Donnerstag, 14. September 2017

Der Weg des Böhnchens

Das Böhnchen wächst am Bäumchen,
der Beginn von so manchens Träumchen.
Es trägt noch eine rote Jacke,
und landet so in des Pflückers Sacke.

Die Säcke prall gefüllt, die LKW's beladen,
mit ihren Freunden und Kameraden.
Es wartet ein Make Over der besonderen Sorte,
in der Rösterei öffnet sich die Pforte.

Dann wird die Bohne ausgezogen,
komplett nackt wird sie gewogen.
Und so nackig wie sie dann noch ist,
wird sie gebräunt, dieser kleine Nudist.

Nach der Bräune ist sie wunderschön,
zwar nackig, aber in Braun nicht mehr so obszön.
Und wir lieben ihre Farbe und den Duft,
erfüllt sie damit Raum, Zeit und Luft.

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So schön und auch bereit,
bekommt sie ein neues Kleid.
Gemahlen oder noch ganz,
erstrahlt sie vakuumverpackt im neuen Glanz.

Und kaum im Regal angekommen,
wirds auch schon wieder rausgenommen.
In der Tasche, dann zu Hause,
bereit für die nächste Kaffeepause.

Der Duft kräftig und doch zart,
die Maschine kommt langsam in Fahrt.
Knarrendes Geknatter,
färbt der Dampf die Kanne matter.

Das Käffchen läuft durchs Kännchen,
in Reih und Glied stehen Weiblein und auch Männchen.
Warten zitternd mit ihrer Tasse,
hoffen, dass man ihnen auch was übrig lasse.

Und dann endlich ist es so weit,
Kaffee in der Tasse, Glücksgefühle soweit das Auge reicht.
Und das nur wegen einem kleinen Böhnchen,
nackig, braungebrannt und mit Kröhnchen.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Montag, 11. September 2017

Eynhallow

»Lindsey, warte!«, rief Amy als sie ihrer älteren Schwester hinterher lief. Sie war nicht viel größer als Amy, aber hatte trotzdem längere Beine. »Nicht so schnell!«
»Wir kriegen das Boot nicht, wenn wir so langsam laufen! Beeil dich einfach!«, rief Lindsay ihrer Schwester über die Schulter zu.
Amy und Lindsey waren auf einer Rucksacktour in Schottland unterwegs und ihr nächstes Ziel war Eynhallow.
Als die Schwestern völlig aus der Puste am Steg ankamen, legte das Boot gerade ab.
»Wartet!«, rief Lindsey, aber der Kapitän schüttelte nur mit dem Kopf und rief: »Zu spät! Kommt nächstes Jahr wieder!«
»Nein! Kommt zurück, ihr Affen! Kommt zurück!«, rief Lindsey wütend dem Boot hinterher. 
»Hör auf so rumzuschreien.«, sagte Amy genervt.
»Ach halt doch die Klappe.«
»Wieso sollte ich? Wenn du den Typen gestern nicht im Pub abgeschleppt und nicht so lange geschlafen hättest, wären wir jetzt auf diesem Boot.«, sagte Amy schnippisch.
»Ist doch auch total bescheuert, dass diese dumme Fähre nur einmal im Jahr rüber fährt.«
»Gestern fandest du das noch aufregend und mystisch.«
»Ich sage es nicht noch einmal: Halt die Klappe.«, entgegnete Lindsey erneut.
»Und was machen wir jetzt?«
»Keine Ahnung.«
Die Mädchen gingen über den Steg zurück in Richtung Dorf, als Lindsey auf einmal stehen blieb. 
»Was ist?«, fragte Amy und sah, dass ihre Schwester auf ein kleines Boot starrte. »Vergiss es, denk nicht mal dran!«
Lindsey grinste: »Wieso nicht?«
»Abgesehen davon, dass das Diebstahl ist, ist es total gefährlich allein zu dieser Insel zu fahren! Vor allem in einem Ruderboot!«
»Ach, das sind bestimmt nur Ammenmärchen.«
»Ja, vielleicht die Sage. Aber ich glaube nicht, dass die See da draußen so ungefährlich ist. Guck doch mal wie die Wellen schlagen!«
Lindsey holte ihr Handy raus und nach einigen Sekunden sagte sie: »Heute Abend ist es nicht mehr so windig, dann schnappen wir uns das Boot und fahren rüber!«
»Bist du übergeschnappt oder von gestern Abend noch betrunken?«, fragte Amy ungläubig.
»Sei kein Frosch! Ich lasse mir diese Insel jetzt nicht nehmen, wir fahren heute Abend dahin!«

