Freitag, 19. Februar 2016

Allein gelassen

Ich sehe meiner Mutter zu, wie ihr die Tränen über die Wangen laufen. Mein Vater hat vor 5 Minuten den Raum verlassen... und uns. "Ich kann das nicht mehr." waren seine Worte. Für mich ist das weniger schlimm, ich kann es irgendwie verstehen. Aber ich bin trotzdem wütend. Er lässt meine Mutter im Stich, er lässt sie mit der Last allein. Dafür hasse ich ihn. Wenn er schon nicht mehr für mich da sein will, dann sollte er wenigstens sie unterstützen. Aber er macht es sich einfach. Ich würde auch gerne abhauen, aber das kann ich nicht. Schön wär's. Ich bin ja auch erst dreizehn.
Dieses Jahr ist Jubiläum, denn seit 10 Jahren ist es immer das Gleiche. Erst war es nicht so schlimm, es hat sich angeschlichen. Aber umso mehr Zeit verging, desto schlimmer wurde es. Sie dachten, ich würde es nicht mitkriegen. Aber ich bin ja nicht blöd. Vielleicht noch ein Kind, aber nicht dämlich.
Sie fingen an zu streiten, aber meistens abends, wenn ich schon im Bett lag. Sie dachten wohl ich schlafe, aber ich habe mich oft aus meinem Zimmer geschlichen und auf die Treppe gesetzt, damit ich sie besser hören konnte. Das habe ich jede Nacht getan. Sie gaben sich immer gegenseitig die Schuld, sie weinte, er schweigte. Dann weinten beide. Und nach langem Schluchzen hörte ich die Küchenstühle, wie sie nach hinten gerückt wurden. Natürlich eilte ich dann in mein Zimmer und sprang ins Bett, damit sie nicht merkten, dass ich sie wieder mal belauscht habe.
Mit der Zeit wurden die Nächte immer länger und die Streitereien immer intensiver. Sie fingen sich an zu beschimpfen, weil sie so unterschiedlicher Meinung waren. Meine Mutter wollte nicht aufgeben und klammerte sich an das letzte bisschen Hoffnung, was sie noch hatte. Mein Vater hatte innerlich schon aufgegeben, weil er schon lange keine Kraft mehr hatte. Keine Kraft mehr für mich, keine Kraft mehr für meine Mutter und keine Kraft mehr für sich selbst. Also hat er jetzt die Flucht ergriffen, bevor er ganz zerbricht. Irgendwie feige. Er ist doch mein Vater!

Die Tage vergehen und ich bin irgendwie müde. Meine Mutter hat aufgehört zu weinen. Über meinen Vater reden wir nicht. 
Weitere Tage vergehen. Die Müdigkeit bleibt, ich bin schlapp. Ich denke oft an ihn, aber ich habe ihn jetzt schon 15 Tage nicht gesehen. 
Jetzt sind es 4 Wochen. Ich habe eine Erkältung, eine ziemlich deftige. Naja, für meine Verhältnisse. Ich bin an mein Bett gefesselt, meine Glieder sind schlaff und ich kann mich kaum bewegen. 
6 Wochen. Ich schlafe viel. Die Erkältung hat sich in mir verankert und geht nicht weg. Meine Mutter pflegt mich. Und die Krankenschwestern.
9 Wochen. Meine Mutter weint wieder. Sie weint seitdem sie mit der rothaarigen Krankenschwester geredet hat. Das war gestern. Ich bin zu schwach, um sie zu trösten. Ich kann noch nicht mal mehr meine Arme heben. Ich kann sie nur ansehen und hoffen, dass sie weiß was ich denke: "Ist schon okay. Bitte sei nicht so traurig."
10 Wochen. Die Krankenschwestern haben einen Arzt gerufen. Ich habe einen Krampfanfall. Ich bekomme eine Spritze und meine Glieder entspannen sich wieder. Ich merke, dass ich Muskelkater bekommen werde. Ich muss ins MRT. Im Flur höre ich den Arzt sagen: "Es sind mehr geworden. Ihre Lunge und ihre Leber funktionieren bald nicht mehr richtig. Durch ihr geschwächtes Immunsystem konnten sich die Metastasen besser ausbreiten. Ihr Körper kann nicht mehr gegen den Krebs ankämpfen. Es tut mir leid."

Krebs ist ätzend. Nicht nur, dass einem sein eigenes Leben weggenommen wird und man so gut wie nichts dagegen tun kann. Nein, er hat dafür gesorgt, dass nicht nur ich meinen Vater verliere, sondern meine Mutter auch die Liebe ihres Lebens.
Die Diagnose kam, als ich gerade einmal 3 Jahre alt war. Meine Eltern haben alles in Bewegung gesetzt, damit wir den Krebs besiegen können. Aber die Ärzte sagten immer wieder, man würde das unvermeidliche Ende nur heraus zögern. Nur ein Wunder könnte helfen. Wenigstens waren sie ehrlich. Aber meine Eltern sind daran zerbrochen.
Ich glaube, wenn man als kleines Kind schon weiß, dass man sowie so nicht so alt wird, dann ist es für einen selbst... ja, dann ist das einfach so. Aber alle um einen herum, können das nicht akzeptieren. Es geht einfach nicht.
Meine Mutter ist bald allein, denn ich werde nicht mehr lange bei ihr sein können. Eigentlich hatte ich meinen Tod schon vor langer Zeit akzeptiert, da ich nie eine Alternative hatte. Aber jetzt, wo meine Mutter allein an meinem Bett sitzt und mein Vater sonst wo ist, kann ich nicht einfach sterben. Sie soll nicht allein um mich trauern müssen. Aber bevor ich meinen Gedanken weiter führen kann, spüre ich einen Stich in meiner Brust und mir bleibt die Luft weg. Darauf folgt nur das unendliche schwarz eines endlosen, traumlosen Schlafes.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

1 Kommentar:

  1. Eine sehr bedrückende, traurige Geschichte. Leider wohl in vielen Fällen mehr als nur eine Fiktion.

    Sehr kurz und trotzdem (oder gerade deshalb) sehr intensiv.

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