Montag, 22. Mai 2017

Erst so, dann so

Es war einmal ein Mädchen, dass war nicht fair,
sie tat anderen unrecht und machte es ihnen schwer.

Erst war sie stets lieb, herzlich und nett,
bis sie sich plötzlich veränderte, komplett.

Wie Two-Face oder Jakylle und Hyde,
die Verwandlung geschah nach einer Kleinigkeit.

Aus einer Mücke wurde ein Elefant,
aus einstiger Sonne, ein schmerzender Sonnenbrand.

Aus Freundschaft wurde Stille oder Streit,
danach folgte Hetzerei und die Unwahrheit.

Pinnocchios böse Schwester, keine Frage,
nur mit kurzer, keiner langen Holznase.

Ihrer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt,
ihre Opfer waren ihr schonungslos ausgesetzt.

Skrupel waren ihr völlig fremd,
also schwindelte sie einfach ungehemmt.

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Sie log, dass sich die Balken bogen,
hat jeden vom Rand der Klippe geschoben.

Sie setzte böse Gerüchte in die Welt,
hat alles auf den Kopf gestellt.

Ziel war, jeden gegen das Opfer aufzubringen,
jeder sollte es vollen Herzens missbilligen.

Doch umso mehr die Opferzahlen stiegen,
schienen die Verbündeten zu versiegen.

Denn aus ihrem Heer suchte sie sich ihre Beute aus,
wenn sie sie leid war, ekelte sie sie einfach raus.

Ihr Gefolge wurde weniger und kleiner,
sie dadurch nur umso durchtriebener und gemeiner.

Immer mehr, bis keiner mehr übrig war,
in der dunklen Schlucht lag ihre Schar.

Es war einmal ein Mädchen, das war einst so fein,
dann nahm sie ihre Maske ab und war später ganz allein.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Freitag, 19. Mai 2017

Ein Schrecken ohne Ende

Bildergebnis für angst tumblrAlles ist schwarz, kein Licht brennt. Eigentlich habe ich angst im Dunkeln, aber er darf nicht sehen, dass ich zuhause bin.
Ich sitze am Fenster, die Gardine ist vorgezogen, aber ich kann ihn durch einen Spalt hinaus erkennen. Er steht einfach nur da. An der Hecke gegenüber. Er sieht zu meiner Wohnung hoch. Ausdruckslos, leer und gleichzeitig erschüttert und wütend.
Ich bin so müde, so unendlich müde während ich hier sitze und ihn anstarre. Ich kann nicht schlafen, also beobachte ich ihn dabei, wie er mich beobachtet. Seit sieben Monaten finde ich keinen Frieden mehr, da er auch in meinen Träumen auf mich wartet. Es ist immer dasselbe, er lauert mir auf, packt mich und sperrt mich irgendwo ein. Ich schreie, keiner hilft mir, keiner hört mich.

Er war schon immer anhänglich. Seit Beginn an. Und umso mehr Zeit verging, umso länger wir zusammen waren, desto mehr wurde er zu meinem Schatten. Es war furchtbar. Ich konnte nirgendwo hingehen, ohne dass er mich begleiten wollte. Ich konnte mich nicht mit meinen Freunden treffen, ohne das er mir im Nacken saß. Bestand ich auf Zeit für mich, schrie er mich an. Ergriff ich die Flucht, rief er mich im 10-Sekunden-Takt an und telefonierte alle meine Freunde ab, fragte sie, wo ich sei.
Ich machte erst nach sechs Jahren Schluss. Ich konnte es nicht eher. Zu sehr klammerte ich mich an die Hoffnung, dass es "irgendwann" besser werden würde. So wie ganz am Anfang dieser Fas. Da, wo die Welt noch in Ordnung war. Aber "irgendwann" wurde mir dann bewusst, dass das nicht passieren wird.
Ich erhoffte mir Ausgelassen- und Freiheit, Frieden. Ich wollte aufatmen. Aber ich bekam nichts davon, im Gegenteil.

