Montag, 17. Juli 2017

Lieblos (Part 1)

Anabelle saß in ihren Zimmer, auf ihrem Bett und sah zu Boden. Ihr Blick war starr, ihre Augen geschwollen. Die Tränen waren getrocknet. Aber sie spürte noch, wo sie sich auf ihren Wangen ihren Weg gebahnt haben.
Sie hielt die Schmuckschatulle ihrer Schwester in der Hand, welche vor wenigen Stunden weggebracht wurde.

Sie saßen im Lesezimmer, als sie kamen. Anabelle las ein Buch und Sofie stickte, während sie am Fenster saß und dem Regen zuhörte. Der Tag war grau und dunkel.
Bildergebnis für rain tumblrPlötzlich kamen zwei Diener ihres Vaters und zerrten Sofie vom Fenster und aus dem Zimmer. Anabelle sprang auf und schrie ihnen nach. »Was tut ihr da? Lasst sie sofort los!«, rief sie und zerrte einem der Diener am Arm. Dieser schlug sie jedoch sofort zur Seite und Anabelle fiel zu Boden, stand aber direkt wieder auf. Sie lief ihnen bis in den Innenhof hinterher. Dort sah sie eine Kutsche im Matsch stehen und ein paar Koffer.
»Was ist hier los?«, fragte Anabelle außer Atem.
Sofie wurde in die Kutsche gesperrt und die Koffer aufgeladen. Danach ließ der Kutscher die Zügel schnalzen und die Kutsche fuhr davon. Die Diener und Männer ignorierten Anabelle und gingen einfach an ihr vorbei.
Der Regen wurde stärker und Anabelle versuchte in diesem Moment der Kutsche hinterher zu laufen, doch einer der Diener packte sie am Arm und hielt sie fest im Griff. Sie versuchte sich loszuzerren, bis ihr der Arm weh tat, doch konnte sie sich nicht aus dem Griff des Mannes befreien.
Sie sank zu Boden und fing bitterlich an zu weinen. Danach zog der Diener sie wieder hoch und ging mit ihr zurück ins trockene. Er blieb in der Eingangshalle nicht stehen, sondern ging weiter und weiter. Bis Anabelle realisierte, wo sie hin gingen: Ins Arbeitszimmer ihres Vaters.
Dort angekommen, wurde sie einfach durch die Tür geschubst. Sie stolperte und fiel zu Boden. Sie sah hoch und ihren Vater an seinem mächtigen, rustikalen Ebenholztisch sitzen. Dieser Schreibtisch wurde extra für ihn gefertigt. Filigrane Muster und Schnörkel verzierten die Beine und die Ränder. Anabelle schluckte und stand langsam auf. Ihr Vater war ein großer, breiter Mann mit einem Vollbart und kleinen Augen, die unter seinen buschigen Augenbrauen hervorlugten. Von der Dienerschaft wurde er manchmal nur "der Bär" genannt. Er sah sie verärgert an und musterte Anabelle von oben bis unten. Dann sah er wieder auf seine Papiere.
»Wohin wurde Sofie gebracht?«, fragte Anabelle und versuchte ihre Tränen zu unterdrücken.
»Habe ich dir erlaubt zu sprechen?«, fragte der Bär mit tiefer Stimme, ohne aufzuschauen und Anabelle schluckte.
»Ich habe diese Hure von hier fort bringen lassen. Ich gewähre ihr nicht länger Obdach.«, brummte er.

