Montag, 21. Dezember 2015

Eine Weihnachtsgeschichte aus der Zukunft

"Oma, erzähl uns eine Weihnachtsgeschichte!" sagt das kleine Mädchen, als sie sich mit ihrem kleinen Bruder unter eine Decke vor den Ofen lümmelt. Eine alte Frau, lass sie Ende achtzig sein, setzt sich auf einen kleinen Stuhl und lächelt die beiden an. Sie hat viel gesehen und viel gehört, aber nie viel erlebt. Das war in ihrem Leben auch nie möglich gewesen.
"Die Geschichte, die du uns auch letztes Jahr schon erzählt hast, bitte." sagt das Mädchen. Ihre Augen leuchten, sie freut sich und ist auf das gespannt, was sie gleich hören wird. Es ist unwichtig, dass sie diese Geschichte schon unzählige Male gehört hat. Sie freut sich immer wieder auf die vielen Dinge, die sie sich nur in ihrer Fantasie ausmalen kann, wenn ihre Großmutter ihr davon erzählt. Wieder lächelt die alte Frau, seufzt aber kaum hörbar. Ohne Umschweife beginnt sie zu erzählen:

"Es war einmal, vor langer, langer Zeit, eine Welt, so anders als unsere heute. Die Menschen lebten in Frieden miteinander, hatten auf vielen Teilen der Erde genug zu Essen und zu Trinken. Es gab Kinos, Schwimmbäder und Cafés. Kinder spielten auf Spielplätzen, während Mütter miteinander darüber sprachen, was sie zum Abendessen kochen wollten. Es gab Schulen und Universitäten, an denen junge Menschen alles über die Welt lernten und unbegrenzte Möglichkeiten hatten. Sie konnten Ärzte werden, Anwälte, Schneider, Bäcker, Sekretäre... alles was ihr Herz begehrte. Sie gingen 8 Stunden am Tag arbeiten und konnten danach tun und lassen was sie wollten. Es gab Fernseher, in denen Filme liefen oder Bücher, die man lesen konnte. 
In dieser Welt gab es auch die Natur... außer Wüsten, gab es auch Wälder, Seen, Meere, Moore, Wiesen. Und es gab Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Im Frühling fingen die Blumen zu blühen an, im Sommer war es wohlig warm... im Herbst wurde es kälter und die bunten Blätter fielen von den Bäumen und bildeten einen bunten Teppich auf dem Boden. Und im Winter... im Winter war es eisig kalt und es schneite. Ein weißer Teppich aus gefrorenem Wasser schloss sich über die Welt und bedeckte sie. Aus ihm wurden Schneemänner gebaut und Schneeengel in den Boden gemalt. Im Dezember füllten die Buden der Weihnachtsmärkte die Straßen der Innenstädte. Man trank Glühwein und Kakao oder aß gebrannte Mandeln. Familien stellten Tannen in ihre Wohnzimmer und dekorierten sie mit bunten Kugeln und Lametta. Den 24. bis zum 26. Dezember verbrachten die Familien miteinander. Sie aßen Gänse, Puten oder Enten, tranken Wein und beschenkten sich. Das Fest der Liebe wurde es genannt. Nach diesem Fest nahm alles wieder seinen normalen Lauf in dieser heilen Welt..." erzählt die alte Dame. In Gedanken erzählt sie in ihrem Kopf für sich weiter: "... in dieser heilen Welt, in der die Menschen damals nicht zu schätzen wussten, was sie hatten. In der sie leichtsinnig und machtdurstig waren. Verwöhnt von ihrem Luxus und dem Streben nach mehr, machten sie mit ihren Technologien unsere Welt kaputt. Die Erderwärmung schmolz die Erdkappen und überflutete die Kontinente. Kalte Tage gibt es nicht mehr und der Regen ist rar geworden... somit gibt es kaum Nahrung und Wasser für die restlichen Menschen, die heute noch leben. Armut herrscht, Geld ist kaum noch etwas wert. Die Natur lässt sich mit selbst gedruckten Scheinen auch nicht mehr zu dem machen, was sie einst war. Der Terror nahm zu, der Frust ebenso, Kriege entstanden. Mord und Totschlag sowie die Angst davor gehören mittlerweile zum Alltag. Es ist gefährlich geworden zu leben. Aber möchte man das in dieser Welt denn noch?"

Das kleine Mädchen ist verzaubert von dieser Geschichte, der Junge schaut gedankenverloren zum Ofen hinüber. Dieser ist aus, er wurde schon lange nicht mehr gebraucht. Der Weihnachtsbaum ist eine alte, morsche Tanne ohne Nadeln, an dem Dosen und Bindfäden hängen. Etwas grünes haben diese Kinder noch nie gesehen, sie kennen nur den Mythos.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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