Montag, 7. Dezember 2015

Sich einfach mal gehen lassen

Eine rundliche Frau mit einem brünetten, leicht strähnigen Pferdeschwanz, einer verwaschenen Jeans und einem grünen, beuligen Sweater mit einem kleinen Fettfleck auf dem linken Ärmel sitzt in einem Cafe und wartet auf ihre Freundin.
Als hektisch die Klingel der Eingangstür bimmelt weiß sie, sie ist da. Sie ist blond hat leichte Locken, trägt eine weiße Bluse, einen roten Blazer, eine enge Jeans und Pumps, natürlich passend zum Blazer.

"Es tut mir so leid! Aber ich musste mich noch fertig machen, ich treffe mich gleich wieder mit dem süßen Typen, den ich im Supermarkt getroffen habe," sagt die Blondine außer Atem.
"Du bist auch ganz schön aufgedonnert." 
"Das Auge isst halt mit, oder? Außerdem ist das fast mein Alltagslook, nur die Schuhe könnte ich nicht jeden Tag tragen." sie zwinkert ihrer Freundin zu.
"Was soll das denn heißen?" verdutzt guckt sie die Blondine an.
"Naja, sie sind zu hoch und das kann auf Dauer weh tun..."
"Das meinte ich nicht. Wieso solltest du dich jeden Tag so aufbrezeln? Außerdem hast du ihn doch eigentlich schon an der Angel, da könntest du ja wieder einen Gang runter schalten. Außerdem zählen die inneren Werte..."
"Nun, lassen wir die mal außen vor. Das diese stimmen müssen..., darüber müssen wir ja nicht reden. Ich bin jedoch auch der Meinung, dass man immer etwas aus sich machen sollte.  Auch wenn man jemanden an der Angel hat und auch gerade dann! Man möchte doch weiterhin von seinen Liebsten angeschmachtet werden. Er soll sich nicht nach anderen umdrehen, sondern nach einem selbst. Ich meine, jeder hat gewisse Wertvorstellungen, ein Typ auf den er steht. Und niemand fühlt sich von jemanden angezogen, der ungepflegt durch die Gegend läuft. Das ist nicht anziehend, sondern das Gegenteil."
Schweigen, nach einem Moment ein bisschen Geplänkel und Smalltalk über dies und das. Doch nun ist der Wurm drin. Das hat gesessen, denn irgendwie fühlt sich die Brünette angesprochen.
"Ich muss los, war schön mal wieder mit dir zu Quatschen." sagt die Blondine und lächelt leicht.
"Ja, ich muss auch los. Ich möchte noch einkaufen gehen."
"Ja, ich... naja. Wir sehen uns." Sie steht auf und geht.
Die Brünette ist geknickt und zieht sich langsam die Jacke an, geht aus dem Cafe und wandert die Einkaufsstraße entlang. Sie schaut in die Schaufenster. Erst auf die Puppen mit den schicken Outfits, dann sieht sie sich selbst im Spiegelbild. Hat ihre Freundin etwa Recht?
Sie geht nachhause, sie ist zu deprimiert um shoppen zu gehen. Als sie gerade in die Straße geht in der sie wohnt, sieht sie das Auto ihres Mannes am Bürgersteig stehen. "Er ist schon zuhause?" fragt sie sich. In der Hoffnung, dass er sie etwas trösten und ihr Mut zusprechen kann, geht sie etwas schneller. Sie saust durch die Tür und stolpert über seine Schuhe. Etwas verdutzt räumt sie sie weg. Dann findet sie eine weiße Bluse, aber nicht vom ihm. Sie hört in der Küche einen Rums, jemand holt tief Luft. "Oh Gott, er hat sich was getan!" voller Schreck stürzt sie in der Küche und bleibt abrupt stehen. Und da sieht sie es: ihren Mann und ihre blonde Freundin, nackt auf dem Küchentisch.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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