Er hasste Sofie. Abgrundtief. Sie war nicht seine Tochter, sondern die eines anderen. Anabelles und Sofies Mutter, Ivette, war bereits einmal verheiratet gewesen. Sie war einst die Frau eines Kaufmannes aus der Stadt, der jedoch früh durch Krankheit verstarb, als Sofie noch ein Mädchen war. Mit dem Tod ihres Mannes erbte Ivette nicht nur seinen Laden, sondern auch seine Schulden, die sie nicht bezahlen konnte. So heiratete sie den vermögenden Baumeister der Stadt,  um daraus Nutzen zu ziehen. Liebe spielte hier keine Rolle. Die Schulden waren beglichen und Sofie hatte einen Vater. So dachte Ivette. Aber so kam es nicht. Sofie war für den Bären eher lästig, als ein Segen. Und dies ließ er sie stets spüren. Als Anabelle auf die Welt kam, wurde sie stets bevorzugt. Trotz dessen hatte es auch sie nicht leicht. Ihr Vater war ein strenger und wankelmütiger Mann, der stets von Wut und Jähzorn geleitet wurde. Gehässige Strafen und Pein, Schläge und Hausarrest waren seine Erziehungsmethoden, die für Anabelle als Kind schon schwer zu ertragen waren. Für Sofie waren sie jedoch mindestens zehnmal schlimmer.
Ivette versuchte stets ihre Kinder zu schützen und behütet aufwachsen zu lassen, doch machte es ihr der Bär damit nicht leicht. Es war unmöglich. Umso älter die Kinder wurden, umso schlimmer wurde ihr Vater. Ivette begann ihre Kinder vom Bären fern zu halten. Schaffte das aber nur selten. Blaue Flecken und seelischer Schmerz standen auf der Tagesordnung. Davor konnten sie nicht fliehen.
Umso mehr Widerworte Ivette gab, umso brutaler wurde der Bär. Er fing an, seine Hand auch gegen sie zu erheben. Gott allein weiß, was er noch alles mit ihr machte, wenn die Türen geschlossen waren. Ihre Verletzungen sprachen Bände.
Angst gehörte zum Alltag dazu. Ivette verlor sich in diesem Gefühl, wurde davon überrannt und sah den Bären selbst dann, wenn er nicht auf dem Anwesen war. Verfolgungswahn und Panik fanden ihren Platz in Ivettes Kopf. Immer häufiger, immer intensiver. Sie fing an wirres Zeug zu reden. Meist unverständliches, leises flüstern. Sie holte die Mädchen nachts aus ihren Betten und brachte sie in die Keller und versteckte sich dort mit ihnen, weil sie den Schatten des alten Bären neben ihren Schrank sah. Sie wippte manchmal panisch in ihrem Schaukelstuhl hin und her und redete mit sich selbst. Es war ein fürchterliches Bild, was sich den Kindern mit der Zeit bot.
Eines Tages kam der Tag, an dem der Bär genug von Ivettes Geisteskrankheit hatte. Er steckte sie in ein Irrenhaus für Frauen. Die Mädchen weinten bitterlich, aber der Bär brachte sie mit ein paar Ohrfeigen schnell zum Schweigen. Das war vor zwei Jahren.
Seither war ihr Leben trist und dunkel. Sie nahmen ihren Privatunterricht war, erledigten ihre Hausarbeiten und hielten sich versteckt, wenn der Bär auf dem Anwesen war. Sie schlichen sich in die Stadt, wenn er auf Reisen war. Sonst durften sie sich nur im Gebäude und auf dem Innenhof aufhalten. Waren sie nicht gehorsam, wurden sie bestraft. Ihre Mahlzeiten nahmen sie abends stets mit ihm im Esszimmer ein. Es wurde kein Ton gesprochen. Nur er war derjenige der sprach, wenn er sich über die Kleider von Sofie und Anabelle beschwerte, über ihre Haltung oder ihr Aussehen. Es war erniedrigend. Seine herablassenden Worte trieben ihnen stets Tränen in die Augen, die sie versuchten wegzublinzeln. Schafften sie es nicht, wurden sie angebrüllt und in ihre Zimmer geschickt. Später folgte Prügel.

»Sie ist keine Hure.«, sagte Anabelle leise. 
»Wie war das?«, fragte der Bär fordernd und sah zu Anabelle. Sie hielt seinem Blick stand.
»Ich habe das Zimmer deiner Halbschwester durchsuchen lassen, da sie einer meiner Männer dabei beobachtet hat, wie sie nachts das Anwesen verließ. Er folgte ihr und beobachtete sie dabei, wie sie in einer Taverne einen Mann traf. Wahrscheinlich ein Freier.«, sagte er abfällig und warf Anabelle die Schatulle von Sofie zu, welche mit türkisen und grünen Steinchen besetzt war, und zu Boden fiel. Anabelle hob sie direkt auf und sah, dass kleine Briefe in ihr waren.
»Alles Briefe von Männern, die ihr den Hof machen wollen. Deine Halbschwester ist eine Hure. Was soll man auch anderes erwarten bei einer verrückten Mutter und dem Vater?«, sagte der Bär entschieden. »Ich habe sie fort geschickt und sie wird nicht wieder kommen. Ich war so gnädig und habe sie nicht direkt auf die Straße gesetzt. Dafür solltest du mir dankbar sein. Ich werde dafür sorgen, dass aus dir wenigstens etwas gescheites wird. Daher ist dir der Kontakt zu ihr untersagt! Haben wir uns verstanden!?«, fragte der Bär barsch. In ihm brodelte schon wieder die Wut. Anabelle spürte es deutlich. Sie schluckte und konnte sich nicht bewegen. In ihrem Hals war ein Kloß, der sie abwärts lähmte.
»Antworte mir gefälligst, Kind!«, schrie er fast.
Anabelle nickte zitternd.
»Ich habe dich nicht gehört.«, sagte er, während sein Gesicht rot wurde und er seine Fäuste ballte.
»Ja.«, fiebste Anabelle.
»Ja, was?«
»Ich habe verstanden.«
»Was hast du verstanden?«
»Das ich meine Schwester nie wieder sehen darf.«
»Was noch?«
Anabelle sagte kein Wort. Tränen liefem ihr über die Wangen. Ihr wurde heiß, alles war verschwommen.
»Was noch!?«, schrie er fordernd.
»Das meine Schwester eine Hure ist.«.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Freitag, 14. Juli 2017

Vorbilder

Mit ihren Träumen und was sie sehen,
denken quer und versuchen zu verstehen.
Wie die Welt sich dreht und wohin der
der Mond unter- und die Sonne aufgeht.

Wolken entstehen in Fabrikschornsteinen,
Sterne und Kometen sind aus Edelsteinen.
Pfirsiche sind Äpfel mit Pelz und Fell,
die Sonne ist eine Glühbirne und leuchtet
deswegen so unsagbar hell.

Stöcke sind Schwerter
und Steine sind Münzen,
dicke Schlangen bestehen
aus gefüllten Strümpfen.
Bei Regen ist Pudding aus
braunem Matsch,
Seesterne sind Tiere?
So ein Quatsch!



Auf dem Klettergerüst sind sie Piraten,
die in wilde Abenteuer geraten.
Im Sandkasten sind sie Bäcker,
verkaufen ihre Torten an
französische Feinschmecker.

Kinder sind alles was sie sein wollen,
seien es Superhelden oder Gartenknollen.
Keine Vorgaben, kein muss,
nur wie es ihnen gefällt,
egal sind Macht, Status oder Geld.

Die Welt durch ihre Augen ist eine,
in der es friedlich ist,
unsere ist ihnen fremd und nicht zu verstehen,
so grau, so trüb und trist.

Kinder sind weiser, als so manch anderer,
sind sie doch nur kleine Wanderer.
Auf dem Weg in unsere Welt,

ob es ihnen hier wohl später gefällt?


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Dienstag, 11. Juli 2017

Post Mortem - Ende

»Sie, Schweinehund!«, rief ich, als ich in Rogers Büro stürmte.
Er war allein, leider.
»Was wollen Sie schon wieder!?«, er stand auf. Er war wütend. Genau so wie ich.
»Tun Sie nicht so! Ich weiß Bescheid!«
»Ach ja? Worüber denn!?«
»Ihre Tochter hat meiner Schwester die K.O.-Tropfen gegeben!«
Er wurde auf einmal blass, er schluckte. Erwischt.
»Setzen Sie sich, bitte.«
»Nein.«
Er schnaubte und stand auf. »Ich bin mir sicher, wir können das auch anders regeln.«, sagte er und holte ein Scheckbuch raus.
»Das meinen Sie nicht ernst!«, sagte ich wütend.
»Ich bitte Sie, sie hat einen dummen Fehler gemacht. In ein paar Tagen denkt da keiner mehr dran.«, winkte Rogers ab und versuchte die Situation zu verharmlosen.
»Was!? Meine Schwester hat mehrere HUNDERT Hassmails und Drohungen deswegen bekommen. Daran denkt bald keiner mehr? Jeder auf ihrer Uni denkt, sie sei eine Hure!«
»Sie übertreiben.«
»Wäre sie nicht Ihre Tochter, würden Sie ermitteln!«
Er sagte nichts. Er tat auch nichts. Durch mein Geschrei kamen seine Kollegen ins Büro. Er schob das Scheckbuch zur Seite und ließ mich abführen.
Ab da an ging es alles ganz schnell: Die Ermittlungen wurden eingestellt. Es wurde so gedreht, dass es so aussah, als hätte meine Schwester selbst die Drogen genommen. Sie äußerte sich nie, weil sie meinte, es bringe eh nichts. Sie hatte recht, hätte es auch nicht.
Es war so leicht, die Sache unter den Tisch fallen zu lassen. Es war so leicht, ihr nicht zu helfen. Es war alles so leicht. Es war ungerecht. Es war nicht fair. Es ist unbeschreiblich.

Meine Eltern waren enttäuscht. Von Sabrina, von ihrer Tochter. Vom Opfer. Sie glaubten ihr kein Wort mehr. Sie reisten direkt ab und wollten darüber auch nicht mehr reden. Sie fühlten sich durch ihre eigene Tochter getäuscht. Ist das zu fassen?
Ich versuchte mit ihnen zu reden, ihnen die Wahrheit zu sagen. Aber das interessierte sie alles nicht. Ich solle nicht so naiv sein, haben sie gesagt. Glaub ihr doch nicht alles, haben sie gesagt. Die Polizei hat die Ermittlung nicht ohne Grund eingestellt, haben sie gesagt. Ja, das stimmt, dachte ich.
Es war furchtbar, eine Tragödie. Ich redete noch oft mit Sabrina darüber. Ich blieb noch ein bisschen in der Stadt, aber irgendwann musste auch ich in meinen Alltag zurück kehren. Anfangs telefonierten wir noch viel, dann skypten wir einmal die Woche und dann verlor sich das Ganze wieder und man schrieb sich ab und an. Wie das manchmal halt so ist.
Sabrina redete nicht mehr über den Vorfall, sie sagte immer dasselbe: »Bringt doch eh nichts.« 
Irgendwann sagte sie auch, dass wieder Normalität einkehre. Ich glaubte ihr. Sie sagte, dass sie keine E-Mails mehr bekam. Ich glaubte ihr. Sie sagte, dass sie gern zur Uni ging. Ich glaube ihr. Sie sagte, sie habe nun Freunde gefunden, die hinter ihr standen. Ich glaubte ihr.
Ich glaubte ihr alles was sie sagte, doch alles war gelogen. Es kehrte keine Normalität ein, im Gegenteil. Sie bekam weiterhin, regelmäßig beleidigende E-Mails und sie ging auch nicht mehr zur Uni. Sie hatte keine Freunde. Keiner stand hinter ihr.

Es war ein Dienstagabend, als der Anruf kam. Ich aß gerade mit meiner Freundin chinesisch und saß vorm Fernseher. Es war Rogers.
Bildergebnis für cry tumblr»Rob?«
»Ja? Wer ist da?«
»Rogers, hier.«
»Was wollen Sie?«
Stille.
»Ich muss Ihnen leider schlechte Neuigkeiten überbringen.«
»Was?«
»Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir (...) Ihre Schwester tot in ihrem Zimmer im Wohnheim aufgefunden haben. Sie- sie nahm sich das Leben.«
Stille.
Heiß, kalt. Ein Kloß im Hals, keine Luft. Schweißausbrüche auf piksender Gänsehaut. Weiße Punkte vor Augen, Schwindel.
»Mörder.«, brachte ich nur leise heraus. Er legte sofort auf. Danach brach ich zusammen.

Meine Schwester nahm sich das Leben, weil Sie gemobbt und belästigt wurde. Seelisch und körperlich. Man fand ihr Tagebuch, in dem alles genau beschrieben Tag. Jeder Tag voller Leid und Pein. Es war furchtbar.
Meine Eltern machten sich furchtbare Vorwürfe und ich tat es ebenso. Ich war wütend, auf sie. Aber vor allem auf mich. Wieso habe ich nicht einfach gegen Rogers geklagt? Warum habe ich mich immer weniger bei meiner Schwester gemeldet? Wieso habe ich den Alltag einkehren lassen? Wieso habe ich das nicht verhindert?
Dann war ich wütend auf Sabrina. Wieso hast du mir das angetan? Wieso hast du dir das angetan? Wieso hast du aufgegeben? Wieso hast du dich aufgegeben?

Sie ist schon an dem Abend gestorben, an dem das alles angefangen hat. An dem Abend war sie schon nicht mehr da, nicht mehr sie selbst. Alles was danach geschah war post mortem. Sie war ab diesem Abend schon innerlich tot.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Montag, 10. Juli 2017

Für Omi

Du warst irgendwie schon immer da,
selbst seitdem ich ein kleines Kindchen war.
Bald wirst du schon 85 Jahre alt,
und gibst immer noch ganz viel Halt.

Zwar habe ich dich nicht immer gesehen,
habe aber viel an dich gedacht, muss ich gestehen.
552 km wohnst du von mir entfernt,
habe ich früher von Mama gelernt.

In den Oster-, Sommer- und Herbstferien waren wir stets da,
du hast mich gedrückt, umarmt und kamst mir so nah.
Kinder finden das ja immer doof,
ich rannte daher immer direkt in den Hof.

Denn dort wartete Maggie immer auf mich,
schwarzer Hund mit weißem Strich.
Ich schnappte mir Hund und Leine,
lief mit ihr durch Gras und über Steine.

Stundenlang waren wir fort,
entdeckten unterwegs immer einen neuen Ort.
Erlebten so viele, unzählige Abenteuer,
waren Indianer oder bekämpften Ungeheuer.

Danach war erstmal Mittagspause,
und ich ging wieder mit Hund nach Hause.
Zum Naschen gab es dann immer Schokoriesen,
hoch seien sie gepriesen!

Regnete es, durfte ich mir alte Fotos ansehen,
schwarz-weiß, von Feiern, Ausflügen oder Badeseen.
Oder ich durfte oben, bei Onkel Dirk, Computer spielen,
Modern Talking hören und auf Mohrhühner zielen.

Danach ging es wieder raus in die Welt,
mit Rad und Hund, ab aufs Feld.
Wolkenbilder beobachten oder mit Maggie toben,
später wurde vor Müdigkeit das Rad nach Haus geschoben.

Zum Abendbrot gab es dann meist ne Stulle,
und für mich allein eine ganze Apfelsaftpulle!
Schworst immer auf Kerrygold-Butter,
meine allerliebste, feinste Großmutter.

Ähnliches Foto

Und was ich eigentlich hier sagen will,
ich war sonst ja immer so still.
Wenn ich als Kind bei dir war,
so drei- viermal im Jahr,
dann fühlte sich das immer nach Freiheit an,
mit den Stullen, dem Rad und dem Hundegespann.
Auch, wenn ich nur selten kommen kann,
bleib ich mit meinen Briefen dran,
versuche so dir nah zu sein,
dann bist du nicht so ganz allein.
Bin bei dir, ob hier oder dort,
schaue zu dir rüber, Richtung Nord.
Und denk dran, auch Opi schaut auf dich hinunter,
freut sich, wenn du lachst und bist munter.
Denk stets daran, ich hab dich lieb,
wurde mir nochmal richtig klar, als ich das hier schrieb.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Sonntag, 9. Juli 2017

Post Mortem (Part 5)

HIER geht es zu Part 4

Nachdem ich mich aus meiner unendlichen Schockstarre befreit hatte, fuhren meine Schwester und ich wieder in mein Hotel. Wir aßen eine Kleinigkeit und dann riefen unsere Eltern an.
Sabrina verschwand direkt im Bad, sie wollte nicht mit ihnen reden. Also sprach ich mit ihnen. Ich war den Tränen nahe und erklärte ihnen, was passiert war. Sie sagten, dass sie den nächsten Flieger nehmen könnten. Am Flughafen sei nun alles wieder in Ordnung. Ich nickte es ab, aber gleichzeitig fragte ich mich, was das bringen sollte. Sabrina wollte nicht mal mit ihnen telefonieren, dann mit ihnen persönlich reden? Wohl kaum.
Und es stimmte: Unsere Eltern trafen am Folgetag ein und meine Schwester war davon wenig begeistert. Sie umarmten sie, gaben ihr Zuspruch. Aber gleichzeitig waren sie übermäßig fürsorglich. Unsere Mutter behandelte sie, als sei sie ein Kind. Und das gefiel Sabrina gar nicht. Sie ließ sich das einen Tag lang gefallen und ging danach wieder zur Uni und schlief im Wohnheim. Sie flüchtete vor ihrer eigenen Familie. Vor unserer Mutter.
Wir fuhren ohne Sabrina zur Polizei und sprachen mit Rogers, der irgendwie keine Hilfe zu sein schien. Ich fand diesen Typen merkwürdig.
Unsere Eltern beharrten auf intensive Ermittlungen und ließen ihn kaum zu Wort kommen. Dann bat er uns zu gehen und warf uns mehr oder weniger aus seinem Büro.
»Wir wissen, wie wir zu ermitteln haben. Das lasse ich mir von Zivilisten nicht vorschreiben. Wir tun, was wir können und was in unserer Macht steht. Und jetzt bitte ich Sie zu gehen und unsere Zeit, die wir für die Ermittlungen bzgl. ihrer Tochter brauchen, nicht zu verschwenden.«, hatte er gesagt.
Unsere Mutter schürzte die Lippen und stand eingeschnappt auf. Mein Vater und ich folgten ihr.
 »Dieser Blödmann nimmt das alles doch gar nicht ernst!«, fluchte meine Mutter vor seiner Bürotür. Mein Vater und ich sahen uns an. 
»Warum seid ihr so still!?«, fauchte sie.
»Was sollen wir denn sagen?«, fragte mein Vater genervt.
»Das es stimmt? Das ich Recht habe? Ein bisschen Zustimmung wäre nicht schlecht!«
»Mom, er arbeitet dran. Er kann auch nicht zaubern. Das ist alles nicht so einfach.«, versuchte ich sie zu besänftigen.
»Ach! Du hast doch schon aufgegeben. Sabrina hat sich komplett verschlossen. Du hättest mehr auf sie einreden sollen!«
Da platzte mir direkt der Kragen: »Wie bitte? Ich habe mit ihr geredet, ich war die ganze Zeit für sie da! Ich habe sie keine Minute aus den Augen gelassen, habe ihr aber ihren Freiraum gelassen. Und den brauchte sie! Sie wollte von Anfang an nicht so viel darüber reden. Selbst Dr. Carter hat sie nichts erzählt. Du hast sie doch regelrecht mit deiner Über-Mutter-Nummer abgeschreckt. Sie ist nicht mehr fünf Jahre alt! Sie ist erwachsen!«
»Ach, jetzt bin ich schuld?«, lachte meine Mutter sarkastisch.
»Das habe ich nicht gesagt!«
»Aber gemeint!«
»Um Himmels Willen!«, raunte mein Vater. 
»Sie interessiert sich gar nicht dafür, was hier passiert. Und auch nicht für uns. Ihr sind wir und der Fall vollkommen egal. Ich habe langsam das Gefühl, dass sie selbst versucht zu flüchten. Vielleicht hat sie es ja wirklich selbst darauf angelegt.«, plapperte meine Mutter entnervt.
Ich war schockiert. »Was? Das kann nicht dein ernst sein!«
Sie seufzte und setzte sich auf einen Stuhl im Flur: »Was weiß ich denn? Mit mir redet ja keiner.«
Die Situation war kurios. Doch dann sah ich eines der Mädchen aus dem Coffeeshop den Gang auf uns zukommen und starrte sie regelrecht an. Sie erkannte mich sofort und wurde langsamer. Sie schluckte und ging an uns vorbei. Ins Büro von Rogers.
Entsetzt sah ich wie die Tür zuging und ging wie hypnotisiert hinter her. Meine Mutter sagte noch etwas, aber ich hörte nicht darauf.
Als ich in Rogers Büro reinplatzte, sah er mich verundert an.
»Was machen Sie denn noch hier?«, fragte er genervt, aber ich reagierte nicht auf ihn.
»Du. Du warst auch im Coffeeshop, als ich mit meiner Schwester da war. Du gehörtest zu der Gruppe, die meine Schwester von oben bis unten gemustert haben und dann gegangen sind.«, sagte ich. Sie antwortete nicht.
»Wovon reden Sie?«, fragte Rogers und räusperte sich. Er stand auf. Misstrauisch sah ich zwischen ihm und seiner Tochter hin und her.
»Rogers, sie war im Coffeeshop. Ich habe Ihnen davon erzählt.«, sagte ich bestimmt. Ich spürte den Blick meiner Eltern im Rücken, die in der offenen Tür standen.
»Das muss ein Irrtum sein.«, sagte Rogers direkt. Seine Tochter sah verunsichert aus.
»Nein, das denke ich nicht.«, stellte ich klar.
»Was Sie denken, interessiert mich gerade nicht. Und jetzt verlassen Sie mein Büro. Ich möchte mit meiner Tochter sprechen. Oder soll ich Sie raus begleiten lassen?«, fragte er provokant. Mir wurde klar, dass irgendwas mit diesem Typen nicht stimmte. Ich hielt noch einige Augenblicke seinem Blick stand und sagte dann: »Gut, wir gehen. Aber darüber reden wir nochmal, Rogers.«
Ich schob meine Eltern aus seinem Büro und wir verließen das Präsidium.
»Was war das denn?«, wollte mein Vater wissen, doch ich antwortete nicht.
»Rob?«, beharrte meine Mutter.
»Nichts, nur ein Verdacht.«, sagte ich kurz und ging zu meinem Auto. »Fahrt schon mal zum Hotel, ich komme nach.«
»Wo willst du hin?«
»Zur Uni.«, sagte ich nur und fuhr los.

Im Sekretariat der Uni ließ ich mir sagen, wo meine Schwester derzeit sei. Vor dem Seminarraum wartete ich, bis sie raus kam. Als sie durch die Tür schritt, hielt ich sie am Arm fest. 
»Rob?«, fragte sie erschrocken. Sie sah schlecht aus. Sie war blass und hatte Augenringe. Ihre Augen selbst waren geschwollen und rot. Sie weinte viel.
»Wir müssen uns unterhalten.«, sagte ich bestimmt und zog sie hinter mir her.
Ich bog um die Ecke und blieb stehen. »Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du die Tochter von Rogers kennst!?«, fuhr ich sie an.
Sie kniff die Lippen zusammen. »Sabrina!?«
»Was tut das zur Sache?«, fragte sie.
»Was verheimlichst du mir?«, fragte ich energisch. Ich war wütend. Ich tat alles für meine Schwester und sie verheimlichte mir ein entscheidendes Detail.
»Gar nichts!«, sagte sie und Tränen stiegen in ihre Augen.
»Doch das tust du! Du weißt, dass du mich nicht täuschen kannst. Sag es mir, auf der Stelle.«, verlangte ich.
»Sonst was?«, fragte sie süffisant, während Tränen über ihre Wangen liefen.
»Sonst kannst du auf meine Unterstützung verzichten, wenn du nicht ehrlich bist.«, sagte ich kalt und versuchte sie so aus der Reserve zu locken.
Sie schluckte. »Rob...«, fing sie an.
»Komm mir nicht so.«, sagte ich beleidigt.
»Ja, ich kenne sie.«
»Und weiter?«
Sie sah sich um. »Ich will nicht hier darüber reden. Lass uns woanders hingehen.«, sagte sie.
Wir gingen über den Campus und setzten uns unter einen Baum, wo nicht so viele Leute waren.
»Also?«
Sie seufzte: »Sie hasst mich.«
»Wieso?«
Ähnliches Foto
Sabrina schluckte. »Ihr Freund hat mich vor ein paar Wochen in der Cafeteria angesprochen und das hat ihr gar nicht gefallen. Er war wirklich nett. Er hat gefragt, ob ich mich zu ihm und seinen Freunden setzten wollte. Ihm war aufgefallen, dass ich oft alleine aß. Erst war es ganz nett, aber ich merkte sofort, wie oft sie mich anstarrte und musterte.«
»Und dann?«
»Als alle fertig waren und aufstanden, blieb sie noch sitzen und sagte mir, ich solle auch noch sitzen bleiben. Sie sagte, sie wollte mich besser kennenlernen. Aber so war es nicht. Sie drohte mir direkt und sagte, ich solle ihren Freund in Ruhe lassen. Sie habe mich im Auge und ich würde dafür büßen, ihn allein nur angesehen zu haben.«
»Was!? Was für ein Kindergarten! Hat sie zu viele Teeniefilme gesehen?«, fragte ich erschrocken.
»Das habe ich auch gesagt. Dann stand sie auf und ging. Natürlich habe ich ihn und sie direkt gemieden. Bis er wieder auf mich zukam und mich ansprach. Er habe mitbekommen, was sie mir gesagt hatte. Er entschuldigte sich sogar dafür. Er war derjenige, der mich auf die Party einlud.«
»Ist er auch auf dem Video?«
»Nein.«
»Wirklich?«
»Ja. Sie haben sich gestritten, als ich kam. Danach ist er gegangen.«
»Und wie ging es weiter?«
»Ich war unsicher, aber er meinte, ich solle mir keine Gedanken um Sarah machen. So heißt sie. Ich dachte mir, was könne schon passieren? Also sagte ich zu.«
»Ein paar Tage vor der Party entschuldigte Sarah sich bei mir und ich fing an mit ihr und ihren Freundinnen die Mittagspause zu verbringen.«
»Sie hat dir auf der Party das Getränk gegeben, oder?«
Sabrina schürzte die Lippen und schluckte.
»Wieso hast du nichts gesagt?«
»Was hätte das gebracht? Denkst du ihr Vater ermittelt weiter, wenn er das raus findet?«
Ich sagte nichts.
»Er hat es schon raus gefunden.«, sagte sie kalt, als sie meinen Blick sah.
»Ich glaube schon. Als wir sein Büro verließen, kam sie gerade. Ich erkannte sie aus dem Coffeeshop und wusste direkt, das was nicht stimmte.«
Sie seufzte. »Dann wars das.«
»Wieso hast du nicht eher was gesagt?«
»Weil sie mir gedroht hat.«
»Was!?«
»Sie war eine der Ersten, die mir geschrieben haben.«
»Was hat sie geschrieben?«
»Tja, sowas kommt halt davon, wenn man sich mit den Falschen anlegt.«
»Das ist ein eindeutiger Beweis!«, rief ich.
»Ach ja?«
»Ja! Und du hast Zeugen, ihre Freunde und ihr Freund!«
»Die mir alle nicht helfen werden, weil sie Angst vorm Sheriff haben.«
»Sabrina, gib doch nicht auf.«
»Sei realistisch.«
Ich seufzte. Dann kam mir das Bild von Rogers und seiner Tochter im Büro wieder in den Sinn. Wut stieg in mir auf.
»Er will sie decken.«, sagte ich mehr zu mir selbst, als zu Sabrina.
»Natürlich will er das.«, sagte sie leise.
Ich stand auf und ging los. Zum Auto. Sabrina rief mir noch hinterher, aber das war mir egal. Er sollte büßen.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin