Dienstag, 23. Februar 2016

Das Aufeinandertreffen

Ich sitze in einem Schlachtfeld. Ich habe ja schon gewusst, dass es nicht glatt laufen wird... aber so habe ich mir das nicht vorgestellt. Die Torte an der Wand ergibt ein abstraktes Bild aus Sahne und Buttercreme. Würde man einen Rahmen darum hängen, könnte man meinen, es handelt sich um moderne Kunst. Der Tisch ist umgekippt und die Tischdecke hängt halb darüber und liegt mit der anderen Hälfte auf dem Boden. Die Kinder spielen in diesem Konstrukt, was sie für eine Höhle halten. Teller und Becher liegen auf dem Boden verteilt und meine Yukka-Palme hat eine ordentliche Ladung Kaffee abbekommen. Wenn sie durch diesen Coffeinschub jetzt nicht anfängt zu zittern und in die Höhe schießt, würde mich das wundern. 
Angefangen hat alles, als ich die Familie von meinem Verlobten und meine Familie vor der Hochzeit miteinander bekannt machen wollte. Weiter hinaus zögern, konnte ich das Aufeinandertreffen nicht mehr. Meine Familie ist nicht so umgänglich, um es noch gelinde auszudrücken. Daher habe ich ein Treffen bisher immer vermieden. Mein Vater und mein Opa sind Verschwörungstheoretiker. Ich weiß nicht, ob das eine vererbbare Familienkrankheit ist, aber sollte es so sein, sind beide infiziert. Die Welt arbeitet gegen sie und das wird auch kund getan, so oft es geht. Sie haben immer Recht und alle anderen nicht. Meiner Mutter ist das immer peinlich. Aber ihr ist auch alles peinlich und das macht sie nervös. Sie hat immer angst, die Leute denken schlecht von ihr und unserer Familie. Die Nervosität steigt, dann wie ein Thermometer in ihr hoch, sie fängt an zu zittern und ihr rechtes Auge fängt an wie wild zu zucken (vergleichbar mit einem Bullen, der von einem Cowboy beim Rodeo geritten wird). Mein Bruder und seine Freundin sind da entspannter, aber so viel wie die beiden kiffen, ist das auch nicht wirklich verwunderlich. Sie sagen, sie brauchen das um die Welt besser fühlen zu können. Sie sind dann eins mit dem Universum und fühlen das Glück und das Leid auf der Erde und ihrer Galaxie. Das Marihuana stärke ihre Wahrnehmung für alles und jeden (wer weiß, was die sich noch einwerfen).
Mein Verlobter sieht das Dilemma, wie ich es gerne beschreibe, ganz locker. Vielleicht liegt das auch an unserer Generation. Wir sind jünger, entspannter, nehmen alles nicht so ernst. Eigentlich. Ich persönlich habe mir seit seinem Antrag jedoch immer das Schlimmste ausgemalt, da meine Familie einfach nicht... normal ist. Seine ist es. Eine Familie wie aus einem Heimatfilm. Das größte Problem ist dann mal, wenn das Mehl zum Backen fehlt und man beim Nachbar danach fragen muss.
Als alle bei uns zuhause eintrafen, lief es noch ganz gut. Sie machten sich bekannt, setzten sich an den großen Esstisch im Esszimmer und betrieben Smalltalk. Auf der einen Seite saß Familie Flodder (damit meine ich meine Blutsverwandten) und auf der anderen Seite saßen meine Schwiegereltern in Spe, die Schwester von meinem Liebsten mit Mann und den Zwillingen.
Und dann ging es los: da die Zwillinge noch recht klein sind, haben sie ein bisschen mit ihren Tortenstücken gespielt, während sie aßen. Ein wenig darin rumgemanscht (das schmatzt ja so schön) und dabei gelacht. Mein Opa, vom ganz alten Eisen, schnaubte laut und sagte: "Wir hätten damals den Kindern kräftig auf die Hände gehauen, wenn sie sich am Tisch nicht benommen hätten." Totenstille. Man hörte nur das Schmatzen der Sahne. Meine zukünftige Schwägerin sagte nur, dass sie nichts von solchen Erziehungsmaßnahmen halte. Es seien schließlich Kinder, die finden sowas nun mal toll. Und dann brach die Diskussion los. Mein Vater pflichtete meinem Opa bei, mein Opa debattierte mit der Schwester meines Verlobten, deren Mann verteidigte sie, als mein Vater sagte, sie hätte keine Ahnung von Kindererziehung. Dann erhoben sich meine zukünftigen Schwiegereltern und sagten, dass sie zuhause gelernt habe, wie man Kinder richtig groß zieht. Dies stellte mein Opa wiederum in Frage. Sie wurden immer lauter, stritten, brüllten fast. Meine Mutter zitterte am ganzen Leib und sagte, sie bringe den Kuchen in die Küche, da sicher niemand mehr welchen wollte. Sie stand auf, schnappte sich das Ding und wollte gerade rauseilen und flüchten, als mein Vater sie mit seiner Hand am Kopf traf, während er wild damit gestikulierte. Meine Mutter stolperte und die Torte flog mit voller Wucht gegen die Wand. Die Kinder lachten, mein Bruder und seine Freundin stimmten mit ein. Die Situation schaukelte sich soweit hoch, dass mein Vater durch das rumgefuchtel mit Armen und Beinen den Tisch umschmiss und sämtliche Teller, Tassen und die Kaffekanne wie die Torte, durch die Gegend flatterten. Die Zwillinge fanden das alles ziemlich lustig und krabbelten unter den Tisch und spielen seither mit den Tassen, Tellern und der Sahne die überall im Raum verteilt sind. 
Meine Schwiegereltern in Spe, falls sie das noch werden sollten, haben gerade unsere Wohnung verlassen. Aber da mein Opa und mein Vater solch eine Flucht nicht einfach hinnehmen, weil sie ja Recht haben und die Anderen das zu akzeptieren haben, sind sie hinter her. Ich kann sie immer noch auf der Straße diskutieren hören. Meine Mutter hat sich im Badezimmer eingeschlossen und nimmt bestimmt gerade sämtliche Beruhigungspillen, die sie in ihrer Tasche hat. Wir müssen nachher bestimmt noch die Feuerwehr rufen, damit die sie aus dem Badezimmer holt, wenn sie im Tiefschlaf ist. Mein Verlobter versucht seine Schwester und ihren Mann zu beruhigen, die ihm gerade sagt, dass er niemals in so eine Familie einheiraten kann, ohne mit dem Trinken anzufangen. Mein Bruder und seine Freundin fragen sich gerade, ob die kaffeegetränkte Yucca-Palme gerade etwas gesagt hat. Und ich sitze hier noch auf meinem Stuhl, starre in die Leere, habe aber Opas Flachmann in der Hand. Ich gebe seiner Schwester Recht: das ist nüchtern alles nicht zu ertragen.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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