Wir saßen im Wohnzimmer. Ich versuchte sachlich mit ihm zu reden, bot ihm an, dass man befreundet bleiben könne. Schließlich habe man so viele Jahre zusammen verbracht. Ich dachte wirklich, wir schaffen das. Freundschaftlich.
Aber er hörte mir nicht zu. Er bekam eine Panikattacke und schmiss sich auf den Fußboden. In Embriohaltung verharrte er dort gute eineinhalb Stunden und war am hecheln und weinen. Ich war in diesem Moment ziemlich perplex und wusste nicht, was ich machen sollte. Wer rechnet denn mit so einer Reaktion?
Nach besagter Zeit, verstummte er dann und stand auf. Er verließ einfach die Wohnung, ohne Worte. Ich habe ihn nicht aufgehalten. Ich war froh, dass er endlich weg war. Aber es dauerte keine zwei Stunden, bis er meine Eltern und meinen Bruder anrief und sie anflehte, ihm zu helfen, mich zurück zu gewinnen. Natürlich haben sie das ausgeschlagen. Mein Vater sagte ihm sogar, dass er froh ist, dass ich ihn endlich in den Wind geschossen habe und das er uns alle in Ruhe lassen soll.
Danach folgte ein nervlicher Zusammenbruch im Social Media: Er postete auf Facebook und Twitter, dass ich ihn verlassen habe und sein Leben keinen Sinn mehr mache. Nachdem sich unter den Kommentarem nur genervte Freunde Luft oder über ihn lustig machten, löschte er alles.
Einen Tag später fuhr er persönlich bei all meinen Freunden vorbei und bat sie um Unterstützung. Er wolle mich zurück haben, würde alles dafür tun. Alle haben sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Meine beste Freundin hat sogar mit Polizei gedroht: "Sag mal, spinnst du eigentlich!? Klingelst hier bei jedem, redest total wirres Zeug und nervst uns alle. Lass uns doch mal in Ruhe! Keiner will mit dir reden oder dir helfen. Sie hat alles richtig gemacht! Und es wurde auch langsam mal Zeit, dass sie sich von dir befreit! Du bist echt nicht mehr ganz dicht! Komm damit klar und verhalte dich wie ein Erwachsener und nicht wie ein kleines Kind, dass seinen Teddy verloren hat. Kommst du nochmal an, rufe ich die Polizei. Verschwinde!" Ich saß zu dem Zeitpunkt in ihrem Wohnzimmer und versteckte mich hinter dem Sofa.
Aber Schluss war dann noch lange nicht. Er klapperte sogar noch meine Nachbarn ab. Sogar die, die ich gar nicht richtig kannte. Ich habe eine Abmahnung von meinem Vermieter bekommen, weil ich verantwortlich für die Belästigung wäre.
Als er merkte, dass er so nicht weiterkam, fing er an mir aufzulauern. Er folgte mir, wenn ich zur Arbeit fuhr. Er folgte mir, als ich einkaufen ging. Er stand vor meinem Haus. Ich versuchte ihn zu ignorieren, erfolglos.
Er begann sich ins Haus zu schleichen. Wenn jemand aus der Haustür ging, ging er rein. Er setzte sich vor meine Wohnung, klopfte und weinte.
Ich dachte, dass er sowie so irgendwann gehen würde und habe nicht geöffnet. Was sollte ich denn machen? Er musste es doch verstehen. Aber er tat es nicht. Er saß stundenlang auf meiner Fußmatte.
Schlussendlich machte ich auf und sagte immer wieder, er solle gehen und dass das alles nichts bringen würde. Aber dann schubste er mich zur Seite und ging in mein Wohnzimmer. Das passierte viermal. Wenn ich mein Handy ergreifen wollte, war er schneller, nahm es sich und steckte es in seine Hosentasche.
»Ich akzeptiere das nicht. Wir sind ein Team, wir müssen über unsere Probleme reden und eine Lösung finden! So macht man das in einer Beziehung!«, schrie er.
»Beziehung? Ich habe dich vor fünf Wochen verlassen. Wir haben keine Beziehung mehr. Lass mich doch endlich in Ruhe. Ich will mit deinem Leben nichts mehr zutun haben!«
»Unser Leben!«
»Es gibt kein uns mehr!«
Er schnaubte, schmiss mein Handy zu Boden und ging. Aber ich wusste er würde wieder kommen. So wie er es immer bisher tat. Allein zu Hause zu bleiben kam nicht mehr in Frage. Für meine beste Freundin zumindest nicht. Sie wollte nicht, dass es endlos so weitergeht. Also kam sie jeden zweiten Tag vorbei und blieb auch meist bis spät in die Nacht.
Und dann kam der Samstag. DER Samstag.
Wir, meine beste Freundin und ich, saßen zusammen an meinem Küchentisch, als mein Handy klingelte. Ich kannte die Nummer nicht und ging auch nicht ran. Es klingelte wieder und wieder. Nach zehn Minuten machte ich mein Handy aus.
Dann klingelte das meiner Freundin. Sie wurde wütend und ging ran: »Was willst du!? (...) Mein Gott, hör auf zu heulen. (...) Sie aber nicht mit dir! (...) Was denn? (...) Du bist das Allerletzte! Sowas zu behaupten. Du hast ja gar kein Schamgefühl mehr, du spinnst doch!«
Ich deutete ihr an, mir das Telefon zu geben und sie schüttelte den Kopf. Ich schaute dringlicher und sie stöhnte genervt, gab mir aber das Handy.
»Was für eine Nummer ist das?«, fragte ich.
»Eine Prepaidkarte. Du gehst ja nicht mehr ran, wenn du meine Nummer siehst.«
»Um Himmels Willen, du bist doch nicht mehr ganz gescheit.«
»Sag das nicht.«
»Was willst du noch? So geht das nicht weiter. Hör endlich auf mir das Lebens schwer zu machen. Bitte.«
»Ich muss dir was sagen.«
»Was?«
»Ich muss dich sehen.«
»Das kannst du vergessen.«
»Bitte.«
»Nein.«
»Ich bin krank.«
»Ich weiß.«
»Nein, richtig krank.«
»Aha.«
Kurze Stille.
»Ich habe Aids.«
Ich schluckte. »Wie bitte?«
»Ja und du kannst es auch haben. Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen!«
»Ah ja und von wem hast du es?«
»Von so einem Mädchen.«
»Ist klar.«, sagte ich und rieb mir die Schläfe.
»Wieso glaubst du mir nicht!?«
»Du bist 24/7 damit beschäftigt mich zu stalken und mir aufzulauern. Du bist so auf mich fixiert, dass dir niemals der Gedanke käme, dich mit jemand anderen zu treffen oder gar mit ihm zu schlafen. Du bist ein verzweifelter, kranker Mensch. Lass dir endlich helfen! Und lass mich bitte endlich in Ruhe!«
»Leg nicht auf!«
»Doch!«
»Ich werde mich umbringen! Und du wirst Schuld sein!«
Dann legte ich auf und sah meine Freundin an. Sie schäumte vor Wut. Alles in mir fühlte sich taub an. Natürlich log er. Das war offensichtlich. Aber dennoch war da ein kleiner Teil von mir, der dachte, dieses Schwein habe mich mit einer tödlichen Krankheit angesteckt.
Meine Freundin ging ganz automatisch zum Fenster und wieder klingelte ihr Handy. Tobend stürzte sie sich auf das kleine Ding und schrie ins Telefon: »VERSCHWINDE! ICH WERDE JETZT DIE POLIZEI RUFEN!«
Dann ging sie zum Fenster und sagte irgendwas, was ich nicht verstand. Nach ein paar Minuten kam sie wieder.
»Sitzt er schon wieder draußen?«, fragte ich und seufzte.
»Ja.«
»Was hat er noch gesagt?«
»Nichts.«
»Bitte.«
»Er hat eine Packung Paracetamol dabei und die will er komplett nehmen. Er futtert die Dinger gerade wie Smarties.«
»Was!?«
»Hey, komm runter. Traust du ihm das zu? Ich glaube, er erzählt wieder irgendwas in der Hoffnung, dass er so hier rein kommt.«
Ich seufzte. »Du hast Recht. Wann hört das auf?«
»Entweder wenn er wirklich eine Packung Paracetamol nimmt oder man ihn wegsperrt. Der ist doch irre.«
Ich ging nicht auf ihre Bemerkung ein. »Ich wusste, dass es schlimm für ihn wird. Aber das? Wer hätte damit gerechnet?«
»Keiner.«, sagte sie und ging wieder zum Fenster im Wohnzimmer. »Ey, er ist weg!«
»Ehrlich!? Ich rannte ins Wohnzimmer, zum Fenster und er war tatsächlich nicht mehr zu sehen. Ich fühlte mich kurz befreit und viel wohler. Aber dann klopfte es an der Wohnungstür. In diesem Moment explodierte meine Freundin erneut (sie hat viel Temperament), rannte in den Flur, riss die Tür auf, brüllte, dass er verschwinden solle und knallte die Wohnungstür so sehr zu, dass die Wände zitterten.
»Wir rufen jetzt die Polizei! Bleib da stehen und geh bloß nicht zur Tür. Er steht da und macht einen auf Zitteraal.
»Er zittert?« In mir machte sich ein ungutes Gefühl breit. »Was ist, wenn er wirklich Tabletten genommen hat?«
»Was!?«
Ich rannte zu Tür und riss sie auf. Er lag auf dem Boden, war weiß wie Kreide und sein Mund schäumte.
»Ruf einen Krankenwagen!«, schrie ich.
»Ach, der tut nur so!«
»Nein, tut er nicht!«
Ich schnappte mir das Telefon und rief den Notruf. Ein paar Minuten später kamen Sanitäter und Polizei. Die Nachbarn standen im Hausflur, ich saß in der Küche und wurde von einem Polizisten befragt. Ein Zweiter befragte meine beste Freundin. Und mein Ex wurde von den Sanitätern im Flur behandelt.
Der Polizist legte mir nah eine Anzeige zu erstatten. Und ich, so naiv ich war, lehnte ab. Ich versicherte ihm, dass er nicht gefährlich sei. Er sei psychisch nur labil, brauche professionelle Hilfe. Der Polizist sagte mir trotzdem, ich solle sofort anrufen, wenn er mir nochmal auflauern sollte. Man würde alles vorbereiten. Ich nickte und sie gingen alle.
Danach brach ich zusammen. Ich weinte und weinte. Nicht, weil ich mir Sorgen machte. Es war alles zu viel. Seit diesem Tag finde ich keinen Schlaf mehr.
Eine Woche später fuhr ich mit dem Rad zur Arbeit und erschrak, weil ich mir einbildete, er würde hinter einem Baum stehen. Ich fiel so unglücklich, dass ich mir zwei Rippen und meinen Arm brach. Außerdem hatte ich ein Schleudertrauma. Durch den Schock und den Schreck merkte ich das nicht sofort. Ich wollte einfach schnell weg. Ich hatte angst, er stehe wirklich hinter mir und radelte schnell zur Arbeit. Dort angekommen merkte ich jedoch, dass was nicht stimmte und fiel einfach um. Ein Krankenwagen brachte mich ins Krankenhaus und in der Notaufnahme sah ich ihn im Wartebereich sitzen, als die Tür aufschwank. Ich hatte panische Angst. Ich hatte das Gefühl, dass er überall war.
Gerade als ich die Schwester bitten wollte, ihn wegzuschicken oder die Polizei zu rufen, kam eine andere und hatte ihn im Schlepptau. Er behauptete mein Verlobter zu sein. Sie ließen uns alleine und ich schluckte nur.
»Wie geht es dir?«, fragte er besorgt.
»Was willst du hier?«
»Ich habe den Krankenwagen gesehen.«
»Du standest hinter dem Baum, oder?«
Er schwieg.
»Standest du da!?«
»Ja.«
»Und du hast mir nicht geholfen.«
»Hättest du dir von mir helfen lassen?«
»Nein.«
Er kniff die Lippen zusammen.
»Und du bist mir zur Arbeit gefolgt?«, fragte ich.
»Ja.«
Ich atmete tief ein und aus. Ich wollte keine Szene machen. Ich dachte, ich kann das bewerkstelligen. Ich bin kein Fall für "Mitten im Leben". Das ist alles nur ein Alptraum.
Der Arzt kam, verpasste mir einen Gips für meinen Arm und eine Halskrause. Die Rippen würden so wieder zusammenwachsen, sie seien nur angeknackst. Danach bestand mein Ex darauf mich nach Hause zu bringen. Ich wollte das nicht. Ich sagte immer wieder nein.
Als die Schwestern komisch guckten sagte er: »Ach Schatz, nun hab dich nicht so. Es ist nicht schlimm, wenn ich später wieder zur Arbeit zurück fahre. Mach dir keine Sorgen.«
Als er das so sagte, nahm er mich in den Arm und krallte seine Hände in meinen Rücken. Ich war starr vor Angst, ich konnte nichts sagen.
Er fuhr mich nachhause und half mir auf mein Sofa. Ich konnte mich nicht wehren. Wie denn auch mit meinen Verletzungen? Mein Handy war in meiner Tasche und die trug er. Ich sagte, ich wolle schlafen. Er sagte, er würde gehen und ließ mich in Ruhe. Das kam mir komisch vor, aber ich dachte mir nichts dabei. Ich war von den Schmerzmitteln zu benebelt.
Ich wartete bis er in den Flur ging und ich die Wohnungstür zufallen hörte. Dann schloss ich die Augen und schlief sofort ein.
Als ich die Augen wieder öffnete, saß er plötzlich auf meinem Sofa. Vor ihm lag mein zerschmettertes Handy. Ich schrie vor Schreck.
Was denkt man in so einem Moment? Wie ist er in die Wohnung gekommen? Was macht er da? Hilfe! Aber das alles rattert man in Gedanken so schnell runter, dass es einem so vor kommt, als würde man gar nicht denken.
»Du hast mich betrogen.«, sagte er in stiller Wut.
»Wie bist du hier rein gekommen?«
»Du bist so ein mieses Stück.«
»Was hast du mit meinem Handy gemacht!?«
»Wer ist er!?«, schrie er plötzlich. In dem Moment wurde mir bewusst, dass er meine Chatverläufe gelesen hat. Ich schrieb mit einem alten Schulfreund aus der Realschule. Wir redeten darüber, was aus uns geworden war und was die letzten Jahre so passierte. Mein Ex war eifersüchtig. Das konnte er gut.
»HILFE!«, schrie ich.
Er flippte aus, tobte in meiner Wohnung. Ich schrie um Hilfe, kreischte regelrecht.
Dann hörte ich Sirenen und die Polizei kam. Sie traten die Tür auf und nahmen ihn fest. Ich wusste nicht mehr was geschah, es ging so schnell. Ich war erleichtert und gleichzeitig unglaublich verängstigt.
Ich erstattete Anzeige und erhob Anklage, obwohl ich gar nichts tat. Meine Eltern und meine beste Freundin sorgten dafür.
Mir wurde gesagt, dass er in eine psychiatrische Anstalt gebracht worden sei. Man würde ermitteln, aber es sehe schlecht aus. Sein Anwalt plädiere auf Unzurechnungsfähigkeit und seine Chancen standen unheimlich gut.
Das Verfahren zog sich. Aber es wurde schnell klar, dass ich verlor. Der Richter entschied, dass er tatsächlich unzurechnungsfähig war und er wurde eingewiesen.
Diese Enttäuschung, diese Ungerechtigkeit. Er bekam keine Strafe. Aber Hilfe. Vielleicht ein kleiner Trost. Aber es hörte trotzdem nicht auf. Ich bekam Briefe. So viele Briefe. Ich warf sie alle in den Müll. Es nahm kein Ende, auch wenn er mir nicht mehr auflauerte.

Und nun sitze ich hier im Dunkel meiner Wohnung und starre aus dem Fenster. Er ist keine Fata Morgana. Er ist wirklich hier. Schon wieder.
Ich bin durch einen Alptraum hochgeschreckt, wie sooft. Jedesmal, wenn das passiert, schaue ich automatisch aus dem Fenster. Es ist die Gewohnheit. Ich dachte, ich träume noch, als ich ihn dort stehen sah.
Aber ich bin wirklich wach. Ich bin unfähig etwas zu tun. Ich habe das Gefühl, dass es sowie so nichts bringt. Kein Polizist, kein Gericht kann ihn aufhalten. Also lasse ich ihn hier hoch starren. Und ich starre zurück und frage mich gleichzeitig, wie er aus der Psychiatrie gekommen ist. Ist er ausgebrochen?
Ich lege mich wieder ins Bett und schaue die Decke an bis es hell wird. Gerädert stehe ich auf und sehe, dass er nicht mehr da ist. Vielleicht habe ich auch nur geträumt. Ich hoffe es.
Ich habe mich damit abgefunden verrückt und vom Verfolgungswahn geplagt zu werden. Ich habe aufgehört dagegen zu kämpfen. Vielleicht hört das alles von allein auch wieder auf.
Mein Arbeitstag vergeht so stupide wie sonst auch, aber durch die Jahresabrechnung muss ich ziemlich lange arbeiten. Ich bin erst gegen neun zu Hause.
Ich hoffe heute schlafen zu können. Der Tag war hart und ich bin ohnehin schon übermüdet. Vielleicht schaffe ich es heute.
Als ich meine Wohnung aufschließe und hinein gehen will, werde ich plötzlich geschubst und falle hin. Die Tür fällt zu.
Ich schaue auf und da steht er vor mir. Ich kann es nicht fassen, bin starr vor Schock.
»Wie kann ich dir so egal sein?«, fragt er leise. Ich kann nur seinen Schatten sehen. Das Licht ist aus und ich sehe nur seine Kontur. Ein großer, breiter Mann steht vor mir. Aber ich weiß, dass er es ist. Ich habe angst und weiß nicht was ich machen soll. Ich schaue mich um, kann aber im dunkeln nichts erkennen. Ich springe auf und mache das Licht an.
Und da steht er mit angeschwollenen, roten Augen. Sein Blick ist starr und leer. Er trägt ein beiges T-Shirt und eine verwaschene Jeans. Seine Haare sind lang geworden und sind ziemlich struppig.
»Was machst du hier?«, frage ich. Ich atme schwer, meine Augen sind aufgerissen.
»Was glaubst du denn?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wie konntest du das alles nur so weit kommen lassen?«
»Ich? Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen?«
»Mit mir an unserer Beziehung arbeiten! Du hast alles kaputt gemacht!«, schreit er plötzlich und rennt in die Küche. Er schnappt sich ein ein Messer aus einer Schublade und sieht mich an.
»Was tust du da?«, frage ich panisch.
»Wir sind perfekt zusammen, du und ich. Lass es nicht so enden.«
»Leg das Messer weg.«, sage ich und hebe die Hände.
»Ich war immer für dich da. So einen wie mich wirst du nie wieder finden.«, murmelt er vor sich hin. »Das ist das Ziel! Himmel Herr Gott, lass mich doch endlich in Frieden!«
»ICH LIEBE DICH!«, brüllt er.
»Warum machst du mir das Leben dann so zur Hölle? Wieso terrorisierst du mich so? Ich ertrage das nicht mehr! Verschwinde! Verschwinde und komm nie wieder! Bitte geh! Geh endlich!«, schreie ich.
»Ich soll gehen? Gut, ich gehe für immer! Und du wirst Schuld daran sein!«, sagt er wirr und fasst das Messer mit beiden Händen und fängt an die Messerspitze in seinen Bauch zu drücken.
Dann geht alles ganz schnell: Ich springe auf ihn zu, trete ihn, so fest ich kann in die Hüfte und er fällt zu Boden. Ich hechte hinter ihm vorbei und schnappe mir das Messer.
»RAUS HIER!«, brülle ich und fuchtle mit dem Messer wie wild.
Er sieht mich an, leer und stumm. Seine Arme hängen schlaff herunter und seine Augen füllen sich mit Tränen.
»Was ist nur aus dir geworden?«, fragt er leise.
»Aus mir!? Das was du aus mir gemacht hast!«, schreie ich.
Er schüttelt den Kopf und geht Richtung Tür. Plötzlich ist er ein anderer. Er ist wie ausgewechselt. Im gehen sagt er über seine Schulter: »Man kann die Leute zu ihrem Glück nicht zwingen. Ich habe alles versucht. Ich kann nicht mehr kämpfen. Es ist vorbei.«
»ES IST SCHON SEIT SCHEIß SIEBEN MONATEN VORBEI!«, brülle ich ihm nach.
Ich höre die Tür ins Schloss fallen, bleibe aber trotzdem mit dem Messer in meinen Händen in der Küche stehen. Er könnte mich auch täuschen und sich hinter der Wand verstecken. So wie letztes Mal. Langsam schleiche ich in den Flur, aber er ist leer. Ich prüfe auch alle anderen Räume, aber keiner, außer mir, ist da. Ich lasse das Messer sinken und rufe meine beste Freundin an.
Sie kommt sofort und mit ihr die Polizei.

Zwei Tage später erfuhr ich, dass man ihn aus der Psychiatrie entlassen hat. Wegen guter Führung. Pff. Er habe gesagt, seine Briefe hätten meine Meinung zu allem geändert. Er fälschte Post, die angeblich von mir stammte, und zeigte diese seiner Psychiaterin. So einfach war das.
Mich hat man nie kontaktiert, nie gefragt, ob das alles stimmte. Alles eine Lüge und ihm wurde geglaubt.
Die Polizei fand ihn und nahm ihn fest. Ein erneutes Gerichtsverfahren fand statt. Es stand Aussage gegen Aussage. Ich schilderte die ganze Situation: Wie er mich in meine Wohnung schubste und sich mit dem Messer umbringen wollte, wie ich es ihm abnahm und aus meiner Wohnung warf.
Er erzählte, dass er nur mit mir reden und das Missverständnis klären wollte. Ich hätte ihn dann mit dem Messer bedroht und wollte ihn angreifen.
Ohne Zeugen, keine wirkliche Gerechtigkeit. Im Zweifel wird halt immer zu Gunsten des Angeklagten entschieden. Ich erhoffte mir eine hohe Strafe, aber die bekam er nicht.
Aber durch die ganzen Vorfälle der letzten Monate und die gefälschten Briefe wurde entschieden, dass er sich mir wenigstens nicht mehr nähern darf. Außerdem hat er drei Jahre auf Bewährung bekommen. Kann man das einen Trost nennen?
Meine beste Freundin sagte, sie hoffe, dass er nochmal kommt und gegen die Auflagen verstößt. Dann würde er ins Gefängnis kommen. Ich hoffe einfach, dass ich ihn nie wieder sehen muss.
Es sind einige Monate vergangen. Ich bin umgezogen und habe meinen Job gewechselt. Ich wollte mit all dem abschließen. Zu viel war passiert. Ich hoffte auf einen Neuanfang.
Aber meine Alpträume plagen mich nach wie vor. Es sind nach wie vor dieselben. Einmal die Woche spreche ich mit einer Therapeutin darüber. Sie ist ganz nett. Vielleicht kann sie mir helfen, dass alles irgendwann zu vergessen.

Mein Vater sagte mal, lieber ein Schrecken mit Ende, als ein Schrecken ohne Ende. Mmh. Ich hatte irgendwie beides.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Freitag, 12. Mai 2017

Was wäre wenn?

Und ich weiß es ist alles gut so wie es ist.
Doch frage ich mich, was wäre, wenn wir eher
gesehen hätten, wie es hätte sein können?
Wären wir diesen Weg dann gegangen? Gemeinsam?
Hätten wir uns eher in die Augen gesehen und erkannt,
dass es möglich gewesen wäre...
Wäre es das denn? Möglich gewesen?
Ich frage mich ständig "Was wäre, wenn..." und
theoretisiere über verschiedene Möglichkeiten und Gelegenheiten.
Frage mich selbst, wie dieses Leben in einem weit entfernten und
gleichzeitig zum Greifen nahen Paralleluniversum aussehen mag.
Aber ist es das? Zum Greifen nah?
Oder will ich nur das was ich nicht haben kann, aber hätte haben können?
Ich frage mich, ob ich glücklicher sein könnte, als ich es jetzt schon bin.
Ich frage mich, ob es richtig wäre und ob es gut wäre. Ob wir gut wären.
Wäre es das? Gut?
Ich frage mich, ob es nicht eigentlich so sein sollte.
Nur du und ich und der Sonnenuntergang.
Wäre da einer? Ein feuerroter Sonnenuntergang?
Oder wären da nur graue Wolken,
hinter der sich die Sonne verstecken würde?
Da ist unser Verlangen nacheinander. Ich frage mich, ob
es mehr ist als bloße Gier nach dem Körper.
Gieren wir auch nach dem Geist?
Willst du meinen und ich deinen?
Hätten wir es probiert, so würden wir es wissen.
Was wäre, wenn wir es getan hätten?
Wären wir dann schlauer?
Wäre es dann anders?
Was wäre, wenn es jetzt anders wäre?

Was wäre, wenn wir uns verliebt hätten?

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Freitag, 5. Mai 2017

14 Tage mit Dir ... hier und die Zukunft mit Dir woanders


Es ist lachhaft. Ein schlechter Scherz vom Universum. Meine Eltern glauben, dass ich mich auf eine unerklärliche Weise angesteckt haben muss (was für ein unbeschreiblicher Unsinn). Sie versuchen es zu verstehen, also suchen sie nach einer Erklärung. So abwegig sie sein mag. Ich glaube es ist Schicksal. Ich glaube, es war so vorher bestimmt. Alles.
Es ist jetzt gute zwei Jahre her. Ich liege im Nebenzimmer. Eine dünne Rigipswand trennt mein Bett von dem, in dem er gestorben ist. Es war das einzige Zimmer, dass frei war.
Es fing genau sechs Monate nach seinem Tod an. Auf den Tag genau. Das lässt mich nur noch mehr glauben, dass es so sein sollte. Ich war ständig müde, hatte keinen Appetit mehr, war blass und abgeschlagen. Dann kamen die Erkältungen, Grippe, Bronchitis, Lungenentzündungen. Ich war ständig krank, wurde gar nicht mehr richtig gesund. Es dauerte ein paar Monate bis die Ärzte drauf kamen. Hanna hat sich darüber furchtbar aufgeregt (wir haben noch Kontakt und chatten ab und zu oder telefonieren). Schließlich dachte man erst, ich sei einfach anfällig und habe ein geschwächtes Immunsystem. Aber was wars? AL (= Akute Leukämie. Da gehts besonders schnell).
Meine Trauer hätte mich krank gemacht, sagte meine Mutter damals besorgt. Das habe ich ihr erst geglaubt, aber jetzt nicht mehr. Ich glaube, es sollte so sein. Schicksal halt.
Meine Leukämie ist ziemlich aggressiv. Wie ein tollwütiges Biest. Auch, wenn ich noch nicht lange davon weiß, zerfrisst sie mich wie eine gefräßige Raupe und bald ist von mir nichts mehr übrig. Selbst jetzt ist schon nicht mehr viel von mir da. Ich bin das löchrige Blatt am kranken Baum, der sich mein Leben nennt.
Ich schlafe ziemlich viel. Und ich liebe es. Keine Schmerzen, ich muss meine Eltern nicht dabei beobachten, wie sie mir beim abnippeln zusehen, ich muss mir Monis Witze nicht anhören und in meinen Träumen sehe ich ihn wieder. Jonas. Die Träume beginnen immer gleich: er wartet im Sonnenschein am Seeufer auf mich. Und er hat Haare, sogar Augenbrauen! Wunderschöne, weiche, braune Haare. Und dann sitzen wir am Wasser, essen Eis und reden. Manchmal kuscheln wir auch oder küssen uns, was wir in Wirklichkeit nie geschafft haben. Traurig oder? Da traf ich meine große Liebe und habe sie nicht einmal geküsst. Wie gerne hätte ich seine Lippen gespürt. Aber das ist jetzt okay, ich sehe ihn in meinen Träumen und bald, wenn all das zu Ende ist. Wenn ich daran denke, muss ich lächeln. Das Bauchkribbeln ist so wunderschön. Ich liebe es. Ich liebe ihn.
Daran hat sich die letzten zwei Jahre nie etwas geändert. Und das wird es auch nicht mehr. Ich liebe ihn hier und ich liebe ihn jetzt. Und ich werde ihn auch in Zukunft irgendwo anders lieben. Ich werde ihn wiedersehen, das weiß ich. Nicht in diesem Universum, aber in jedem anderen. Ich werde mich nicht daran erinnern ihn gekannt zu haben, ihn geküsst oder geliebt zu haben. Aber all das ist unwichtig, denn wir werden all das nochmal erleben. Nur in einer anderen Variante. In einer, in der wir beide gesund sind. In der wir leben, gemeinsam.
Wenn ich wach bin, ist immer jemand da. Meine Eltern, meine Großeltern oder ein paar Freunde. Und alle haben sie eins gemeinsam: das gebrochene Herz. Es macht mich wahnsinnig. Aber ich bin zu müde, um mich darüber aufzuregen. Immer, wenn ich meine Augen aufmache, sehe ich ein anderes Gesicht. Ich wäre gerne mal allein und hätte Zeit zum Nachdenken, wenn ich mal klar bin. Aber alle denken, es ist besser, wenn jemand da ist. Ich soll diesen letzten Weg nicht allein gehen. Dabei wäre es so viel einfacher für mich. Aber um mich geht es hier jetzt nicht mehr, sondern um sie. Jonas sagte damals, sie müssen mit seinem Tod klar kommen. Nicht er. Da hatte er Recht.
Es tut mir weh, sie so zu sehen. So verletzt und so traurig. Ich weiß, dass sie mich lieben. Sie wollen mich nicht verlieren. Ich will ihnen das auch nicht antun und trotzdem tue ich es. Ich habe angst, dass sie damit nicht zurecht kommen. Ich habe angst, dass Trauer einen wirklich krank machen kann. Ich habe angst, dass sie mich vielleicht doch krank machte. Und ich will nicht, dass jemand anderes dasselbe Schicksal wie ich erleiden muss. Ich will, dass sie leben. Ich will, dass sie glücklich sind. Ich will, dass sie darüber hinweg kommen.
Ich lasse hier alle zurück, weil ich gehen muss. Ich habe keine Wahl. Ich frage mich manchmal, ob ich mich anders entscheiden würde, wenn ich eine Wahl gehabt hätte. Ich meine, würde ich freiwillig in einer Welt ohne ihn leben wollen? Ich will es jetzt schon nicht, da würde ich es sonst auch nicht wollen. Davon bin ich überzeugt. Man sagt ja: "Das Leben geht weiter." Aber nicht für mich. Ich bin die Ausnahme. Aber bestätigen diese nicht die Regel? Dieses Sprichwort habe ich noch nie verstanden...
Ich merke, wie mich meine Kräfte immer mehr verlassen. Ich spüre es jede Minute und jede Sekunde, wenn der Zeiger der Uhr leise tickt.
»Liebes?«, höre ich eine raue Frauenstimme sagen. Im Hintergrund höre leises Wimmern. Jemand weint.
»Mmh?«, bringe ich nur hervor. Ich kann meine Augen nicht öffnen. Es geht irgendwie nicht.
»Es ist okay.«, sagt die Stimme. Ich spüre, wie mir jemand über den Kopf streichelt.
»Wirklich?«, frage ich stumm.
»Du kannst gehen.«, sagt sie wieder.
»Ich will euch nicht verletzen.«, sage ich wieder stumm.
»Es ist wirklich okay. Quäl dich nicht weiter.«
»Okay, danke.«, denke ich und atme einmal tief ein. Und dann passiert etwas, was man als außerkörpliche Erfahrung beschreibt. Ich sehe mich selbst, wie ich im Bett liege. Moni sitzt an meiner Bettkante und hält meine Hand. Ich bin an Schläuchen angeschlossen, die irgendwelche Werte anzeigen. Die Linie ist ziemlich flach.
Meine Eltern stehen auf der anderen Seite des Bettes und halten meine andere Hand. Dann sind da noch meine Großeltern und meine zwei besten Freundinnen. Alle haben sie dicke Augen vom Weinen. In einer hinteren Ecke stehen noch ein Mann und zwei Frauen. Hanna und ihre Eltern. Irgendwie bin ich gerührt und gleichzeitig weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Es betrübt mich. Aber das ist jetzt eh egal. Alle sind da. Ein letztes Mal.
Das ich keine Angst habe macht mir Angst. Ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Ist das normal? Sollte das nicht eigentlich ein Instinkt sein?
Ich schließe die Augen und schlafe wieder ein. Selbst bei einer außerkörperlichen Erfahrung bringt mich nichts um meinen geliebten Schlaf.
Wieder wartet Jonas auf mich. Aber diesmal ist etwas anders. Ich habe Koffer neben mir stehen. Verwundert sehe ich sie mir an und dann zu Jonas. Er kommt auf mich zu und küsst mir auf die Stirn (er ist übrigens etwas größer als ich).
Dann wird es mir klar: »Ist es soweit?«
Jonas nickt und nimmt einen Koffer in die eine und meine Hand in seine andere Hand. Ich nehme den anderen Koffer. Ich schlucke einmal und wir gehen einfach los.
»Dann wollen wir mal. Auf in ein neues Leben!«, sage ich entschlossen und gehe mit Jonas ins Unbekannte.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Montag, 1. Mai 2017

14 Tage mit Dir - Tag 14 (Part 7)

HIER geht es zu Part 6 :)

Er schläft. Er tut nichts anderes mehr. Er ist gar nicht mehr wach. Es ist so, als sei er schon fort, nur seine Hülle ist noch hier und hält uns hin. Vielleicht ist das ein Ablenkungsmanöver und er ist schon längst über alle Berge. Eine Attrappe, die uns nur noch an der Nase herum führt.
Er ist gar nicht mehr hier, sondern schon woanders. Am Bahnhof vielleicht oder am Flughafen. Er wartet nur noch auf die Abfahrt, das Ticket fest umklammert.
Eigentlich sitzen wir nur hier und warten bis es los geht, damit wir mit unseren Taschentüchern winken können. Keiner redet. Diese Ruhe fühlt sich wie diese beklemmende Stille im Wartezimmer an, wenn man jeden Moment damit rechnet, von einer Arzthelferin aufgerufen zu werden. Einerseits macht es mich wahnsinnig, nur das Ticken der Uhr zu hören und anderseits empfinde ich es als äußerst angenehm nur das und das Rauschen in meinen Ohren zu hören, während das Blut in meinem Kopf seine Bahnen zieht.
Er ist nicht allein. Gar nicht mehr. Seine Eltern sind rund um die Uhr bei ihm. Es stehen sogar zwei spärliche Feldbetten an der Wand. Sie haben darauf bestanden, auch wenn sie die Dinger nicht benutzen. An Schlaf ist sowie so nicht zu denken. Sie haben mir erlaubt zu bleiben, bei ihm zu sein. Ich sei ihm zu sehr ans Herz gewachsen, als das man mich von ihm nun fernhalten könne. Ich hätte es auch nicht ertragen.
Abgesehen von seinen Eltern und mir, ist heute noch eine andere Person mit im Raum. Ein Mädchen. Gertenschlank, braune, lange Haare und etwas größer als ich es bin. Ihre Augen sind leer und starren Jonas immerzu nur an. Ich habe sie bisher kein einziges Mal sprechen gehört. Aber wir reden ja auch nicht. Aber sie, sie ist einfach nur da und sieht ihn an. Zuerst war ich schockiert, weil ich dachte, sie könne eine heimliche Freundin sein. Eine heimliche Liebe von der mir bisher niemand was erzählt hat. Ich stand wie eine Statue im Türrahmen, als ich sie vorhin gesehen habe. Doch Jonas' Mutter stellte sie mir direkt, als seine große Schwester vor, die zum ersten Mal heute hier sei. Sie kommt mit der Situation nicht zurecht und war deswegen noch nie hier, flüsterte mir seine Mutter zu. Jonas hat sie auch nie erwähnt und ich frage mich wieso. Vielleicht war er sauer und fühlte sich im Stich gelassen? Für mich die einzige, logische Erklärung.
Die Minuten vergehen nur langsam. Aber wie soll es auch sonst sein, wenn man nur da sitzt und wartet?
Moni kommt gelegentlich ins Zimmer und schaut nach dem Rechten. Sie checkt die Geräte, schaut uns einen nach dem anderen an und legt mir jedes Mal die Hand auf die Schulter, wenn sie wieder rausgeht.
»Soll ich euch was zu Essen oder Trinken bringen?«, fragt sie wieder, wie jedes Mal wenn sie im Raum ist. Bisher bekam sie von niemanden eine Antwort oder gar eine Reaktion, weil alle zu sehr ins Warten vertieft sind, aber diesmal steht Jonas' Schwester auf und geht raus. Ich sehe ihr lange hinterher und dann merke ich, dass Moni mich anstarrt.
»Was?«, frage ich genervt.
Moni deutet mit dem Kopf zur Tür und zieht die Augenbrauen hoch. Widerwillig stehe ich auf und gehe hinaus. Ich will Jonas nicht alleine lassen, wehmütig sehe ich über meine Schulter.
»Er wird gleich noch da sein. Geh.«, flüstert Moni. Was will sie von mir?
Ich gehe hinaus in den Flur und sie folgt mir. Hinter sich schließt sie die Tür.
Ich drehe mich um und sie sagt: »Rede mal mit ihr. Ich glaube, das könnte sie jetzt gebrauchen.«
»Und worüber? Ich kenne sie doch gar nicht.«, sage ich. Ich bin patzig und ich weiß nicht mal wieso.
»Paula.«
»Tut mir leid. Ich, ich-«, aber ich weiß nicht was ich sagen soll. Moni schüttelt nur den Kopf und nimmt mich in den Arm.
»Ist schon in Ordnung. Ich weiß, wie du dich fühlen musst. Es tut mir leid. Alles. Keiner hätte gedacht, dass ein simples Schülerpraktikum so verlaufen könnte. Ich wünschte, du hättest es so leicht oder gar normal gehabt, wie deine Mitschüler. Normalerweise gewöhnt man sich daran, den Familien dabei zu zusehen, wie sie Abschied nehmen. So hart es klingen mag. Aber bei euch, bei dir, fällt es mir unglaublich schwer so gefasst zu bleiben, wie es von mir verlangt wird.«
»Ich bereue es nicht eine Sekunde die letzten zwei Wochen hier verbracht zu haben. Das war bisher die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.«
Moni seufzt und lässt mich los. »Jonas' Schwester, Hanna, studiert in einer anderen Stadt. Ihr Traum war es immer Ärztin zu werden und ihre Eltern haben alles dafür getan, dass sie ihren Traum erfüllen kann. Sie bekam nicht die Möglichkeit hier zu studieren, aber gehen wollte sie auch nicht, weil sie Jonas nicht im Stich lassen wollte. Aber das wollte er wiederum nicht. Er sagte damals wohl, dass das Leben zu kurz und zu kostbar sei, um die Zeit nicht jede Minute auszukosten. Das war damals sehr erwachsen für sein Alter. Aber sie wollte partout nicht gehen. Er sprach mit seinen Eltern und auf seinen Wunsch beschlossen sie, ihr nach einer guten Phase, zu sagen, dass es Jonas besser gehen würde, dass er eine Chance habe und sie sich keine Sorgen machen müsse. Sie könne gehen. Und so ging sie studieren.«
»Sie haben sie angelogen?«
»Ja. Aber Jonas tat es für sie. Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Sie haben telefoniert, gechattet und ab und zu über das Internet telefoniert, mit Video. Ich weiß nicht wie das heißt.«
»Skype.«
»Ja, genau. Jonas hat alles dafür getan, um den Schein aufrecht zu erhalten. Aber jetzt wo es nun langsam so weit ist, haben seine Eltern sie natürlich angerufen.«
»Sie wusste nicht, dass er hier ist?«
»Nein.«
Geschockt sehe ich Moni an.
»Deswegen spricht sie auch mit niemanden. Schock, Wut, Trauer. All das macht sich gerade in Hanna breit. Mit ihren Eltern wird sie erstmal nicht sprechen. Aber vielleicht mit dir. Sie muss mit jemanden reden und du musst das auch.«, sagt Moni und versucht zu lächeln. Klappt nicht so ganz.
Ich seufze, aber diesmal vor Erschütterung. Ich drehe mich um und meine Beine machen den Rest. Ich kann nicht denken, ich weiß nicht woran. Ich gehe die Treppe hinunter in die Eingangshalle und schaue mich um. Dann gehe ich in Richtung Speisesaal und durch die Fenster sehe ich Hanna auf einer Bank sitzen. Ich weiß nicht, wie lange ich hier stehe und sie einfach nur ansehe. Aber sie erwidert meinen Blick und ich erschrecke mich. Ich schlucke einmal und gehe zu ihr hinaus. Sie sieht mich unverwandt an, sagt aber kein Wort als ich mich neben sie setze.
»Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich bin wütend, enttäuscht, traurig und das Schlimmste: etwas erleichtert.«, sagt Hanna plötzlich. Ihre Stimme ist höher, als ich erwartet habe. Sie ist etwas heiser, aber das kommt wohl daher, dass sie den ganzen Tag noch nichts gesagt hat.
Ich schaue sie an: »Erleichtert?«
»Schrecklich oder?«, sagt Hanna und eine Träne läuft über ihre Wange.
»Dein Bruder stirbt.«
»Ich weiß.«, sagt sie und sieht mich an. »Er stirbt schon sein Leben lang.«
Sie sieht zur Seite und in die Leere. »Ich wollte immer für ihn da sein. Deswegen wollte ich Ärztin werden. Ich wollte ihm helfen, ich wollte ihn heilen. Ich hatte Hoffnung. Aber es ging nicht beides. Ich konnte nicht bei ihm und gleichzeitig in der Uni sein. (...) Er hat mich angelogen. Meine Eltern haben mich angelogen. Ich kann ihn verstehen, aber sie haben mir nichts gesagt. Gar nichts. Und ich bin doch seine Schwester. Und das zählte nicht. Erst vor ein paar Tagen, als der Anruf kam. "Hanna, Jonas stirbt", haben sie nur gesagt. All die Mühe umsonst. Das ich nicht bei ihm war, umsonst. Ich kann seinen Krebs nicht mehr heilen.«, sagt Hanna und fängt bitterlich an zu weinen.
»Seinen vielleicht nicht. Wenn du mindestens einen anderen Menschen eines Tages das Leben retten kannst, war es all das schon wert.«, sage ich und wieder läuft eine Träne auch über meine Wange. Sie sieht mich an und nimmt meine Hand.
»Ziemliche Scheiße das alles.«, sagt sie.
»Ja.«
Der Himmel ist grau, es regnet gleich bestimmt. Der Wind weht und die Bäume rascheln. Es ist friedlich, die Vögel zwitschern. Ich schließe die Augen und halte die Luft an.  Plötzlich knallt die Tür zum Speisesaal auf und Anni steht im Rahmen. Sie starrt uns völlig außer Atem an.
»Jonas!«, krächzt sie und Hanna und ich springen sofort auf. Ich renne so schnell ich kann und bewege mich doch nur in Zeitlupe. Als ich nach Stunden (so fühlt es sich an) in Jonas' Zimmer ankomme, stehen alle und weinen. Nein, bitte nicht. Bitte nicht. Wo sind Wunder, wenn man sie braucht!?
Moni steht neben seinem Bett und checkt die Geräte. Jonas' Eltern stehen auf der anderen Seite. Seine Mutter hält seine Hand und sein Vater streichelt seinen Kopf. Sein Atem wird immer flacher und setzt manchmal aus und plötzlich ist es vorbei. 
So einfach.
Ich falle in ein tiefes Loch, alles ist schwarz. Ich höre ein Piepen und bin mir nicht sicher, ob ich einen Tinnitus habe oder ob es die Nulllinie auf dem Monitor neben seinem Bett ist. Und dann ist das nicht mehr Jonas der dort liegt. Er sieht nicht aus wie er. Nicht mehr.
Mein Mund steht offen, ich kann nicht atmen. Ich kann nur da stehen. Moni sagt irgendwas von einem Zeitpunkt des Todes und sagt das Wort Beileid. Dann geht sie an allen vorbei und steht direkt vor mir. Dann finde ich wieder zur Besinnung und fange an auf sie einzuschlagen.

»Du hast gesagt, er ist gleich noch da! Du hast mich rausgeschickt! Du hast gesagt, er ist gleich noch da!«, schreie ich und haue auf ihre Schultern. Sie sagt nichts, hält mich nur fest. Ich höre auf mich zu winden und weine. Ich weine laut, bitterlich. Ich kann mich nicht beherrschen. Es ist vorbei. Alles. Mein Praktikum, das Warten, Jonas' Leben. Aber auch sein Leid. Alles vorbei. Aus und vorbei.

Ich fühle mich taub, leer und gleichzeitig schwer, wie ein Fels. Nur ohne Brandung. Die Flut hat alles dahin gerafft und mir alles genommen. Ein Tsunami, dessen Katastrophenwarnung voraus ging und mich trotzdem überraschend niederstreckte.
Ich bin nicht mehr ich selbst und mich umschleiert nur noch Traurigkeit und Leere. Ohne ihn sind die Gefühle von heute nur noch die leere Hülle der Gefühle von damals.
Oder bin ich nur noch die leere Hülle? Ich glaube schon.
Das Praktikum ist jetzt sechs Wochen her und ich war seither nicht in der Schule. Ich kann nicht. Ich kann nicht so tun, als ginge es mir gut. Nicht mehr.
Alles ist so anders. Erst war alles so bunt, hatte so viel Kontrast und dann hat jemand die Sättigung auf Null Prozent gedreht und die Welt ist nur noch grau.
Ich habe so viel geweint, aber seit ein paar Tagen geht das nicht mehr. Ich glaube, ich habe meine Tränen für mindestens ein Leben aufgebraucht. Mein Herz schmerzt auch nicht mehr. Es ist komplett gebrochen. Zerbröselt in so viele kleine und feine Einzelteile, dass es nur noch Staub ist. Und dieser Staub ist beim letzten Windstoß davon geweht worden. Ich fühle nichts mehr. Da ist nur noch Leere und nichts kann diese mehr füllen. Ich bin innerlich tot.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin