, habe ich. Ihre Aussage habe ich bereits aufgenommen. Sie hat aber nur den Schuss gehört und nichts weiter gesehen." sagt Watson. Vitketed nickt und sieht sich in der Küche um. Sie ist mit hellen Möbeln bestückt und aufgeräumt. Eine Keksdose mit einem Huhn darauf sticht ihm ins Auge. Auf den Küchentisch liegt eine Zeitung, das Datum ist von gestern. Vitketed geht weiter ins Esszimmer, nichts auffälliges. Im Wohnzimmer sieht es schon anders aus. Eine Vase ist zerbrochen, es liegen Bücher auf dem Boden und der Fernsehsessel ist umgekippt.
Als Vitketed im Büro angekommen ist, stürmt Watson direkt auf ihn zu. "Sir, ich hab' was! Refpo ist bereits mehrmals wegen häuslicher Gewalt auffällig geworden. Er und seine Exfrau haben bis September im letzten Jahr zusammen in dem Haus gewohnt. Sie soll eines Nachts heimlich ausgezogen sein und die Scheidung eingereicht haben. Ich habe nochmal mit der Nachbarin gesprochen, Mrs. Watkins, sie sagte, dass man sie oft streiten gehört hat. Die Frau soll sogar einmal mit einem blauen Auge das Haus verlassen haben."
Vitketed nickt und bedankt sich für die Information und geht in sein Büro. Er setzt sich an seinen Schreibtisch, setzt die Brille ab und reibt sich die Schläfen. Es klopft an der Tür und Linda, die Sekretärin von Vitketed kommt herein. "Mrs. Refpo ist da und wartet in Raum 4 auf Sie." sagt sie leise. Vitketed nickt und sie verschwindet wieder. Schwerfällig steht er auf. Er ist ausgelaugt, viel zu viele Fälle musste er in letzter Zeit übernehmen. Mord scheint momentan im Trend zu liegen. Die Menschen denken, das löse ihre Probleme. Jemand sieht im Streit nicht an, dass er Unrecht hat? Mord. Jemand bringt den geliehenen Rasenmäher nicht zurück? Mord. Vitketed ist nur noch müde.
Er tritt in den Verhörraum in dem Mrs. Refpo sitzt. Eine zierliche Frau mit schlecht gefärbten, blonden Haar. Sie trägt einen Pferdeschwanz und schaut Vitketed mit ihren eingefallen Augen an. Diese Frau hat viel mitmachen müssen.
"Guten Morgen, Mrs. Refpo." sagt Vitketed.
Sie nickt ihm zu. 
"Sie wissen, warum Sie hier sind?"
"Das Schwein von meinem Exmann ist tot." sagt sie schnell. Sie ist nervös, wippt mit ihren Beinen hastig rauf und runter.
"Sie hatten kein gutes Verhältnis mehr zueinander?" fragt er ruhig.
"Der Mistkerl hat mich geschlagen! Er hat viel schlimmeres als den Tod verdient!" sagt sie laut, ihre Stimme zittert.
"Wir haben Ihre ehemalige Nachbarin befragt. Sie seien letztes Jahr im September ausgezogen?"
"Geflohen bin ich."
"Die Polizei war vor Ihrem Auszug oft bei Ihnen zu Besuch. Wieso haben sie ihn nie angezeigt?"
"Dann hätte er mich umgebracht."
"Auch nach Ihrem Umzug haben Sie ihn nicht angezeigt..."
"Die olle Watkins hat ihm erzählt, wo ich nun lebe. Er hat mich gefunden und bedroht. Was hätte ich machen sollen? Jemand musste ihm das Handwerk legen, bevor ich mich wieder fast tot geprügelt hätte. Ich konnte ihn nicht einfach anzeigen, er wäre zu mir gekommen und dann säße er hier und ich läge auf dem Leichentisch."
"Was meinen Sie damit?"
"Was?"
"Sie sagten, jemand musste ihm das Handwerk legen."
Sie weicht seinem Blick aus, schaut an die Decke und sagt keinen Ton.
"Mrs. Refpo, wissen Sie was ich glaube?"
Sie schaut ihn immer noch nicht an.
"Ich glaube, dass Sie heute Morgen in dem Haus Ihres Mannes waren und ihn bedroht haben, weil er Sie aufgesucht hat. Sie hatten eine Waffe dabei, hatten aber eigentlich nicht vor sie zu benutzen. Im Wohnzimmer ist ist es zum heftigen Streit gekommen und er hat sie rausgeworfen. Er ging in die Küche in der Annahme, dass sie gegangen seien. Doch das sind Sie nicht. Sie sind ihm in die Küche gefolgt. Sie standen hinter ihm und haben in Rage und aus Wut auf ihn geschossen. Dann sind Sie geflohen."
Sie atmet schnell, ihr Blick schweift durch den Raum aber nicht zu Vitketed. 
"War es so?" fragt er nun etwas lauter.
Keine Reaktion.
"Mrs. Refpo, war es so?" er schreit fast.
"Was hätte ich denn tun sollen!? Er hätte mich immer und immer wieder aufgesucht. Er hätte mich wieder geschlagen, er hat mich nicht in Ruhe gelassen. Die Polizei hätte auch nichts tun können! Ich musste die Sache selbst in die Hand nehmen! Er hat es verdient!" brüllt sie. Sie fängt an zu weinen. Vitketed nimmt sie wegen Mordes fest. 
Auch einer der Gründe, warum die Morde sich häufen: fehlendes Vertrauen in die Polizei, der Bürger nimmt es selbst in die Hand und denkt, er kann es besser. Vitketed erledigt den Papierkram, untersucht noch einen weiteren Fall und schreibt abends seinen Bericht. Er ist müde dieser ganzen Verbrechen, den Motiven und Beweggründen. Er kann das nicht mehr lange. Er seufzt.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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