Als es dunkel war, schlichen die Mädchen zum Hafensteg zurück und machten das Boot los. Still und heimlich ruderten sie über das Wasser, hatten aber furchtbare Angst entdeckt zu werden. Aber niemand schien da zu sein.
»Zur Einstimmung, lese ich jetzt nochmal was aus dem Reiseführer vor.«, sagte Lindsey freudig.
»Hilf mir lieber beim Rudern!«, sagte Amy.
»Ach, das machst du super. Wenn du nicht mehr kannst, tauschen wir einfach.«, flüsterte Lindsey und Amy stöhnte genervt.
»Also, Eynhallow. Laut den alten Sagen, soll das Finfolk dort gelebt haben. Sie waren dämonische Meeresmenschen, die ihre Gestalt ändern und sich unsichtbar machen konnten. Ungesehen sollen sie nachts die Männer und Frauen der Orkney-Inseln entführt haben, um sich mit Ihnen zu vermählen. Die Zwangsverheirateten wurden der Legende nach bis zum Rest ihres Lebens im Reich des Finfolks gefangen gehalten und wie Sklaven behandelt.«, las Lindsey vor.
Amy schluckte: »Das hört sich bei Nacht, in einem kleinen Ruderboot, ziemlich gruselig an.«
Lindsey lachte: »Hast du etwas angst?«
»Ja!«
»Einmal im Jahr fährt ein Boot die neugierigen Besucher zur Insel, die seit einer rätselhaften Epidemie im Jahr 1851 unbewohnt ist. Denn obwohl die Sage so weitergeht, dass ein mutiger, schottischer Bauer die Insel von den düsteren Meeresbewohnern befreit hat, um sich für die Entführung seiner Ehefrau zu rächen, kommt es immer wieder zu unerklärlichen Vorfällen. So wurden zum Beispiel am 14. Juli 1990 zwei Besucher bei der jährlichen Überfahrt nach Eynhollow beim Einstieg gesehen und gezählt, beim Rückweg von der Insel jedoch als vermisst gemeldet. Trotz eines riesigen Sucheinsatzes konnte man keine Spur von den beiden Touristen finden. Hinweis: Private Erkundungtouren sind nicht verboten, aber es wird dringend davon abgeraten! Die Insel ist von stürmischen Gewässern umgeben und unerfahrene Seefahrer begeben sich in Lebensgefahr. Oh.«
»Oh?«, fragte Amy und ließ die Ruder los.
»Ach, es ist doch windstill. Ist doch alles okay.«
»Stimmt. Findest du das nicht auch ein bisschen merkwürdig?«
»Mmh, naja. Wir können doch froh sein. Kann doch mal vorkommen.«
»Auf der See?«
»Jetzt stell dich nicht so an. Gib mir die Ruder.«
Es dauerte nur noch ein paar Minuten und dann erkannten die Mädchen die Insel. 
»Da ist sie!«, rief Amy.
Lindsey ruderte weiter, aber plötzlich kam ein heftiger Wind auf. 
»Was ist denn jetzt los?«, fragte Lindsey und versuchte sich festzuhalten.
»Ruder weiter! Sonst gehen wir unter. Der Wind wird immer stärker!«, rief Amy, die ihre eigene Stimme schon fast gar nicht mehr durch den Wind hören konnte.
Das Boot schwankte und drehte sich schlussendlich sogar. Die Mädchen versuchten sich festzuhalten, aber der Wind peitschte so heftig, dass es ihnen fast nicht möglich war. Und dann passierte es: Das Boot schwankte einmal heftig nach rechts und Lindsey stürzte ins Wasser.
»Lindsey!«, rief Amy, aber ihre Schwester tauchte nicht wieder auf.
Plötzlich verstummte der Wind und das Wasser beruhigte sich.
»Was zum?«, fragte sich Amy leise und sah erschrocken über das Wasser. Panisch sah sie hin und her und erkannte dann eine Silhouette am Ufer der Insel, die noch einige Meter von ihr entfernt war. Sie zog etwas aus dem Wasser. Jemanden. Lindsey!
»Lindsey!«, schrie Amy über das Wasser und schnappte sich schnell die Ruder und paddelte so schnell sie konnte. Doch als sie am Ufer ankam, waren die Gestalt und ihre Schwester nicht mehr zu sehen.
Amy rannte in die Dunkelheit und rief den Namen ihrer Schwester, aber sie konnte nichts sehen, außer das tiefe Schwarz der Nacht. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, aber ihre Uhr sagte ihr, dass sie erst ein paar Minuten durch die Dunkelheit lief.
Amy schrie sich die Seele aus dem Leib bis sie heiser wurde und hustete.
Ähnliches Foto»Lindsey! Wo bist du?«, rief Amy und fing an zu weinen. Sie fiel auf die Knie und wusste nicht weiter. Dann kam ihr die Idee, sie hatte ihr Handy in ihrem Rucksack und holte es heraus. Gerade als sie den Bildschirm anmachen wollte, ging es aus und nicht mehr an. »Nein!«, schrie sie und warf es in die Dunkelheit. Sie suchte weiter in ihrem Rucksack und fand eine Taschenlampe. Sie machte sie an und leuchtete in die Ferne und ließ die Taschenlampe direkt vor Schreck wieder fallen. Um sie herum standen Unmengen von Menschen, so sahen sie zumindest aus. Nur grau und fahl. Sie hatten keine Haare, eingefallene Gesichter und nur graue Stofffetzen über ihre Haut geworfen. Amy hatte fürchterliche Angst und sackte zusammen. Um sie herum fingen die Gestalten an zu wispern und zu flüstern, sie konnte nichts verstehen. Starr vor angst, konnte sie sich nicht bewegen. Selbst die Tränen blieben ihr im Hals stecken. Plötzlich rummste es und vor ihr lag etwas. Sie schluckte und suchte im Gras nach der Taschenlampe. Als sie sie fand machte sie sie mit zittrigen Fingern an.
»Lindsey!«, rief Amy und drehte ihre Schwester zu sich. Doch als sie das Gesicht ihrer Schwester sah, fing sie an zu schreien: Ihre Augen waren grau, keine Pupillen, keine Iris. Ihr Mund war aufgerissen, als würde sie schreien. Eine stumme Statue lag vor Amy, die ein scheußliches Abbild ihrer Schwester war. »Lindsey, Lindsey! Was ist hier bloß los?«, weinte Amy. In diesem Augenblick riss Lindsey den Mund weiter auf und ein ohrenbetäubender Schrei entfuhr ihr. Immer lauter und lauter. Sie riss den Mund soweit auf, dass ihre Mundwinkel rissen und zu bluten begannen. 
Amy fiel zur Seite und hatte einen Tinnitus, als es wieder ruhig wurde. Sie sah auf und ihre Schwester vor sich stehen. Mit der Taschenlampe leuchtete sie an ihr hoch und erblickte ihre blutenden Mundwinkel und ihre grauen Augen. Das war nicht mehr ihre Schwester.

