Mittwoch, 2. Dezember 2015

Ohne Probleme

Er guckt durch die Gitterstäbe raus in die Welt. Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau, die Bäume sind grün und die Kinder lachen, während sie fangen spielen. Drei Stück sieht er ausgiebig rennen und lachen: ein Junge der nach 10 Schritten immer aus der Puste ist, weil er so dick ist, ein Mädchen mit so dürren Beinen, sodass sie in jedem Moment abknicken und brechen könnten und einen weiteren Jungen, der eine dicke Hornbrille trägt.
Sie laufen und laufen, machen eine kurze Pause, wenn der Verlierer feststeht.
Der Junge mit der dicken Brille geht zu einem der Bäume und reißt einen Apfel vom Ast, genüsslich beißt er hinein, während der dicke Junge auf dem Boden sitzt, um wieder zu Atem zu kommen. Unüberraschenderweise verliert er so gut wie jede Runde, da er nicht so schnell vom Fleck kommt.
Das dürre Mädchen steht einfach da, mit geschlossenen Augen lehnt sie ihren Kopf Richtung Sonne. Man kann sehen wie sehr sie die Wärme genießt. Die Sommersprossen auf ihrer Nase bekommen bald bestimmt ein paar Brüder und Schwestern.
Eine Frau kommt in das Zimmer mit den Gitterstäben und reißt ihn aus seinen Gedanken.
"Was machst du da?" fragt sie. Sie versucht zu lächeln, dabei kommen ihre schiefen Zähne zum Vorschein.
"Ich beobachte die Freiheit." antwortet er und sieht wieder aus seinem Fenster.
Die Frau verliert ihr Lächeln und sieht ihn lange an.
"Es ist nicht fair. Sie alle haben etwas. Sie alle haben etwas und werden dafür nicht eingesperrt! Der eine Junge da draußen ist halb blind, der andere rund wie ein Ballon und das Mädchen dürr wie ein Geäst. Und du? Du hast schiefe Zähne!" Er fängt zu weinen an.
Die Frau kommt ans Fenster und sieht hinaus, sieht die Kinder die letzten Sekunden ihrer Pause genießen und dann weiter spielen, weiter laufen.
Sie räuspert sich. "Würdest du jetzt auch raus in die Sonne gehen, hättest du innerhalb von ein paar Minuten einen Sonnenbrand und Ausschlag. Würdest du so rennen, dann könntest du nicht mal so lange durchhalten wie der dicke Junge. Du würdest zu Boden fallen und nach Luft ringen. Der Boden ist schmutzig und Dreck würde deiner Haut nicht gut tun. Um wieder zu Kräften zu kommen könntest du den Apfel vom Baum da vorn nicht essen, denn dann bekämst du Magenkrämpfe. ... Ja, ich gebe dir recht. Es ist ungerecht und früher gab es sowas nicht. Aber so ist es nun mal. Das ist das Leben heutzutage. Aber wenigstens kannst du damit leben."
Sie reicht ihm ein Tablett mit Medikamenten. Ohne  zu schauen nimmt er sie und schluckt sie runter. Dann wandert sein Blick wieder durch die Gitterstäbe. "Was ist das für ein Leben, wenn ich es nicht einfach so leben kann?" sagt er leise. Willkommen in der modernen Welt.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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