Amy wollte weglaufen, war aber wie gelähmt. Die Taschenlampe flackerte und wurde immer dunkler. Um sie herum waren Schritte zu hören, die immer näher kamen und sie rollte sich zu einer Kugel zusammen. Sie weinte bitterlich, hatte fürchterliche Angst und plötzlich wurde alles schwarz und still. Amy stockte der Atem und sie riss die Augen auf. Sie hoffte in der Dunkelheit etwas zu erkennen, aber da war nichts, was sie hätte sehen können.
Dann plötzlich gingen um sie herum dutzende von Kerzen an und sie war in einer kleinen Hütte. Keine Wiese mehr, keine Lindsey, keine Gestalten. Sie fragte sich, wie sie in diese Hütte gekommen ist, wenn sie doch vor einigen Sekunden noch woanders war. Panisch stand sie auf und sah an sich herunter. Sie trug ein schmutziges, beiges Kleid und hatte einen verdorrten, dornigen Blumenkranz auf dem Kopf, der in ihre Haut stach. 
»Was ist hier los?«, fragte sie sich mit zittriger Stimme und die Kerzen gingen allesamt aus. »Was ist hier los!? Hilfe!«, schrie Amy, aber keiner hörte sie. Oder wollte sie hören. Die Kerzen gingen wieder an und sie stand inmitten dieser Monster. Amy schrie auf. Neben ihr stand ein Ungeheuer welches ihr solch eine Angst einjagte, dass ihr ganz übel wurde. Eine Mischung aus Mensch und etwas anderem mit Kiemen und großen, monströsen Augen. Doch sie konnte nicht fliehen, denn vor ihr stand eines der anderen Monster und reichte dem Ungeheuer ein Messer. Hinter ihr standen weitere Gestalten. Das Monster schnitt sich in die Klaue und griff dann nach Amys Arm, sie schrie. Es schnitt in ihre Hand und drückte seine blutige Klaue in die ihre.
Danach gingen die Lichter wieder aus und Amy war wieder in der Dunkelheit gefangen. Ihr war übel, so furchtbar übel. Sie schien sich in der Dunkelheit zu drehen, aber es war nur der Schwindel der sie überkam. Sie hatte angst sich zu bewegen, wollte aber raus. Worin sie auch immer gefangen war. Sehen war unmöglich, aber sie tastete sich an der Wand entlang, die nicht enden wollte. Sie war endlos. Sie sackte zusammen und starrte in die Schwärze. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen und Amy dachte über das geschehene nach. Nach einer Weile kamen ihr die Worte ihrer Schwester wieder in denn Sinn: »Laut den alten Sagen, soll das Finfolk dort gelebt haben. Sie waren dämonische Meeresmenschen, die ihre Gestalt ändern und sich unsichtbar machen konnten. Ungesehen sollen sie nachts die Männer und Frauen der Orkney-Inseln entführt haben, um sich mit Ihnen zu vermählen. Die Zwangsverheirateten wurden der Legende nach bis zum Rest ihres Lebens im Reich des Finfolks gefangen gehalten und wie Sklaven behandelt.«

© Dia Nigrew/Claudia Wergin



Donnerstag, 31. August 2017

Never seen a girl

2.000.000.000 aktive Nutzer weltweit,
da grinst der Marc bestimmt ziemlich breit.
Davon die Hälfte sicher Frauen,
mit perfekten Kurven und Augenbrauen.
Goldene Haut und lange Haare,
knackig, straff, höchstens 26 Jahre.
Sind sie alle so perfekt,
gestriegelt und wie geleckt.
Perfektes Lächeln, perfekter Filter,
findet sich so ein weiterer Bewunderer, ein Gewillter.
Hunderte und Hunderte Follower und Freunde,
Bewunderer, Fans... schmachten voller Freude.
Lechzen nach der Frau auf diesem Bild,
mit ihren Beach Waves und am Strand, sind gewillt.
Wie hypnotisiert vergessen sie alles um sich herum,
denken nicht nach, handeln vielleicht dumm.
"Never seen a girl so pretty", ein kleiner Satz,
für Interpretation lässt er jedoch viel Platz.
Aufdringlich, Fake oder einfach ein Kompliment,
kein Ansatz, sodass man es richtig erkennt.
Brauchen Emojis für die Bestandsaufnahme,
für diesen Satz an die blonde Insta-Dame.
Machen sich entweder lächerlich oder 
verletzen jemand anderen, den sie vergaßen,
als sie vor Instagram oder Facebook saßen.
Treffen sie die Lady doch in der echten Welt,
ist es wahrscheinlich so, dass sie ihnen nicht gefällt.
So ohne Filter und in unperfekter Pose,
in Hoodie und nicht so enger Hose.
Das Social Media ist ein Paralleluniversum,
mit viel Magie und Brummborium.
95 % sind nicht echt, nicht wahr,
weniger Bräune, glanzloses Haar.
Weniger Blond, weniger perfekt,
weniger gestriegelt und wie geleckt.
2.000.000.000 aktive Nutzer weltweit,
2.000.000.000 Blender und Idioten
und der Marc, der grinst ziemlich breit.

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© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Freitag, 25. August 2017

Paderboring

Libori, Schützenfest und Lunapark,
Sachen die jeder eingesessener Paderborner mag.
ASTA, Holi und Tausendquell,
hoch mit Fackeln und Mistgabeln, schnell!

Mensch, Herbert und Hilde! Ward ihr nicht auch mal jung?
Wolltet was erleben und ward auf dem Sprung?
Ist die Oststadt denn nicht schon außerhalb?
Wo sollen wir denn hin? Auf's Land zu Kuh und Kalb?

Ihr habt doch auch eure Feste, warum uns unsere nehmen?
Macht ihr euer Missgönnen zu unseren Problemen.
Überall sind wir unerwünscht und zu laut,
Schimpft ihr uns "Junggemüse" und "Unkraut".


Quelle: Westfälisches Volksblatt

Paderborn und seine Paderborner,
die kleinliche Stadt hat empfindliche Anwohner.
Die Komfortzone ist für eine "Großstadt" unglaublich klein,
und eigentlich, kann das doch nicht sein.

Tradition ist gut, Gewohnheit noch besser,
Paderborner lieben die Routine und ihre Padergewässer.
Veränderungen werden mit Argwohn verhöhnt,
verurteilt, nicht akzeptiert und verpönt.

Keine neuen Geschäfte, keine neuen Läden,
dafür der überteuerte Padersprinter und schlechte Orthopäden.
Paderborn ist in "der guten, alten Zeit" hängen geblieben,
und hat in ein paar Jahren ihre "Zukunft" vertrieben.


Quelle: unbekannt, wahrscheinlich Lokalblatt

"Paderboring" wirst du mittlerweile fast nur noch genannt,
bist für den Abstieg von Bundesliga in die Dritte im ganzen Land bekannt.
Aber nicht für deine Vielfalt oder Toleranz,
alles ist gleich, bloß nichts ändern. Wozu dieser Affentanz?

Und eigentlich ist unsere Stadt malerisch und schön,
ich kann diese dummen Beschwerden aber nicht mehr sehen.
Moderne wird systematisch ausgeschlossen,
was haben wir Jungen schon Tränen vergossen.

"Paderborn, Paderborn. Meine Stadt ich liebe dich",
sagen alle, nur nicht ich.
Eine Kleinstadt, die sich Großstadt nennt,
welche aber nur utopische Dorfregeln kennt.



© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Donnerstag, 17. August 2017

Mathedesaster (aus 2009 - Poetry Slam)

Der Tag hatte schon scheiße angefangen, 
verschlafen und Bus verpasst, ich bin fast an die Decke gegangen.
Dritte Stunde, ich sitze in der Klasse,
wir haben Mathe. Das Fach, das ich mehr als alles andere hasse.
Meine Laune sitzt tief unten im Keller,
dann kommt unser Lehrer, dieser theatralische Einzeller.
Nach der Begrüßung geht er an die Tafel,
schreibt irgendwas an, ich hör nur noch Geschwafel.
Ich hör nicht zu, ich kann’s ja eh nicht,
Ich seh‘ aus dem Fenster „Oh schöne Aussicht!“


Drei Wochen später, nun sitz‘ ich hier,
Da quatscht der Matheheini: „90 Minuten habt Ihr!“
Das Blatt wird ausgeteilt, und ich werde ein bisschen flatterig,
meine Hände sind leicht schwitzig und mir ist irgendwie schummerig.
Der Lehrer geht rum, sieht jedem ins Gesicht,
als er mich ansah dachte er bestimmt: „HA HA HA, du kannst es nicht!“
Er steht wieder vorne, vor mir das weiße Papier,
Oh, Gott, ich will nen Schnaps oder wenigstens ein Bier!
Ich fühl mich, wie kurz vor einem Marathonlauf für Beinamputierte,
oder wie nach einem Stromschlag, der mich paralysierte.
Ich dreh‘ das Blatt um und seh‘ Unmengen von Zahlen,
ich seh gequält zum Lehrer und er fängt an mich anzustrahlen.
Zurück auf meinem Zettel, erwarten mich Zeichen die ich nicht verstehe,
in Gedanken knie ich nieder, sie sehen wie ich um Gnade flehe.
Doch diese Horrorzahlen lachen mich nur schelmisch aus,
erst die Matrizen, dann die Formeln von Gauß.
Zurück in der Realität sieht mich nur einer schelmisch an,
der Lehrer, aber was soll ich tun, wenn ich es nicht kann?
Mein Zettel ist immer noch leer,
und die der anderen füllen sich immer mehr.
Mein Fuß fängt an auf dem Boden zu tippen,
der Bleistift, auf meinem Finger zu wippen.
„Ihr habt noch 45 Minuten!“,
innerlich fange ich an zu bluten.
Ich fange an, in Panik zu verfallen,
atme hektisch, guck umher, 
„Oh, mein Gott ich schaff’s nicht mehr.“
Voller Angst und Panik fang ich an, irgendwas aufzuschreiben,
mit zitterigen Händen versuche ich bei der Sache zu bleiben.
In meinen Taschenrechner klopp ich wie eine Geisteskranke,
alles dreht sich um diese Zahlen jeder Moment, jeder Gedanke.
Ich denk nicht nach, mach irgendwas,
summiere oder subtrahiere dies und das.
„Noch 10 Minuten!“ gröhlt der Heini am Pult,
ich bin fast fertig, wenn ich`s nicht schaffe, bin ich selbst Schuld.
Die Panik verfliegt, ich will nur noch fertig werden,
geb ich den Zettel ab, ist das der Himmel auf Erden.
„Abgeben!“ ist das letzte Wort,
alle gehen nach vorne und geben ihre Zettel fort.
Ich geb auf, es ist zu spät,
der Quatsch auf meinem Zettel hat noch nicht mal Viererqualität.
Ich geh nach vorn, leg meinen Zettel auf das Lehrerpult,
ich schwör mir, nie wieder so ein Tumult.
In Zukunft will ich für sowas wenigstens ein bisschen vorbereitet sein,
deswegen mach ich mir nen Spickzettel: Richtig süß und klein.



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© Dia Nigrew/Claudia Wergin